Cats Medienkommentar: Medienbranche – geschlossene Gesellschaft?

Der Einstieg in die Medienbranche ist oft langwierig

Wer „nichts mit Zahlen“ machen möchte, sucht sich gern „irgendwas mit Medien“. Doch auch die Medienbranche darf man als Berufsziel nicht unterschätzen. Besonders Berufseinsteiger, Eltern und Menschen mit anderweitiger Ortsbindung müssen oft mit Zähnen und Klauen um feste und adäquat bezahlte Stellen kämpfen. Ein Kommentar von der Bewerbungsfront.

Während meines Studiums hatte ich auf die Frage, wie ich mir meine berufliche Zukunft vorstelle, immer eine Antwort: „Einen guten Master-Abschluss machen, Volontariat und dann einen festen Job suchen. Was denn sonst?“ Familie? Sicher hatte ich das irgendwo im Hinterkopf. Aber eben erst, wenn die eigene Existenz und ein fester Wohnort durch eine unbefristete Stelle gesichert sind. Oder: „Kinder ohne gesichertes Einkommen, das ist doch unvernünftig.“ Diese „O-Töne“, die fast schon wie mein eigenes Mantra waren, betrachte ich heute mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Denn: Leben läuft nicht immer nach Plan und mancher Weg ist aus der Nähe betrachtet steiniger, als es die Landkarte verrät.

Nach dem Abschluss: Auf in den Kampf!

Nach dem Abschluss kommt die Euphorie, doch sie bleibt nicht immer lange

Nach einem erfolgreichen Bildungsabschluss herrscht erst einmal Euphorie. Ich meine dieses „Wonderwoman- Gefühl“, wenn man sein Zertifikat mit Auszeichnung in der Hand hält und fest daran glaubt, die Arbeitswelt zu erobern. Endlich raus aus der Uni und der finanziellen Abhängigkeit von den Eltern (oder der Bafög-Stelle) und rein ins „echte“ Leben. Teilhaben, mitmischen, Kontakte knüpfen, hinzulernen, aufsteigen. Ich wusste immer, dass es nicht leicht wird, die ersten Türen zur Wunschbranche zu öffnen. Mit einer Bewerbungszeit von zehn Monaten (überbrückt unter anderem mit Sprachtraining und Nachhilfejobs) hätte ich aber nicht gerechnet. Aber immerhin – im Bewerben bekommt man Routine. Es wird schneller als erwartet zu einem „zweiten Job“ und die Frustrationstoleranz steigt mit jeder Standardabsage. Umso größer dann die Freude, wenn der erste „echte“ Arbeitsvertrag unterschrieben ist – selbst wenn dieser nur ein Ausbildungsgehalt und eine automatische Befristung von zwei Jahren vorsieht. Branchenstandard eben – Erfolg fällt schließlich niemandem in den Schoß. Wer es in der Medienbranche schafft, einen Fuß in die Tür zu bekommen, hat schon einen entscheidenden Schritt geschafft. Zumindest glaubte ich fest daran.

