Manuela Martini – Vamos a la playa – Eine Schriftstellerin wandert aus – Kapitel 1

Der Aufbruch

„Partir c’est toujours un peu mourir“ Aufbrechen ist immer ein bisschen wie sterben

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Cover-Vamos-a-la-playa-ebook-e1411317239650Der Regen trommelte auf das Blech und die Scheibe des gebrauchten Opels, die Scheibenwischer wischten hektisch immer wieder neue Halbkreise frei, die Lüftung blies auf vollen Touren und schaffte es dennoch nicht, die beschlagenen Seitenscheiben zu trocknen.
Ich rückte näher ans Steuer, um besser sehen zu können, trotzdem konnte ich nicht allen Pfützen auf der Autobahn ausweichen. Wasser spritzte hoch, und der Wagen geriet immer wieder ins Schlingern.
„So ein Wetter haben wir bald hinter uns“, meinte Simona. Ich warf einen schnellen Seitenblick zu ihr, meiner Lebenspartnerin seit nunmehr sechs Jahren – meiner Ehefrau seit sechs Monaten. Zuversichtlich und gut gelaunt sah sie durch die Scheibe, als läge da vor uns nicht die regennasse Straße, sondern schon das Meer und überhaupt unsere verheißungsvolle Zukunft in einem neuen Leben. Ihre halblangen braunen Haare bauschten sich im Gebläse der Lüftung, als wären wir tatsächlich schon am Strand. Sie sah so jung aus mit ihrem zuversichtlichen Lächeln und ihrer glatten Haut, die sich wohl dank eines italienischen Vorfahren schon im schwächsten Sonnenschein bräunte. Ich hingegen wurde meist erst einmal rot, und am Ende blieb ein heller rotbrauner Hauch. Nein, ich hatte sie natürlich nicht nur wegen ihres Aussehens geheiratet! Ich glaube, auch wegen ihrer Schlagfertigkeit und weil sie ernsten Situationen auch eine komische Seite abgewinnen kann, weil sie die Dinge anpackt und nicht nur darüber redet – oder philosophiert – wie ich. Und dass wir das taten, was wir gerade taten, war auch ihrem Nichtlockerlassen zu verdanken. Wenn sie sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hat …
Sie schraubte den Deckel der Thermoskanne auf, goss Kaffee ein und hielt ihn mir mit einem aufmunternden Lächeln hin. „Dann gibt’s nur noch Sonne!“
„In Spanien regnet’s aber auch“, erwiderte ich, nahm den Becher und trank einen Schluck. Der Kaffee schmeckte ein bisschen nach Tee, der wahrscheinlich vorher in der Kanne gewesen war. Aber das störte mich jetzt kaum. In mir hatte sich ein dunkler Abgrund aufgetan, der mich jeden Moment vollends zu verschlingen drohte. Wenn es irgendwie möglich gewesen wäre, hätte ich die Zeit zurückgedreht. Um zwei Monate oder besser noch um acht Monate – bevor wir die zehn Tage Nerja/Südspanien gebucht hatten. Oder vielleicht doch lieber um zwei Jahre – bevor sich dieser Plan überhaupt herausbilden konnte – der Plan, auszuwandern.
„Mehr als dreihundertzwanzig Sonnentage“, beharrte sie. „Das sind immerhin sechsunddreißig Regentage oder Schlechtwettertage und in Schaltjahren sogar siebenunddreißig“, ergänzte ich. Ich war noch nie gut im Rechnen oder in Mathematik gewesen, und dass ich in dem Moment so schnell rechnen konnte, war bloß ein Zeichen dafür, dass ich mich in einer verzweifelten Situation fühlte, da funktionierte das Rechnen immer. Ich weiß nicht warum.
„Also mehr als fünf Wochen! Fünf Wochen Regen …“
„Warum bist du denn so miesepetrig?“
Wie sollte ich es ihr erklären? Ihr, die sich das hier doch so sehnlichst gewünscht hatte? Sollte ich sagen: Wir kehren um. Das hat doch alles keinen Sinn? Oder schlimmer noch: Mich überfallen die Bedenken, die Angst saugt mich mit fürchterlicher Macht in einen Abgrund? Oder am schlimmsten: Glaubst du wirklich, es war die richtige Entscheidung?
In diesem Fall würde sie wütend werden, da war ich sicher. Sie würde sagen: Das fragst du jetzt? Oder: Warum musst du auch immer zweifeln? Oder: Du bist auch keine Hilfe!
Und so murmelte ich: „Ach, dieses Wetter macht einfach schlechte Laune.“
„Moment“, erwiderte sie und klappte eine CD-Hülle auf.
Dann drehte sie die Lautstärke auf. Neil Diamond. Die CD hatten wir erst vergangene Woche gekauft. Damals, als er richtig populär war, habe ich ihn nie besonders gemocht, aber jetzt war es, als hörte ich zum ersten Mal seine Songs und seine Musik. Simona fand gleich unser Lieblingslied, das wir die letzten Tage immer wieder gespielt und beim Refrain mitgesungen hatten. Als wir uns ausmalten, wie schön alles in unseren neuen Leben werden würde.
Sweet Caroline …
Where it began …
Was it in spring
and spring became a summer …
„Und?“ Simona drehte sich zu mir.
„Sweet Caroline …“, sang ich und schon ging’s mir besser.

