Maria Aronov ¦ Brief an Eugen Onegin ¦ Tatjanas Offenbarung ihrer Gefühle

Tatjanas Offenbarung ihrer Gefühle 

Tatjanas Brief an Onegin [A.S. Puschkin]

Kaum tratst Du ein, und ich erkannte,
Ich fühlte nichts mehr, ich entbrannte
Und sprach im Geiste: das ist Er!
Es stimmt doch, daß ich oft Dich hörte:

Sprachst Du mir nicht im stillen zu,
Wenn ich den Armen Brot bescherte
Und wenn ich im Gebet begehrte,
Daß meine Seele fände Ruh?

Und warst grad eben hier im Zimmer
Nicht Du das liebe Bild, der Schimmer,
Der, aus dem Dunkel auftaucht,
Zu meinem Kissen sanft sich neigte?

Warst Du’s nicht, der mir Trost erzeigte
Und Lieb und Hoffnung zugehaucht?
Wer bist Du? Engel, der mich hütet?
Versucher, der Verderben brütet?

Mach mich von meinem Zweifel frei.
Vielleicht ist gar nichts dran an allem,
Ist’s nur naive Schwärmerei,
Und anders ist das Los gefallen?

Wie dem auch sei! Mein Schicksal will
Ich Dir ab heute anvertrauen;
Vor Dir vergieß ich Tränen still,
Laß mich auf Deinen Schutz nur bauen….

Bedenke: Ich bin hier allein,
Kein Mensch ist da, der mich verstünde,
Und wenn ich keine Lösung finde,
Wird es mein stummes Ende sein.

Ich harre Dein: Mit einem Blicke
Laß Hoffnung neu ins Herz mir ziehn,
Wenn aber Vorwurf ich verdien,
Reiß meinen schweren Traum in Stücke!

Ich schließe! Schrecklich, was ich schrieb…
Ich sterbe fast vor Scham und Grauen…
Doch da mir Ihre Ehre blieb,
Will ich mich kühn ihr anvertrauen.

Eugen-Onegin-Lensky-und-Tatjana.Foto-gemeinfrei
Eugen Onegin Lensky und Tatjana

Tatjanas Entscheidung Eugen zu schreiben, entstammt einem unwillkürlichen Impuls. Heraus kam dabei ein naiver, jedoch edler Gefühlsausbruch. Nicht ihrem Verstand entsprungen, sondern vielmehr ihrer Ohnmacht. Tatjana wusste in jenem Moment nicht, was sie tat.

Der Brief Tatjanas ist Vorbild höchster Offenbarung eines Frauenherzens. Ihre Worte sind wahrhaft, aber simpel. Aus der Verbindung von Einfachheit und Wahrhaftigkeit erstrahlt die absolute Schönheit der Gefühle, der Handlungen und des Ausdrucks.

Wie Puschkin versucht, Tatjana für ihre Entschiedenheit den Brief zu schreiben und diesen an Eugen zu schicken rechtfertigt, ist beeindruckend. Der Dichter war ein feiner Beobachter der „Oberschicht“, über die er schrieb. Es gelang ihm immer wieder, diese perfekt in Worten festzuhalten.

Als Tatjana das verlassene Haus Eugens besucht (Kapitel 7), wird sie von ihren Gefühlen überwältigt. Alle sich dort befindenden Gegenstände verkörpern Geist und Charakter des Hausbesitzers. Diese Szene gehört zu den besten Stellen des Gedichts. Tatjana greift dieses Motiv mehr als nur ein einmal auf:

„…Schnell Abschied nahm danach Tatjana
Von Hausverwalterin, geht heim.
Am nächsten Tag, mit erstem Hahne,
Erschien sie wieder vor dem Heim,
In den verlassnen gestern Räumen,
Erneut hing nach sie ihren Träumen,
Verblieben endlich hier allein.
Und lange weinte sie dabei.
Erst dann nahm sie sich vor die Bücher.
Zunächst stand sie ganz neben sich,
Dann schien ihr etwas wunderlich
Die Wahl der Bücher. Erst nicht sicher,
Stand dann, beim Lesen, doch ihr Held
Vor ihr wie aus der andren Welt.“

