Maria Aronov Φ Ein teuflisch guter Pakt Φ Ein Essay zu Michail Bulgakows „Der Meister und Margarita“

Ein teuflisch guter Pakt Φ Ein Essay zu Michail Bulgakows  „Der Meister und Margarita“

Foto: Privat
Maria Aronov – Foto: Privat

Das zur Lebenszeit Michail Bulgakows verbotene Werk „Der Meister und Margarita“ stellt auf eine ironische Weise das atheistische und bürokratische Moskau dar. Es enthält ebenfalls Züge aus Bulgakows Leben, denn die Werke des Meisters, dem Hauptdarsteller des Romans, werden ebenfalls verboten: Der Meister schreibt an einem Werk über die Religion, über Pontius Pilatus und Jesus (auf diese Thematik gehe ich im nächsten Text näher ein).
Nach der Beendigung des Romans findet sich kein Verleger, der das Werk veröffentlichen würde; es werden lediglich einzelne Passagen des Romans gedruckt, die dann zum Hass auf den Autor führen.

Zur gleichen Zeit lernt der Meister seine Geliebte – Margarita – kennen; eine verheiratete Frau, die sich jedoch unsterblich in den Meister verliebt und ihm aufgrund seines Talents zu schreiben, den Titel Meister gibt. Auch er verfällt ihr. Zwischen den Beiden entwickeln sich große Gefühle. Das Glück hält jedoch nicht lange an, denn der Meister wird verhaftet, da er „illegale Literatur“ besitzt. Nach seiner Freilassung geht er aus freien Stücken in die Psychiatrie, um am Leben bleiben zu können.

In der Stadt des Romans herrscht der Teufel Voland. Dieser bietet Margarita die Chance, ihren Meister wiederzusehen. Für ihren Geliebten tritt Margarita in den Dienst des Teufels.

Bulgakow teilt die Welt in zwei verschiedene Subwelten auf: das Gute und das Böse. Diese beiden Welten sind Bestandteile jeden menschlichen Lebens. Der Autor zeigt in seinem Werk, inwiefern beide voneinander abhängen. Er personifiziert das Gute und das Böse, maskiert sie als Leben und Tod, Gott und Teufel.

Der Schriftsteller stellt sich die Frage, ob das Gute und das Böse einen Einfluss aufeinander haben und ob sie ohne einander in ihrer Existenz gefährdet wären.

Mit der Thematik von Gute und Böse setzte sich ebenso Immanuel Kant auseinander. In seiner Schrift „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ spricht er von dem radikal Bösen, zu dem jeder Mensch einen Hang hat. Kant will anhand seiner Philosophie deutlich machen, dass das Böse in uns verwurzelt ist. Aus diesem Grund wählt er den Begriff „radikal“ (lat. radix = Wurzel). Nach Kant ist dem Menschen die Vernunft gegeben, durch die er zwischen Gut und Böse unterscheiden kann.

In der „Grundlegung der Metaphysik der Sitten“ spricht Kant vom guten Willen und hält fest, dass dieser das höchste Gut sei. Demnach ist der Mensch ein unvollkommenes Wesen der Vernunft. Einerseits hat er den Willen, der ihm ermöglicht, vernünftig zu handeln, anderseits wirkt der Hang zum Bösen auf den Willen ein, sodass eine Gegenwirkung zum Zweck des Willens, dem die Vernunft zugrunde liegt, entsteht.

Doch ist die Neigung zum Bösen ein solch großer Feind des guten Willens?

Führt man sich Bulgakows „Der Meister und Margarita“ vor Augen, kommt man zu dem Schluss, dass das Gute ohne das Böse nicht existieren kann: es gäbe kein Gleichgewicht in der Welt.

Wenn man die Aussage Kants betrachtet, der Wille sei das höchste Gut des Menschen, lässt sich behaupten, dass man durch die Neigung zum Bösen nicht schlecht wird, sofern man als Willen das Ziel des Guten verfolgt.

