Maria Aronov | Eine göttliche Tragöde ¦ Über Gut und Böse

Eine göttliche Tragödie
Über Gut und Böse, Himmel und Hölle 

Oftmals stellt sich die Frage, wie das Leben nach dem Tod wohl aussähe. Wir sprechen dann von Orten wie der Hölle und dem Paradies; zudem haben sich bereits abertausende Schriften über die Vorstellung des Lebens im Jenseits ausgelassen.

Dante und Vergil

Auch Dante Alighieri (* Mai oder Juni 1265 in Florenz; † 14. September 1321 in Ravenna) beschäftigte sich in der „Göttlichen Komödie“, seinem theologisch-philosophischen Hauptwerk, mit der Frage nach dem Dasein im Jenseits. Sein Weltbild baute dabei auf dem geozentrischen Ptolemäischen System auf.

[Das geozentrische Weltbild ist eine historisch überaus bedeutsame Auffassung vom Aufbau des Weltalls, die von dem griechischen Philosophen CLAUDIUS PTOLEMÄUS (ca. 100 – ca. 170) begründet wurde. Es wurde angenommen, dass sich die Erde im Mittelpunkt des Weltalls befindet und alle Planeten sowie die Sonne sich auf kreisförmigen Bahnen um die Erde bewegen.
Mit diesem Weltbild konnten viele astronomische Erscheinungen erklärt werden. Ab dem 16. Jahrhundert wurde das geozentrische Weltbild allmählich vom heliozentrischen Weltbild abgelöst.]

An der Seite des römischen Dichters Vergil wandert Dante durch verschiedene Reiche des Jenseits. Ihre Wanderung beginnt zunächst in der Hölle (L´Inferno): der Gang des Menschen durch Sünde, Pein und Verzweiflung. Die Hölle ist unterteilt in Jenseitsbezirke,  die im Text  als  neun Kreise beschrieben werden. Je tiefer man gelangt, umso mehr verstärken sich die Qualen. Ängste und Verzweiflung wachsen, die Seele verliert ihre innere Ruhe. Der angsteinflößende Cerberus und das Unwetter erwarten sehnsüchtig die verdammten Seelen. Sie dursten regelrecht nach ihnen.

Nach dem Besuch des letzten Höllenkreises, wo sich auch Luzifer befindet, gelangt der Dichter schließlich – allerdings ohne seinen Begleiter Vergil – zum Fegefeuer. Dort reinigt sich Dante an der Seite büßender Seelen von seinen Sünden. Er trifft dort auf seine ehemalige Geliebte Beatrice, die ihn durch das nächste Reich, das Paradies, begleitet. Dabei offenbart sie ihm den Himmel: das Gefühl, Gott nahe sein zu können und dem damit verbundenen Glück.

Dante und Vergil treffen die Sodomiten in der Hölle (Manuskript-Illustration, etwa 1345)
Dante und Vergil treffen die Sodomiten in der Hölle (Manuskript-Illustration, etwa 1345)

Das Jenseits im mittelalterlichen Glauben

Geht man von dem christlichen Glauben im Mittelalter aus, ist die Struktur des Jenseits eindeutig gegliedert. Zwischen Hölle und Paradies liegt das Fegefeuer; Ein Ort, an dem reuenden Seelen Hoffnung auf eine weitere Existenz im Himmel schöpfen.

Im Fegefeuer verweilen die Seelen der milden Sünden: dort landen Geizhälse, die Neidischen und die Zornigen. Alle verbindet die durch Reue in Aussicht gestellte Existenz im Himmel.

Die Hölle ist somit der schlimmste Ort, an den man nach seinem Tod gelangen kann. Dante spricht, wie bereits oben erwähnt, von quälenden, die Seele durchbohrenden Ängsten und Verzweiflung. Im Inferno befindet sich neben Judas, dem Verräter auch Satan.

Sowohl in Dantes Weltbild, in seiner Interpretation des Jenseits als auch im dunklen Mittelalter:  Hierarchien waren ein fixer Wert.  „Das Leben danach“ wurde in Stufen unterteilt und es herrschen Stereotype wie „Gut“ und „Böse“.

Das „Gut und Böse“ seit Nietzsche

Der Begriff des Guten wird seit der Moderne neu interpretiert. Altertümliche Tugendlehren verloren mit der Zeit immer mehr an Bedeutung. Seit Nietzsche werden Fragen nach dem Guten kritisch unter die Lupe genommen. Für den Dichter und Philosoph war die Differenzierung zwischen Gut und Böse eine christliche Erfindung:

»Die hohe unabhängige Geistigkeit, der Wille zum Alleinstehn, die große Vernunft schon werden als Gefahr empfunden; alles, was den einzelnen über die Herde hinaushebt und dem Nächsten Furcht macht, heißt von nun an böse; die billige, bescheidene, sich einordnende, gleichsetzende Gesinnung, das Mittelmaß der Begierden kommt zu moralischen Namen und Ehren.« (Jenseits von Gut und Böse, Abs. 201)

Wie bereits in meinem Essay über Meister und Margarita „Ein teuflisch guter Pakt“ erwähnt, bin ich der Überzeugung, dass  die Begriffe „Gut“ und „Böse“ relativ sind. Das eine kann ohne das andere nicht existieren. Die Abwesenheit der Hölle würde das Paradies sonst mit all seiner Schönheit entbehrlich machen.

