Marya Konopnicka ∈ Ksawery [Xavier dt.] ∈ 1902

Portret_Marii_Konopnickiej-Maria Dulębianka (1861-1919)Ich kann nicht sagen, daß er ein Idiot gewesen wäre; immerhin aber hatte er viel weniger Verstand, als sonst die Leute auf dem Lande zu haben pflegen.

Ja, noch mehr, dieser Verstand war von einer ganz anderen Gattung! Vielleicht schlechter, vielleicht besser – das ist schwer zu sagen; sicher ist, daß er daraus weder eine große Hilfe, noch eine große Freude im Leben gewann.

Er konnte zum Beispiel lesen und das nicht nur in der Bibel, sondern im Evangelienbüchlein und in den Legenden der Heiligen. Er verstand das Geschriebene, konnte das Ministrieren von a bis z so gut, daß er auch, sei’s um Mitternacht, sei’s mit geschlossenen Augen wußte, wo ein Amen, wo etwas anderes hingehörte. Alle Lieder, von den Rorategesängen bis zu den Osterliedern traf er auswendig und wenn’s auf das Weihbecken ankam, so hatte er einen »Strich« als sei er zum Mesner geboren.Allein er verstand weder zu pflügen noch zu säen, verstand nicht zu mähen und nicht zu harken. Nicht einmal sich in die Hand zu spucken, um die Heugabel oder die Schaufel anzupacken verstand er; und wenn er sich hätte zum Dreschen hinstellen sollen, so hätte er vielleicht nicht einmal gewußt, welches die Stange, welches der Flegel ist.

Ganz besonders hatte er keinerlei Geschick zu Pferden, und als er einmal dem Juden die Mähre einspannen wollte, da warfen sich die Buben vor Lachen auf die Erde, weil er die Deichselriemen zehnmal erhaschen mußte, ehe er sie festmachen konnte und weil er dem Thier das Kummet als Sattel aufsetzte.

Indessen war nicht jede Arbeit ihm fremd. Holzverkleinern, Kartoffel schaben, Federn schleißen, spinnen, sei es mit dem Rädchen oder der Spindel, das machte er so gut, wie es selten ein Frauenzimmer zusammenbringt, und wenn er sich mit dem Melkkübel zur Kuh hinsetzte, so ging ihm alles so glatt von statten, daß sich die herrschaftlichen Kuhmägde verstecken konnten.

Das alles hatte er im Laufe der zwei-, dreiunddreißig Jahre seines Lebens gelernt, da er, seit er auf die Füße zu stehen kam, des Pfarrers Hausvieh hütete. Erst die Gänse, dieses noch zur Zeit des Herrn Kanonikus Rzepka – der Herr schenke ihm die ewige Ruhe – der ihn zu sich genommen hatte, dann die Schweine, dann die Kühe, dann alles mitsammen schon zu »Hochwürdens« Zeiten.

Oftmals hatte er, das ist wahr, den hochwürdigen Herrn gebeten, daß er ihn zu einer anderen Arbeit stelle. Allein, obgleich er nie eine abschlägige Antwort bekam, so wurde das immer bis zu der Zeit hinausgeschoben, da er in die Jahre kommen werde. Er merkte schon, daß, er in den Jahren war und das schon lange – aber es waren keine Papiere darüber vorhanden. Hatte doch ein Jeder seinen Taufschein – der von der Mutter her, jener von beiden Eltern – er aber – nichts! Der Hochwürden sagte, daß in den Büchern nichts über ihn stehe, weil er in Krakau geboren sei. Warum aber in Krakau, das konnte er niemals recht begreifen. Alle anderen waren entweder in Poddembizy oder in Domb oder in Spendoschyna oder Krempa oder in Niewisz geboren, er aber, seht einmal, liebe Leute, gerade nur in Krakau! Wenn er so manchmal auf dem Felde stand, so blieb er oft gar eine Stunde dastehen und kraute sich den Kopf und spekulierte, konnte aber nichts herausspekulieren. Eine Ernte kam nach der anderen, ein Pflügen nach dem anderen, jene, welche mit ihm zugleich die Gänse gehütet hatten, waren längst verheiratet, hatten Kinder, ihre Wirtschaft; ja einer hatte sogar schon einen zwölfjährigen Burschen; er aber blieb und blieb ohne »Jahre«.

