Ludwig Quidde – Die Geschichte des Pazifismus

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Ludwig Quidde mit Ehefrau Margarethe, 1888 in Venedig

Eine Geschichte des Pazifismus auf dem knappen hier zugemessenen Raum kann nur dürftige Daten und unvollständige Gesichtspunkte geben. Wenn diese Skizze aber ein wenig dazu beiträgt, die Aufgaben, die heute der Pazifismus zu lösen hat, und die Fragen, die uns innerhalb der eigenen Reihen beschäftigen, in den richtigen geschichtlichen Zusammenhang einzuordnen, und wenn sie vor allem im Leser das Interesse weckt, sich mit den lehrreichen Tatsachen der Vergangenheit näher zu beschäftigen, so hat sie ihren Zweck erfüllt.

Die Geschichte der Ideen, die die Friedensbewegung beherrschen, ist so alt, wie die Geschichte menschlicher Gesittung; denn es gibt keine menschliche Gesittung ohne diese Ideen.

Von den Uranfängen überlieferter menschlicher Geschichte an regt sich selbst bei den kampffrohesten und krieggewöhntesten Völkern der Wunsch, einen Zustand friedlicher Gemeinschaft an die Stelle blutiger Gewalt und an die Stelle des männermordenden Krieges zu setzen. Die Sehnsucht nach einer solchen Welt des Friedens lebt in den großen Religionen des Ostens, wie in den Gedanken griechischer und römischer Philosophen. Den Propheten Jeremias so gut wie den Religionsstifter Buddha oder den Philosophen Plato (um nur drei der ganz Großen zu nennen) kann der Pazifismus zu seinen geistigen Ahnherren zählen.

sea-540438_1280_rottonaraNicht nur wird die Barbarei des Krieges von allen Propheten reinen Menschentums in leidenschaftlichen Worten verurteilt, nicht nur wird von ihnen der Segen des Friedens gepriesen oder die Heiligkeit des Menschenlebens gepredigt; schon in dieser uns so fernliegenden Welt taucht, z. B. bei den Stoikern oder bei Marc Aurel, der Gedanke der internationalen Organisation, das Ideal des Weltstaates auf.

Die starken pazifistischen Elemente, die in der Lehre Christi enthalten sind, haben im Urchristentum, im Kreise der Kirchenväter und später auch in der Kirche des Mittelalters immer wieder Vertreter der Friedensideale erstehen lassen. Keine Geringeren als der hl. Augustinus, als der »Doctor universalis«, Thomas von Aquino, und als der Dichter der Divina Commedia, Dante Alighieri, sind in dieser Reihe zu nennen. Zu ihnen gesellen sich, um wieder nur Beispiele herauszugreifen, ganz modern anmutende Denker, wie Marsiglio von Padua, ein Vorläufer zugleich Luthers und Rousseaus, mit seinem 1324 erschienenen Defensor pacis und der französische Jurist Pierre Dubois mit seinem Staaten-Organisationsplan, enthalten in der 1305 verfaßten Schrift De recuperatione terre sancte.

Die Geistesgeschichte der Neuzeit vereinigt mit der Friedensbotschaft des Christentums die humanistisch erfaßten Überlieferungen des klassischen Altertums und entwickelt daraus eine eigene, moderne Auffassung internationaler Gemeinschaft. Zu Anfang des 16. Jahrhunderts tritt der Führer der älteren Humanisten Erasmus von Rotterdam als Vertreter der Friedensidee bedeutsam hervor, im 17. ein zweiter Niederländer, der Vater des Völkerrechts, Hugo de Groot (Grotius), dessen Werk De jure belli et pacis im Jahre 1624 erschien. Ihm folgten in Deutschland noch im 17. Jahrhundert Samuel Freiherr von Pufendorf und Christian Thomasius. In Frankreich vertrat der berühmte Fenelon durchaus pazifistische Gedanken, ohne freilich dafür praktisch wirksamen Einfluß auf seinen Schüler Ludwig XIV. zu gewinnen. Neben ihm sind Männer wie Pascal, Boileau, La Bruyère, Pierre Bayle zu nennen, in England der Philosoph John Locke. In die gleiche Zeit fällt die für die Zukunft so folgenreiche, noch in der Gegenwart religiös, humanitär und politisch bedeutsame Quäker-Bewegung. Im Jahre 1693 erschien William Penns Essay on the present and future peace in Europe.

Auch von praktischen Staatsmännern gingen Entwürfe aus zur Befriedung der Welt durch internationale Organisation. Genannt sei nur aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts der Plan Georg Podiebrads, Königs von Böhmen, aus der Wende des 16. zum 17. jener Heinrichs IV. von Frankreich, erst lange nach seinem Tode veröffentlicht in den Memoiren seines Ministers Sully.

Als eine Zusammenfassung der bisherigen Entwicklung, zugleich als Ausgangspunkt für viele Erörterungen der Folgezeit darf man das vielgenannte Werk des Abbé de St. Pierre bezeichnen, das 1712–1716 in 3 Bänden unter dem Titel Projet de la paix perpetuelle veröffentlicht wurde. Es sah eine Föderation aller christlichen europäischen Staaten vor; es organisierte sie in einem Senat und in vier ständigen Verwaltungsämtern; es regelte das Verständigungsverfahren und setzte als letzte Instanz ein Schiedsgericht ein; es vervollständigte diese internationale Organisation durch die Forderung allgemeiner Abrüstung auf ein Mindestmaß von Truppenmacht und durch Bundesexekution gegen den Friedensbrecher.

Das Projekt des Abbé hat in den weiteren Erörterungen der Friedensfrage immer wieder eine Rolle gespielt, besonders da Rousseau ihm zu weitester Publizität verhalf. In der Reihe derer, die während des 18. Jahrhunderts in irgendeiner Form den Gedanken der Friedensorganisation vertreten oder wenigstens den Krieg bekämpft haben, sehen wir viele der großen Denker dieses Zeitraums: Leibniz, Montesquieu, Voltaire (dessen Schriften eine wahre Fundgrube für uns sind), den schon genannten Rousseau, die Enzyklopädisten Holbach, Diderot, Turgot, in England Jonathan Swift, David Hume und Jeremias Bentham, in Deutschland Lessing, Herder und Gottlieb von Hippel. Diese literarische Entwicklung gipfelt in Kant, dessen Abhandlung Zum ewigen Frieden im Jahre 1795 erschien. Sie ist ein Vermächtnis des großen Philosophen an die Menschheit kommender Jahrhunderte, die frohe Botschaft eines neuen Bundes und sollte von den Pazifisten nicht nur gepriesen und zitiert, sondern recht eifrig und genau gelesen werden.

Kants Spuren folgten (um nur die bekanntesten zu nennen) Schelling, Jean Paul und der Fichte der vornapoleonischen Zeit. Von anderer Seite her brachte dann das 19. Jahrhundert dem Pazifismus neue Mitkämpfer in den Sozialisten, zunächst literarisch in Fournier und Graf St. Simon. Wie später die organisierte Sozialdemokratie den Gedanken der Völkerverständigung vertreten hat, braucht hier nicht verfolgt zu werden.

Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts haben wir es nur mit einer geistigen, auf literarischem Gebiet sich abspielenden Bewegung zu tun. Erst das neue Jahrhundert, genauer erst die nachnapoleonische Zeit bringt uns den organisierten und mit den Mitteln politischer Propaganda tätigen Pazifismus. (Das Wort Pazifismus selbst ist noch sehr jung; es ist künstlich geschaffen, um die Friedensfreunde im Sinn der Friedensbewegung von anderen Friedensfreunden zu unterscheiden, sanktioniert durch den Glasgower Kongreß 1901 und sodann in den allgemeinen Sprachgebrauch eingedrungen.)

Die Wiege der pazifistischen Organisationen hat in den angelsächsischen Ländern gestanden; 1815 ist ihr Geburtsjahr. Damals wurden in Amerika die ersten Friedensgesellschaften gegründet (in New York, in Ohio und in Boston), im folgenden Jahre 1816 in England von Quäkern die »Peace Society«. Im Jahre 1828 geschah die Vereinigung der verschiedenen amerikanischen Gesellschaften zu der »American Peace Society«. Beide, die englische und die amerikanische, bestehen noch heute. Im Jahre 1830 folgte in Genf die erste Friedensgesellschaft des Kontinents, die aber keinen Bestand gehabt hat und auch so bald keine Nachfolge fand.

Nicht sehr lange aber dauerte es, und man organisierte internationale Zusammenkünfte. Der erste, auf Anregung des englischen Quäkers Josef Sturge einberufene internationale Kongreß der Friedensfreunde, 1843 in London, war allerdings in der Hauptsache auf Engländer und Amerikaner beschränkt. Für den Gedanken wirkten weiter der Amerikaner Elihu Burritt (»der gelehrte Grobschmid«) und Henry Richard, Sekretär der englischen Peace Society. Der erste wirklich internationale Kongreß tagte im September 1848 in Brüssel, der zweite, unter Victor Hugos Vorsitz, im August 1849 in Paris, der dritte im August 1850 in der Paulskirche zu Frankfurt a. M., der vierte gelegentlich der Weltausstellung 1851 in London. Damit brach die regelmäßige Veranstaltung internationaler Kongresse ab, um erst 1889 ganz von neuem wieder einzusetzen. In die Zwischenzeit fällt nur noch eine vereinzelte Veranstaltung, der bei Gelegenheit der Pariser Weltausstellung von 1878 abgehaltene Kongreß. Auf den Inhalt der Verhandlungen dieser Kongresse wird später zurückzukommen sein, wenn wir die Weltfriedenskongresse der späteren Zeit zu charakterisieren haben.