Aller Anfang ist schwer

Jobs mit Ablaufdatum: eine gängige Praxis nicht nur in der Medienbranche

Ich möchte hier gar nicht klagen. Denn wer kein Fünf-Sterne-Menü erwartet, ist auch nicht enttäuscht, wenn er oder sie Hähnchen mit Pommes vom Imbiss nebenan bekommt. Mit gedrosselter Erwartungshaltung und einigen Kompromissen, was die Traumkarriere und die eigene Ortsfgebundenheit angeht, ist das Volontariat eine gute Zeit, um zu lernen, die eigenen Fähigkeiten anzuwenden und auszubauen und dem Hasen so hinterherzuhechten, wie er eben gerade läuft. Manchmal eine Schocktherapie und ein Sprung ins kalte Wasser – doch das schockt mich nicht mehr. Nichts ist ehrlicher und aufschlussreicher als „Reality-Bitch“, die Lehrerin des echten Lebens jenseits aller blumigen Floskeln und vorgefertigter Erwartungen. Ja, tatsächlich fand ich wirklich gefallen an diesem neuen, unverblümten Joballtag mit einer Menge skurriler Momente, aber auch einer Menge „Team-Spirit“ und spontaner Anlässe, laut loszulachen. Heute blicke ich schmunzelnd auf diese zwei Jahre zurück. Vermutlich wäre ich bei einem adäquaten Übernahmeangebot sogar geblieben – doch dann kam mein Kind. Und mein Vertrag endete, rechtmäßig einwandfrei natürlich, pünktlich zum Mutterschutz. So pünktlich, dass mich Kollegen schon fragten, ob ich das so geplant hätte …

Jobsuche mit Hindernissen

Auch das AGG begünstigt Standardabsagen, die Bewerber kaum weiterbringen

Seit Ende des Mutterschutzes und dem Beginn der Elternteilzeit für meinen Mann spiele ich nun also wieder „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Zumindest kommt es mir beizeiten so vor. Verlockende Stellenanzeigen, die wie in einem ewigen Zyklus immer wieder auf den Jobportalen erscheinen. Recherche über die inserierenden Firmen. Anschreiben erstellen, Unterlagen zusammenstellen, anpassen, als PDF-Datei an die potenziellen Brötchengeber senden. Abhaken, in eine Liste eintragen, und das Ganze wieder von vorn. Vermutlich erkennen sich hier so einige Leserinnen und Leser wieder. Es fühlt sich so an, als kämpfe man gegen die sprichwörtlichen Windmühlen. Oder als versuche man, einen Schatten zu greifen. Kurz: Jobsuche in der Medienbranche ohne nennenswertes “Vitamin B“ nervt. Neben Standardabsagen, für die ich per se grundsätzlich Verständnis habe (AGG und überbordende Bewerberzahlen lassen grüßen), liegen einem als familien-und ortsgebundene Person allerdings noch ein paar mehr Steine im Weg. Stichwort „sachgrundlose Befristung“: So lohnend mancher Job an einem entfernten Standort auf dem ersten Blick erscheint – gerade Eltern, Hausbesitzer oder Bewerber mit pflegebedürftigen Angehörigen und anderen Verpflichtungen müssen da oft leider passen. Jetzt einmal ernsthaft: Ein Umzug mit Kind(ern), Partner, Tieren und überhaupt einem ganzen Haushalt macht sich nicht von selbst. Man darf sich als Bewerber da durchaus fragen: Lohnt sich der ganze Aufwand mit einem Wohnortwechsel oder zwei Wohnsitzen überhaupt, wenn die Stelle sowieso „zunächst auf zwölf Monate befristet“ ist? Von der Notwendigkeit, sich schon am besten vor der Zeugung eines Kindes in die Wartelisten diverser Kindertagesstätten einzutragen, fange ich hier am besten gar nicht erst an. Das eskaliert und sprengt den Rahmen. Ich kann hier natürlich nur für „meine“ Branche, die Medienbranche sprechen. Aber manchmal komme ich mir vor wie eine Fremde, die hungrig bei einem Lokal ankommt und nur das Schild „Geschlossene Gesellschaft“ statt einer Speisekarte zu lesen bekommt. Eine Gesellschaft, zu der offenbar nur Kinderlose, Bonusmeilensammler, Singles und Kosmopoliten Zutritt haben – oder, in einem Wort, “Ungebundene“.

Ein Paradies für Workaholics und Jobnomaden?