Im Sommer ging Ksawer in einem Leinenschlafrock umher, der ehemals dem Hochwürden bei seinen Fahrten als Staubmantel gedient hatte – dann leinene Pluderhosen, hoch über den Knöcheln der bloßen Füße aufgerollt, die verkratzt waren und schwarz wie die heilige Mutter Erde. Auch ein Hemd trug er, aber weil er nur eines hatte, das er selbst gelegentlich in den Wassergräben auswaschen mußte, so war es selten sehr nett.

Im Winter kam dazu ein altes Umhängtuch, das er über die Brust kreuzte und rückwärts knüpfte, wie die Weiber thun, ferner eine vom Pfarrer geschenkte und schon zertragene, blaue, verschossene Schärpe, die er zum Schutze für Kopf und Ohren unter dem Kinn band. Eine Mütze gebrauchte er fast nie, und wenn er je eine hatte, so trug er sie in der Hand, denn »überall ob der Welt ist der Himmel und der allerheiligste Gott.« Zur Zeit der großen Fröste umwickelte er seine blauen und wunden Füße mit Stroh und zog ausgetretene Frauenschuhe darüber, die ihm die Frau Haushälterin geschenkt hatte, als es mit ihnen schon Mathei am letzten war.

Nichts kann rührsamer sein, als die Umstände, unter welchen er diese verschiedenen Theile seiner Garderobe nach einander erhielt. Als er z. B. den Leinenrock bekam, da hatte er bitterlich weinen müssen, so viele schöne Dinge hatte ihm da der Hochwürden vorgesagt. Wie dieser Rock so und so viele Jahre das geistliche Kleid gedeckt hatte, wie er auch fernerhin ein Kleid der Unschuld bleiben sollte, wie der liebe Gott die Lilien auf dem Felde kleide, daß sie herrlicher dastehen, als König Salomon in seinem ganzen Geschmeide. – – –

Da er das alles hörte, konnte Ksawery die Thränen gar nicht stillen, küßte Hochwürden Hände und Füße, zog, sich bekreuzend, den Staubkittel über und band ihn mit einem Riemchen um den Leib zusammen, weil ihm gar viel zu Hochwürdens Leibesfülle fehlte, dann schabte er sich, der weißen Farbe wegen, einen Krummstab zurecht und wandelte so über die Stoppelfelder hinter Hochwürdens Hausvieh einher, die Augen, zum Himmel erhoben, für den Wohltäter Gebete sprechend. Nur eines bedauerte er: daß Hochwürden keine »Lämmlein« hatte, die er schön auf dem Brachfelde hüten könnte, wie jener »Bonus Pastor«, der in der Sacristei hängt, während er nun oftmals die Rockschöße in den Gurt einstecken muß, um den Schweinen nachzujagen, die immer in Bürgermeisters Kartoffelfeld hineinkriechen.

Als er die Pluderhose erhielt, gab es wieder eine Anrede. Hochwürden sprach von den Pfaden des Herrn, die man auszugleichen habe, von den zwölf Stämmen, welche den Lenden Abrahams entsprossen waren, und von verschiedentlichen anderen Dingen, welche Ksawery, das ist wahr, nicht recht verstand, die ihn aber nichtsdestoweniger auf das Tiefste bewegten.

Die denkwürdigste Verleihung war aber die der Schärpe. Hochwürden kam da von einem Ablaß zurück, er war sehr heiter, ließ den Samowar auf den Tisch bringen und als er den Ksawer erblickte, rief er ihn zu sich, klopfte ihm auf die Achsel, goß ihm ein Glas Thee ein und fragte:

»Na, Herr von Wilewski?«

Ksawery öffnet den Mund, reißt die Augen auf – geht das ihn an oder nicht?

Und Hochwürden abermals:

»Na nu, Herr von Wilewski?« und hält sich die Seiten und lacht und schaut den armen Teufel an, der ganz betreten da vor ihm steht.

Ksawery reißt Mund und Augen noch weiter auf.

»Nein«, denkt er bei sich – »das kann sich der Pfarrer als Pfarrer ja erlauben«. –

Da hört Hochwürden zu lachen auf, streckt die Hand aus, wie bei der Predigt und sagt:

»Bedenke, daß die Sonne den Himmel durchbricht. Du hast bei mir die Schweine gehütet, aber ein Edelmann bist Du doch, das bist Du. Das ist eins und das andere ist das andere. Sowie ich nur Deinen Taufschein in Krakau herausbekomme – – –«

Da bricht Ksawery in Thränen aus und – bautz – liegt er, so lang er ist, Hochwürden zu Füßen. Jesus, du Barmherziger, einen Taufschein wird er haben, wie alle anderen! – – –

»Wirst mir noch ganz anders danken, wenn die Zeit kommt. Einen Menschen werd‘ ich aus Dir machen, vielleicht sogar einen Sacristan – denn der Onufrius ist ein Taugenichts – wenn Du nur in die Jahre kommst. Und jetzt, da hast Du!« –

Er zog die blaue Wollschärpe vom Halse, die er an kühlen Abenden mit auf den Weg nahm und reichte sie dem Ksawery hin.