Inzwischen wurden noch in anderen Ländern Friedensgesellschaften gegründet. Nur langsam war man allerdings auf dem Kontinent dem englischen Beispiel gefolgt. Die Genfer Gründung von 1830 blieb lange vereinzelt. Eine 1850 in Königsberg entstandene Friedensgesellschaft wurde bald durch die Polizei aufgelöst. Erst 1867 gründete Frédéric Passy die »Ligue internationale et permanente de la Paix«, aus der später die »Société pour l’Arbitrage entre nations« wurde. Im gleichen Jahre entstand die »Ligue internationale de la Paix et de la Liberté«, gegründet von Lemonnier im Verein mit Victor Hugo und Garibaldi. Sie hat ihren internationalen Charakter bis heute behalten. Vorsitzender war jahrelang der uns kürzlich durch den Tod entrissene Emile Arnaud. In den Jahren des deutsch-französischen Krieges, 1870/71, entstanden Friedensgesellschaften in Holland und Belgien, erst 10 Jahre später, 1882 und 1883 solche in Dänemark, Schweden und Norwegen. Bald darauf, 1886 und 1887 führte die Agitation Hodgson Pratts, der 1880 die während des Weltkrieges nach dem Tode ihres letzten Präsidenten Felix Moscheles leider eingegangene »International Arbitration and Peace Association« gegründet hatte, zur Entstehung von Friedensgesellschaften in Deutschland und Italien. Von ihnen haben sich der »Frankfurter Friedensverein« (gegründet 1886 unter Führung von Franz Wirth) und die »Unione Lombarda« (gegründet 1887, lange unter dem Vorsitz von Teodoro Moneta) bis heute gehalten. Zur selben Zeit entstand 1887 in Frankreich aus der Initiative von Studenten in Nîmes die in dem französischen Pazifismus heute führende Gesellschaft »La Paix par le Droit«.

Bald nach der Gründung nationaler und internationaler Organisationen der Friedensfreunde begannen auch die Versuche, parlamentarisch und außerparlamentarisch einen Einfluß auf die Regierungen zu üben. Auch diese Entwicklung setzte in den angelsächsischen Ländern ein. Im Senat von Massachusetts war es, wo 1832 der erste Antrag zugunsten der Einführung von Schiedsgerichten gestellt wurde. Es dauerte allerdings fast zwei Jahrzehnte, bis es 1851 zu einem Beschluß des amerikanischen Kongresses kam. Eine einstimmig angenommene Resolution beider Häuser sprach sich damals für den Gedanken aus. Zur gleichen Zeit wurde die Frage vor das englische Parlament gebracht, und zwar durch einen Antrag des Freihandels-Apostels Richard Cobden. Der Antrag wurde 1849 noch mit großer Mehrheit abgelehnt, fand aber schon 1851 die Zustimmung Palmerstons.

Später als der Schiedsgerichtsgedanke kam die Forderung der Rüstungsbeschränkung vor die Parlamente. Robert Peel war es, der zuerst 1841 im Unterhause darauf drängte. Ernsthafter wurde die Frage erst 20 Jahre später durch Cobdens Memorandum über eine Rüstungsverständigung zwischen Frankreich und England angepackt. Napoleons Thronrede vom November 1863 nahm den Gedanken allgemeiner Rüstungsbeschränkung in Verbindung mit dem Organisationsgedanken auf. Vor den Norddeutschen Reichstag kam der Vorschlag, auf eine allgemeine Abrüstung hinzuwirken, 1867 durch einen Antrag Götz, 1869 durch einen von Rudolf Virchow namens der Fortschrittspartei gestellten, sehr verständig gefaßten Antrag. Er lebt in der Geschichte fort, noch heute, ob der vermeintlichen Widerlegung durch den Krieg von 1870, ein Gegenstand des Spottes für alle unwissenden oder gedankenlosen Gegner.

Nach dem deutsch-französischen Kriege, in den 1870er und 1880er Jahren, wurden in den Parlamenten verschiedener Länder, vorzugsweise in denen der Vereinigten Staaten und Englands, mit wechselndem Erfolg Anträge zugunsten internationaler Verständigung gestellt; es handelte sich bei ihnen teils um den Abschluß von Schiedsgerichtsverträgen, teils um die Abrüstung; oder es waren auch wohl beide Aufgaben miteinander in Verbindung gesetzt. Auch im Deutschen Reichstag kam 1879 ein Antrag Bühler auf Einberufung eines Staatenkongresses zum Zweck der Herbeiführung einer wirksamen allgemeinen Abrüstung zur Debatte. Er wurde abgelehnt, von der Mehrheit des Reichstags und auch, in einem noch heute interessanten Schreiben, von Bismarck persönlich. In den Vereinigten Staaten wurde schon 1874, dann wieder 1880 eine Resolution, die den Präsidenten zu Verhandlungen bevollmächtigte, von beiden Häusern des Kongresses angenommen, und Präsident Arthur erklärte daraufhin, 1882, feierlich seine Bereitwilligkeit zum Abschluß von Schiedsgerichtsverträgen. Die bemerkenswertesten Erfolge dieses Vorgehens waren die panamerikanische Konferenz von 1889, aus der die »Pan- Amerikanische Union« hervorging und der leider gescheiterte Versuch, einen Schiedsgerichtsvertrag zwischen den Vereinigten Staaten und der Schweiz zustande zu bringen. Gegen Ende der 80er Jahre mehrten sich die parlamentarischen Kundgebungen für internationale Verständigung. Großes Aufsehen machte die 1887 von Randal Cremer veranlaßte Entsendung einer Deputation des englischen Parlamentes nach Amerika. Fast gleichzeitig ging Passy mit Erfolg in der französischen Kammer vor.

Die Jahre 1888/1892 bezeichnen einen Markstein in der Geschichte des Pazifismus. Was bisher berichtet wurde, ist in gewissem Sinne die Geschichte der »Helden, die vor Agamemnon gelebt haben«. In den Jahren 1888–1892 erhielt der Pazifismus seine feste internationale Organisation und damit erst die Grundlage für eine systematische, zusammenhängend fortgesetzte Arbeit.

An der Führung waren jetzt neben den Angelsachsen auch die Franzosen beteiligt. Veranlaßt durch die Pläne zu Schiedsgerichtsverträgen zwischen England, Amerika und Frankreich, traten auf Einladung Frédéric Passys und Randal Cremers am 31. Oktober 1888 im Grand Hotel zu Paris neun englische und fünfundzwanzig französische Parlamentarier zu einer Besprechung zusammen, auf der u. a. der Beschluß gefaßt wurde, im nächsten Jahr gelegentlich der Pariser Weltausstellung gleichgesinnte Mitglieder aller Parlamente zu einer Konferenz zu vereinigen. Sie tagte am 29. und 30. Juni 1889 im Festsaal des Hotels Continental und eröffnete die Reihe der regelmäßigen »Interparlamentarischen Konferenzen«, aus denen die »Interparlamentarische Union« erwuchs.

Unmittelbar vorher, vom 23. bis 27. Juni, war im Trocadero-Palast unter dem Vorsitz Passys ein internationaler Kongreß der Friedensgesellschaften abgehalten [worden], der erste in der Reihe der seitdem regelmäßig veranstalteten »Weltfriedenskongresse«.

Beide Organisationen tagten die nächsten Jahre in London, Rom und Bern. Beide beschlossen 1891 in Rom sich eine festere Organisation zu geben und beide brachten 1892 in Bern diesen Beschluß zur Ausführung. Die Parlamentarier schufen das »Interparlamentarische Bureau« und stellten in der Person des Schweizerischen Nationalrats Albert Gobat einen Generalsekretär an, die Friedensgesellschaften gründeten das »Internationale Friedensbureau« mit dem Sitz in Bern (meist kurzweg das »Berner Bureau« genannt) und beriefen als dessen Leiter Elie Ducommun. Damit war der internationale Pazifismus organisiert.

Die gleichen Jahre hatten auch für den Pazifismus deutscher Zunge entscheidende Bedeutung. Im Jahre 1890 erschien, ganz unabhängig von der organisierten pazifistischen Bewegung, der Roman Berta v. Suttners Die Waffen nieder!, der einen Siegeszug über die ganze Welt antrat und besonders in Deutschland mehr als irgendeine andere Schrift zur Popularisierung der pazifistischen Ideen beigetragen hat. Im folgenden Jahre wurde in Wien auf Veranlassung der Frau v. Suttner die »österreichische Friedensgesellschaft«, am 9. November 1892 in Berlin die »Deutsche Friedensgesellschaft« gegründet. Dabei wirkte schon der von der Baronin Suttner gewonnene Alfred H. Fried mit, der 1892 auch die erste pazifistische Zeitschrift Die Waffen nieder! gründete. Im gleichen Jahr erschien das bedeutende Werk Eugen Schliefs Der Friede in Europa.

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Ehe wir beide weiter verfolgen, sei rückgreifend kurz zweier internationaler Organisationen gedacht, die fast gleichzeitig im Jahre 1873, die eine am 11. September in Genf, die andere am 11. Oktober in Brüssel, entstanden sind. Beide nicht eigentlich pazifistischen, sondern neutralwissenschaftlichen Charakters, haben doch die pazifistische Entwicklung wesentlich gefördert: das »Institut de droit international« und die »Gesellschaft für Reform und Kodifikation des Völkerrechtes«, seit 1895 »International Law Association« genannt.

Das »Institut« ist eine exklusive, durchaus auf Gelehrte, Vertreter des internationalen Privatrechts und des Völkerrechts beschränkte Gesellschaft. Zu ihrem Mitglied gewählt zu werden, ist eine Auszeichnung. Sie hat sich aber von Anfang an der internationalen Schiedsgerichtsbarkeit angenommen und ist jetzt eine wichtige Stelle für die Kritik und Weiterbildung der Völkerbundssatzung.

Die »International Law Association« dagegen vereinigt in sich Fachmänner und Laien; sie hat einen mehr populärwissenschaftlichen Charakter und steht der pazifistischen Bewegung näher; auch sie beschäftigt sich aber nicht nur mit den Fragen des Völkerrechts, sondern auch mit denen des internationalen Privatrechts.

Das Verhältnis der internationalen Konferenzen zu den Weltfriedenskongressen oder der Union zum Berner Bureau ist ein wenig zu vergleichen jenem dieser beiden wissenschaftlichen Gesellschaften. Die Interparlamentarischen Konferenzen sind nach ihrer Zusammensetzung exklusiv, beschränkt auf aktive oder frühere, durch besonderen Beschluß zugelassene Parlamentarier, also auf Personen in einer gewissen politisch verantwortlichen Stellung; ihre Beratungen sind dementsprechend meist auf eine vorher vereinbarte, nicht zu große Zahl von Verhandlungsgegenständen beschränkt gewesen; diese konnten sorgsam vorbereitet werden und die Beschlüsse waren meist vorsichtig und reserviert, vorsichtiger und reservierter als die der Kongresse. Die führenden Mitglieder der Union waren zwar zum Teil erklärte Pazifisten; aber die Union als solche hielt immer eine gewisse Distanz von der eigentlichen Friedensbewegung, und diese Zurückhaltung war in der deutschen Gruppe besonders stark ausgeprägt.

Die Interparlamentarische Union hat sich besonders der Schiedsgerichtsbarkeit angenommen. Als ihr größtes Verdienst kann sie buchen, daß aus ihren Beratungen im Jahre 1895 der Descamp’sche Entwurf für die Einrichtung eines ständigen Schiedsgerichtshofes hervorging, der auf der ersten Haager Konferenz den Beratungen der Regierungen zugrunde gelegt wurde.

Gegenüber dem zweiten großen Problem, der Rüstungsbeschränkung, haben die Beratungen der Union zu ähnlich positiven Ergebnissen nicht geführt. Wohl setzte sie sich dafür ein, daß ein internationales Abkommen über Rüstungsbeschränkung zu schließen sei, und verlangte auf der Londoner Tagung von 1906, daß die zweite Haager Konferenz damit Ernst mache; aber man zeigte den Regierungen nicht, wie ein solches Abkommen zu gestalten sei. Man kam, so noch in dem rednerisch glänzenden Referat von d’Estournelles de Constant auf der Genfer Konferenz von 1912, nicht darüber hinaus, die verderblichen Wirkungen und die Gefahren des Rüstungswettkampfes zu schildern und die Notwendigkeit, daß dem Einhalt zu tun sei, zu betonen. Erst 1913 im Haag wurde eine Kommission zum ernsthaften Studium der Frage eingesetzt. Mit Ausarbeitung einer Denkschrift, die das vorhandene Material kritisch sichten und den Beratungen der Kommission zugrunde gelegt werden sollte, wurde Dr. Wehberg beauftragt. Ich darf hier wohl erwähnen, daß er den von mir 1913 vorgelegten Entwurf eines internationalen Abrüstungsvertrages als besonders brauchbare Grundlage weiterer Beratungen betrachtete und ihm für die Abrüstungsfrage eine ähnliche Bedeutung wie dem Descamp’schen Entwurf für die Schiedsgerichtsfrage zuerkennen wollte. Das ist jetzt aber alles durch den Krieg überholt; denn die Forderung kann heute, wie ich an anderer Stelle dargelegt habe, nur auf vollständige allgemeine Abrüstung gehen.

In ihrer Organisation hat die Interparlamentarische Union 1908 einen wichtigen Fortschritt gemacht. Die Satzungen wurden geändert, der Sitz 1909 nach Brüssel verlegt und ein besoldeter Generalsekretär angestellt. Als solcher trat der ausgezeichnete norwegische Völkerrechtsgelehrte Christian Lange, bisher Sekretär des norwegischen Nobel-Komitees, an die Stelle Albert Gobats. Den Vorsitz führte der belgische Staatsminister Beernaert, nach dessen Tod Lord Weardale, der als Philipp Stanhope im Unterhaus die Friedenssache wiederholt vertreten hatte. Die Mittel für die neue Organisation wurden durch Beiträge der Regierungen beschafft. Während des Krieges wurde das Generalsekretariat nach Kristiania verlegt, nach Friedensschluß endgültig nach Genf. Die Union gliedert sich seit langem naturgemäß in nationale Gruppen. Jetzt sieht sie sich vor der Aufgabe, ihre Konferenzen zu repräsentativen Versammlungen dieser nationalen Gruppen auszugestalten, die Abstimmungen damit von Zufälligkeiten des Besuches und der geographischen Lage des Versammlungsortes unabhängig zu machen. Diese Aufgabe soll auf der nächsten Konferenz gelöst werden. Viele sehen in der Interparlamentarischen Union die Keimzelle des künftigen Weltparlamentes. Dasselbe würde dann allerdings aus indirekten Wahlen hervorgehen, während wir grundsätzlich direkte Wahl verlangen müssen.

Die Weltfriedenskongresse gewährten, abweichend von den Interparlamentarischen Konferenzen jedem Zutritt, der sich zu den Zielen der Friedensbewegung bekannte. Das war ihre Stärke: es konnten sich immer neue Menschen und neue Ideen geltend machen; die Versammlungen standen in lebendigem Zusammenhang mit Zeitströmungen und mit der populären Bewegung. Das war aber auch ihre Schwäche: die Tagesordnungen wurden überlastet; die Diskussionen wurden zum Teil von minder Berufenen bestritten; die Beschlußfassungen hingen von vielen Zufälligkeiten ab; man lief Gefahr, ungenügend vorbereitete und ungenügend durchdachte Beschlüsse zu fassen. Dem hat man abzuhelfen gesucht und teilweise auch abgeholfen, indem man das Stimmrecht auf Grund einer Vertretung der Vereine ordnete, indem man weiter vorschrieb, daß alle Anträge in Kommissionen vorberaten werden mußten und indem man auf die Leitung dieser Ausschüsse, wie auch der Kongresse selbst, dem Conseil des Berner Bureaus, das zuerst unter dem Präsidium Fredrik Bajers (Kopenhagen), seit 1908 unter dem Henri La Fontaines (Brüssel) stand, entscheidenden Einfluß sicherte. Es entstanden ständige Ausschüsse: für Aktualitäten (d. i. die politischen Tagesfragen), für Rechtsfragen (Völkerrecht, Völkerbund und Schiedsgerichtsbarkeit), für Abrüstung, für Sozial- und Wirtschaftspolitik, für Erziehungs- und Unterrichtsfragen und endlich für die Aufgaben der Propaganda.

Wie schon diese Gliederung zeigt, haben die Friedensgesellschaften und ihr Organ, die Friedenskongresse, ihre Tätigkeit Fragen zugewandt, die weit über das Programm »Schiedsgericht und Abrüstung« hinausgingen. Freilich blieben diese beiden Grundforderungen immer im Vordergrund und Mittelpunkt der Bewegung. Sie hatte schon der erste internationale Kongreß, der Brüsseler vom Jahre 1848, in heute noch gültigen Sätzen formuliert, und sie kehrten, mit Anpassung an die gerade vorliegenden besonderen Aufgaben, immer wieder. Dazu verlangte schon jener erste Kongreß die Abfassung eines die internationalen Beziehungen regelnden Gesetzbuches, also die Kodifikation des Völkerrechtes.

Bald kamen andere Forderungen hinzu. Man begriff auf der einen Seite, daß die Überwindung des Krieges und der immerwährenden Kriegsgefahr eine Umwandlung in der Gesinnung der Menschen voraussetzt, also eine Frage der Erziehung ist, und man gewann auf der anderen Seite immer mehr Verständnis für den Zusammenhang der Friedensfrage mit den wirtschaftlichen Problemen. Man wandte sich auf der einen Seite an die religiösen Gemeinschaften, an die Vertreter der Kirchen, an die Lehrerschaft aller Länder und an die Presse. Man suchte auf der anderen Seite die Vertreter der wirtschaftlichen Verbände, die Interessenten von Handel und Industrie, ganz besonders aber die Arbeiterschaft für die Ziele der Bewegung zu interessieren. Immer wieder ergingen von den Weltfriedenskongressen Mahnungen an all diese Kreise, und immer wieder machte man praktische Vorschläge, um diese Arbeit auf nationalem oder internationalem Boden zu organisieren.

Man griff auch hinaus über die eigentlichen Probleme der Friedenssicherung; man trat ein für alles, was geeignet war, die internationale Verständigung zu fördern und empfahl z. B. wiederholt die Einführung einer internationalen Hilfssprache (des Esperanto). Man verurteilte die Anwendung von Gewalt in jeder Form, verteidigte die Heiligkeit des Menschenlebens und verurteilte die Todesstrafe wie das Duell.

Zu den brennenden Fragen der Tagespolitik wurde Stellung genommen. Bei drohender Kriegsgefahr wendeten sich die Kongresse beschwörend an die Regierungen und suchten, auch indem sie auf die sachlichen Schwierigkeiten der Interessengegensätze eingingen, die Möglichkeit friedlicher Lösung zu zeigen. Sie nahmen sich insbesondere aller unterdrückten Völker an, so in wiederholten Beschlüssen der Armenier und der eingeborenen Bevölkerung in den Kolonien. Sie protestierten gegen die Greuel der Kolonialpolitik, einerlei wo sie verübt wurden, ebenso gegen die Schmach des Opiumhandels. Sie führten überall die Sache der nationalen Minderheiten und vertraten das Recht jeder, auch der kleinsten Nationalität auf freie Entwicklung. Den letzten Schritt, für nationale Minderheiten ein Klagerecht gegen die eigene Regierung vor einem internationalen Tribunal zu verlangen, haben die Kongresse allerdings nicht getan. Das wurde noch 1908 in London abgelehnt. Man konnte in der Tat nicht wagen, die herrschende Lehre von der Souveränität der Staaten in dieser Weise herauszufordern und man hielt an dem Grundsatz fest, auf Eingriffe in die inneren Verhältnisse der einzelnen Staaten, wenn sie nicht unmittelbar internationale Beziehungen berührten, zu verzichten. Die Zeit war für eine solche Ausdehnung der Friedensbewegung noch nicht reif. Noch während des Krieges im April 1915, als ich bei Gründung des »Zentralverbandes für einen dauernden Frieden« die Forderung zur Sprache brachte, wurde sie allgemein als ganz unmöglich abgelehnt. Eineinhalb Jahre später, als wir in Bern über die Bedingungen dauernden Friedens berieten, war sie nicht nur für erklärte Pazifisten eine Selbstverständlichkeit. Mit solchem Eilzugstempo war die Entwicklung der pazifistischen Ideen während des Krieges vorwärts gegangen.

Es gab auch andere Fragen, die im Kreise der Friedensgesellschaften strittig waren und auf den Weltfriedenskongressen zu keiner klaren Entscheidung gelangten. Sie stehen untereinander in einem gewissen Zusammenhang und berühren alle das Problem, ob und wie weit Gewalt oder Zwang im Dienste des Rechtes angewandt werden sollen.

Die erste Frage war die der nationalen Notwehr, der »défense légitime nationale« oder des Verteidigungskrieges. Die große Mehrheit der Angelsachsen, den Ideen der Quäker und Tolstois folgend, verneinte ein solches Recht. Die Mehrheit der kontinentalen Pazifisten bejahte es, ohne selbstverständlich zu leugnen, daß mit dem theoretisch berechtigten »Verteidigungskrieg« in der Praxis der empörendste Mißbrauch getrieben wird. Die Kongresse faßten wechselnde Beschlüsse, je nach Tagungsort und Zusammensetzung. Zu der Lösung, daß dieser Gegensatz die unvermeidliche Konsequenz von der Verschiedenheit der Auffassung individueller Moral sei, nämlich von dem Gegensatz zwischen der Ethik der Bergpredigt, der Quäker und Tolstois auf der einen und der Anerkennung des Rechtes und der Pflicht der Selbstbehauptung auf der anderen Seite, und daß man deshalb darüber nicht mit Majoritäten gegen Minoritäten abstimmen könne, sondern sich gegenseitig dulden müsse – zu dieser Lösung gelangte man nicht.

Der gleiche Gegensatz machte sich geltend in der Frage des Wehrsystems. Die Angelsachsen vertraten leidenschaftlich die Forderung »no conscription«, die Kontinentalen waren geneigt, in der allgemeinen Wehrpflicht eine gewisse Friedenssicherung zu sehen.

In etwas veränderter Form tauchte das gleiche Problem auf, wenn es sich um die Frage handelte, ob für die Durchführung von Schiedsgerichtsurteilen und anderen internationalen Entscheidungen »Sanktionen«, d. h. Zwangsmittel gefordert werden sollten und ein System der Zwangsvollstreckung auszubauen sei. Doch gruppierten sich hier die Parteien etwas anders, weil zu den grundsätzlichen Gegnern der Zwangsvollstreckung sich auch jene gesellten, die eine Schädigung des Schiedsgerichtsgedankens und eine Schwächung der moralischen Autorität der Schiedssprüche von der Androhung gewaltsamer Vollstreckung fürchteten.

Zu der Frage, wie bei Bestehen der allgemeinen Wehrpflicht die unveräußerlichen Rechte jener, die aus Gewissenspflicht den Heeresdienst verweigerten, zu schützen seien, haben die Kongresse nicht ausdrücklich Stellung genommen, sie haben nur das Recht der Dienstverweigerung aus sittlichen Gründen anerkannt und z. B. den Duchoborzen ihre Sympathie bekundet.

In die Entwicklung des Pazifismus, die sich in den Verhandlungen der interparlamentarischen Konferenzen und der Weltfriedenskongresse spiegelt, haben während dieses Vierteljahrhunderts eine Reihe von Ereignissen von außen her mächtig eingegriffen. Hier können nur die allerwichtigsten hervorgehoben werden.

An erster Stelle steht das berühmte Manifest des Zaren vom Jahre 1898. Es war mit veranlaßt durch das sechsbändige Werk des russischen Staatsrats Iwan v. Bloch Der Krieg. Was in dem Manifest über den Rüstungswahnsinn gesagt ist, wird für alle Zeiten seine Bedeutung behalten. Auf Grund dieser Kundgebung erfolgte die Einladung zur ersten Haager Konferenz, die am 8. Mai 1899 zusammentrat. Als ihr die Hauptaufgabe gestellt wurde, zu einem internationalen Abkommen über die Beschränkung der Rüstungen zu gelangen, wurde von pazifistischer Seite sofort der Einwand erhoben, daß Abrüstung oder auch nur Rüstungsbeschränkung unmöglich sei ohne Sicherung des internationalen Rechtes und daß man diese Aufgabe an die erste Stelle setzen müsse, wenn man im Sinne des Zaren etwas Wesentliches zur Beschränkung der Rüstungen erreichen wolle. Wenn dieser Gedanke bei manchen Pazifisten bis zu der doktrinären Auffassung gesteigert war, es habe keinen Sinn, etwas gegen die Rüstungen zu tun, solange nicht die internationale Rechtsorganisation durchgeführt sei, so behält doch die Erkenntnis von dem untrennbaren Zusammenhang beider Probleme ihre dauernde Bedeutung und darf auch heute nicht übersehen werden.

Der Verlauf der Konferenz hat dieser pazifistischen Kritik recht gegeben. Das große Ergebnis der ersten Haager Konferenz, dessen weltgeschichtliche Bedeutung durch die Katastrophe des Weltkrieges nicht erschüttert werden kann, war das »Abkommen zur friedlichen Beilegung internationaler Streitigkeiten«. Es schuf ein internationales Tribunal und ein internationales Prozeßrecht, stellte freilich die Anwendung desselben in den freien Willen der jeweils streitenden Parteien. Wenn man auf diesem Gebiete der internationalen Rechtsorganisation damals nicht schon weitergekommen ist, so lag das zum guten Teil an dem Widerstand der deutschen Regierung, die erst im letzten Augenblick überhaupt dazu zu bringen war, ihren Widerstand gegen die Schiedsgerichtsbarkeit aufzugeben. Dem ungeachtet, gemessen an dem, was noch kurze Zeit vorher für möglich gegolten hatte, ein großer Erfolg in der Weiterbildung des internationalen Rechtes, so groß, daß die erste Haager Konferenz den tiefsten Einschnitt in der gesamten Entwicklung des Völkerrechtes bildet. Aber in der Rüstungsfrage, die ursprünglich im Vordergrund gestanden hatte, nichts weiter als eine platonische Erklärung zugunsten der Rüstungsbeschränkung, auch sie freilich bedeutsam genug, weil hier von den Vertretern der Regierungen einmütig eine Auffassung bekannt wurde, die bisher als pazifistische Utopie verspottet oder in den höchsten Tönen nationaler Entrüstung bekämpft worden war.

Das Werk der ersten Haager Konferenz sollte auf der zweiten im Jahre 1907 fortgeführt und zu einem gewissen Abschluß gebracht werden. Die Hauptaufgabe war, die Benutzung der Haager Institutionen (Schiedsgericht und Vermittlung) entweder überhaupt oder doch für gewisse Fälle obligatorisch zu machen. Die Konferenz ist mit dieser ihr gesetzten Hauptaufgabe gescheitert, wieder nicht zuletzt an dem Widerstand Deutschlands. Sie hat im übrigen einiges Nützliche zur Ergänzung und Verbesserung der Konventionen von 1899 beschlossen, in der Hauptsache aber nicht das Friedens- sondern das Kriegs-Völkerrecht weiter gebildet. Bemerkenswert war der (dieses Mal von der deutschen Regierung ausgehende) Versuch, ein internationales Prisengericht zu schaffen. Er scheiterte nur daran, daß man sich über die Rechte der Seemächte zweiten Ranges bei Besetzung des Gerichtes nicht verständigen konnte.