Lukas Cranach d.Ä., Das Paradies, 1530, Wien
Lukas Cranach d.Ä., Das Paradies, 1530, Wien

Das  Paradies gilt als wundervoller, sorgloser Ort. Alles interpretiert jede(r) den Himmel anders – für den einen ist er bereits auf der Erde, für Anderen stellt die Hölle selbst den Himmel dar. Nehmen wir mal als Beispiel einen Melancholiker: Würde er sich in seiner seelischen Sehnsucht nach Trauer im Paradies, wie man es aus den Büchern kennt, glücklich fühlen? Vermutlich nicht.

Würde ein Philosoph oder Dichter nicht lieber die Hölle erkunden, durch die ewige Dunkelheit spazieren und seine Erkenntnisse der Welt kundtun?
Als ein Gefangener der ewigen Verdammnis erleidet man in der Unterwelt unerträgliche Qualen. Doch was soll das Ganze überhaupt? Ein Todesurteil ist das Leid an sich nicht, denn es gibt keine sterblichen Seelen. Und ewige Qualen könnten wir auch im Paradies erleiden, würde es nicht unserer inneren Welt, unserer Vorstellung entsprechen.

„All diese geistigen Beschränkungen will Nietzsche überwinden – und sie müssen überwunden werden. Aber die »hohe unabhängige Geistigkeit« ist ohne Abhängigkeit vom höchsten“ Unabhängigen (»Gott«) nicht möglich. Weil damals und schon seit langer Zeit die Buch- und Angst-Religionen einen Monopolanspruch auf Gott erhoben hatten, rannte Nietzsche auch gegen die Bastionen »Religion« und »Gott« an. – aus info.kopp – verlag.de

(M)ein Herz für die Unterwelt

Hätte ich die Wahl, ich nähme die Unterwelt. Voller Mut würde ich Hades und Cerberus begegnen, ich spazierte durch brennende Feuer, Gewitter und heißen Sand, redete mit gefangenen Seelen über ihre Qualen und beseitigte ihre größten Ängste. Ich erzählte ihnen, dass die Höllenqualen nichts als eine Art Gefühl der Selbstverschuldung wären, dass die Angst vor dem dreiköpfigen Hund unbegründet sei, da die Hölle kein Ort des Todes sei, sondern auch des ewigen Lebens. Seelen sind eine Quelle nie erlöschender Energie. Das, was uns eine große Furcht einjagt, sind wir selbst, unser Bewusstsein, unsere Gedanken und unsere unverarbeiteten Erfahrungen.

Luzifer quält die drei Verräter Judas, Brutus und Cassius. (Codex Altonensis, ex Bibliotheca Gymnasii Altonani, Hamburg)
Luzifer quält die drei Verräter Judas, Brutus und Cassius. (Codex Altonensis, ex Bibliotheca Gymnasii Altonani, Hamburg)

In der Hölle begegnete ich dem kleinen Prinzen, der in ihr auf der Suche nach sich selbst landete. Ich begegnete in ihren kalt ermordeten Poeten wie Jessenin, Lermontov und Puschkin. Auch sie gingen diesen Weg und sie hätten keinen anderen wählen wollen. Ja, die Hölle begegnet uns bereits auf der Erde und macht uns zu geistig höheren Wesen. Durch sie wachsen wir, streben nach oben und bleiben unvergessen.

Mit den Poeten redete ich dort über Ungerechtigkeit und der Suche nach der einzigen Wahrheit. Wir setzten uns um das brennende Feuer herum und genössen die Mystik der unaufhörlichen Blitze und des lauten Donners. Dies motivierte uns zum Philosophieren, zum Nachdenken über die Schwere und die gleichzeitige Leichtigkeit des Seins.

Zu uns, den Dichtern, käme Platon und erzählte uns vom Höhlengleichnis. Darin spricht er davon, dass das Licht der Erde die Höhlenbewohner blenden würde, denn sie wären nicht daran gewöhnt. Wie kann dann ein Philosoph, der in seinen Gedanken ständig durch die Dunkelheit wandert, zum Paradies hinaufsehen?

Wären sie meine Gesellschaft, würde ich die Hölle dem Himmel stets vorziehen.

Jede Existenz ohne Entwicklung des Geistes ist sinnlos, denn der Geist kann nur durch Herausforderungen wachsen. Auch im Leben durchlaufen wir verschiedene Stadien – gute und schlechte Phasen. Durch sie entwickeln wir uns, werden weiser. Würde stets „das Gute“ existieren, gäbe es keine Möglichkeit für die Philosophie und ihre Umsetzung. Das Sein verlöre seinen besonderen Charme und seine Anziehung.

Grafische Darstellung von Dantes Weltbild nach Paul Pochhammer - 1922
Grafische Darstellung von Dantes Weltbild nach Paul Pochhammer – 1922

Wer auf der Erde in der Hölle war, wird sie später nicht missen wollen.

Es würde uns freuen, wenn Sie einen Kommentar hinterlassen. Wie hat Ihnen der Artikel gefallen?

error: Content is protected !!