Maria Aronov Φ Gewissenlosigkeit und Feigheit der Herrscher

Gewissenlosigkeit und Feigheit der Herrscher
– am Beispiel von „Der Meister und Margarita“ von Michail Bulgakow

Was ist Wahrheit -Gemälde von Nikolai Nikolajewitsch Ge -1890 - Pontius Pilatus und Jesus nach Joh 18-38_1
Was ist Wahrheit? Gemälde von Nikolai Nikolajewitsch Ge, 1890: Pontius Pilatus und Jesus nach Joh 18,38

Nicht nur Bulgakow selbst wird wegen regimekritischer Literatur verhaftet, sondern auch die Hauptfigur seines Romans „Der Meister und Margarita“. Der Meister schreibt einen Roman über Pontius Pilatus, den Präfekten der römischen Provinz Judäa. In der ehemaligen Sowjetunion gab es ein Religionsverbot; es war weder möglich seine Religion frei auszuleben noch darüber zu schreiben. Für jegliche religiöse Reden und Schriften wurden die Urheber juristisch bestraft, weshalb auch Meisters Werk über Pontius Pilatus dazu führte, dass der Autor zunächst in Haft kam und anschließend in einer Irrenanstalt landete, um dort Versteck vor der Regierung zu suchen.
Auch im realen Leben wurden viele Gegner des sowjetischen Regimes quasi zu einem Aufenthalt in der Irrenanstalt verurteilt, um die Verbreitung ihrer Ansichten zu verhindern. Dort wurde ihnen sogar eingetrichtert, dass sie verrückt seien, woran viele letztendlich auch glaubten.
So erging es auch Bulgakows Meister, der nach einem längeren Aufenthalt in der Irrenanstalt an eine seelische Erkrankung glaubt, sich leer und hilflos fühlt, bis ihn der Teufel auf Wunsch Margaritas aus der Anstalt befreit und ihm seinen Roman wiedergibt, den er zuvor aus Angst in den Kaminofen zur Vernichtung warf.

Bevor ich die zentrale Handlung im Roman von Bulgakows Meisters veranschauliche, gibt es einen kurzen Überblick über die historische Persönlichkeit Pontius Pilatus:

Lucius Aelius Seianus, Prätorianerpräfekt im römischen Kaiserreich, der zeitweilig der einflussreichste Bürger Roms und Vertrauer von Tiberius (römischer Kaiser von 14 bis 37 n. Chr.) war, sorgte dafür, dass Pontius Pilatus – dieser gehörte einem Ritterstand an – zum Präfekt der römischen Provinz Judäa ernannt wurde.

Piltaus ging in die Geschichtsbücher mit seiner Brutalität ein, vor allem gegenüber der Bevölkerung aus Samaria. Gier, Bestechungen und viele gesetzwidrige Hinrichtungen gehörten zum Führungsstil von Pilatus. Der Statthalter ließ in Samaria seine Truppen einmarschieren und ging gegen das Volk vor, sodass ihn der syrische Statthalter Vitelius nach Rom zu Tiberius schicken musste. Dies führte zur Amtsniederlegung des Präfekten. Was aber daraufhin geschah, ist bis heute unbekannt. Den christlichen Überlieferungen nach soll Pilatus von Caligula zum Selbstmord getrieben worden sein. Andere Legenden besagen, dass Pilatus entweder von Nero hingerichtet oder von römischen Machthabern nach Südfrankreich (Vienne) verbannt wurde.

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Der Meister, die Hauptfigur Bulgakows in „Der Meister und Margarita“ greift die biblische Thematik auf, er geht dabei speziell auf die Geschichte von Pontius Pilatus und Jesus (=Jeschua) ein, indem er nicht nur geschichtliche Fakten verwendet, sondern eine enge innere Beziehung der beiden Personen in Verbindung mit der Kritik an der Macht darstellt: ein Angeklagter aus Galiläa wird zu Pilatus geschickt, der die Aufgabe von Tetrarchen, der Regierung des Römischen Reiches erhält, das Todesurteil seitens Sanhedrin ( = der Hohe Rat, die oberste jüdische religiöse und politische Instanz sowie das oberste Gericht), zu bestätigen.

Der Präfekt von Judäa lernt nun Jesus kennen, der Pilatus als „Guter Mensch“ anspricht, was eine Prügel – Strafe zur Folge hat. Pilatus möchte Jesus auf diese Art zeigen, wie man den Präfekt von Judäa anzusprechen hat, nämlich mit „Hegemon“ ( = Führer).

MichailBulgakowJesus wird noch einmal zum Statthalter gebracht, der ihn verhört. Er stellt sich als der Sohn unbekannter Eltern vor, Jeschua Ho Nazri, der aus Gamla kommt, von Stadt zu Stadt zieht und nirgends Verwandte hat. Pilatus wirft ihm vor, das Volk dazu aufgewiegelt zu haben, den Tempel von Jerschalaim (Jerusalem) zu zerstören. Jesus widerspricht dieser Anschuldigung. Er hätte niemals vorgehabt, den Jerschalaim – Tempel zu zerstören und hätte auch niemanden dazu aufgewiegelt. Er bezeichnet dies als sinnlose Handlungen. Pilatus spricht von einigen besonderen Arten der Menschen– Hexern, Astrologen und Lügnern. Zum Letzteren zählt er Jesus, denn es gibt schriftliche Überlieferungen auf dem Pergament und auch Zeugen, dass Jesus den Tempel zerstören wollte. Jesus widerspricht dem und sagt, die guten Menschen hätten alles verwechselt, was er ihnen sagte und er hätte Angst davor, dass dieses Missverständnis noch lange andauern wird. All das soll das Resultat davon sein, dass seine Äußerungen falsch niedergeschrieben wurden.

Pilatus meint, dass allein das Niedergeschriebene dafür ausreichte, Jesus hinzurichten. Doch dieser antwortet darauf, er hätte gesehen, was der hinter ihm laufende Matthäus Levi notiert hat. Er war selbst erschrocken darüber, was auf dem Pergament stand, denn er hätte nichts davon gepredigt. Matthäus soll deswegen von Jesus gebeten worden sein, das Schriftstück zu verbrennen, woraufhin er das Pergament Jesus aus den Händen riss und davonlief. Dies überraschte Jesus sehr, denn trotz Anfangsschwierigkeiten und Beleidigungen seitens Matthäus wurde dieser zum treuen Begleiter von Jeschua. Er warf vor Jesus Augen sein ganzes Geld auf die Straße, weil er nichts mehr brauchen würde als nur derjenige sein zu dürfen, der Jeschua auf seinen Wegen begleitet.

Der Statthalter fordert nun den Angeklagten dazu auf, ihm das zu erzählen, was er in Wirklichkeit über den Tempel gesagt hat. Jesus antwortet: „Der Tempel des alten Glaubens wird zusammenbrechen. Es wird ein neuer Tempel der Wahrheit entstehen.“Daraufhin erwidert Pilatus, dass Jesus nichts von der Wahrheit verstünde und nicht das Recht dazu hatte, unwissende Menschen mit seinen Worten in Angst zu versetzen.

Jesus beweist Mut und zeigt Hegemon, dass er von der Wahrheit viel versteht und spricht von dessen Todessehnsucht aufgrund seiner kaum erträglichen Kopfschmerzen. Er sagte, sie wären in diesem Moment der Henker von Pilatus, weil er vor seinen Kopfschmerzen weder an irgendwas denken noch Jesus richtig angucken kann. Auch erkennt er, an der Handbewegung von Pilatus, dass dieser seinen Hund vermisst, der sein einziger Freund, echter Vertrauter und das einzige Wesen sei, zu dem er eine Bindung hätte. Der Präfekt ist der Aussage Jesus nach ein einsamer Mensch. Außer seinen Hund würde er niemanden haben.

An dieser Stelle wird Jesus als ein guter Menschenkenner und Psychologe dargestellt, der Pilatus sogar von seinen Kopfschmerzen befreit. Dieser ist erstaunt über die Fähigkeiten des Predigers, der ihm dazu rät, sich etwas zu erholen, spazieren zu gehen, da das Gewitter erst später beginne würde. Jeschua wäre sogar dazu bereit, den Statthalter auf seinem Spaziergang zu begleiten und mit ihm ein paar seiner Gedanken zu teilen, die dieser vielleicht interessant fände. Jesus sagt, er hielte Pilatus für einen äußerst intelligenten Menschen, doch leider sei dieser zu verschlossen und habe den ganzen Glauben in die Menschen verloren. Daher seine Bindung zum Hund.