Und als dieser in hellen Thränen ihm die Füße küßte, sagte er: »Und weißt Du, Dummkopf, daß der heilige Martin seinen Mantel entzweischnitt und die Hälfte einem Armen gab? Weißt es nicht? Bist ein Tölpel. Ich aber sage Dir, wer den Armen schenkt, der leiht dem lieben Gott. Und das sag‘ ich Dir noch, daß eine größere Freude im Himmel ist … nein, nicht das. Na, wie’s halt war, so war’s – da nimm!«

Ksawery wagte nicht, die Schärpe zu nehmen, bis Hochwürden selbst sie ihm wie eine Stole umlegte und da dieser sich selbst in die Führung geredet hatte, so umfaßte er Ksawery’s Kopf und drückte ihn an seine Brust; denn er war von Natur mitleidig gegen jeden armen Teufel in seiner Pfarre.

Ksawery schluchzte laut.

»Nun, nun«, sagte der Herr Pfarrer »sei ruhig, weine nicht! Wir sind alle Kinder eines Gottes; Du aber hüte meine Schweine so, daß sie nicht in irgend einen Schaden hineinkriechen.« –

Lange, sehr lange Zeit erinnerte sich Ksawery an dieses Gespräch und am meisten war er darüber verwundert, daß ihn der geistliche Herr zum Edelmanne gemacht und sozusagen als edel angesprochen hatte, während er doch sein Lebtag keinen Geschlechtsnamen gehabt hatte.

Und immer wieder schien es ihm, als habe er diesen Namen schon irgendwo gehört. Halt, ob man nicht die Gnädige so nennt? … Die Gnädige ist eine Witwe, sie wohnt da neben der Kirche geradebei und dient fleißig dem lieben Herrgott. Sie war es auch, welche dem Ksawery das alte Umhängetuch geschenkt hatte, das ihn vor dem Erfrieren schützt. Der Ksawery erinnert sich an sie, seit er die Gänse gehütet hat. Nur daß sie damals größer war und gerader und ihre Haare anders waren, nicht so wie heute, weiß. Die Gnädige mag den Ksawery nicht; wenn er ihr am Wege begegnet, so wendet sie sich und geht nach einer anderen Seite. Aber das Tuch hat sie ihm doch gegeben. Das soll ihr unser Herrgott lohnen! So verging ein Jahr, verging ein zweites – nichts! Der Hochwürden thut als hätte er vergessen, was er damals gesagt hat, über Krakau kein Wort. Er ruft ihn auch nicht anders an, als gewöhnlich »Tölpelchen«, oder wie es ihm eben einfällt. Indessen hat aber er keinen Taufschein und hat keinen.

Wie nun einmal ein solcher Frost in’s Land kam, daß der Athem starr wurde, da machte sich der Ksawer daran, es war gerade am Dreikönigstage, als Bote in’s Städtchen zu gehen, um die Briefe hin und her zu tragen. Er wollte sich damit etwas auf einen Pelz verdienen. Damals lernte ich ihn sozusagen kennen.

Einen sonderbaren Eindruck machte dieser im Schneewehen über die Felder laufende Mensch, den Kopf mit dem verschossenen Lappen umwunden, die Füße in Stroh gewickelt, ein Frauentuch über den Leinenrock geknüpft, dessen Schöße im Winde flatterten und ein Paar durch Löcher hervorschauende, entblößte, blaue Kniee. An der Seite hatte er eine Leinentasche hängen und seine langen, dünnen Arme arbeiteten in der Luft wie Flügel, die ihn über die Erde zu heben schienen. Ungeachtet der großen Eile, mit welcher er seine Botengänge verrichtete, hielt er sich doch vor jedem Kreuz am Wege auf, kniete auf dem Schnee oder der nackten Scholle nieder und seine dünnen, entfärbten Lippen bewegten sich in murmelnden Gebeten.