Grenzenlos flexibel und immer auf Achse – auf den ersten Blick der ideale Bewerber

Es scheint so, als sei Beständigkeit einfach out und „sowas von gestern“. Wenn es nach den üblichen Stellenanzeigen geht, wird auch Einarbeitung schlicht überbewertet. Oftmals soll ein Redakteur am besten alles selbst und im Alleingang machen (können) – von der Keyword-Analysis für den Onlineauftritt über die komplette Realisierung mehrerer Printprodukte bis hin zum Responsive-Website-Content Management und der Social-Media-Etatplanung. Innerhalb der normalen 40-Stunden-Arbeitswoche, versteht sich. Oder in Teilzeit. Und wenn nicht? Dann läuft der Vertrag ja sowieso bald aus, ein Ende (in Kameradschaft oder mit Schrecken) ist also abzusehen. Da innerhalb eines Beschäftigungsverhältnisses auf Zeit noch eine lange Probezeit gilt, ist es kein Problem, unliebsame oder quer denkende Kollegen schnell und dezent wieder loszuwerden. Ein Paradies für erklärte Workaholics und Jobnomaden – eher eine Zitterpartie für diejenigen, die „einfach mal etwas Festes“ suchen und denen durch die gängigen Flexibilitätsanforderungen („Sie können doch für ein halbes Jahr im Ausland arbeiten, oder?“) der Boden unter den Füßen weggezogen wird.

Panikmache ist fehl am Platz

„Sie haben den Job!“ – ein magischer Satz für jeden Bewerber

Dann ist da noch die Sache mit der „mehrjährigen Berufserfahrung“ – oft sogar für Einstiegsjobs gefordert. Hier kommt es oftmals auf die Kulanz des Stellengebers an. Gilt eine Journalistenausbildung schon als Berufserfahrung – oder bestenfalls als Einstiegsqualifizierung? Nicht ganz zu Unrecht möchte ich hier aus Bewerbersicht zu bedenken geben, dass „Wunschzettel“ in Form von Ausschreibungen durchaus abschrecken können. Einfach, weil das gesuchte „Gesamtpaket“ zu umfangreich ist, um von einer einzelnen Person gepackt zu werden. Jedoch, so erzählte mir einmal ein befreundeter Personalverantwortlicher, reiche es in der Regel aus, 75 bis 80 Prozent des Zielprofils zu erfüllen. Ich weiß nicht, wie repräsentativ diese Aussage ist, aber sie macht mir Mut und klingt angesichts oben genannter Faktoren einfach plausibel. Auch sonst werde ich trotz aller Stolpersteine im Weg weitersuchen. Denn so viel es aus dem Bewerbungsprozess heraus zu meckern gibt, lässt sich für fast jedes Problem auch eine Lösung finden. Es gilt nun für mich und so viele andere, alternative Formen der Arbeitssuche zu entdecken. Fehlende Einzelqualifikationen (bei mir ist es Onlinemarketing beziehungsweise SEO/SEA) lassen sich mit etwas Geduld und Glück erwerben. Und schließlich zahlt sich Hartnäckigkeit in den meisten Fällen aus. Oder, wie meine Großmutter immer gesagt hat: „Bange machen gilt nicht“. Auch nicht in einer Medienbranche, die ihren Anwärtern eine Menge abverlangt. Für mich gibt es irgendwo da draußen einen Platz – mit der Familie vereinbar, ohne übermäßige Reisetätigkeit und wie für mich gemacht. Ich muss ihn nur finden, das dauert beizeiten etwas länger.

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Manchmal können Frauen auch im 21. Jahrhunderten noch ein Rätsel für Männer sein. Oder sogar für andere Frauen – ja, das gibt es auch. Dabei ist es meistens gar nicht so kompliziert, wie es aussieht. Ich sehe mich nicht als Beziehungsexpertin, Sex-Know-it-all oder Lebensratgeberin und das sollte auch niemand sonst. Allerdings bin ich eine Frau und habe die eine oder andere ernsthafte oder humoristische Antwort auf Verständnisfragen. Für alle Themen, die mit Geschlechtern nichts am Hut haben, gibt es die Kategorien "Cats Medienkommentar" und "Cats Gedankenwelt".

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