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Michail Afanassjewitsch Bulgakow - Der junge Bulgakow in den 1910er Jahren
Michail Afanassjewitsch Bulgakow – Der junge Bulgakow in den 1910er Jahren

Die Hauptfigur, Margarita, geht mit dem Teufel einen Pakt ein. Sie soll für eine Nacht zur Ballkönigin werden, denn der Teufel braucht eine Gastgeberin auf dem von ihm veranstalteten Ball für tote Verbrecher. Als Gegenzug soll der Teufel ihr wieder ein Leben mit dem Meister ermöglichen, nach dem sie sich sehr sehnt. Margarita stellt sich also um der Liebe willen auf die Seite des Bösen, sie wünscht sich, ihrem Geliebten noch einmal begegnen zu können. Margarita bekommt eine Salbe, nach deren Auftragen sie sich in eine Hexe verwandelt. Nun steht der Herrin des Hauses nichts mehr im Wege, um die aus dem Sarg auferstandenen Ballgäste zu begrüßen.

Dort lernt sie die teuflische High-Society kennen, Verbrecher, Betrüger auf allen Ebenen und Mörder. Ein Fest der Unzüchtigen, Gewissenlosen und Kriminellen findet statt. Die vom Feuer umgebenen Paare tanzen und amüsieren sich auf diesem teuflischen Ball.

Unter anderem ist eine Tote dabei, für die ein Verbrechen unausweichlich war, sodass sie dieses begehen musste und dadurch psychisch krank wurde. Sie landete als Konsequenz in der Hölle. Von der Schuld des wahren Verbrechers wollte niemand etwas hören, da er die Frau quasi zum Mord zwang, ihn jedoch selbst nicht beging. Er wurde zu seinen Lebzeiten nicht bestraft und konnte damit so der Hölle entkommen – eine Anspielung darauf, dass das Gericht auch über die Existenz der Seele nach dem Tod des Menschen entscheiden kann.

An dieser Stelle kritisiert Bulgakow die Oberschicht des damaligen Russlands, indem er die Gäste des Balls namentlich und biographisch vorstellt. Er zeigt, mit welchen Mitteln man in dieser Gesellschaft hochsteigen und alles erreichen kann, sofern man seine Neigung zum Bösen auslebt und die materielle Seite des Lebens als Ziel hat. Dazu gehören Münzenfälscher, Fremdgeher, Mörder der Ehepartner und der Geliebten des Königs am königlichen Hofe sowie Hochstapler.

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Der Gehilfe des Teufels warnte Margarita davor, niemandem auf dem Ball besondere Aufmerksamkeit zu schenken, weil sie den Leuten sonst zu Kopf stiege.

Das zeigt, dass der Teufel den Wert seiner Umgebung kennt. Margarita ist in seinen Augen eine Person, der er vertrauen kann.

Obwohl Voland das Böse verkörpert, bricht er seinen Pakt nicht. Margarita sieht schließlich den Meister wieder.

Briefmarke USSR, designer Yu. Artsimenev / Русский: Почта СССР, художник Ю. Арцименев - 1991
Briefmarke USSR, designer Yu. Artsimenev /
Русский: Почта СССР, художник Ю. Арцименев – 1991

An diesem Beispiel von Bulgakow lässt sich erkennen, dass man nur durch die Wechselwirkung von Gut und Böse existieren kann. Der Teufel braucht das Gute, er braucht Margarita, um eine Gastgeberin auf dem Ball zu haben. Margarita braucht wiederum das Böse, um ihren Geliebten wiedersehen zu können. Dies zeigt uns, dass durch den Pakt ein Gleichgewicht zwischen dem Bösen und dem Guten hergestellt werden kann, sodass beide Seiten davon einen Nutzen tragen.
Daher lässt sich sagen, dass Kants These stimmt. Wir sind insofern unvollkommen, dass wir nicht ohne das Böse existieren können. Es ist uns weder als Neigung zum Bösen entbehrlich noch als dessen Personifikation in Form des Teufels. Warum können wir uns aber davon nicht trennen? Die Antwort auf die Frage ist ganz plausibel: Ohne das Böse würden wir das Gute nicht als Solches anerkennen. Es wäre für uns eine Selbstverständlichkeit. In unserer Unvollkommenheit steckt die Philosophie des Lebens. Erst, wenn man das Böse als solches anerkennt, kann man es als eine Art Instrument zur Erlangung des guten Ziels gebrauchen. Ist der Wille stark genug, kann man das Böse einerseits für einen guten Zweck einsetzen, wie Margarita es tut, indem sie auf den Ball des Teufels geht, um ihren Meister bald wiedersehen zu können. Andererseits um es zu verhindern, damit kein Schaden entsteht. An dieser Stelle widerspreche ich Kant, denn es gibt für mich keine Gegenwirkung zum Zweck des Willens, den das Böse beeinflussen würde. Unser Wille, dem die Vernunft zugrunde liegt, kann stärker als die Neigung zum Bösen sein.

Am Ende von Bulgakows Werks befreit der Teufel den Meister und seine Margarita mit einem Gift von ihrem unglücklichen Dasein auf der Erde. Der Meister wird nämlich von der Regierung wegen seiner Schriften weiterhin verfolgt, sodass das Liebespaar keine Ruhe auf der Erde findet. Die einzige Erlösung ist der Tod.

Voland und seine Gehilfen, unter Anderem der Todesdämon Asasello, begleiten die Seelen von Meister und Margarita zu dem „ewigen Haus“, von dem die beiden träumten. Dort sollen sie Ruhe und ihr Glück finden. Margarita betonte vor ihrem Tod, wie glücklich sie darüber sei, mit dem Dämon den Pakt eingegangen zu sein, denn das war für sie der einzige Weg, ihrem Liebsten nah zu sein.

Auch der Meister bedankt sich nach seinem Tod bei dem dunklen Dämon für sein neues Leben und seine Befreiung. Er bezeichnet diese als Glück.

Als sie vor ihrem Ritt in den Himmel ihr Haus anzünden, damit des Meisters weitere verbotene Schriften nicht mehr aufzufinden sind, sagt Margarita, dass im Feuer ihr Kummer des irdischen Lebens verbrennen soll.

Als die Beiden im Himmel ankommen, spazieren sie durch einen wunderschönen idyllischen Park zu ihrem „ewigen Haus“. Margarita sagt dabei folgendes zu ihrem Seelenverwandten:

„Hör die Stille und genieß das, was du im Leben nie hattest. Dort vorne steht dein ewiges Haus, das du als Belohnung erhalten hast. Dort gibt es ein venezianisches Fenster und wellende Reben, die bis zum Dach wachsen.
Ich weiß, dass abends zu dir die kommen werden, die du liebst, für die du dich interessiert und die dich nicht beunruhigen werden. Sie werden dir vorspielen und vorsingen.
Du wirst sehen, was für Licht es im Zimmer gibt, wenn die Kerzen brennen.
Du wirst mit einem Lächeln auf den Lippen einschlafen. Der Schlaf wird dich stärken. Du wirst weise Überlegungen treffen, aber mich wirst du nicht fortjagen können. Ich werde auf deinen Schlaf aufpassen.“

  1. Wunderbar 👍

  2. Jan Grinbaum

    Der Kampf und Einheit von Gut und Böse sowie der Ball als Kulminationspunkt des Romans und schließlich ein mystisches Ende sind mit einem erstaunlichen Wissen geschätzt. Dabei sind die einzelnen Szenen des Romans und der Roman als Ganzes nicht schablonenhaft beurteilt. Die Einschätzungen werden im Namen der Autorin gemacht. Daraus gehen von ihr absolute Frische und Neuheit der Wahrnehmungen aus.

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