Bei uns traf er gewöhnlich am späten Abend ein. Er wußte, daß er ein Nachtessen und ein Schlafwinkelchen im Vieh- oder Schafstall da finden würde. Wenn er kam, so brachen die um die Schüssel sitzenden Hausleute meist in Lachen und Spottreden aus.

»Na, was denn, Sawery? Bist so leise vorgefahren, daß wir Dich gar nicht gehört haben? Einen schlechten Vorreiter hat der Sawery, daß er nicht einmal einen Propfen losbrennen kann. Wenn wir’s gewußt hätten, so wär‘ wenigstens ein Auerochs gebraten worden, gelt Maryska? So aber ist ein Barschtsch und Kartoffelgemüs da und da hat schon die Köchin alle Speckkrammeln herausgegessen. …«

Andere sagten: »Was hast Du denn mit Deinem Stecken erlegt, Sawery, daß die Tasche so aufsteht?«

»Still da, nicht schwatzen, denn der Sawery trägt so viel Geld, da wird er Bernaciza kaufen . …«

Er aber, nachdem er »Gelobt sei Jesus Christus« gesagt hatte, blieb auf der Schwelle nur so stehen, keuchte vom schnellen Lauf und zog die warme Luft mit den Lippen ein. Er lächelte aber und nickte mit dem Kopfe und wiederholte:

»Aha, aha, Gottlob!« Das war sein gewöhnlicher Eingang in’s Gespräch.

Dann erst begann er am ganzen elenden Körper zu zittern und schob sich schüchtern mit den langen, gekrümmten, mit Stroh umwickelten Beinen zur Feuerstelle hin. Wenn ihm dann Maryska heiße Kartoffeln in die zitternden erstarrten Hände schüttete, so drückte er sie fest an die Brust und hielt sie lange so, um sich zu erwärmen; den Löffel mit dem Barschtsch aber konnte er gar nicht zum Munde führen, so sehr schüttelte es ihn am ganzen Leibe.

Wenn er sprach, stotterte er und lächelte, seine gelben schütter gesäeten Zähne dabei zeigend. Das Stottern kam davon, daß er nicht gewöhnt war, mit Menschen zu sprechen, sondern nur mit sich, so vor sich hin, auf dem Felde mit dem Vieh zu sprechen pflegte. Worüber er aber lächelte, das weiß nur etwa der Herr Jesus im Himmel, denn es war ein schweres Schicksal und ein Leben ohne jegliche Wollust.

Auch war dieses Lächeln eigentümlich. – – –

Da zeigt er manchmal die großen gelben Zähne, das Gesicht aber sieht wie erschreckt aus, die Stirn wie von einer Egge durchfurcht und in den Augen ist’s so trüb, wie in den kleinen Pfützen am Wege nach dem Regen!

So um die Mitte Februar ging es ihm ein wenig besser, er bewohnte da eine leere Hütte in dem Gemeineviertel und hütete die Bauernkinder. Das war eine Art Winterschutzhaus, wo etwa zwanzig kleines und größeres Kindervolk beisammen war. Die einen mußten Federn schleißen, die anderen zupften Charpie und Ksawery erzählte ihnen Märchen, sang ihnen Lieder, lehrte die Wißbegierigen im Elementarbuch die Buchstaben kennen. Es waren solche darunter, die er schon diesen ersten Winter bis zu »Baß, Bank« heraufgelootst hatte, wie er sagte.

Als aber das Frühjahr hereinduftete und die ersten Gräser hervorkamen, die Schüler und Schülerinnen allmählich weniger wurden, da zog der Ksawery seinen Kittel an, schnürte ihn mit dem Riemen ein, rollte die Pluderhosen, hinauf, hängte den Rucksack über die Schulter und lief mit den Briefen hin und her. Ich erinnere mich an einen solchen Abend, da er sich aus der Winterbehausung in unserer Nähe auf den Weg machte. Es war am Charfreitag – Ostern fiel damals in eine sehr frühe Zeit. Ein lauer Wind strich vom Süden her, die Kibitze flatterten über dem Röhricht hinter des Dorfschmiedes Teich, vom Walde her konnte man hie und da das Pfeifen der Rohrdommel hören.