Pusshkin - Eugen Onegin VI Boat - Auszug aus dem Manuskript
Pusshkin – Eugen Onegin VI Boat – Auszug aus dem Manuskript

Endlich kommt Tatjana wieder zur Besinnung. Ihr Verstand hat nun die Regie übernommen. Sie begreift, dass es für den Menschen Lebensmotive gibt: es gibt Leid und Schmerz, auch durch die Liebe verursacht. Aber hat sie auch verstanden, worin die Interessen, die Motive des anderen und „sein“ Leid bestehen? Und wenn sie es begriffen hat: hilft ihr das bei der Linderung des eigenen Leids? Natürlich hat sie es begriffen, allerdings nur mit ihrem Verstand. Es gibt nämlich Erfahrungen, die man mit eigenem Leib und seiner Seele durchleben muss, um diese gänzlich zu verstehen.
Solche Gefühle kann man nicht aus Büchern lernen. Tatjanas Kennenlernen dieser Gefühlswelt ausserhalb der Literatur; diese neue Welt bestehend aus Pein und Kummer, ist für sie eine schmerzliche und fruchtlose Offenbarung. Dies erschreckt sie, bereitet ihr Angst, denn die Leidenschaft erscheint ihr als eine Art Verderbnis und überzeugt sie davon, sich vor der Wirklichkeit niederbeugen zu müssen, sie so hinzunehmen, wie sie zu sein scheint. Wenn sie  sich also dazu entscheiden sollte, ein Leben des Herzens zu führen, dann nur in ihrem eigenen Inneren, in der Tiefe ihrer Seele. Mit sich allein.

Tatjanas Besuch in Onegins Hauses und die Lektüre seiner Bücher bereiteten ihr eine Art Wiedergeburt. Aus dem jungen, vom Lande kommenden Mädchen wurde eine Frau der Gesellschaft. Eugen drückt seine angenehme Überraschung  in seinen Briefen an sie aus, doch für seine Erweckung ist es nun zu spät.

Tatjana weist Onegin ab - Eugene Onegin Künstler: Samokish-Sudkovskaya - vor 1908
Tatjana weist Onegin ab – Eugene Onegin Künstler: Samokish-Sudkovskaya – vor 1908

Nun zu dem Gespräch zwischen Tatjana und Onegin:
Hier zeigt Tatjana all die Gefühle einer russischen Dame; ein durch die Gesellschaft geformter starker Charakter. Sie zeigt zudem die Einfachheit in ihren ehrlichen und offenen Gefühlen. Sie zeigt ihr verletztes Ego und gleichzeitig ihre Eitelkeit, die sie als Maske trägt, um sich vor der tratschenden „Upperclass“ zu verstecken. Sie zeigt ihre Wertmaßstäbe, die ihr Herz und ihre Seele lähmen. Tatjana wirft Eugen vor, dass er sich damals nicht in sie verliebte, weil er darin keinen Charme, keinen Reiz der Versuchung sah. Und jetzt führe ihn lediglich der Durst nach skandalösen Ruhm zu ihr.

Tatjana mag das Leben der Oberschicht nicht und würde es bevorzugen, für immer auf dem Land zu leben. Für sie ist in ihrem Inneren eins klar: sie als Frau möchte ein Leben des Herzens führen. Lieben bedeutet für sie „leben“ und Opfer bringen heißt zu „lieben“. Und dennoch hat sie das Leben in der gesellschaftlichen Oberschicht zunehmend und durchdringend verändert. Die Natur erschafft den Menschen, die Umwelt aber verändert ihn, zuweilen gänzlich. Ein innerer Konflikt und Reifeprozess, der nicht nur die Protagonistin lange beschäftigt.


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