Manuela Martini – Vamos a la playa – Eine Schriftstellerin wandert aus – Kapitel 3

Der Aufbruch – Kapitel 3                                    zu Kapitel 1

Cover-Vamos-a-la-playa-ebook-e1411317239650Wenn der Schnee geschmolzen ist, wenn die ersten Blumen durch die feuchte Erde brechen, wenn Knospen sprießen, der Matsch langsam trocknet, und die Sonne wärmt, starten Polarforscher ihre Expeditionen, und Bergsteiger richten ihre Basislager ein. Von Anfang an waren wir uns einig gewesen: Es kommt darauf an, genau zum richtigen Zeitpunkt abzureisen. Der Termin, wenn eine Rakete ins Weltall geschossen wird, wird auch nach ganz bestimmten Gesichtspunkten festgelegt, nach Mondumlaufbahn, Sonnenstand und Planetenkonstellation …
Am 21. März ist Frühlingsanfang. Astrologisch gesehen tritt die Sonne in das Sternzeichen Widder ein. Das heißt, erklärte eine Astrologie-Freundin von Simona, genau die richtige Zeit, um zu neuen Ufern aufzubrechen. Wir wanderten nach Spanien aus. Wir taten das, wovon viele träumten, was sie aber nicht wagten.
Wir hatten weder ein dickes Geldpolster noch ein Haus noch hatte Simona einen Job. Aber wir waren frei. Müsste das nicht ein wunderbares Gefühl sein?„Findest du nicht, dass wir genauso sind wie diese Auswanderer im Fernsehen?“, fragte ich irgendwann, während wir gleichmäßig dahintuckerten. „Die blauäugig und ohne Plan irgendwohin ziehen und sich dann wundern, dass alles anders ist, als sie es sich vorgestellt haben?“
Meine Eltern und unsere Freunde hatten öfter eine Bemerkung gemacht, ob wir die eine oder andere Folge gesehen hätten, über diese Familie, die nach Spanien ausgewandert ist, ohne Geld, ohne Job – und nur eine feuchte Wohnung gefunden hat. Ich antwortete jedes Mal mit einem belustigten Ja und versuchte, meine eigenen Bedenken nicht laut werden zu lassen. „Nö!“, sagte Simona. „Immerhin waren wir schon mal ein paar Tage da unten.“ Und fügte hinzu: „Und ein bisschen Spanisch sprechen wir ja auch schon.“ „Hasta luego“, sagte ich.
„Jetzt untertreib mal nicht.“ Und sie ratterte mir mindestens fünf Sätze runter, die sie sich aus unserem zweiwöchigen Spanisch-Intensiv-Unterricht gemerkt hatte und fügte abschließend hinzu: „Mi apellido es Simona.“ „Mi nombre“, berichtigte ich sie. „Meinetwegen“, sie zuckte mit den Schultern, „das kommt mit der Praxis.“

Unser Opel tuckerte weiter, und irgendwann passierten wir die französische Grenze. Spätestens jetzt zeigten wir der Welt – und mehr noch uns selbst -, dass wir es ernst meinten. Der Dreizylinder-Motor schnurrte nun wie ein alter, zufriedener Kater, die Scheibenwischer wischten gleichmäßig und zuverlässig, und jedes Schild mit dem Namen einer neuen Stadt trug ein bisschen dazu bei, dass die Abenteuerlust allmählich zurückkehrte. Auch wenn das Wetter kaum etwas vom Frühling erkennen ließ. Es regnete und regnete, auch noch bei Dijon. Immerhin wärmte die Autoheizung, und der Raps blühte in der sanft gewellten Landschaft und die weiten gelben Ebenen trotzten der Tristesse des Regens und dem verhangenen schweren Himmel. Es ist richtig, sagte ich mir. Es ist richtig, was wir tun. Live the dream. Pay the price.
Kurz nach Lyon ließ der Regen nach, und wir suchten abseits der Autobahn eine Übernachtungsmöglichkeit. Kalte Luft schoss durchs geöffnete Fenster herein, sie roch irgendwie anders als zu Hause. Würzig und nach Fluss und Bergen. Es dämmerte schon, und so nahmen wir gleich das erstbeste Motel. Der schlammige Parkplatz und der Flachbau dahinter sahen nicht gerade einladend aus, aber immerhin war ein Restaurant angebaut. Wir hatten also unsere erste Station auf dem langen Weg nach Süden erreicht. Unser Plan war nicht länger nur ein Plan, eine Idee, sondern eine Tatsache. Heute hatten wir eine siebenhundert Kilometer lange Tatsache geschaffen.

Das Zimmer war nichtssagend eingerichtet, nur die rot-weiß karierten Vorhänge sahen hübsch aus. Die Heizkörper wurden schnell warm. Und nach dem stundenlangen Brummen im Auto kam es mir hier drin wunderbar still vor. Wir hatten die erste Etappe auf unserer Reise in ein neues Leben geschafft. Und es fühlte sich sogar gut an.
Aus Recherchegründen habe ich viele Krimis gelesen, dazu das australische Polizeimagazin und True-Crime-Bücher. Ich weiß daher: Arglose Menschen können unversehens Opfer schrecklicher Gräueltaten werden, ermordet, zerstückelt, verscharrt … Wenn sie Glück haben, werden sie nur bestohlen. Ich bestand jedenfalls darauf, dass wir unsere Kartons und Taschen aus dem Auto holten.
Als wir dann später die Speisekarte mit vielversprechenden typisch französischen Gerichte wie Pastete und Beefsteak lasen und der Kellner routiniert die Flasche Rotwein entkorkte, spürte ich, wie die Wirklichkeit die Schatten gruseliger Fantasie verdrängte. Alles hier erschien normal und unspektakulär. An den anderen Tischen saßen einzelne Männer, wahrscheinlich Lastwagenfahrer oder Handlungsreisende. Und wir selbst wirkten wohl wie Urlauberinnen auf der Durchreise. „Ich finde, wir sollten uns einfach vorstellen, wir fahren in einen längeren Urlaub. Dann fühlt sich alles nicht so bedeutungsschwer an“, meinte ich nach dem ersten Schluck. „Arbeitsurlaub ist vielleicht besser“, überlegte Simona. „Okay. Arbeitsurlaub.“ Wir aßen Beefsteak und Pastete und Gemüse und tranken am Schluss noch einen Cognac.
Es fühlte sich gut an. Wirklich. Lebendig. Und morgen würde es weitergehen. Weiter nach Süden. Immer nach Süden, so wie einst die amerikanischen Siedler mit ihren Planwagen einst immer weiter nach Westen gezogen waren. Go West. Go South.

Urlaub, es ist ja nur Urlaub, dachte ich, als ich später im Bett lag und das spärliche Licht beobachtete, wie es durch die Vorhänge drang und helle Flecken an die Decke warf, und schon wieder meldeten sich Zweifel an unserem Vorhaben. Ich dachte an meine Eltern, die vorhin am Telefon den Abschiedsschmerz so tapfer zu unterdrücken versucht hatten. Ich dachte an unsere Münchner Freunde und an unsere Wohnung, und dann fiel mein Blick auf die Schatten der drei kümmerlichen Kartons, und ich erinnerte mich an die vielen zurückgelassenen Sachen und an die verschenkten Bücher und verkauften Möbel, und ich kam mir auf einmal so verloren vor.
Was bin ich eigentlich? Was macht mich aus? Was macht mich zu dem, der ich bin? Mein Besitz? Meine Wohnung? Meine Freunde? Meine Familie? Das war alles weit, weit weg. Zurückgelassen oder verkauft, im Keller gelagert, verschenkt. Wer bin ich? Ohne all das? Irgendwann verwandelte sich das ferne Rauschen der Autobahn in das Rauschen des Meeres, die Schatten wurden zu Klippen und Felsen, der Rotwein und der Cognac taten ihre Wirkung, und ich schloss die Augen.
Irgendjemand – ich habe vergessen, wer (er oder seine Erben werden es mir verzeihen) – hat einmal gesagt: Der kürzeste Weg zu sich selbst führt um die ganze Welt. Warum ist das so? Weil wir auf einer Reise unseren Ballast zurücklassen? Weil wir uns endlich selbst kennenlernen? Warum muss ich die Weite des australischen Outback spüren und die Stille der Wüste hören, auf einem Boot die Größe des Ozeans erleben, um etwas in mir selbst zum Klingen zu bringen? Liegt es daran, dass wir Menschen, egal, wie weit uns die Evolution von anderen Organismen entfernt hat, immer ein Teil dieses Universums bleiben, dies aber allzu oft vergessen?
Spüren wir dieses Dazugehören nur im Widerhall der Natur? Hören wir nur dann den Herzschlag allen Seins? Simona schlief fest neben mir. Die meisten Probleme bewältigt sie bei Tag. Konkret. Handelnd. Deshalb hat sie einen guten Schlaf. Darum beneide ich sie.

Am nächsten Morgen verstauten wir unsere Kartons und Taschen wieder im Auto, tranken rasch noch einen stark gerösteten französischen Kaffee und traten die zweite Etappe an. Gerona wollten wir erreichen. Gerona in Spanien. Hinter der zweiten Grenze. Und der Regen hatte aufgehört. Es versprach ein strahlend schöner Tag zu werden.

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Kontakt:
mail@manuela-martini.de
www.manuelamartini.de

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