Die Frage der Rüstungsbeschränkung, über die nach dem Verlangen der deutschen Regierung überhaupt nicht hatte gesprochen werden sollen, kam nur durch eine Hintertür in den Verhandlungssaal. Nach einer Ansprache des englischen Vertreters wurde die Resolution von 1899 bestätigt und es für »höchst wünschenswert« erklärt, »daß die Regierungen das ernstliche Studium dieser Frage wieder aufnehmen«. Das war sehr euphemistisch ausgedrückt; denn in Wirklichkeit hatten sie das ernstliche Studium dieser Frage niemals begonnen.

Die Haager Konvention zur friedlichen Beilegung internationaler Streitigkeiten hat in der Zeit vor dem Weltkrieg mehrmals gute Dienste geleistet. Das Haager Tribunal wurde in verschiedenen, zum Teil nicht ungefährlichen Streitfällen angerufen, z. B. bei der Casablanca-Affäre im Jahre 1908, und waltete seines Amtes stets zur allgemeinen Befriedigung. Die Untersuchungskommission wurde benutzt, um während des russisch-japanischen Krieges die Doggerbank-Affäre, die leicht zum Krieg zwischen Rußland und England hätte führen können, zu schlichten.

Damit war aber die Wirkung, die von den Haager Konferenzen ausging, nicht erschöpft. Es setzte in verschiedenen Ländern eine starke Bewegung ein, um durch besondere Verträge zwischen einzelnen Staaten die Benutzung der Schiedsgerichtseinrichtung obligatorisch zu machen. Besonders stark war diese Bewegung in den Vereinigten Staaten, ihren Höhepunkt erreichte sie in den sogenannten Bryan-Verträgen, die darauf ausgingen, alle prozeßfähigen Streitigkeiten vor ein Schiedsgericht zu bringen und die anderen einer Vermittlung zuzuführen. Deutschland war an dieser Bewegung nur mit einem einzigen Vertrag, der auf Veranlassung König Eduards mit England abgeschlossen wurde, beteiligt.

Auch die Frage der Rüstungsbeschränkung kam mit den platonischen Erklärungen der beiden Haager Konferenzen nicht zur Ruhe.

Die Zeit, besonders nach der zweiten Haager Konferenz, ist voll von Versuchen, wenigstens zu partiellen Rüstungsbeschränkungen durch Abkommen zwischen einzelnen Regierungen zu gelangen. Besonders nachdrücklich wurde von englischer Seite immer wieder versucht, eine Verständigung über die Seerüstungen mit Deutschland zu erreichen. In Deutschland war man sehr mißtrauisch gegen diese Versuche; man sah darin nur die Absicht, die englische Suprematie zur See mit möglichst geringen Opfern aufrechtzuhalten und die deutsche Seemacht nicht aufkommen zu lassen. Was erreicht wurde, war denn auch verschwindend wenig.

Der zweite Faktor, der von außen die Entwicklung des Pazifismus stark beeinflußt hat, ist durch die beiden großen Stiftungen gegeben, die zu seinen Gunsten gemacht wurden: die des Schweden Alfred Bernhard Nobel und die des Amerikaners schottischer Abkunft, Andrew Carnegie. Nobel hatte durch ein im Jahre 1895 abgefaßtes Testament den fünften Teil seines Vermögens für die Aussetzung eines Preises bestimmt, der jährlich dem verliehen werden sollte, der das Beste für das Werk der Völkerverbrüderung, der Abrüstung, der Friedenskongresse getan hätte. Die Verleihung des Preises erfolgt durch das Nobel-Komitee des norwegischen Storting. Die Stiftung trat am 1. Januar 1901 in Kraft und einige Jahre darauf wurde auch in Kristiania das Nobel-Institut eröffnet. Zehn Jahre später, am 14. Dezember 1910, wurde die Carnegie-Stiftung für den internationalen Frieden gegründet, ausgestattet von Carnegie mit einem Stiftungskapital von nominell 10, in Wirklichkeit 11½ Millionen Dollar.

Die Mittel dieser beiden Millionenstiftungen haben einen Teil der Friedensbewegung aus der Dürftigkeit der bisherigen Verhältnisse herausgeführt, haben Publikationen oder wissenschaftliche Untersuchungen ermöglicht, die sonst nicht zustande gekommen wären und haben verschiedenen verdienten Kämpfern des Pazifismus drückende Sorgen um ihre materielle Existenz abgenommen. Aber nach manchen anderen Richtungen hin hat das rote Gold dem Pazifismus nicht zum Segen gereicht. Es schlich sich manchmal in pazifistische Unternehmungen der Verdacht ein, ob es diesem oder jenem rein um die Sache oder mehr um den Nobelpreis zu tun sei. Die Unterstützung der pazifistischen Bewegung durch die Carnegie-Stiftung war auch wenig planmäßig und wenig zuverlässig. Im Vertrauen auf die gewährte Subvention erweiterte das Berner Bureau das Gebiet seiner Tätigkeit und insbesondere seine Zeitschrift. (Aus der bescheidenen Correspondance bimensuelle wurde das dreisprachig erscheinende Mouvement pacifiste.) Kaum war das geschehen, so wurde die Subvention erheblich eingeschränkt, da die amerikanischen Trustees der Stiftung der Meinung waren, solche Unterstützung dürfe nur vorübergehend sein und solle den Organisationen helfen, fortan auf eigenen Füßen zu stehen. Nach der ganzen Lage der Dinge war das leider nicht möglich, und das Berner Bureau mußte die kaum begonnenen Unternehmungen wieder einschränken oder fallenlassen.

Als Gobat, der nach Ducommuns Tod 1906 die Leitung des Bureaus übernommen hatte, kurz vor Kriegsausbruch starb, war man finanziell nicht imstande, den Posten eines Direktors neu zu besetzen.

Ein drittes Ereignis, das von außen stark in die pazifistische Bewegung eingriff, war das Erscheinen des Buches von Norman Angell Die große Täuschung (Europe’s optical Illusion) im Jahre 1910. Norman Angell (mit seinem bürgerlichen Namen Ralph Norman Angell Lane) wollte kein Pazifist sein, und sein Buch war nicht eigentlich aus der Bewegung heraus erwachsen, aber er vertrat durchaus pazifistische Ideen. Er zeigte vor allem, daß der Krieg ein schlechtes Geschäft sei, eine »falsche Rechnung«, wie es im Titel einer deutschen Übersetzung des Buches hieß. Er führte aus, wie der Sieger durch den Ruin des Besiegten sich unter den heutigen wirtschaftlichen Verhältnissen selbst schädige. Das Buch machte ein enormes Aufsehen und interessierte Kreise für die pazifistische Bewegung, die ihr bisher fernstanden und für den organisierten Pazifismus kaum zugänglich waren. Andererseits entstand daraus für die pazifistische Bewegung die Gefahr, daß nun viele in den wirtschaftlichen Tatsachen und Nützlichkeitserwägungen, die ja bisher schon in der pazifistischen Propaganda eine Rolle gespielt hatten, aber eben doch nur einen Teil dieser Propaganda bildeten, die alleinige Wahrheit und das alleinige Heil des Pazifismus erblickten und mit einer gewissen Geringschätzung auf alle anderen Momente, insbesondere auf die unentbehrliche sittliche Fundamentierung des pazifistischen Programms herabsahen. Diese Gefahr war nicht ganz gering zu achten. Sie ist heute, unter der Nachwirkung des Weltkrieges, wohl überwunden.

Die Tätigkeit der Friedensgesellschaften und der Weltfriedenskongresse ist durch die hier besprochenen Ereignisse natürlich mannigfach beeinflußt worden. Zur Vorbereitung und zu den Ergebnissen der Haager Konferenzen war Stellung zu nehmen; auf die großen Stiftungen versuchte man Einfluß zu üben, ihre Mittel für den Pazifismus zu verwerten, ohne doch in Abhängigkeit von ihnen zu geraten; die starke Betonung der wirtschaftlichen Interessen und die Widerlegung des Krieges durch nüchterne Rechnung blieb nicht ohne Einfluß auf die Verhandlungen.

