Maria Aronov • Hypatia ••• Das Leben einer Frau für die Philosophie und Wissenschaft

Hypatia. Alfred Seifert (1850-1901) - 1901 Oil on panel. 50.2 x 39.4 cm
Hypatia. Alfred Seifert (1850-1901) – 1901 – Oil on panel. 50.2 x 39.4 cm

Hypatia (um 355 in Alexandria; † März 415 in Alexandria) war eine griechische spätantike Philosophin, Mathematikerin und Astronomin. Ihr Leben verbrachte sie in Alexandria, einer damals griechischen Stadt, die Ende des vierten Jahrhunderts dem römischen Imperium gehörte.

Hypatia stammte aus einer gebildeten und wohlhabenden Familie. Diese gehört zur griechischen Minderheit. Ihr Vater, Theon von Alexandria (* ca. 335; †ca. 405), lehrte als Philosoph und Mathematiker am Mouseion (Alexandrinische Schule mit wissenschaftlichen Bestrebungen) der Stadt. Theon ist der letzte namentlich überlieferte Wissenschaftler der großen Bibliothek von Alexandria im Mouseion. Das Interesse für die Philosophie und Wissenschaft vererbte er seiner Tochter, was ihr jedoch ein schweres Leben bescherte. In erster Linie ging sie in die Geschichte nicht aufgrund ihres Wissens und der Lehre ein, sondern wegen ihres traurigen Schicksals.

Das Leben war für Hypatia nicht einfach, denn die Tatsache dass sie keine Christin war und sich für die Philosophie und Wissenschaft als Frau interessierte, brachte ihr viele Probleme.

Der griechische Historiker Thukydides (um 455 – 396 v. Chr.) sagte folgendes: „Die beste Frau ist die, von der man am wenigsten spricht“. Zu der damaligen Zeit war die Frau, vor allem, wenn sie wohlhabend war, für das Haus und das Wohlergehen der Familie zuständig. Rausgehen durfte sie nur in Begleitung ihres Mannes. Ohne seine Erlaubnis durfte sie das Haus nicht verlassen. In der Philosophie und Wissenschaft hatte man als Frau überhaupt keine Position. Hypatia dagegen unterrichtete im Mouseion jeden, der sich das wünschte, in allen Wissensgebieten. Sie war mutig, trat auch den Behörden entschlossen entgegen und hatte keine Furcht davor, sich in der Gesellschaft der Männer zu präsentieren. Ihre Lehrtätigkeit brachte sie sogar an die Spitze der platonischen Schule. Mit ihrer Bildung überflügelte sie alle anderen Denker ihrer Zeit.

In ihren philosophischen Werken, von denen leider nichts erhalten geblieben ist, befasste sie sich mit Kynismus (altgriechisch, wörtlich „Hundigkeit“). Diese war eine Strömung der antiken Philosophie und konzertierte sich auf Skeptizismus und Bedürfnislosigkeit.

Jeder der ihr begegnete, war von ihrer Charakterstärke und Intelligenz fasziniert. Im Mouseion, wo sie lehrte, hatte sie sogar eine leitende Stellung. Durch ihren Vater, der dort auch arbeitete, hatte sie die Möglichkeit dem Wissen näher zu kommen, was den anderen Frauen verborgen blieb. Sie wurde wegen ihres Wissens auch in reine Männerkreise aufgenommen und spielte dort ebenfalls eine wichtige Rolle.

Die Themen, mit denen sich Hypatia beschäftigte, waren folgende: sie befasste sich mit dem Mathematiker Diophantos († zwischen 100 v. Chr. und 350 n. Chr.). Er gilt als der bedeutendste Algebraiker der Antike und als Vater der Algebra. Des Weiteren setzte sie sich mit dem astronomischen System und den Kegelschnitten von Apollonius von Perge auseinander, (auch: Apollonius Pergaeus; * ca. 262 v. Chr. in Perge; † ca. 190 v. Chr. in Alexandria), einem griechischen Mathematiker, der unter anderem zur Mond- und Planetenbewegung beitrug, die später Ptolemäus in sein Lehrbuch übernahm.