Pilatus will nun, dass Jesus bei seinem Leben, der am seidenen Faden hinge, schwört, dass er keine Zerstörung des Tempels wollte. Er betont, er könne den Faden sehr schnell durschneiden. Doch Jeschua bietet ihm die Stirn und sagt, den Faden könnte nur derjenige durchschneiden, der ihn aufgehängt hat.

Hierdurch wird deutlich, dass Jesus keine Macht über sich ergehen ließ: er trat Hegemon voller Tapferkeit entgegen. Am Beispiel des seidenen Fadens lässt sich erkennen, dass es für Jesus nur einen Allmächtigen gibt, dessen Philosophie auf der Wahrheit und Gerechtigkeit beruht.

Trotz Gewissensbisse und der Befreiung von seinen Kopfschmerzen seitens Jesus beschließt Pontius Pilatus, den Prediger zum Tode zu verurteilen.

Aus Feigheit als „Führer“ nicht mehr glaubwürdig zu sein und sein Ansehen zu verlieren, sieht Pontius keine andere Lösung des Problems.

Die Zerstörung des Tempels wird als Anklagegrund abgelehnt. Das Verbrechen wird anders formuliert. Pilatus ist strickt gegen die Predigten von Jesus und findet es unmöglich, dass er Unruhe unter dem Volk stiftet. Jesus wird nun aus Jerschalaim entfernt und soll seinen Tod in Caesarea am Mittelmeer finden, wo sich die Residenz des Prokurators befindet.

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Christus vor Pilatus, Gemälde von Mihály von Munkácsy, 1881

Nach der Verkündung des Todesurteils befragt der Statthalter Jesus über Judas, über den sich Jesus positiv äußert. Er beichtet voller Mut, ihm gesagt zu haben, dass jede Macht eine schreckliche Gewalt über die Menschen ist und die Zeit kommen wird, wo keine Macht mehr existiert. Der Mensch wird in das Reich der Wahrheit und Gerechtigkeit übergehen, wo die Macht überhaupt nicht notwendig sein wird. Dies macht den Präfekt wütend, denn er kann sich kein Leben ohne Macht vorstellen. Er bezeichnet Jeschua als einen Verbrecher ohne Verstand. Seiner Meinung nach wird es nie eine größere und bessere Macht für die Menschen als die von Tiberius geben und Jesus hätte nicht die Macht dazu, darüber zu diskutieren.

Auch hier wird deutlich, dass Pilatus sich als „Führer“ über die Menschen stellt. Für ihn gibt es nichts Wichtigeres als Macht, die nur Herrschern zuteil wird.

Eine Sache gibt es noch, die Hegemon trotz seines Ärgernisses über Jesus beschäftigt. Er kann nicht aufhören, mit ihm über das Gute im Menschen zu sprechen. Jesus ist in seinen Augen ein Philosoph, zu dem er eine gewisse Bindung entwickelt, die ihm Angst macht. Vielleicht sieht er in ihm denjenigen, der er selbst nie sein konnte. Womöglich merkt er, dass man mit menschlichen Zügen kein Führer sein kann, denn die Herrschaft ist Macht, die unfreiwillig Gewalt über die Menschen bringt.

Bulgakow spielt hier durch die Figur des Meisters auf das sowjetische Regime an, das den Menschen in seiner Individualität zerstört und deutet darauf hin, dass ein Regent nicht gewissenhaft handeln kann, da er dadurch seinen Status verlöre.

Jesus wird in dem Roman vom Meister in erster Linie als ein mutiger Kämpfer für die Gerechtigkeit und Wahrheit dargestellt, der mit der Liebe, aber auch seiner großen Intelligenz versucht, gegen bestimmte politische Zwänge zu kämpfen. Auch als Angeklagter und zum Tode Verurteilter gibt er nicht nach und hat den Mut dazu, dem Statthalter gegenüber seine Meinung zu vertreten und ihm gar zu kontern.

