Max Dauthendey | Im Mondschloss

Im Mondschloss

Die Mondnacht war wie ein goldenes Schloss gemacht,
Schwebend über der Zeit, mit offenen Toren himmelweit,
Mit Silbersaal an Saal gereiht,
Mit betressten Schatten, die waren die Diener und Mohren;
Die hatten an Treppenbergen ihren Platz in Scharen,
Mit weißem Puder in blauschwarzen Haaren.
Du und ich, wir gingen wie die Lieder und Sagen,
Von der Mondmusik durch die Räume getragen.
Und ein Saal stand voll Berge mit Nebeln im Tal.
Drunten lag als Teppich ein Strom wie Stahl,
Eine Insel als Kissen, und Pappeln als Wände;
Es spielten im Wasser vergoldete Hände.
Und zwei Augen ich tief im Mondschein fühlte,
Und eine Brust, die mir gern meine Sehnsucht kühlte.
Ich griff in die Leere, wie durch eine Wand,
Und hielt meiner Liebsten liebkosende Hand.

Aus: Max Dauthendey | Weltspuk | Lieder der Vergänglichkeit

Max Dauthendey (* 25. Juli 1867 in Würzburg; † 29. August 1918 in Malang auf Java) war ein deutscher Dichter und Maler.
Die von Farben und Tönen bestimmte ungebundene und rhythmische Lyrik und Prosa machte Dauthendey zu einem der bedeutendsten Vertreter des Impressionismus in Deutschland. Seine Werke sind bestimmt von der Liebe zur Natur und deren Ästhetik. Mit virtuoser Sprachbegabung setzte er seine Sensibilität für sinnenhafte Eindrücke in impressionistische Wortkunstwerke um.
Über seine Gedichte sagte Stefan George, sie „seien das einzige, was jetzt in der ganzen Literatur als vollständig Neues dastehe […] eine eigenartige Kunst, die reicher genießen lasse als Musik und Malerei, da sie beides zusammen sei.

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