Laut Sokrates Scholastikos (um 380 in Konstantinopel; † um 440; war ein spätantiker Kirchengeschichtsschreiber), dem wir heute die Informationen über Hypatia zu verdanken haben, gibt es von Hypatia Schriften zu den unterschiedlichen Gebieten, doch leider sind davon keine erhalten geblieben. Es heißt, es könnten 13 Bücher von ihr gewesen sein, doch womöglich hat sie ihre Ausführungen nicht niedergeschrieben. In der Antike war nämlich das Gespräch in der Philosophie wichtiger als das niedergeschriebene Wort. Das Denken lebte sich in Gesprächen aus.

Zu der Zeit, wo die Philosophie sich immer mehr mit einer anderen Welterklärung entwickelte, war das Christentum vor allem für die niedere Gesellschaft der Rechtlosen und Unterdrückten ein Zufluchtsort. Es galt lange Zeit als Religion der armen Leute. Die Herrscher wehrten sich mit aller Macht gegen die neue Art der Religion. Sie bezeichneten die Philosophen als eine vulgäre Sekte.

Eine erste durchgreifende Veränderung fand unter dem römischen Kaiser Konstantin statt. Am Ende des vierten Jahrhunderts wurde von ihm ein Gesetz erlassen, dass die Religionsfreiheit garantierte. Dies galt für alle Religionsgruppen. Das Christentum breitete sich immer weiter aus, sodass es vom römischen Kaiser Theososius I zur Staatsreligion und damit der einzig anerkannten Religion im römischen Reich erklärt wurde. Alle anderen Glaubensrichtungen wurden verboten. Man bezeichnete sogar die Olympischen Spiele als heidnisch und untersagte sie.

Zwischen den Christen und Andersgläubigen entstanden in Alexandria Spannungen. Nicht christliche Heiligtürmer wurden zerstört. Die Gewalt zwischen den verschiedenen Religionen nahm zu. Dabei darf man nicht vergessen, dass die christliche Kirche selbst vor 100 Jahren verfolgt wurde und beging nun selbst die gleichen Verbrechen.

Durch die Etablierung des Christentums verlor die Philosophie ihre Bedeutung. Sie wurde als heidnisch, ketzerisch und letztendlich als Irrlehre bezeichnet. Die alte Weltanschauung ist zunichte geworden.

Hypatia wurde den Herrschern ein Dorn im Auge, denn sie war nicht nur Philosophin, sondern verstieß auch gegen das christliche Frauenbild. Die Meinung von Thukydides: „Die beste Frau ist die, von der man am wenigsten spricht“, hat das Christentum gänzlich übernommen. Eine Frau sollte dem Mann untergeordnet und still sein. Hypatia dagegen lebte ganz für die Wissenschaft. Sie war zwar attraktiv, hatte aber keine Beziehungen.

Hypatia vor ihrer Ermordung in der Kirche. Gemälde von Charles William Mitchell, 1885, Laing Art Gallery, Newcastle
Hypatia vor ihrer Ermordung in der Kirche. Gemälde von Charles William Mitchell, 1885, Laing Art Gallery, Newcastle

Schließlich wurde Hypatia direkt in der Kirche beseitigt. Ihre brutale Ermordung wurde von christlichen Fanatikern vollzogen. Das Ganze hatte jedoch politische Gründe, man unterstellte ihr die Beeinflussung des römischen Statthalters von Alexandria, der im Streit mit dem Bischof war. Hypatia soll den Statthalter am Kontakt zu Kyrill, dem Bischof von Alexandria gehindert haben. Diesem gelang es jedoch, die Macht des Staates immer mehr für sich zu gewinnen. Damit keine Komplikationen auftraten, hat man sich von Hypatia schnellstmöglich befreit. Nach ihrer Ermordung im März 415 existierte das Mouseion noch zwei Jahrhunderte, bevor sie als heidnische Lehranstalt geschlossen wurde. Alle anderen Philosophenschulen, auch die von Athen waren schon längst geschlossen.

Hypatia war die letzte Philosophin, die sich auf die antike Lehre bezog. Die nachfolgenden Philosophinnen widmeten sich ausschließlich dem Christentum.

Mit Hypatia ist eine große Persönlichkeit verstorben, die den Mut dazu hatte, ihre Meinung und Ansichten zu vertreten, die selbstbewusst war und niemals der Wissenschaft und der Philosophie den Rücken kehrte. Sie war insofern außergewöhnlich, dass sie durch ihre Liebe zur Philosophie und Wissenschaft den Tod in Kauf nahm und keine Scheu davor hatte, bis zu ihrem letzten Atemzug daran zu glauben.

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