Maria Aronov – Der alte Glockenturm – Ein Märchen

Der alte Glockenturm
England Jahr 1780

Das Herz voller Liebe verleiht keinen Ton,
die Wangen verblassen,
es verwelkt der Mohn.
Der Schnee ist umhüllt von dem dunklen Haar.
Der Wind weht ein wenig,
doch kein Leben ist da.
Der Kampf um das Leben wurde zu schwer,
die Kraft gab es leider dafür nicht mehr.

***

Es war ein sehr kalter Herbstmorgen. Die Sonne war hinter den Wolken versteckt und es wehte ein eiskalter Wind. Ein kleines Mädchen eilte über die Straßen. Es hatte ein sehr altes graues Kleidchen an und seine Schuhe waren zerfetzt. In seinen Händchen hielt es einen großen Eimer mit einem Waschlappen und viel Wasser darin. Das Mädchen ging gebückt über die nassen Wege und mit jedem seiner Schritte näherte es sich dem Turm. Als es in den riesigen Turm hineinging, schlug die Uhr fünfmal. Es bedeutete, dass es arbeiten musste und gleichzeitig war es eine Begrüßung. Das arme Mädchen stellte sich auf die Knie und wusch mit seinen kleinen Händchen den ewigen Boden. Kein einziger Mensch war dort außer ihm, nur die Uhr leistete ihm und dem riesigen Saal Gesellschaft.

Als es mit der Arbeit fertig war, gab es draußen schon finsteres Zwielicht. Die Kleine hatte kein Zuhause, sie ging mit tanzenden goldenen Blättern um sie herum in eine kleine Hütte, die ganz verlassen am Rande der Stadt stand. Die Hütte hat das Mädchen zufällig eines Tages gefunden, vielleicht würde sogar jemand zurückkehren und ihm die Hütte wegnehmen wollen. Als es bei der Hütte ankam, war es sehr müde nach der harten Arbeit, aber es hatte nicht einmal ein warmes Bett. Mit knurrendem Magen und seinen kleinen, von der harten Arbeit und Kälte roten und blutenden Händen legte es sich in eine Ecke auf den Boden und schlief fest ein. Es träumte von einem Kamin und von warmen Küchlein, die seine Großmutter immer so gerne für ihre kleine Enkelin gemacht hat. Sie waren immer so weich und rochen nach frischem Kohl. Das Beste war an ihnen natürlich, dass seine Großmutter sie gemacht hat. Sie stand in der Küche, erzählte dem Mädchen schöne Geschichten und knetete den Teig. Ihre Schürze war voller Mehl, genauso wie ihre alten liebevollen Hände. Nie mehr würde die Kleine solche Küchlein essen, die mit voller Liebe nur für sie gemacht waren. Damals, als die Großmutter starb, nahm man dem kleinen Mädchen das Haus weg. Doch als die Kleine an dem alten Haus vorbeiging, erschien wieder dieser nahe Duft der Wärme, der alle Erinnerungen erwachen ließ und die alte Zeit belebte.

Es vergingen ein paar Monate und der Winter stand vor der Tür. Das kleine Mädchen musste wieder zur Arbeit. Es schneite draußen, doch es machte ihm nichts aus, denn es wusste, dass es heute sein Geld für die Arbeit bekommen sollte, die Summe würde ihm sogar für mehrere Pfannkuchen reichen. Heute hatte es etwas mehr Arbeit und wurde später damit fertig. Danach musste es noch draußen auf den Herren mit dem ihm zustehenden Geld warten. Es schneite so sehr, dass die Schneeflocken ihm die ganze Sicht nahmen. Es verging viel Zeit, doch der Herr erschien nicht. Traurig ging es in die alte Hütte. Man hörte überall die Uhr schlagen. Sie klang traurig, als ob sie dieses Mädchen trösten würde. Sie war genauso einsam und verlassen wie dieses Kind.

Am nächsten Morgen konnte es kaum laufen. Es blieben nur noch ein paar Schritte bis zum Turm. Die Uhr schlug wie jeden Morgen fünfmal, doch die Kleine kam nicht. Sie lag draußen im Schnee neben ihrem Eimer. Die Kutschen fuhren an ihr vorbei. Auf einmal schrie jemand: „Aus dem Weg!“ Aber sie konnte nicht mehr aufstehen. Der Kutscher bremste und ein alter Herr stieg aus der Kutsche aus, um zu sehen, was das arme Mädchen hatte. Aber es war tot. Es vermisste das kleine Mädchen niemand außer den Glocken. Sie schlugen wie immer einmal, zweimal, dreimal,… . Ihr Läuten war sehr tief, sie weinten um seinen Tod.

Es ging niemand mehr in den riesigen Turm hinein, wenn die Uhr fünfmal schlug, niemand verbrachte mehr etwas Zeit mit ihr.

Nun sind die Alte und das Kind beisammen, endlich haben sie Ruhe und Wärme gefunden. Sie sitzen auf einer riesigen Wolke, weit draußen im blauen Himmel und unterhalten sich, schließlich haben sie einander so lange nicht gesehen. Doch jetzt können sie ewig bei einander sein und nichts wird sie jemals trennen.

Das Schlagen der Uhr hallte bis in die weite Ferne, so sehr vermisste sie das Kind.

Und wenn Ihr still seid und genau zuhört, dann merkt Ihr, dass die Uhr weint. Sie schlägt mehrmals hintereinander, dann beruhigt sie sich für eine Weile und trauert weiter. Sie wird dieses kleine Mädchen mit den langen dunklen Haaren und den alten Kleidern nie vergessen und sie wird auch Euch helfen, sich an dieses Märchen zu erinnern.

An Eure Herzen

Im grauen Kleidchen und uraltem Schuh
strebt sie zur Arbeit in eiskalter Früh.

Ohne Brot, ohne Geld, die Hände ganz rot,
wischt sie den Boden im riesigen Ort.

Im Zwielicht versteckt geht die Kleine zurück,
von Sternen begleitet und ganz
ohne Glück.

Mit knurrendem Magen legt sie sich hin
und schmilzt in dem Traum ganz leicht dahin.

Es wird wieder hell,
die Glocken schlagen fünfmal,
doch niemand geht rein
in den ewigen Saal.

Der Schnee nahm das warme und liebe Gemüt,
nun kann sie schlafen,
denn sie war so müd‘.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

error: Content is protected !!
%d Bloggern gefällt das: