Maria Luise Weissmann – Nächtliche Insel

Nächtliche Insel
(Frauenwörth)

Der See fließt langsam zu dem fernen Land
Vielleicht, er findet irgendwo das Land.
Die blasse Küste weint Verlassenheit.
Im Röhricht ist so viel Verlassenheit.

Und ward die Wiese aller Blüten kahl.
Es steht die Hütte ganz in Armut kahl.
Die späten Vögel suchten lange Rast.
Es fand der letzte Falter dunkle Rast:

Am Ende wird ein großer Schatten sein,
Es wird der Morgen fast vergessen sein,
Noch eine weiße Birke hängt im Abend.
Noch eine weiße Nonne betet in den Abend.

 

Marie-Luise Weissmannn - Foto: Hanns Holdt, München 1928
Marie-Luise Weissmannn – Foto: Hanns Holdt, München 1928

Maria Luise Weissmann wurde am 20. August 1899 als älteste Tochter des Gymnasialprofessors, späteren Oberstudienrats Dr. Karl Weissmann und seiner Gattin Klara geb. Ernst zu Schweinfurt am Main geboren. Als sie zehn Jahre alt war, wurde ihr Vater nach Hof in Oberfranken versetzt. Im Hause ihrer Eltern hat sie eine fleißige, schöne und früh auf die geistigen Dinge gerichtete Jugend erlebt. Entscheidend für ihren weiteren Weg wurde dann Nürnberg, wohin ihre Eltern während des Krieges übersiedelten. 1918 trat sie mit ihren ersten Versuchen hervor, zumeist im „Fränkischen Kurier“ (auch unter dem Pseudonym M. Wels). In dem damals sehr regen Literarischen Bund betätigte sie sich als Sekretärin, bis zu einem längeren Aufenthalt in München, wo sie 1919/20 im Verlag Oskar Schloss und der ihm nahestehenden Gesellschaft für Buddhistisches Leben arbeitete. – Am 3. Juni 1922 verheiratete sie sich mit dem Herausgeber dieses Buches, mit dem sie nun abwechselnd in Pasing, Dresden und München lebte. Anfang November 1929 erkrankte die Dichterin plötzlich an einer schweren Angina, die eine tödliche Sepsis zur Folge hatte. Am 7. November, Mittags ein Uhr, hörte ihr zartes Herz zu schlagen auf.
Maria Luise Weissmanns Asche ruht im Münchner Waldfriedhof, dessen Melancholie, vereint mit kindlicher Heiterkeit, dem Wesen der Verewigten sosehr gemäß ist.- Quelle: Maria Luise Weissmann: Imago. Ausgewählte Gedichte, Starnberg: Heinrich F. S. Bachmair, 1946.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

error: Content is protected !!
%d Bloggern gefällt das: