Maria Aronov • Die Manipulation des Menschen am Beispiel von Bulgakows Satire „Das Hundeherz“

Die Manipulation des Menschen am Beispiel von Bulgakows Satire
„Das Hundeherz“

MichailBulgakowMichail Bulgakow, ein begnadeter Kritiker des sowjetischen Regimes, erschuf mit seiner Erzählung“ Das Hundeherz“ eine Karikatur des Sowjetmenschen. Interessant ist, dass sich seine im Jahr 1925 verfasste Erzählung im Laufe der Zeit nicht nur auf den Prototypen des ehemaligen Sowjetregimes übertragen lässt, sondern mittlerweile auf die gesamte menschliche Einstellung den Personen gegenüber, die anders erscheinen. Nie war es so wichtig wie heutzutage die Individualität des Menschen zu unterdrücken. Dem Menschen wird etwas aufgezwungen, was weder seine Persönlichkeit zur Geltung bringt noch was er braucht. Entspricht man nicht der vorgegebenen Norm, wird man oft zum Außenseiter, was bereits in der Grundschule beginnt. Der Mensch soll seine inneren Werte für ein Allgemeinbild aufgeben. Der Zweck der Manipulation ist, seinen Verstand auszuschalten und ihn damit auf eine Stufe mit dem Rest zu stellen. Dann gibt es nämlich keine Regime – Gegner.

Diese Problematik nimmt Bulgakow in seiner Erzählung „Das Hundeherz“ unter die Lupe und erzählt in zugespitzter Form über die verrückten Seiten unserer Welt:
Ein wohlhabender Professor, namens Filipp Filippowitsch Preobrashenski ist Fachmann in Operationen der Verjüngung. Er betreibt in seiner Wohnung einige Experimente und entschließt sich bei einem seiner Versuche, dem streuenden Hund Bello die Hirnanhangdrüse sowie Hoden eines toten Kleinkriminellen und Alkoholikers zu implantieren. Die Operation führt er zusammen mit seinem Assistenten Doktor Iwan Arnoldowitsch Bormental durch.

Das Experiment verläuft erfolgreich, womit man eigentlich nicht rechnete. Nach und nach wird Bello immer mehr einem Menschen ähnlicher. Er wächst, geht auf den Hinterbeinen und auch von seinem Fell ist nichts mehr zu sehen. Letztendlich beginnt Bello zu sprechen.

Doch ganz einwandfrei ist der neue Mensch nicht. Wie es oft der Fall ist, wird so Manches genetisch übertragen. Dies war auch bei Bello der Fall, der leider nicht die besten Eigenschaften seines Spenders ererbte. Er wird nämlich aggressiv, drückt sich vulgär aus, fängt an Alkohol zu trinken und benimmt sich äußerst schlecht.

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Polygraf Polygrafowitsch Bellow (auch ein neuer Name durfte bei Bello nicht fehlen) bekommt eine Anstellung als Leiter der Unterabteilung bei der Stadtreinigung der Moskauer Kommunalwirtschaft und soll die Stadt von streuenden Tieren säubern. Dabei kommuniziert er immer mehr mit Kommunisten. Diese versuchen ihn ständig gegen den Professor auszuspielen, da dieser proletarierfeindlich ist. Bellow veranstaltet in der Wohnung seines Schöpfers ein großes Chaos, sodass das Leben für den Professor in seiner eigenen Wohnung unerträglich wird. Er sieht keinen anderen Ausweg mehr, als Bellow zurück in seine ursprüngliche Gestalt, nämlich einen Hund zu verwandeln.

Nach der gelungenen Rückverwandlung vergisst Bello alles, was vorher passiert ist und führt ab sofort ein schönes Leben beim Professor.

Ein Hund führt also ein besseres Leben als ein Mensch? Ja, weil er sein Leben und kein fremdes führt. Er genießt das Leben, das ihm und seiner Natur zuteil wurde, worin sich niemand einmischt und ihm Ketten anlegt. Um die Misere der Manipulation zu verdeutlichen, beschäftigt sich Bulgakow in der Satire mit der Homunklus – Thematik, bei der es um die künstliche Erschaffung eines Menschen geht. Bulgakow kritisiert den neu erschaffenen proletarischen Menschen.

Einerseits spielt das „Das Hundeherz“ auf die Vernichtung und die „Verbesserung“ der menschlichen Natur seitens des sowjetischen Regimes an, andererseits wird in der Satire Kritik an der Wissenschaft geübt, die ständig versucht in die Natur einzugreifen.

Bellow mit der Intelligenz eines Hundes wird während seiner Arbeit für wichtige Aufgaben verantwortlich gemacht. Er steht als Proletarier seinem Erschaffer gegenüber, der als Bourgeoisie das Gegenteil seiner Existenz darstellt.

Für die Figur des Professors hatte Bulgakow ein Vorbild, Serge Voronoff. Dieser war ein russisch-französischer Chirurg, der Menschen Hoden und Schilddrüsen von Tieren implantierte.

Schließlich lässt sich sagen, dass alle Arten der Eingriffe in die Natur, deren Teil auch der Mensch ist, den Kern ihrer Existenz zerstören werden, denn nur in diesem befindet sich ihre Vollkommenheit.

Die Natur ist reich durch ihre Vielfalt und gleichzeitig ihre Individualität.

Der Mensch, der manipuliert wird, sich von der Menge sagen lässt, in welche Richtung er gehen soll, wird seine Intelligenz verlieren und als eine ziellose Existenz durchs Leben wandern. Er wird seine menschlichen Zügen verlieren, wird zu einem Monster, das die Natur erschaffen und der Mensch bearbeitet hat.

Eine Analogie zum „Hundeherz“ stellt Mary Shelleys Roman „Frankenstein“ dar. Die Kreatur stirbt letztendlich wegen ihrer schrecklichen Taten und Abscheu vor sich selbst.

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