Spät am Abend, da die eifrigen Vorbereitungen für das geweihte Osterfrühmal ein wenig nachgelassen hatten, ging ich auf die Straße hinaus, die Felder entlang. Rings herrschte tiefe Stille; das Abendroth war im Verglimmen und im Osten stieg der Lenz-Vollmond empor; anfangs golden und riesengroß, dann immer kleiner und silbriger. Ferne, von der Chausseé her, war das Poltern der Britschka’s, das Rasseln der Bauernwägelchen zu vernehmen, die alle nach dem Städtchen zu den Gräbern eilten. Wenn das Gerassel bis zum Dorfe kam, stürzten die Hunde aus der Schenke heraus und bellten ihm wütend nach, bis es wieder ganz ruhig wurde und sogar der Abendwind hinter dem Sandhügel stille hielt. Nur die blauen Skarabäen, die eilig dem Abendleuchten zuflogen, durchschnitten sehwirrend die Luft, in der hie und da leichte, aus der frisch gepflügten Erde aufsteigende Dünste schwebten und sich über der Wiese zu Nebel erdichteten. Da sah ich einen Mann in großer Eile über die Hutweide gehen und am Kreuz, das an der Feldstraße stand, niederknieen. Er neigte sich zur Erde, küßte sie, faltete die Hände und begann zu beten. Als ich näher kam, sah ich, daß es Ksawery war. Er war schon in seinen Sommer-Ornaten, wie er es nannte, mit der Posttasche über dem Rücken, sein Hirtenstock neben ihm auf der Erde. Seine nackten Füße traten hinter der Gestalt in einem Streifen hellen Mondlichtes hervor, ähnlich jenen stigmatisirten Sohlen, die man zuweilen auf Altarbildern sieht. Der auseinanderfaltende Kittel deckte breit die noch schwarze Frühlingsscholle, der nach rückwärts geworfene, mit dem schilfartigen Haare bedeckte Kopf, schien in einem goldenen Reif zu leuchten und sein breites, unbewegtes Gesicht war vom silbernen Licht übergossen.

Dieser armselige, dieser komische, die Leute idiotisch anlachende Mensch sah aus wie ein Heiliger in der Extase.

Auf einmal begann er zu singen, die Stimme zitterte, der Kopf wackelte ihm und die Thränen fielen wie Funken um sein Gesicht. Es war jenes alte, bekannte Lied:

Jesus Christus lieber Herr, Du
Lämmlein gar geduldig – – –

Dieser Gesang hatte etwas seltsam anziehendes. Es schien, als sei er, diese Waise ohne Obdach, ohne Sippe, der mit der Arbeit eines ganzen Lebens es nicht nur zu keinem warmen Lappen gebracht hatte, um sich drein zu hüllen, sondern nicht einmal zu »seinen Jahren«, und der sich dennoch nie beklagte, es schien, als sei er selbst ein »Lämmlein gar geduldig«. –

Im nächsten Winter war Ksawery nicht gekommen, um seine Aufsichtshütte zu beziehen. Auch mit den Briefen kam er nicht. Das beunruhigte uns Anfangs; wir sprachen von ihm, bis er uns endlich aus dem Gedächtnisse entschwand.

Erst im Vorfrühling, als ich einmal, mich an der jungen Sonne erwärmend, vor dem Hause saß, sah ich ihn vom Städtchen her kommen. Hätte er nicht, über die Felder gehend, den Kopf unbedeckt, die Mütze in der Hand gehabt, würde ich ihn niemals erkannt haben, so sehr war er, was das Äußere betrifft, verändert. Vor allem: ein warmer Paletot, ebensolche Beinkleider, feste, hohe Stiefel und eine unter dem Kragen eines reinen, ziemlich feinen Hemdes hervorschauende blaue Schleife. Sein verschüchtertes Gesicht hatte eine gesundere Farbe bekommen, nur die Augen hatten jenen Ausdruck von Ängstlichkeit und Kummer nicht verloren, der ihnen eigen war.

Ich verwunderte mich im Stillen über diese Veränderung.

Da kam Ksawery zu mir heran, sagte sein »gelobt sei Jesus Christus« und küßte den Saum meines Kleides, wie er das schon so gewohnt war.

»Aha – Aha – Gottlob –« sagte er, und sah mich mit dem alten, idiotisch-schmerzlichen Lächeln an, das seinen Mund von einem Ohr bis zum anderen erweiterte.

»Ah, Ksawery« – sagte ich, ihm meine angenehme Überraschung bezeigend.

