Maria Aronov • Der ungerechte Tod des gerechten Sokrates

Ein Gift zum Wohle des Staates 

– Der ungerechte Tod des gerechten Sokrates –

Sokrates (*469 vor Christus in Athen; † 399 vor Christus in Athen) wirkte in Athen als grundlegender Philosoph. Er befasste sich mit unterschiedlichen Themen wie der Menschenkenntnis, ethischen Grundsätzen und dem Verständnis der Welt. Laut Marcus Tullius Cicero (* 3. Januar 106 v. Chr. in Arpinum; † 7. Dezember 43 v. Chr. bei Formiae; ein römischer Politiker, Anwalt, Schriftsteller und Philosoph, der berühmteste Redner Roms und Konsul im Jahr 63 v. Chr.) soll er die Menschen dazu gebracht haben, über das Gute und Schlechte nachzudenken. Sokrates entwickelte den philosophischen Dialog, die er als Mäeutik (Hebammenkunst) bezeichnete. Diese beruht darauf, seinem Gesprächspartner durch Fragen zu einer eigenständigen Erkenntnis zu verhelfen. Der Lernende soll selbst zur Lösung des Problems, zur Einsicht kommen, die er mithilfe der Hebamme, des Lehrenden, gebärt. Dies stellt einen Gegensatz zum normalen Schulsystem dar, wo dem Schüler der ganze Stoff vom Lehrer vermittelt wird und oft niemand zu seiner eigenen Einsicht kommt. Auf die Idee der Umsetzung von der Mäeutik brachte Sokrates der Beruf seiner Mutter, die Hebamme war.

Agora - Athen
Agora – Athen

Seine Schüler bezeichneten ihn als den, zu ihrer Zeit, weisesten und gerechtesten Philosophen. Er wurde sogar auf eine Stufe mit den Religionsgründern Jesus, Buddha und Konfuzius gestellt. Man wusste nicht nur seine Denkweise, sondern auch seine Persönlichkeit, sein Leben und gar seinen Tod zu schätzen. Philosophie war für Sokrates eine Lebensform. Er lebte Philosophie. Von seinem Vater erlernte er den Beruf Steinmetz, übte ihn aber nie aus. Täglich trat Sokrates auf dem Rednerplatz, der Agora von Athen, auf. Er konzentrierte sich auf die Gespräche mit seinen Mitbürgern. Dabei beschäftigte er sich mit der „Was ist… – Frage“, denn seiner Meinung nach konnte man nur entsprechend handeln, wenn man die Tugenden richtig verstünde. Was ist zum Beispiel Gerechtigkeit, Tapferkeit und Besonnenheit? Jeder, der dies wüsste, würde ein guter und edler Mensch, was sich Sokrates als Ziel setzte. Dafür brauchte man aber eine tiefe Analyse der Begriffe, womit sich Sokrates ausgiebig beschäftigte.

Sokrates versuchte nicht zu dozieren, obwohl er als der Weiseste seiner Zeit galt. Er wollte nicht lehren, sondern selbst etwas Neues lernen. Dies war sein Verständnis von Philosophie. Laut Sokrates sollte der Philosoph nach der Weisheit suchen und streben. Er sollte versuchen, sie zu entdecken und zu gewinnen. Niemand ist seiner Meinung nach weise geboren. Nicht umsonst vergleicht er die Philosophie mit dem griechischen Gott der Liebe, Eros. Für Eros hat der Begriff der Liebe nichts mit dem Besitz dessen zu tun, was schön oder geliebt ist. Es geht in der Liebe vielmehr ums Streben und die Begierde danach. So sieht es auch mit dem Philosophen und seiner Liebe zur Weisheit aus. Er sieht oder spürt sie in der Ferne, verliebt sich und macht sich auf den Weg, um zu ihr zu gelangen, zum Beispiel auf dem Marktplatz von Athen. Aus diesem Grund stellte Sokrates immer viele Fragen. Er suchte auf diese Weise nach der Erkenntnis.

Delphi - Orakel - Zentralgriechenland
Delphi – Orakel – Zentralgriechenland

Meistens suchte sich Sokrates Experten für das jeweilige Thema aus – über die Frömmigkeit sprach er mit einem Priester, über Gerechtigkeit mit dem Staatsmann und über Tapferkeit mit einem Feldherrn. Seine Fragen förderten Nichtwissen über die jeweilige Tugend. Dadurch, dass Sokrates während der Gespräche immer sehr viel nachfragte, gerieten die Gesprächspartner in Argumentationsnöte. Schließlich mussten sie dazu stehen, doch keine Antwort auf die Fragen zu haben. Da Sokrates sich nicht für klüger als die Anderen hielt, endeten die Dialoge lösungslos. Seine Hebammenkunst scheiterte demnach. Sokrates akzeptierte dies jedoch. Er stand dazu, selbst keine Lösung zu haben. Auch die Nichtergebnisse betrachtete er als eine Art Gewinn. Dieser Hintergrund diente seinem berühmten Zitat: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Genau aus diesem Grund bezeichnete das Orakel von Delphi Sokrates als den weisesten Mann Griechenlands. In seinen Augen war er nicht der Weiseste, weil er mehr als die Anderen wusste, sondern sagte, er wüsste, dass er nichts wüsste.

