Manuela Martini – Vamos a la playa – Eine Schriftstellerin wandert aus – Kapitel 2 – Leseprobe

Der Aufbruch – Kapitel 2                                        zu Kapitel 1

Cover-Vamos-a-la-playa-ebook-e1411317239650Die Regentropfen wurden schwerer, die Pützen tiefer, und der Motor wurde heißer. „Ist wahrscheinlich normal“, meinte Simona auf einem Rastplatz irgendwo hinter Karlsruhe. Sie blickte auf die Kühlerhaube, aus der Dampf aufstieg.
Ich verstehe rein gar nichts von Autos und Motoren. In München hatten wir nur das Car Sharing genutzt und waren sonst mit dem Fahrrad oder mit Tram und Bus unterwegs gewesen. Ich machte mal die Haube auf. Aber da kochte nichts. Aus dem Kühlwasserbehälter stieg kein Dampf auf. Der kam von weiter unten. Ich ärgerte mich. War ich reingelegt worden?
Wir hatten den Opel Agila erst vor zwei Wochen gekauft. Ich hatte ihn im Internet gefunden und fand so einen Kleinwagen praktisch. Er passte in jede Parklücke einer spanischen Altstadt, und hatte einer große Ladeklappe, sodass Simona ihre Behandlungsbank hineinbekam. Außerdem war er weiß und hatte damit genau die richtige Farbe für den heißen Süden. „Das fängt ja gut an!“, sagte ich verärgert und ließ die Haube herunter. Gescheitert. Flug zum Mond abgebrochen. Mit einem blauen Auge davongekommen.
Ich stellte mir vor, wie wir den Wagen abschleppen lassen und mit dem Zug wieder zurückfahren mussten. Mein Vater würde sagen: „Es war ja auch eine verrückte Idee.“Meine Mutter würde sagen: „Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Sollen wir nicht alle zusammen heute Abend essen gehen?“ Sollte das also ein Zeichen sein? Eine Mahnung, das Schicksal nicht herauszufordern? Würde alles nur noch schlimmer werden? „Hör auf so negativ zu denken!“, sagte Simona bestimmt, als ich ihr meine Bedenken mitteilte. „Damit erzeugst du nur schlechte Schwingungen.“
Heißt es nicht in der Quantentheorie, dass das Ergebnis vom Betrachter abhängt? So ganz habe ich das noch nie verstanden – das heißt, eigentlich verstehe ich es überhaupt nicht –, aber das heißt ja nicht, dass es nicht stimmt. „Okay.“ Ich nickte. „Ab jetzt keine schlechten Schwingungen mehr. Und an der nächsten Tankstelle lassen wir das nachsehen.“
Simona lächelte zufrieden und packte die letzten beiden Brote aus, die meine Mutter uns gemacht hatte.
Eins mit Salami und eins mit gekochtem Schinken, so wie früher, als ich noch zur Schule ging. Jetzt rührte es mich. In den Augen meiner Mutter war ich mit vierundvierzig immer noch ein Kind.

Überhaupt waren die vergangenen vier Wochen für mich wie eine Reise in die Kindheit gewesen. Simona und ich hatten unsere Wohnung in München gekündigt und die meisten Möbel verkauft. Bücherkisten, Geschirr, zwei Sessel, eine Kommode und den ganzen Rest, der sich im Laufe der Jahre ansammelt und den man mit sich herumschleppt, hatte ich zusammen mit meinem Bruder in einem Lieferwagen nach Mainz zu meinen Eltern gebracht – und dort im Keller untergestellt, um einen Teil davon später nach Spanien transportieren zu lassen. Simona war zu ihrer Mutter in die Oberpfalz gefahren, um sich von ihr zu verabschieden.
Dann wollten wir zusammen von Mainz aus aufbrechen, nachdem wir dort unsere Kartons gesichtet und für den späteren Transport nach Spanien sortiert hätten. So war der Plan. Zwei Wochen lang bliebe Zeit, den Umzug vorzugbereiten. Aber meine robuste siebzigjährige Mutter, die sogar noch ihren Blinddarm hatte, machte uns einen Strich durch die Rechnung.