Daneben entstanden auch neue Organisationen, die, nach ihrem Programm nicht streng pazifistisch, mehr auf das praktisch zunächst Erreichbare gerichtet, Kreise der Bevölkerung zu gewinnen trachteten, die gegen den Pazifismus noch von einem Vorurteil beherrscht waren. Es waren die Gesellschaften für internationale Verständigung, die »Conciliation internationale«, gegründet 1905 durch den französischen Senator d’Estournelles de Constant, die »American Association for international Conciliation«, begründet 1907 als amerikanischer Zweig der französischen Gesellschaft, und der »Deutsche Verband für internationale Verständigung«, begründet 1912. An der Spitze des deutschen Verbandes standen von Anfang an auch erklärte Pazifisten wie Schücking; aber andere leitende Persönlichkeiten legten Wert darauf, die neue Organisation recht deutlich von der Friedensgesellschaft und dem eigentlichen Pazifismus abzuheben. Der geschäftsführende Vorsitzende, Professor Nippold, hielt es noch während der Nürnberger Tagung im Herbst 1913 für nötig, »Idealismus« und »Pazifismus« wiederholt abzuschwören. Der Gewinn dieser Haltung lag einerseits in einer nicht unbeträchtlichen Subvention von seiten der Carnegiestiftung, die dem Verband mit einem Schlage eine Organisation ermöglichte, wie sie der Friedensgesellschaft bei deren dürftigen finanziellen Verhältnissen immer versagt geblieben war, und andererseits in der Möglichkeit, Mitglieder, besonders aus den Kreisen von Wissenschaft, Handel und Industrie, zu gewinnen, die sich zwar der pazifistischen Auffassung der internationalen Probleme genähert hatten, aber mit dem Pazifismus äußerlich nichts zu tun haben wollten und deshalb in einem »Asyl für verschämte Pazifisten«, wie Fried witzig meinte, Anschluß suchten. Der Nachteil zeigte sich während des Krieges. Der Verband mußte sich mit Rücksicht auf die Zusammensetzung seiner Mitgliedschaft starke Zurückhaltung auferlegen. Jetzt steht er unter der Leitung von Schücking, und die alten Bedenken sind geschwunden. Vielleicht wäre er mit Rücksicht auf die sonstige Entwicklung der pazifistischen Organisationen schon aufgelöst worden, wenn nicht im Hinblick auf den in der Friedensgesellschaft sich stark geltend machenden »Radikalismus« der Leitung das Fortbestehen des Verbandes wünschenswert erschiene.

Während des Krieges und unmittelbar nach dem Kriege ist die Zahl der deutschen pazifistischen Organisationen außerordentlich gewachsen.

Von vorübergehender Bedeutung war die Gründung der »Zentralstelle Völkerrecht«. Sie war 1916 geschaffen worden als eine Art Kriegsersatz für die von den militärischen Behörden lahmgelegte Deutsche Friedensgesellschaft und für den gleich im ersten Kriegsjahr entstandenen, vom Oberkommando in den Marken bald noch schärfer unterdrückten »Bund Neues Vaterland«. Im Juni 1919 ist sie mit der Friedensgesellschaft verschmolzen worden. Diese verlegte gleichzeitig ihren Sitz nach Berlin und kehrte damit an ihre Geburtsstätte zurück. Sie hatte, als Ende der 90er Jahre die Leitung in Berlin versagte, im Jahre 1900 Zuflucht in Stuttgart gefunden. Die aufopfernde Tätigkeit dortiger Freunde unter Dr. Adolf Richter-Pforzheim als Vorsitzenden und dem unermüdlich literarisch tätigen Stadtpfarrer Otto Umfrid als seinem Stellvertreter hatte ihr über schwere Jahre und bedrängte Verhältnisse hinweggeholfen. Seit dem Jahre 1908 organisierte sie ihre Generalversammlungen als nationale Friedens-Kongresse, die wir jetzt als deutsche Pazifistenkongresse weiter zählen. Dr. Richter behielt die Leitung bis 1914, wo eine schwere Erkrankung ihn zum Rücktritt veranlaßte; er ist bald darauf, kurz nach Kriegsausbruch, gestorben. Im Mai 1914 wurde ich zu seinem Nachfolger bestellt. Umfrid, seit einigen Jahren fast erblindet, hat die ersten Jahre des Krieges noch tapfer mit ausgehalten; er litt aber seelisch unsagbar unter dem was er erleben mußte, und ist dann, man darf wohl sagen, als Opfer des Krieges dahingegangen. Die Rückverlegung des Sitzes der Friedensgesellschaft nach Berlin und die Verschmelzung mit der »Zentralstelle Völkerrecht« brachte bald wichtige Änderungen in Organisation und Leitung.

Nach Beendigung des Krieges hat der »Bund Neues Vaterland« seine Tätigkeit wieder aufgenommen. Die treibende Kraft in ihm war seit der Gründung Otto Lehmann-Rußbüldt, der die Sekretariatsgeschäfte führte. Die Eigenart des Bundes bestand darin, daß er von Anfang an die Neuorientierung in der auswärtigen und in der inneren Politik miteinander verbinden wollte. Zu seinen Mitgliedern und Freunden gehörten in der ersten Zeit auch Männer, die, von Hause aus konservativ oder doch nichts weniger als radikal gesinnt, durch den Zusammenbruch der alten Politik im Innern wie nach außen zur Fühlungnahme mit radikalen Reformern gedrängt wurden. Diese Elemente haben sich inzwischen wieder zurückgezogen. Der Bund vertritt in den pazifistischen Fragen, besonders soweit sie mit der Schuldfrage zusammenhängen, wie auch in Fragen der inneren Politik einen entschiedenen Radikalismus. Er ist in neuester Zeit, einer von Frankreich erhaltenen Einladung folgend, mit der »Ligue pour la défense des droits de l’homme« in nähere Beziehungen getreten und führt seitdem in seinem Namen den Untertitel »Deutsche Liga für Menschenrechte«.

Neben ihm sind teils während des Krieges, teils unmittelbar nach seiner Beendigung noch weitere pazifistische Organisationen entstanden. Unmittelbar aus den Kriegserfahrungen erwachsen sind der »Friedensbund der Kriegsteilnehmer« und der »Bund der Kriegsdienstgegner«. Beide gehören internationalen Verbänden an. Der Bund der Kriegsdienstgegner ist angeschlossen an das »Internationale Antimilitaristische Bureau«, Sitz im Haag. Schon während des Krieges, Ende April 1915, wurde im Haag die »Internationale Frauenliga für Friede und Freiheit« gegründet; sie ist jetzt in etwa dreißig Ländern national organisiert. Dazu gesellen sich konfessionelle oder wenigstens kirchlich-religiös orientierte Organisationen, der »Friedensbund deutscher Katholiken«, der, in Anlehnung an eine von Graz durch Dr. Joseph Metzger ausgehende Bewegung entstanden, besonders durch die Tätigkeit des Kaplan Jocham in Ehingen selbständige Bedeutung erhielt, und der »Bund religiöser Sozialisten«, der, von evangelischen Geistlichen gegründet, die sozialen Probleme im Geist des Sozialismus und die internationalen im Geist des Pazifismus unmittelbar mit der Vertiefung des religiösen Bewußtseins verbinden will, endlich Jugendorganisationen, die »Weltjugendliga« und der »Deutsche Pazifistische Studentenbund«, gegründet Anfang 1920 in Berlin und dann bald mit den an anderen Universitäten schon bestehenden, bisher von Freiburg aus geleiteten Organisationen zusammengewachsen. Von diesen neuen Vereinen hat die Frauenliga bisher die größte internationale Bedeutung gewonnen. Sie hat im Juli 1921 in Wien einen glänzend organisierten und eindrucksvoll verlaufenen internationalen Kongreß veranstaltet.

Noch mehr internationale Organisationen sind während des Krieges oder bald nach Friedensschluß neu entstanden. Die internationalen Verbände der Kriegsteilnehmer, der Kriegsdienstgegner, der Frauen, der Jugend wurden schon erwähnt.

Verwirrend reich ist das Bild der kirchlichen und religiösen Annäherungsbestrebungen. Gerade bei Kriegsausbruch tagte in Konstanz eine internationale kirchliche Konferenz. In ihr trat der Weltbund für Freundschaftsarbeit der Kirchen zum erstenmal vor die große Öffentlichkeit. Er hat seitdem größere Bedeutung erhalten. Sein Organ in Deutschland ist die Eiche, herausgegeben von Dr. Siegmund-Schultze. Viel radikaler pazifistisch, ausgesprochen religiös, aber nicht kirchlich gerichtet, ist die Bewegung für eine »Christliche Internationale«, die ihre Anhänger zuerst Anfang des Jahres 1919 in Bilthoven sammelte. Dieser losen »Bilthovener Vereinigung« schlossen sich nationale Gruppen an, in England und Amerika unter dem Namen »Fellowship of Reconcilation«, in Holland die »Broederschap in Christus«, in Deutschland der »Versöhnungsbund«. Die schon erwähnten katholischen Bestrebungen treten international als »Katholische Internationale« auf.

Von vorübergehender Bedeutung war die im April 1915 im Haag gegründete, während des Krieges sehr verdienstvoll tätige »Zentralorganisation für dauernden Frieden«, in der Dr. de Jong van Beeken Donk als unermüdlich treibende Kraft wirkte. Über den Krieg hinaus ist die von Prof. Broda gegründete internationale Organisation »kultureller Vereine« bestehen geblieben. Sie hat noch 1921 einen internationalen Kongreß abgehalten. Man kann zweifeln, ob das Nebeneinander des Berner Bureaus und dieser Organisation nicht zu einer Zersplitterung der Kräfte führt. Auf die Brodasche Organisation geht die Stuttgarter Zeitschrift Die Menschheit zurück.

Die in England schon bald nach Kriegsausbruch gegründete »Union of Democratic Control« hat internationale Bedeutung gewonnen und zu ähnlichen Gründungen in anderen Ländern geführt. Die von Henri Barbusse und anderen gegründete Gesellschaft »Clarté« war als erste auf dem Plan, um die unmittelbare Verständigung mit Deutschland zu fördern. Sie suchte sich international zu organisieren, hat aber bisher nicht gehalten, was der Anfang versprach; sie kam, wenigstens zeitweilig, ganz ins bolschewistische Fahrwasser.

Von noch größerer Bedeutung sind vielleicht die Organisationen, die sich nicht die Pflege pazifistischer Gedanken in ihrer Gesamtheit, sondern das Studium und die Förderung eines Teilproblems des Pazifismus, nämlich des Völkerbundes und all der Einzelfragen, die mit ihm zusammenhängen, zur Aufgabe gemacht haben.