Durch das Gespräch von Jesus, der ihn fasziniert, erkennt Pilatus, dass der Mut nicht nur darin besteht, über Andere zu herrschen, vielmehr besteht er darin, trotz allen Widrigkeiten gewissenhaft zu handeln, seine wirkliche Meinung zu vertreten, die dem Verstand und der Seele entspringt. Er kann aber seiner Feigheit, der Macht entgegenzuhandeln, nicht trotzen. Es entsteht bei Pilatus ein innerer Konflikt, der für unruhige Nächte sorgt:

jedes Mal, wenn er einschläft, sieht er sich mit seinem Hund auf einem Mondstrahl wandern. Am Ende des Strahls erwartet ihn Jeschua, mit dem er philosophische Gespräche über sein Urteil führt. Jesus deutet darauf hin, dass Pilatus` Entscheidung aus Feigheit fiel und bezeichnet die Feigheit als eine der größten Sünden. Dem widerspricht Pilatus und sagt, die Feigheit wäre die größte Sünde, die es gibt.

Er entschuldigt sich indirekt bei Jesus, dem Philosophen, für die Bestätigung des Todesurteils. Für die Erleichterung seines Gewissens braucht er von Jeschua einen Schwur. Er will von ihm hören, dass sein Tod nicht so qualvoll gewesen sei. Jeschua zögert nicht und beruhigt mit seinen Worten den leidenden Statthalter.

Auf dem Mondstrahl finden wohl Gespräche statt, die Jesus auf dem oben erwähnten Spaziergang mit dem Präfekt machen und auf diesem mit ihm seine Gedanken über die Wahrheit, Gerechtigkeit und den Mut teilen wollte. Als ein guter Menschenkenner und Psychologe wusste Jeschua, zumal er Pilatus als einen sehr intelligenten Mann bezeichnet hatte, dass Pilatus hin- und hergerissen war. Er wollte ihm den richtigen Weg zeigen. Doch leider hat das Gespräch zu Jeschuas Lebzeiten nicht stattgefunden.

Der fehlende Mut zu einer menschenwürdigen Entscheidung verdeutlicht, dass kein Herrscher mutig ist, wie es auch Jesus im Roman äußert. Der echte Mut basiert nicht auf der Herrschaft über die Anderen, in Erteilungen von Befehlen, Verurteilungen und Morden, sondern darin, nach seinem Gewissen zu handeln, unbeachtet dessen, wie schlimm das Ende für einen selbst ausfällt. Dazu gehört die Kraft zur Selbstlosigkeit des Menschen, zum Altruismus.

Warum erkennt Pilatus erst später die Feigheit als die größte Sünde überhaupt an? Er fühlte sich zu Jesus von Anfang an hingezogen, doch er hatte Angst vor dem Fall, vor dem Ruin seines Ansehens in Judäa. Und obwohl er der Richter über Jesus war, wurde ihm seine Feigheit zum Henker. Er richtete zwei Existenzen hin, die von Jeschua und seine eigene.

Er handelte gegen sein Gewissen und verschaffte sich damit qualvolle Tage. Nachts auf dem Spaziergang mit dem Philosophen verarbeitet er seine Handlungen, die er selbst als feige und furchterregend ansieht.

Am Ende des Romans von Bulgakow, als sich der Teufel mit Margarita und ihrem geliebten Meister auf den Weg zum „ewigen Haus“ begibt, zeigt er den Beiden einen dunklen, leeren Planeten, auf dem Pontius Pilatus seit über 2000 Jahren sitzt und schläft. Während des Schlafes träumt er täglich dasselbe: er will sein Urteil über Jesus ändern. Beim Vollmond quält ihn und seinen treuen Wächter, den Hund jedoch die Schlaflosigkeit.

Er wiederholt oft, dass er am meisten in der Welt seine Unsterblichkeit und seinen großen Ruhm hasst. Er wäre lieber Matthäus Levis gewesen, der sich doch nach seinem Gewissen richtete und Jesus während des Transports zum Hinrichtungsort durch einen Messerstich von den ihm bevorstehenden Qualen befreien wollte. Auch wenn es ihm misslang, fand er den Mut in sich, nach seinem Gewissen zu handeln.

Auf die Bitte Margaritas hin, Pilatus freizulassen, erwidert der Teufel, dass dafür bereits Jesus gesorgt hat.

Mit den Worten „Die Freiheit wartet auf dich!“ beendet der Meister seinen Roman.

Die Seele von Pontius Pilatus wandert den, ihm aus seinen Träumen bekannten Mondweg entlang, begleitet vom Philosophen Jeschua.

Das Ende der Geschichte zwischen Pontius Pilatus und Jesus macht deutlich, dass die Seele ihre Erlösung nur durch die Wahrheit und den Mut zu vergeben, findet.

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