Männer: Hinein in die Frauenberufe – eine Kolumne von Matthias Lugner

Cary Grant lernt stricken
Cary Grant lernt stricken

Als ich als Kind zum ersten Mal auf der Strasse einem farbigen Mann begegnete, war meine Verzückung riesengross. Später bereiste ich als junger Mensch mit meiner Freundin den afrikanischen Kontinent und erlebte das gleiche Phänomen andersherum: zwei Menschen mit weisser Hautfarbe, das war die Sensation! Kinder rannten in Scharen hinter uns her. Den Exotenstatus kennen wir alle in irgendwelcher Form. Sei es als Pflaume unter Aprikosen, als Unke unter Fröschen oder als Tänzer unter Nichttänzern… nicht dass wir im Grunde etwas Außergewöhnliches wären, aber das Umfeld macht uns dazu.

Die Normalen und die Exoten

Den Einstieg ins Berufsleben fand ich, indem ich eine Lehre zum Tischler machte. Wir waren eine Klasse von sechzehn «Stiften». Darunter gab es eine einzige Frau. Es fiel ihr nicht leicht, sich unter uns Männern als fachlich kompetente Handwerkerin zu etablieren. Nach der Lehre ging ich ans Theater und erlebte mit grossem Erstaunen, dass in der Theaterwelt Exoten völlig normal waren, ich als normaler Spießbürger war hingegen ein Exot.
Jahre späterarbeitet ich in einer psychiatrischer Klinik um dort die Maltherapie einzurichten. Ich war nun wiederum ein exotischer Vogel und zelebrierte dies: trug beispielsweise Hosen mit tellergross aufgedruckten Rosen in Orange, Rot, Rosa und Gelb. In der Pflege arbeiteten damals nur wenig Männer und im ärztlichen Dienst waren mehrheitlich Assistentinnen tätig. Mein Umfeld war überwiegend weiblich.

Soweit einige persönliche Eindrücke zu beruflichen Minderheiten. Heute stehe ich als Dozent im therapeutischen Unterricht in den Ausbildungsklassen zwanzig Frauen gegenüber. Vereinzelt taucht auf der andern Seite unter den Studierenden auch mal ein Mann auf, selten zwei.

Diese Umstände sind es, welche mich bewegen, folgenden Fragen nachzugehen: Liegt das sozio-kulturelle Engagement dem Wesen der Frauen näher als den Männern? Stimmt es wirklich, dass Frauen fähiger sind, sich in andere Menschen hinein zu fühlen? Und: Muss man sich schämen, wenn man als Mann einen Platz in einer frauenspezifischen Berufssparte beansprucht?

Alte Zöpfe

In führenden Positionen sind Männer in jedem Berufsfeld anzutreffen. Je höher die Stufe auf der Leiter, umso mehr dominieren Männer. Männer leiten Frauen – ein vertrautes Bild. Allerdings etablieren sich Frauen zunehmend in Männerdomänen: Deutschland kennt eine Bundeskanzlerin, die NASA hat eine Astronautin und die Bauunternehmung hat eine Kranführerin. – Männer dagegen stossen eher zögerlich in klassische Frauenberufe vor: Kindergärtner, männliche Hebammen und Arzthelfer sind noch Ausnahmen.

Die klassischen Frauenberufe sind oft helfende Berufe. Das klingt provokativ, weil es etwas Abwertendes hat. Aber: mit Helfen ist gemeint, Entwicklungen zu unterstützen und zu mehr Selbständigkeit anzustoßen. Da sind die sogenannten weichen Faktoren gefragt: Empathie, Beziehungs- und Konfliktfähigkeiten.

Neue Aussichten

An der Basis in gewissen sozialen Berufen sind wir Männer ziemlich dünn angesiedelt. Im Pflegeberuf, bei Heilpädagogen oder mittlerweile auch bei Lehrern der Unterstufe sind Männer rar. Und wenn sich einer unter die Frauen wagt, ist er Hahn im Korb oder ein Sonderling mit vielen weiblichen Anteilen. Natürlich, da braucht es schon einen sanften Charakter. Aber um Himmels willen kein Weichei. Der Druck auf den Mann ist gross: muss er sein wie eine Frau? Muss er fühlen wie Frauen fühlen? Muss er zuerst beweisen, dass er fühlen kann?

Wie wir wissen, sind alle Musen weiblich und überhaupt heisst es, Frauen seien kommunikativer und fähiger, Beziehung aufzubauen, könnten besser zusammenarbeiten und seien weniger an Macht interessiert als Männer. Wenn es stimmt, dass Frauen ganzheitlicher veranlagt sind, als die Mehrheit der Männer (es sei erwiesen, dass Frauen stärker mit beiden Gehirnhälften denken), heisst das nicht, dass der Mann bescheiden zurücktreten soll. Wir können von Frauen lernen, zwischen den beiden Seiten zu vermitteln. Vermitteln zwischen dem Ego und dem Wir, vermitteln zwischen stark und schwach.

Geschlechterstudien belegen, dass Männer ihr Leben unter anderem daran orientieren, was sie meinen, dass Frauen von ihnen erwarten. Das Wissen über Männer ist eher karg. Die Geschlechtersoziologie beschäftigt sich hauptsächlich mit den Frauen. Der Mann dient als Referenzkategorie, als das Nicht-Weibliche, als der gesellschaftlich Herrschende, dem gegenüber die Gleichberechtigung der Frauen eingefordert werden muss.
«Wann ist ein Mann ein Mann?» fragte Herbert Grönemeyer vor einem Vierteljahrhundert. Und die Frage bleibt aktuell. Die Bewegung ist voller Schwung, mit welcher der Mann in seine eigene Tiefe blickt. Das ist ein Weg zu sich selbst, mit der Haltung: es ist richtig, so wie ich bin. Es tut gut, sein eigenes männliches Selbst-Verständnis zu kennen und weiter zu entwickeln. Auch für die Arbeit mit Menschen. Denn mitunter ist die Klientel auch männlich. Und Männer brauchen Männer als Spiegelbild, brauchen die männliche Energie in ihrer Heilung und Entwicklung. Das gilt auch für Jungs in der Grundschule und der Grundstufe an wieterführenden Schulen.

Es gibt nicht nur das Eine. Deshalb meine ich, es sei richtig, wenn Männer sich in Arbeitsbereichen von Frauen betätigen und umgekehrt. Ich plädiere für eine Artenvielfalt in allen Bereichen und auf allen Ebenen. Ohne dass die Idee aufkommt, die einen müssten gleich sein wie die andern – echte Biodiversität eben. Denn beide werden gebraucht, Frauen und Männer, zusammen gestalten wir die Welt. Und daher mein Appell: Männer bleibt Männer und Frauen werdet endlich wieder welche.

  1. Ein gelungener Artikel. Ich kenne mehrere Männer, die mal in Pflegeberufen oder Erziehungsberufen tätig waren oder es auch sind. Umgekehrt finde ich es gut,wenn auch eine Frau sich mal in „Männerdomänen“ wagt. Team-Fähigkeiten sind aus meiner Sicht überall gefragt. Jeder sollte daher nach persönlichem Interesse und nicht nach Geschlecht entscheiden, was er machen will!

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