 Der Tag war sonnig. Doch die Tage davor hatte es geregnet und an den schattigen Stellen auf den Bürgersteigen hatte sich die Feuchtigkeit in die winzigen Moose gesaugt, die dort so vor sich hinwuchsen. Auch welke Blätter und die Erde, die sich in die Spalten und Risse der Pflastersteine gesetzt hatte, waren nun feucht und bildeten einen schlüpfrigen Belag.

An diesem Tag holte meine Mutter ihre vierjährige Enkelin aus Bensheim ab, wo mein Bruder mit seiner Familie wohnte. Das tat sie regelmäßig, einmal die Woche. Sie nahm jedes Mal den Zug. Ich hatte in der Nähe vom Bahnhof ein paar elektronische Teile kaufen müssen und holte sie ab und wir gingen zusammen die halbe Stunde zum Haus. Meine Eltern haben das zweistöckige Haus mit der Garage im Keller in den Sechziger Jahren gebaut und die Einfahrt ist wirklich steil. Der Einfachheit halber, weil sie gleich den Kinderwagen in der Garage stehen lassen wollte, nahm meine Mutter mit dem Kinderwagen die Garageneinfahrt. Eigentlich sah es ganz harmlos aus. Eher so, als habe sich meine Mutter auf halbem Weg entschlossen, in der Hocke den Kinderwagen hinunterzuschieben. Plötzlich saß sie dann auf dem Hosenboden, die Hände immer noch oben am Bügel des Kinderwagens, der an der seitlichen Wand der Einfahrt steckengeblieben war. Meine Nichte machte große Augen und hörte auf zu singen. Wie oft hatte ich ihr gesagt, sie solle nicht die durch feuchte Blätter glatte Einfahrt hinuntergehen, aber Eltern sind irgendwann genauso stur und starrköpfig wie Kinder.

Während mein Vater sich um seine Enkelin kümmerte, rief ich einen Krankenwagen und fuhr mit meiner Mutter ins Krankenhaus. Knöchel gebrochen, ziemlich kompliziert, lautete die Diagnose. Zwei Tage später wurde sie operiert, fast eine Woche lang musste sie im Krankenhaus bleiben. Und ich pendelte zwischen Haus und Krankenhaus, kochte für meinen Vater oder ging mit ihm Essen – was uns beiden lieber war, putzte, ging einkaufen und half, die Zeit danach vorzubereiten. Denn meine Mutter würde die nächsten Wochen nicht ohne Krücken gehen können.

„Was für ein Glück, dass du ausgerechnet jetzt hier bist“, sagte meine Mutter mit Tränen in den Augen. „Ja“, sagte ich und drückte ihre Hand. Und mein Vater sagte zu mir: „Was für ein Glück, dass du ausgerechnet jetzt hier bist.“

„Ja.“

Aber ich wusste, dass sie beide eigentlich sagen wollten: „Willst du wirklich so weit weg?“

Und als ich nachts im Bett lag, kamen sie, die Bedenken und Zweifel, denen ich tagsüber aus dem Weg gegangen war. War der Unfall eine Warnung des Schicksals, verbunden mit der Botschaft, es würde alles noch viel schlimmer kommen? Ich bin kein abergläubischer Mensch, ich glaube auch nicht an einen lenkenden Gott, aber es gibt eine höhere Ordnung, und wenn es nur die Kraft ist, die Moleküle und Atome zueinander finden lässt – und so könnte es doch möglich sein, dass alles, was passiert, sich zu einem großen Ganzen fügt, dessen Bauplan wir nicht erkennen …