»Ksawery Wilewski«, ergänzte er, indem er sich komisch vor mir hin und her neigte, was offenbar eine adelige Begrüßung vorstellen sollte. –

»Aha, Wilewski, aha.« – – – Und sich meinem Gesichte nähernd:

»Gottlob,« flüsterte er. »Die Mutter hat mir der Herr Jesus geschenkt«- –

»Was, wie?«–––

»Aha… Aha… Diese Dame, Frau von Wilewska, eine Edelfrau, Gutsbesitzerin. – – Aber weil sie damals eine Witwe war, ehe – und darum bin ich in Krakau geboren. – – Gottlob. …«

Er faltete die Hände und erhob die Augen zum Himmel, für seine Geburt dankend, wie für die allerkostbarste Gabe.

»Und wie hat’s denn der Ksawery erfahren?«

»Aha … Sie ist krank geworden, todkrank. – – Man hat mich zu ihr gerufen. Sie hat aber schon beim Hochwürden gebeichtet gehabt – so geh‘ ich also hin. Gottlob – sie aber: Sohn, Ksawery, verzeih, sagt sie – Ich schau also, weiß nicht, was ich thun soll … also kommt mir das Weinen. Da faßt mich Hochwürden beim Kragen, ich also ihr zu Füßen. Da nimmt also der Hochwürden ihre Hand und legt sie mir auf den Kopf. Und so leicht war diese Hand, wie ein Federchen, aber so schwer ist sie auf meinem Kopf gelegen, wie Blei. … Und die Gnädige athmet, daß es ihr in der Brust rasselt und so blaß ist sie, wie die Oblate, und die Weihkerze, die der Hochwürden gehalten hat, die flackert nur so hin und her, weil es die Seele schon hinausreißt …«

Er hörte zu reden auf und seufzte tief, wie das Volk bei der Erwähnung überirdischer Dinge zu seufzen gewöhnt ist.

»Da sagt also der Hochwürden: Frau von Wilewska, sagt er, Gott sieht es, die Ewigkeit erwartet Sie. – – Da müssen Gnädige doch … sozusagen als Mutter …

»Macht die Thüre auf, ruft die Leute«. Sie war aber schon heiser.

»Da hat also der Hochwürden die Thüre aufgemacht und sagt: – Dignum et justum est. … Das steht auch so im Ministrantenbuch … und wie er die Thür aufgemacht hat, so haben sich die Leute gleich hereingestoßen, sind so viele hereingekommen – das ganze Zimmer voll. …

»Da hat sich die Gnädige auf die Polster hinaufheben lassen und sagt:

»Verzeihet mir, christliche Seelen, das Unrecht an diesem meinem Sohne, den ich in Schmerzen geboren habe, was ich hier vor Euch bekenne, weil sich meine Seele vor dem Gericht Gottes fürchtet. Und das bekenne ich Euch nach der heiligen Beichte in meiner Todesstunde und segne diesen meinen Sohn und alles, was ich besitze, hinterlasse ich ihm. Und auch das möge mir der barmherzige Gott verzeihen, daß ich diese Waise habe in schwerem Elend verkommen lassen, seit er lebt und alle seine Jahre. Amen!«

»Da ist gleich bei allen ein Weinen ausgebrochen, sind alle niedergekniet und der Hochwürden hat zu ihnen gesagt:

»Ich nehme dieses Bekenntnis der Frau von Wilewski an, das sie bei vollen Sinnen gethan hat und nehme Euch alle Anwesende dafür zu Zeugen vor Gott und vor den Menschen.« –

»Und dann hat er meine Mutter, d. h. die genädige Frau von Wilewska gleich mit dem heiligen Öle versehen und die Leute haben die Litanei für die Sterbenden hergesagt. So ist also nach denen heiligen Ölen die Mutter eingeschlafen. Wie sie eingeschlafen ist, da hat der Hochwürden den Leuten befohlen, fortzugehen, nur die Sacristanin hat er bei der Mutter gelassen und zu mir sagt er:

»Na, siehst Du? Hab‘ ichs nicht gesagt, daß Du ein Edelmann bist? Eine Mutter hast Du, und was den Vater anbelangt, da muß wohl der allerheiligste Herrgott extra einen festen Kerl um ihn schicken, denn er ist, scheints, irgendwo im Schnee stecken geblieben?«

»Dann schaut er auf mich und sagt:

