Maria Aronov: Aus der Osmanischen Dichtkunst von Sultan Süleyman I – Der trügerische Schein unserer Welt

Aus der Osmanischen Dichtkunst von Sultan Süleyman I –
Der trügerische Schein unserer Welt

[avatar user=“MariaAronov“ size=“medium“ align=“right“ link=“http://derblaueritter.de/maria-aronov-2/“ target=“_blank“]Autorin, Lyrikerin, Dozentin für Deutsch als Fremdsprache.[/avatar]

Der Osmanische Herrscher, Sultan Süleyman, schreibt im folgenden Gedicht über die sinnlose Hülle des Lebens. Der Sultan bevorzugte es, seine Gefühle, Zweifel und Ängste in Form von Gedichten auszudrücken. Dabei philosophierte er über das irdische Sein. Die Welt von ihrer bitteren Seite kennenlernend, verstand er, dass die einzige Wahrheit nicht auf der Erde zu finden ist und wir nur Gefangene unserer Wünsche sind, die uns erblinden lassen und taub machen. Dazu gehören auch vielfältige unumgängliche Entscheidungen, die mit sich einen großen Kummer bringen. Süleyman spricht über die Vergänglichkeit und gar Falschheit, die selbst in der Natur auffindbar ist. Auf das Gute folgt oft etwas Dunkles, sodass auf den Sommer der Herbst und auf den Morgen bald die Nacht folgt. Dem Menschen ist es quasi auferlegt, durch die Dunkelheit zu gehen und schon während der Glücksmomente zu wissen, dass diese bald Abschied nehmen werden und der herunterfallende Schleier, der an unseren Augen hing, uns Bitterkeit und Trauer bereithalten wird. Diese Erwartung vergleicht der Sultan mit den Schlägen einer Trommel, die immer stärker und lauter werden. Sie prophezeien Unruhe. Auch das Glück ist also nur eine gläserne Maske, die irgendwann in kleine Teile zerbricht. Man sollte jeden Moment auf die Dunkelheit gefasst sein, denn sie lauert hinter jedem Lichtblick auf uns. Ohne diese könnte man jedoch unsere Existenz nicht als sinnvoll bezeichnen, da wir das Glück nur im Vergleich mit der Bitterkeit erfahren können.

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Sultan Süleyman I über die Sinnlosigkeit des Lebens
(übersetzt von Maria Aronov)

Was sind das für Geräusche, Süleyman? Wach auf und hör ihnen zu! Hörst du sie?

Dieser Regen ist nicht s Anderes als die Tränen desjenigen, den man beweint. Das ist das dunkle Antlitz des leuchtenden Himmels.

Wem gehört er, dem Freund oder Feind? Sieh hin! Siehst du es? Erkennst du es?

Die grässlichen Geschäfte hallen mit tausenden Herzschlägen wie die einer Trommel wider.

Süleyman, es kommt ein schrecklicher Lärm auf. Morgen, wenn der Tod kommt, hören wir die Schläge der Trommeln, doch heute, macht wird die Unbekümmertheit zur Watte, die uns taub macht und an die Augen hängt sich ein Schleier, der uns dabei stört, die Wahrheit zu sehen. Deswegen stehen wir da, befangen von unseren Leidenschaften, die uns über die morgigen Trauer und Sorgen erzählen.

Oh, du Flamme, lösch die Kerze der Unbekümmertheit, die dich daran hindert, die Wahrheit der Welt zu erfahren. Rette dich vor der Taubheit, Süleyman! Diese Welt ist dein Kerker! Die Zerstörung des Kerkers ist eine Freude für seine Gefangenen!

Unser Körper ist ein ewiger Kerker für unsere unsterbliche Seele. Wenn der Tod den Körper zerstört, wenn du unter der Erde landest, wird sich die Seele aus dem Kerker befreien und sich auf den Weg zur höheren Macht begeben.

Komm zur Besinnung, suche keine Treue im irdischen Kerker. Das ist nur eine Gefangenschaft! Diese ganze Welt ist instabil.

Diese Welt ist kein Platz für das Leben, Süleyman. Sogar der Morgen in ihr ist lügnerisch, weil sich hinter ihm unmittelbar die Nacht verbirgt.

 

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