Durch Sokrates entstand auch der Begriff der Elenktik (Die Entlarvung des Scheinwissens), mit deren Hilfe er schaffte, das wahre Wissen zu sichern und den Weg für die Philosophen zu bereiten, die nach ihm kamen.

esel_santorini-673110_640Viele der Mitbürger Sokrates` empfanden ihn und die Philosophie als lästig. Viele fühlten sich durch die Entlarvung ihres Nichtwissens bloßgestellt und waren Sokrates keineswegs dankbar für die Erkenntnis. Sokrates wurde für seine vielen Fragen ausgelacht, beschimpft oder gar körperlich angegriffen. Ihm machte es jedoch nichts aus. Er ließ sich vieles gefallen und als ihn jemand darauf ansprach, warum er sich nicht verteidigen würde, erwiderte Sokrates, er würde ja auch nicht zurückschlagen, falls ihn ein Esel angriffe.

In den führenden Kreisen von Athen entwickelte sich eine schlechte Stimmung. Man sah in Sokrates ein Problem und war gegen ihn. Er musste schließlich vors Gericht, denn er hätte nicht das Recht dazu gehabt, das gesicherte und überlieferte Wissen sowie einige traditionellen Überzeugungen infrage zu stellen. Der Grund für die Anklage war, die Erschaffung neuer göttlicher Wesen und die Ableugnung derer, die vom Staat anerkannt waren. Beim Prozess spielte auch die Verführung der Jugend eine große Rolle. Sokrates hätte angeblich einen schlechten Einfluss auf sie gehabt. Der Antrag ging letztendlich auf Todesstrafe.

In der Verteidigungsrede, die vom Platon überliefert wurde, widersprach Sokrates den Anklagepunkten. Darin äußerte er, er hätte die Götter nicht verleugnet und habe die Jugend lediglich auf einen besseren Lebensweg bringen wollen. Seine Rede verlief jedoch ohne Erfolg. Er sollte durch den Schierlingsbecher hingerichtet werden. Im antiken Athen war Gift nämlich eine gängige Hinrichtungsform.

Während seines ganzen Lebens soll sich Sokrates an alle Gesetze gehalten haben und obwohl es unrecht war, widersetzte er sich nicht der Todesstrafe. Seiner Meinung nach war Unrecht zu leiden besser, als Unrecht zu tun. Sokrates starb im Kreis seiner Freunde im Alter von 71 Jahren. Er verendete in großer Gelassenheit, denn die Philosophie war für ihn die Vorbereitung auf den Tod, in dem sich die Seele von dem Körper trennt. Sokrates fühlte sich also auf den Tod gerüstet. Sogar in seinen letzten Minuten des Lebens philosophierte er und verlor nicht den Sinn für Humor. Als seine Frau ihm kurz vor dem Tod sagte, er würde ungerechterweise sterben, fragte er sie: „Wäre es dir lieber, wenn ich gerechterweise stürbe?“

Auch die Schlussaussage in seinem Prozess war ironisch und voller Humor:“ Es ist nun Zeit, dass wir gehen. Ich, um zu sterben und ihr, um zu leben. Wer aber von uns beiden zu dem besseren Geschäfte hingehe, ist alles verborgen, außer nur Gott.“

Sokrates (rechts) und möglicherweise Xenophon (links). Detail aus der Schule von Athen von Raffael, 1510–1511
Sokrates (rechts) und möglicherweise Xenophon (links). Detail aus der Schule von Athen von Raffael, 1510–1511

Sokrates führte ein sehr bescheidenes Leben. Für seinen Lebensunterhalt sorgten gute Freunde durch ihre Gastfreundschaft und Geschenke. Alles nahm er aber nur in engen Grenzen an. Die Armut wählte er als Lebensweise selbst aus, distanzierte sich von den materiellen Dingen des Lebens. Seine Frau war damit jedoch nicht einverstanden war. Sie vertrat nämlich die Meinung, er hätte weniger auf der Agora auftreten, sondern stattdessen arbeiten gehen sollen. Einmal goss sie ihm, als er sich auf den Weg zum Rednerplatz machte, einen Eimer Wasser über den Kopf und beschimpfte ihn laut.

Von Sokrates sind leider keine Schriften überliefert worden. Von seinen Ideen und der Philosophie weiß man durch die Schriften seiner Freunde und Schüler. Dabei stellen Platons Dialoge die Hauptquelle dar. Auch von seinem Schüler Xenophon gibt es einige Überlieferungen, in denen er stets weiterleben wird.

 

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