Mein Gott, sagte ich mir, du bist Mitte Vierzig und machst jetzt so eine Sache aus allem! Sei doch mal ein bisschen zuversichtlicher! Aber, was soll ich tun, ich gehöre nun mal zu den Menschen, die sich Gedanken machen, zu viele, unter Umständen auch, aber sonst wäre ich vielleicht ja auch nicht Schriftstellerin geworden, sondern praktische Ärztin, wie ich es mir mal in den Kopf gesetzt hatte.
Sweet Caroline, la, la, la …
Neben meinen Zweifeln quälte mich auch das Bild meiner winkenden Eltern im Rückspiegel als wir losgefahren waren. Meine Mutter im Rollstuhl und mein Vater mit Tränen in den Augen. Hinter ihnen: Die geradegewachsene Birke vor dem Haus; der gepflegte Vorgarten mit den Erikas und Stiefmütterchen; der von der Nässe dunkle Jägerzaun mit dem zuverlässigen Muster sich überkreuzender Balken; die Straße mit den ordentlich auf den markierten Plätzen parkenden Autos. So langweilig ich das als Kind oft empfunden hatte, so sehr sehnte ich mich jetzt danach zurück. In jenem Augenblick tauchten alle Erinnerungen an die anderen, davor liegenden Augenblicke des Abschieds auf. Der erste Auszug in meine eigene Wohnung während meiner Studienzeit. Der Umzug von Mainz nach München … Und immer lag unter dieser oberflächlichen aufgeregten Freude aufzubrechen, die Trauer um das Zurückgelassene, um das, was endgültig vorbei war. Und vorhin bei der Abfahrt wollte ich einfach dableiben. Mich ins warme Wohnzimmer zu meinen Eltern setzen und fernsehen. Mittagessen. Abendessen. Bücher lesen. Von fernen Abenteuern träumen – und schreiben, die Füße in warmen Hausschuhen, die Kanne Tee auf dem Schreibtisch. Oder Kind sein.
„Ist alles okay, mit dem Auto?“, riss mich Simonas Stimme aus meinen Überlegungen.
„Ja … warum?“
„Ich hab nur gedacht, weil du so langsam fährst.“
„Ach so …“, murmelte ich. „Das ist die Musik …“ Inzwischen sang Neil Holy, Holy … Dann warf ich aber doch einen Blick auf den Tacho. Achtzig, ich fuhr tatsächlich auf der Autobahn Achtzig. Ich beschleunigte rasch auf hundert.

So ist es schon immer gewesen. Kurz vor einer Reise, der ich lange entgegenfieberte, wollte ich am liebsten zu Hause bleiben. Am liebsten im Bett, die Decke über den Kopf gezogen. Alles da draußen, was mir die ganze Zeit so verlockend erschienen war, wurde dunkel und groß und bedrohlich. Ein Dschungel voller Gefahren lauerte dort draußen.
Warum, um Himmels willen, fragte ich mich, wollte ich verreisen? Und jetzt fragte ich mich: Wie, um Himmels willen, hatten wir nur jemals einen solchen Plan fassen können?
Doch jetzt war es zu spät. Schon längst hatten wir Mainz hinter uns gelassen und fuhren auf der Autobahn Richtung Saarbrücken. Dann käme Dijon, dann Lyon, Montpellier, Perpignan und irgendwann die spanische Grenze. Gerona, Barcelona, Granada – und schließlich Málaga und Estepona.
Mein Gott!
Und anders als bei einer Urlaubsreise, wenn man sich trösten konnte, dass man in zwei oder drei Wochen wieder zu Hause war, würden wir nicht zurückkehren.
Nur wenn wir scheitern sollten. Wir wanderten aus. Allein der Ausdruck ließ mich schon zurückzucken. Es hatte etwas von Nie-mehr-wiedersehen, von Dampfern voller Flüchtlinge, ich sah sie direkt vor mir, hungrig und frierend, trotz ihrer schweren Mäntel … ein ungewisse Zukunft lag vor ihnen, weitab von der Heimat, die sie wahrscheinlich nie wieder sehen würden …
„Sei doch nicht so dramatisch!“, meinte Simona, als ich eines Nachts schweißgebadet aufwachte und ihr davon erzählte.
„Erstens nehmen wir keinen Dampfer sondern ein Auto. Und zweitens können wir jederzeit zurück.“
Da gab es nichts zu widersprechen. Dennoch … ich sah sie immer wieder vor mir … die überfüllten Kais und die dunklen Mäntel …