„Deine Mutter macht wirklich gute Brote“, sagte Simona in diesem Augenblick kauend. „Ja. Sie macht gern viel Butter drauf. Das hat sie noch vom Krieg, als es keine gab“, erklärte ich. „Und Öl gab’s auch kaum. Einmal muss ihnen irgendwer gereinigtes Maschinenöl als Speiseöl verkauft haben. Meine Mutter wurde schwerkrank, sie wäre fast gestorben.“
„Manche Menschen sind einfach skrupellos.“ Simona schüttelte den Kopf. Ich dachte an den Autoverkäufer. Ich war sicher, er hatte mich über den Tisch gezogen. An der nächsten Tankstelle ließen wir Wasser und Öl überprüfen. Es stellte sich heraus, dass zu viel Öl eingefüllt worden war. Der Schaden wurde behoben, und wir fuhren weiter.
Das war also nur ein weiterer kleiner böser Scherz des Schicksals gewesen. Der misslungene Versuch irgendeiner Macht, uns Angst einzujagen und uns davon abzuhalten, unseren Traum zu leben, sagte ich mir.
When you have a dream, be ready to pay the price to make it come true – den Spruch hatte ich mir als dreizehnjährige übers Bett gehängt. Keinen Traum gibt’s umsonst …
Mein erstes Buch, das ich mit sieben selbst gelesen und sehr geliebt habe, war eine Geschichte von einem Indianerjungen, der mit seinem Kanu über die Seen paddelt und Abenteuer erlebt. Mein zweites Buch – ich erinnere mich noch genau – war ein Einklebe-Buch von ESSO über Entdecker und ihre Reisen. Meine Omi hat es mir geschenkt – und die Bilder waren schon eingeklebt. Ich wurde nicht müde, mit Hillary den Himalaya zu besteigen, mit Scott in der Antarktis zu leiden – immer und immer wieder, Seite um Seite.

Später wollte ich auch an Expeditionen teilnehmen, nahm ich mir vor. Mich durch den Urwald schlagen, auf der Suche nach unbekannten Lebewesen, oder mit einem Unterseeboot die Ozeane erkunden, gruselige Meeresungeheuer entdecken oder versunkene Städte. Ich habe auch Bücher über den Mond und den Mars verschlungen. Wäre es nicht fantastisch, im Raumanzug durch den roten Marssand zu stapfen? Aber, um Himmels willen, wie könnte ich das alles in einem einzigen Leben tun? Das muss ich mich wohl unbewusst schon als Kind gefragt haben, denn ich hatte einen zweiten Berufswunsch: Schriftstellerin. Ich wusste, dass ich dann alles erleben könnte.

Und jetzt auf der Fahrt, mit all dem Zaudern und den Bedenken fiel mir dieses Esso-Entdecker-Buch wieder ein. Ich dachte an den Mut von Amundsen, zum unbekannten Südpol aufzubrechen – an Scott und an Hillary und an Neil Armstrong …
Dagegen war unsere Fahrt nach Spanien doch wirklich ein Klacks. „Und warum wollt ihr unbedingt weg?“, wurden wir von unseren Eltern und unseren Freunden gefragt. Ja, warum? Als Kind fühlte ich mich wie in einem Gewächshaus, wo immer für gute Bedingungen gesorgt ist, wo genug Wärme und Wasser für die Pflanzen da ist und wo sie vor Ungeziefer und vor fressenden Feinden geschützt sind. Warum war ich denn damit nicht zufrieden? Warum wollte ich hinaus? Hinaus in die Welt? In die freie Natur sozusagen, wo es stürmte und schüttete, wo Feinde lauerten?
Weil das Leben eben so ist. Weil alles fortschreitet. Immer weiter, weil es irgendwie nicht innehalten kann. Weil es immer in Bewegung sein muss. Wären sonst aus Einzellern Mehrzeller geworden? Wären sonst die Amphibien an Land gewandert?
„Weil Simona das schon immer wollte“, antwortete ich der Einfachheit halber.

***

Kontakt:
mail@manuela-martini.de
www.manuelamartini.de

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