»Na, was stehst denn da, wie aus dem Grabe heraus?«

»Denn ich bin da gestanden, wie ich grad war, bloßfüßig, abgefetzt.– –

»Geh‘, sagt er – und, sagt er, bade Dich, wasch Dich ab, kämme Dich, daß Du die Mutter in ihrer letzten Stunde nicht erschreckst. So bin ich halt gegangen. Wie ich zurückgekommen bin, ist schon der Palito und Hosen und die Kravatte im ersten Zimmer auf dem Bett gelegen, das man mir an der Wand hergerichtet hat. Auch Stiefeln waren da und eine Weste und eine Mütze, ein Hemd … so hab‘ ich das alles gleich angelegt. …«

»Und die Mutter« – unterbrach ich ihn – »ist sie gestorben?«

»Aha, aha, sie ist nicht gestorben, Gottlob, nicht gestorben! Gleich ist sie nach denen heiligen Ölen und nach dem Schlafen besser geworden und sie hat bei gutem Verstand mit uns gesprochen und hat gesagt so und so, und was man verkaufen soll, was da lassen, was für eine Leiche man machen soll, welches Kleid ihr anziehen. … Die Küstersfrau hat ihr auf alles geantwortet, aber da hab‘ ich nicht viel davon gemerkt, ich bin nur zu ihren Füßen gelegen in dem Palito und den Stiefeln und mit der Mütze und hab gemeint, daß mir das Herz inzweibricht vor Leid. …«

Er wendete sich ab und wischte sich mit der Faust die Augen.

»Und dieses Leid, das war so ein süßes Leid, grad so als ob mir wer ins Herz geschnitten hätte und es mit Honig bestreichen thäte. So oft ich auf die Gnädige schau – die Mutter ist’s, denk ich. Und meine Seele reißt’s förmlich hinaus, wie das Vögelchen zum Nest. …«

»Dann ist die Nacht gekommen und die gnädige Frau hat geschlafen. Am Morgen war sie ein wenig frischer, die Organistin hat viel Kaffee gekocht.«

»Und ist das schon lange her?«

»A, es werden schon fünf Tage sein. Hab mich so getummelt um herüberzukommen, es zu erzählen.«

»Und was macht denn der Ksawery jetzt?«

»A – nichts. Bei der Mutter, d. h. bei der Gnädigen sitz ich, bediene sie. Heben muß man sie – hinüber, herübertragen. – – Aber das ist mir alles lieb. Diese fünf Tage hab‘ ich nicht einmal Hunger gehabt, nicht vor Kälte gezittert – –« fügte er mit einem stillen, innerlichen, freudigen Lachen hinzu und das Gesicht mit der Handfläche stützend, wackelte er mit dem Kopfe, über sein Schicksal ungeheuer verwundert, in den Anblick der keimenden Felder vertieft, sein schmerzliches Lächeln auf den Lippen. Vielleicht erblickte er auf diesen Feldern die Spuren seiner nackten, erfrorenen, wunden Sohlen im Schnee.

* * *

Der Sommer war vergangen. Über der Erde strichen die Schwalbenreigen und die Herbstnebel dahin, die Storchzüge und die Regenwolken, die wilden Gänse und die Winde, die von jedem lebenden Baum Blatt um Blatt herunterschüttelten.

Vom Ksawery war bei uns lange nicht die Rede gewesen. Er brauchte das nicht, er hatte ja eine Mutter. Da, eines Morgens, sah ich ihn, mitten im Nebel und Schmutz des Novembertages, mit großen Schritten übers Feld herüberkommen. Aber das war nicht mehr der Ksawery, welcher einen warmen »Palito«, Tuchhosen, hohe Stiefel, ein reines Hemd und eine blaue Schleife besaß. Es war jener ehemalige, mir so gut bekannte arme Teufel mit dem stellenweise zerrissenen weißen Staubkittel, den Kopf mit der alten blauen Schärpe umwickelt, mit dem über die Brust gekreuzten, rückwärtsgebundenen Weibertuch, das an die mit Stroh umwundenen Beine schlederte. – – –

Es riß etwas in mir bei diesem Anblick, und so rannte ich, wie ich eben beim Fenster stand, vor das Hofthor hinaus.

Er erblickte mich von Weitem und begann gleich mit seiner halb-schmerzlichen, halb idiotischen Weise zu laufen.

»Um des Himmels willen« – rief ich – »was ist denn mit Dir geschehen?«

»Aha– Aha – rief er durch den Wind hindurch, der diese zwei Worte auffing und zu einem seltsamen Klagelaut ausdehnte.

»Aha, mit den Briefen gehe ich, halten zu Gnaden. – –«

»Wieso! – und die Mutter,« fragte ich, als wir einander näher kamen.