In den meisten europäischen Ländern, besonders auch denen, die am Krieg beteiligt waren, sind Völkerbundsligen entstanden; in Deutschland wurde die »Deutsche Liga für Völkerbund« im Jahre 1919 auf Veranlassung Erzbergers, der damals auf der Höhe seines Einflusses stand, begründet. Die Völkerbundsligen sind zu einer internationalen Organisation, dem »Weltverband der Völkerbundgesellschaften«, Sitz Brüssel, vereinigt. Der Beitritt der Deutschen Liga ist im Jahre 1921 erfolgt. Diese Völkerbundsligen haben vor den Friedensgesellschaften den Vorteil, daß ihre Tätigkeit auf Fragen konzentriert ist, deren aktuelle und unmittelbar praktische Bedeutung alle Welt anerkennen muß. Sie sind in manchen Ländern mehr oder weniger offiziös, d. h. sie stehen in regelmäßigen Beziehungen zur Regierung und genießen zum Teil finanzielle Subventionen aus staatlichen Mitteln. Unter dieser übermächtigen Konkurrenz der Völkerbundsligen leiden vielfach die älteren Vereine, die den grundsätzlichen Pazifismus vertreten. Auf die Dauer aber haben sie doch den Vorzug der vollkommenen Unabhängigkeit gegenüber opportunistischen Einflüssen der Regierungspolitik. Und man darf vom Standpunkt der pazifistischen Gesamtentwicklung aus auch nicht vergessen, daß die Tätigkeit der Völkerbundsligen Kreise erfaßt, die für den reinen Pazifismus unzugänglich sein würden, und daß sie mit reicheren finanziellen Mitteln Leistungen vollbringen, für die die Kräfte der Friedensgesellschaften nicht ausreichen.

In Deutschland ist es (wir dürfen wohl sagen: unter Führung der Deutschen Friedensgesellschaft) gelungen, alle pazifistischen Organisationen zusammenzufassen zur gemeinsamen Einberufung der deutschen Pazifistenkongresse, 1920 in Braunschweig, 1921 in Essen. Daraus ist dann ein Zusammengehen von Fall zu Fall auch für die Zwischenzeit entstanden, und jetzt hat sich aus dem Kongreßausschuß ein dauernder deutscher Pazifistenausschuß entwickelt, also ein festes Kartellverhältnis der zur Zeit 15 angeschlossenen Organisationen: das Deutsche Friedenskartell.

Über dieses Kartell und die eigentlichen pazifistischen Organisationen hinaus greift der Aktionsausschuß »Nie wieder Krieg«, ins Leben gerufen 1920 von dem Friedensbund der Kriegsteilnehmer, um die jährlichen Demonstrationen zum Jahrestag des Kriegsausbruchs zu organisieren.

In England sind die pazifistischen Gesellschaften im »National Peace Council«, in Frankreich in der »Délégation permanente des Sociétés de la Paix« vereinigt. Die Zahl der an sie angeschlossenen organisierten Pazifisten ist in beiden Ländern kaum größer als in Deutschland. Aber in Frankreich zählte die »Ligue pour les Droits de l’homme«, die einen einflußreichen Faktor im öffentlichen Leben des Landes bildet, zwar weitergehende Aufgaben verfolgt, aber außenpolitisch durchaus pazifistisch orientiert ist, mehr als 100 000 Mitglieder in 900 Ortsgruppen, und in England hat die Völkerbundsgesellschaft in den wenigen Jahren seit Kriegsende mehr als 100 000 Mitglieder gewonnen. Auch in den Vereinigten Staaten gibt es jetzt eine Vielzahl von Gesellschaften; eine gewisse zentrale Stellung scheint das »National Council for Disarmement« einzunehmen.

Wenn auf der einen Seite der organisatorischen Ausbreitung des konsequenten und umfassenden Pazifismus durch die konkurrierenden Völkerbundsligen Schwierigkeiten entstehen, so darf man auf der anderen Seite auch nicht verhehlen, daß von links her andrängende Elemente dem Pazifismus einen anderen Charakter als bisher zu geben suchen, und daß dieser sich in einer inneren Gärung befindet, aus der gleichfalls Schwierigkeiten für die Propaganda entstehen. Die Bewegung hat wieder etwas Frisches und Jugendliches erhalten, macht aber (darf man vielleicht sagen) auch eine zweite Periode der Kinderkrankheiten durch.

Es ist sehr begreiflich, daß nach den entsetzlichen Ergebnissen dieses Weltkriegs die Forderung der Verweigerung des Heeresdienstes eine ganz andere Bedeutung gewonnen hat als vorher. Man hat gesehen, daß die allgemeine Wehrpflicht nicht nur nicht, wie manche Pazifisten glaubten, eine, wenn auch nicht zuverlässige, Sicherung gegen leichtfertige Kriegserklärungen ist, sondern daß sie wesentlich dazu beigetragen hat, dem modernen Krieg seinen alle Voraussagungen weit übersteigenden furchtbaren Charakter zu geben. Der Gewissenskonflikt, ob das staatliche Gebot zu erfüllen oder der Heeresdienst, um nicht morden zu müssen, zu verweigern sei, hat sich für Tausende und Abertausende geltend gemacht. Die Haltung eines Teiles der Quäker und ihrer Gesinnungsgenossen machte Aufsehen und erzwang sich Anerkennung in der ganzen Welt. Die Gewissensklausel in dem während des Krieges geschaffenen Gesetz, das die allgemeine Wehrpflicht in England einführte, erwies sich als unzureichend. So erhob sich überall der Ruf, daß eine allgemeine Verweigerung des Heeresdienstes die Antwort der Völker auf Kriegsgelüste irgendwelcher Art sein müsse. Damit verbindet sich die Erkenntnis der Arbeitermassen, daß sie durch einen internationalen Generalstreik imstande gewesen wären, den Krieg zu verhindern, und die Folgerung, daß man für künftige Kriegsgefahr sich dadurch rüsten müsse, daß man in Friedenszeiten die solidarische Verpflichtung der Arbeiterschaft aller Länder den Gehirnen einpräge und, wo immer die Gefahr von Rüstungen für Kriegszwecke auftrete, betätige.

Diese Bewegung ist ein wichtiger Bestandteil der gesamten pazifistischen Bewegung geworden und hat bis zu einem gewissen Grade die Haltung aller Pazifisten beeinflußt. Während vor dem Kriege die nur zur Verteidigung, nicht zum Angriff taugliche, auf allgemeiner Wehrpflicht beruhende Miliz das von den meisten Pazifisten empfohlene Wehrsystem war, ist man heute so gut wie einig darin, die unbedingte Wehrpflicht, den Wehrzwang, zu verwerfen. Wer die allgemeine Wehrpflicht, solange die vollständige Entwaffnung nicht durchgeführt ist, dem Söldnerheere vorzieht, fordert doch als Pazifist ausreichende Sicherung für die Respektierung von Gewissensbedenken, die sich ja in Friedenszeit so fest verankern ließe, daß sie auch in Kriegszeiten nicht versagen würde. Auch halten viele Pazifisten heute für möglich, was vor dem Weltkrieg unmöglich schien, das Vertrauen zu schaffen auf internationale Gegenseitigkeit bei Verweigerung des direkten und indirekten Heeresdienstes und bei Proklamierung des Generalstreiks.

Diese Ideen müssen in das gemeinsame Programm des Pazifismus übergehen. Insoweit sind die neuen Forderungen im Recht. Ins Unrecht aber setzen sie sich, wenn sie sich dahin überschlagen, daß nun die Verweigerung des Heeresdienstes für den eigentlichen Kern des Pazifismus oder für die Krönung desselben oder für seine allein konsequente Erfüllung ausgegeben wird. Man übersieht, daß auch starke Erfolge dieser »revolutionären antimilitaristischen« Bewegung noch lange nicht den Frieden unter allen Umständen sichern würden, weil, wenn im übrigen die materiellen und die seelischen Voraussetzungen unverändert bleiben, immer wieder die Gefahr besteht, daß alle Verpflichtungen im Sturme nationaler Kriegsverhetzung wie Spreu im Winde verwehen. Und man übersieht noch etwas viel Wichtigeres, daß selbst, wenn es möglich sein sollte, auf diesem Wege den Ausbruch von Kriegen zu verhindern, das Ziel des Pazifismus nicht erreicht wäre, weil nur die Furcht vor der Weigerung derer, die man zum Kriegführen braucht, und die materielle Unmöglichkeit, Kriegsgelüste in die Tat umzusetzen, im Einzelfall den Frieden sichern würden.

Der Pazifismus aber will eine neue Welt aufbauen, erfüllt von der Idee des Rechtes, getragen von den solidarischen Interessen der Menschheit. Das ist etwas viel Größeres, viel Weitergehendes als die Verhinderung des Krieges durch Heeresdienstverweigerung. Wer den Pazifismus in dieser Forderung aufgehen läßt, verengert seinen Gesichtskreis und macht ihn ärmer. Er ist innerhalb der pazifistischen Bewegung gewissermaßen Reaktionär und kehrt zu dem Standpunkt jener zurück, die in den Anfängen der Bewegung gemeint haben, mit dem Ruf »Die Waffen nieder« sei alles getan.