Tatsache war: Wir hatten unser altes Leben hinter uns gelassen und fuhren in ein neues, das bis jetzt nur in unserer Fantasie existierte.

In der Fantasie – richtig. Darin war ich gut. In der Fantasie neue Leben entstehen zu lassen. Ganze Universen hatte ich geschaffen. Über zweitausend Seiten Fantasie geschrieben. Eine Krimiserie über einen australischen Detective – alles frei erfunden, auch wenn ich in der Wirklichkeit recherchiert hatte, über echte Verbrechen gelesen und echte Kommissare interviewt hatte. Aber letztendlich hatte ich am Schreibtisch gesessen und hatte andere lügen und leiden, lieben und hassen, morden und richten lassen.

Und am Ende des Tages schaltete ich meinen Computer aus, stand vom Schreibtisch, öffnete die Tür meines Arbeitszimmers und stand in meiner Wirklichkeit. Einer Münchener Altbauwohnung mit heimelig knarrendem Parkett, in einem gediegenen Wohnviertel, unweit des Nymphenburger und des Olympiaparks. Simona kam aus ihrer Physiotherapie-Praxis nach hause, wir kochten, gingen aus oder ins Kino oder trafen uns mit Freunden. Von Verbrechen las ich bloß in der Zeitung oder im Internet. Die Verbrechen und Gruselstories lieferten im Grunde genommen nur den Vorwand dafür, über das Leben zu schreiben. Sie sind der Hintergrund. Indem Verbrechen und Ausnahmesituationen die Figuren in den Krimis an ihre Grenzen treiben, an denen sie ihr Wahres Ich zeigen müssen, konfrontieren sie auch die Leser mit diesen Fragen. Und mich. Wie würde ich reagieren? Wie würde ich mich fühlen? Wie würde ich entscheiden? Hätte ich den Mut?

Ja, auch meine Wirklichkeit gestaltete sich weitaus weniger dramatisch und lebensbedrohlich als die Wirklichkeit, die ich tagtäglich erschuf. Doch jetzt sollte sich das ändern. Nicht, dass wir uns in gefährliche Gefilde begaben, in ein Kriegsgebiet zogen oder so – oh nein, wir waren auf dem Weg nach Südspanien, an die Costa del Sol, um dort zu leben und zu arbeiten – dort, wo andere Urlaub machten oder Golf spielten. Ich sollte mich eigentlich freuen.

Simona hatte ihre Physiotherapie-Praxis verkauft, wir hatten unsere Wohnung in München gekündigt, und auf dem Rücksitz und im Kofferraum standen drei Kartons mit den nötigsten Haushaltssachen, zwei Taschen mit Kleidung, Simonas zusammengeklappte Behandlungsbank für eventuelle Hausbesuche und mein Computer. Schriftsteller brauchen ja nicht viel und können überall schreiben, lautet die weit verbreitete Meinung – von Nichtschriftstellern. Wahrscheinlich weil Schriftsteller sich mit ihrem Notebook, ihrer Schreibmaschine oder mit Papier und Stift so bescheiden ausnehmen gegenüber … sagen wir mal Piloten, die immerhin ein Flugzeug brauchen, um ihren Beruf auszuüben.

„Wir sollten mal Fahrerwechsel machen“, meinte Simona. Oh ja, ich tuckerte schon wieder mit achtzig dahin.

Young childish dream … sang Neil.

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Kontakt:
mail@manuela-martini.de
www.manuelamartini.de

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