»Aha – die Mutter – freilich! Aber weil es vor den Leuten nicht schön war … nicht möglich … sie war ja damals eine Witwe … darum hab ich auch in Krakau auf die Welt kommen müssen.«

Er lächelte und, die schwarze durchweichte Erde mit starrem Blick betrachtend, begann er mit dem Kopf hin und her zu wackeln.

Ich empfand eine seltene Empörung.

»Ja, wie denn, hat sie Dich verleugnet?«

»Ach nein! Gott behüte! Verleugnet hat sie mich nicht, das nicht – – Gott behüte! Nur, wie sie gesund geworden ist, der Himmel schenke ihr das allerlängste Leben! da war es halt nicht schön. …«

Er neigte sich zu mir und hielt die Hand seitwärts vor dem Mund:

»Es verbreitete sich im ganzen Städtchen … die Frau Apothekerin hat nicht mehr kommen wollen, die Frau Postmeisterin auch nicht – – – unangenehm war das – – und auf der Gasse auch, da schauen die Leute – – flüstern – – eine Schande – – alles wegen mir, weil sie ja damals eine Witwe war,« fügte er mit gedämpfter Stimme hinzu.

Der Regen hatte aufgehört, der Wind pfiff über die Felder – wir gingen gemächlich dem Hause zu.

»So sagt also die Gnädige zu mir: Ksawery! sagt sie. So sag ich darauf: was Mutter? Da sagt die Gnädige: ruf mich nicht Mutter, ruf mich Tante. Es wird vor den Leuten schöner sein. – – Es war ja auch eine Dienerin im Hause. – So sag ich: Gut. – Aber da ist mir gleich das ganze Blut ins Herz geschossen – – nu, das ist nichts, da sag ich also Tante, eine Woche lang sag‘ ich’s, zwei Wochen, so oft ich’s sage, ist mir, als schneidet mir jemand mit einem Messer in’s Herz. Bis dann die Procession gekommen ist. Wie die gekommen ist, da hat die Bürgermeisterin meine Mutter nicht wollen hinter dem Baldachin neben sich gehen lassen.

Wie das war, kann ich nicht sagen, denn ich habe vor dem Hochwürden die Fahne getragen, nur daß sie, scheints, recht laut zu einander geredet haben. Wie sie sich also so gestritten haben, geht meine Mutter weinend nachhaus. Ich komme in’s Zimmer, und sie die Hände vors Gesicht, wendet sich zum Fenster. Da hab‘ ich gleich gemerkt, daß etwas nicht gut ist. Da bin ich ins erste Zimmer hinausgelaufen und hab mich hin und her gestoßen wie ein Verirrter, hab nicht auf eine Stunde mehr einen ruhigen Winkel finden können und im Herzen, da hab‘ ich mich mit mir selber herumgeschlagen, daß der dreifache Schweiß auf mich gekommen ist. … Auch kein Essen hab‘ ich mehr angerührt, obwohl Wurst da war. …Oh, es war schwer. … In den Büchern steht geschrieben, daß den Menschen in seiner Todesstunde große Beschwernisse anfallen – solche aber wird es wohl nicht geben …?« Er verstummte und schüttelte eine lange Zeit den armseligen Kopf, während die vergrämten Augen irgendwo weit weg in eine vom Wind gejagte Wolke starrten. Dann seufzte er und sagte:

»Also nicht lange nachher läutete man zur Vesper. Nu – gut, sie haben ausgeläutet, da geht die Mutter in die Kirche. Wie sie grad fort ist, da habe ich alle diese Anzüge, die ich von der Mutter gehabt habe, von mir hinuntergezogen und meine Ornaten, die ich in einem Bündel auf dem Dachboden bewahrt habe, angelegt, ein Vaterunser vor dem Bett meiner Mutter gebetet, hab den Fußboden in ihrem Zimmer geküßt, meinen Stecken genommen und hab mich fortgemacht – auf den Weg – – – Meinetwegen denk ich mir – solls also sein, es wird schöner vor den Leuten sein … weil ja, sehen – Euer Gnaden – fügte er flüsternd hinzu – »die Mutter damals eine Witwe gewesen ist.« –


Maria Konopnicka – Ksawery
Übersetzung: Nina Hoffmann-Matscheko
Erschienen 1902 in der Zeitschrift: Neues Frauenleben, hrsg. von Auguste Fickert, Wien

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