Es gibt noch andere Probleme, die heute den Pazifismus, besonders in Deutschland, lebhaft bewegen und in inneren Kämpfen einen Teil seiner Kraft verbrauchen. Die wichtigsten sind die Stellung zur »Schuldfrage« und die Anwendung des Pazifismus auf die Aufgaben der inneren Politik, insbesondere der Sozialpolitik.

Nur wenige Worte seien dazu noch gestattet. In der Schuldfrage, d. h. in der Frage der Verantwortung für den Ausbruch des Krieges, ist immer wieder daran zu erinnern, daß sie eigentlich nicht eine Frage der Gesinnung, sondern des kritischen Urteils, genauer: der historischen Kritik ist oder wenigstens sein sollte. Die Erörterung der Frage hat auch etwas von der Leidenschaftlichkeit, mit der sie unter uns 1919 behandelt wurde, eingebüßt. Man ist sich einigermaßen näher gekommen. So gut wie niemand in pazifistischen Kreisen behauptet die Unschuld und so gut wie niemand die ganz ausschließliche Schuld der deutschen Regierung und ihrer Verbündeten. Über das Maß der deutschen Verschuldung und über den Anteil an Schuld, die die Staatsmänner, Politiker und Militärs in den Ländern der Entente trifft, gehen die Anschauungen freilich weit auseinander. Darüber, wie man zu einer Klärung kommen kann, habe ich mich an anderer Stelle ausgesprochen. Einig sind wir Pazifisten, nicht nur Deutschlands, sondern aller Länder, in der Forderung, daß eine Verständigung, die im Interesse des Wiederaufbaus der moralischen und politischen Welt so dringend notwendig ist, durch eine internationale, wahrhaft neutrale Untersuchung herbeigeführt werde.

Der grundsätzliche Gegensatz ist eigentlich nicht ein solcher in der Beurteilung des Schuldmaßes, sondern vielmehr in der Auffassung der Frage, auf was es für die Wiedergenesung Deutschlands und der Welt ankomme. Die einen meinen, alles hänge ab von der Erkenntnis des deutschen Volkes, wie stark das alte Regiment in Deutschland für den Kriegsausbruch verantwortlich war und wie stark auch die Gesinnung des deutschen Volkes selbst, obgleich es weit davon entfernt war, den Krieg zu wollen, doch verstrickt war in die politischen und moralischen Voraussetzungen dieser Politik. Die anderen meinen, alles hänge davon ab, die Welt und auch die Völker der Entente zu überzeugen, daß die Schuldauffassung, die dem Frieden von Versailles zugrunde liegt, sachlich unrichtig sei, und sie stellen deshalb ihr ganzes Bemühen auf die Widerlegung der »Schuldlüge« ein. Mir scheint, daß beide Gesichtspunkte gleichberechtigt nebeneinander stehen. Die Entgiftung der moralischen Atmosphäre fordert die Aufklärung und die Anerkennung der Wahrheit nach beiden Seiten hin.

Weit stärker als vor dem Kriege macht sich die Forderung geltend, auch die Innenpolitik nach pazifistischen Gesichtspunkten zu orientieren und als Pazifist zu den Aufgaben der Innenpolitik Stellung zu nehmen. Die Schrecken des Bürgerkrieges, die unserer Vorstellung vor dem Kriege ganz fern lagen, haben eine beredte Sprache geführt und eindringliche Lehren gegeben. Der Pazifismus muß fordern (was vor dem Kriege eine solche Selbstverständlichkeit schien, daß niemand davon gesprochen hat), daß auch die inneren Kämpfe nur auf der Grundlage des Rechtes und unter Ausschaltung der Gewalt durchgeführt werden. Man wird noch einen Schritt weitergehen dürfen und, wie es das Programm der Deutschen Friedensgesellschaft tut, fordern müssen, daß »die Mitarbeit am sozialen Ausgleich« zu den Verpflichtungen jedes Pazifisten gehöre. Wo dann die Grenze in der Stellungnahme zu einzelnen bestimmten Fragen zu ziehen ist, ist schwer zu sagen. Begreiflich, daß darüber die Meinungen auseinandergehen und daß sich zunächst ein gewisses Schwanken geltend macht.

Sehr merkwürdig ist eine Änderung, die sich seit dem Krieg innerhalb des deutschen Pazifismus vollzogen hat. Früher hat der deutsche Pazifismus um die Mitarbeit der Sozialisten geworben, aber sich Körbe geholt, weil die Sozialdemokraten überzeugt waren, der internationale Sozialismus sei der Friede und es brauche daneben keinen Pazifismus. Der Krieg hat viele alte Sozialdemokraten überzeugt, daß das ein Fehler war, und sie arbeiten heute nicht nur mit den Pazifisten zusammen, sondern auch innerhalb des Pazifismus. Sie sind aber dabei durchaus der Auffassung, daß, wenn auch für sie selbst die Verwirklichung der sozialistischen Ideen das Endziel ist, in das jede andere Entwicklung einmünden muß, doch heute der Pazifismus, wenn er etwas bedeuten soll, etwas anderes sein muß als der Sozialismus. Neben ihnen aber sind in die pazifistischen Organisationen neue Kräfte hineingeströmt, die durch den Krieg zum Pazifismus und vielfach gleichzeitig auch erst zum Sozialismus bekehrt sind. Sie haben nicht die Schulung der alten Organisation hinter sich, sind auch zum Teil noch heute nicht parteipolitisch organisiert. Sie haben begreiflicherweise die Neigung, Pazifismus und Sozialismus zu identifizieren und dem Pazifismus ein sozialistisches Programm zu geben. Es ist klar, daß er damit seine selbständige Bedeutung verlieren würde. Die Angehörigen aller anderen politischen und sozialen Richtungen würden, wenn diese Tendenzen streng durchgeführt würden, zum Austritt genötigt sein. Das will nun eigentlich fast niemand, auch in den Reihen der »Radikalen«; aber unwillkürlich kommt doch die Neigung, beide Bewegungen miteinander zu vermischen, immer wieder zum Durchbruch.

Ich persönlich bin überzeugt, daß die Einseitigkeiten, die sich aus der »antimilitaristischen« Forderung der Heeresdienstverweigerung, aus der gefühlsmäßigen Einstellung zur Schuldfrage und aus der sozialistischen Inanspruchnahme des Pazifismus ergeben, begreifliche Nachwirkungen der gewaltigen Erschütterung der Kriegszeit sind und daß der Pazifismus nach Überwindung dieser Krisen seinen Weg nehmen wird zu einer einheitlichen und geschlossenen Haltung, um unter Zusammenfassung all der moralischen, erzieherischen, rechtlichen, wirtschaftlichen und sozialen Gesichtspunkte zu arbeiten an der Gestaltung einer neuen Welt, die unter Ausschaltung rechtloser Gewalt eine nationale und internationale Gemeinschaft aufbaut.

Die entsetzlichen Erfahrungen und Lehren des Weltkrieges erleichtern uns unsere Aufgabe, die Erbitterung und das Mißtrauen, die er in vielen Ländern zurückgelassen hat, erschweren sie uns; in Deutschland kommen als schlimmstes Hindernis hierzu die Leiden und Nöte dieses furchtbaren Friedens. Wir Pazifisten müssen, wenn wir unsere Arbeit richtig einstellen wollen, begreifen, wie es kommt, daß die pazifistische und die nationalistische Richtung gleichzeitig wachsen, müssen unser eigenes Volk und die anderen Völker zu verstehen suchen. Aber die Vernunft, die Logik der Tatsachen, das Argument der eigenen wahren Interessen aller Völker und – nicht zuletzt – die Macht einer großen Idee sind auf unserer Seite. Dazu hat sich eines gegenüber der Zeit vor dem Kriege von Grund aus geändert. Viele, die innerlich zu uns gehörten, versagten sich uns früher, weil die Aufgaben, denen wir uns widmeten, ihnen Problem einer fernen Zukunft zu sein schienen. Heute kann wenigstens diesen einen Einwand niemand mehr machen. Es liegt zu sehr auf der Hand, daß die Fragen, die mit dem Völkerbund, mit internationaler Streitschlichtung, mit der Ordnung der Weltwirtschaft, mit internationalem Arbeitsrecht, mit der allgemeinen Entwaffnung, mit internationaler Erziehung, zusammenhängen, Tagesfragen der Politik geworden sind. So gewinnen wir denn jetzt viele als Mitkämpfer, und zwar aus allen sozialen, geistigen, religiösen, politischen Schichten, die früher beiseite standen. Diese Gunst der Lage muß der kämpfende Pazifismus nützen.


Ludwig Quidde (* 23. März 1858 in Bremen; † 4. März 1941 in Genf) war ein deutscher Historiker, Publizist, Pazifist und linksliberaler Politiker in der Zeit des Deutschen Kaiserreichs und der Weimarer Republik. Er war ein prominenter Kritiker von Kaiser Wilhelm II. und erhielt 1927 den Friedensnobelpreis für seine Leistungen als treibende Kraft in der deutschen Friedensbewegung. Für die Ziele und die Organisation des Pazifismus engagierte er sich etwa als langjähriger Vorsitzender der Deutschen Friedensgesellschaft (DFG). Er war Teilnehmer an und Redner bei verschiedenen internationalen Friedenskongressen sowie Organisator des 16. Weltfriedenskongresses 1907 in München.- Quelle: wikipedia

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