Louise Anklam: Kindergeschichten – Der Wunderdoktor

JESSIE WILLCOX SMITH (1863-1935)
JESSIE WILLCOX SMITH (1863-1935)

Am Fenster eines luxuriös ausgestatteten Zimmers saß die kleine zehnjährige Edith und schaute gelangweilt auf das muntere Treiben der Straßenjugend.
Sie war das einzige Kind sehr reicher Eltern, und wurde sehr verwöhnt, denn jeder ihrer Wünsche wurde erfüllt, wenn diese auch oft recht töricht waren. Daher kam es, daß sie an nichts Freude fand, auch nicht mehr wußte, was sie sich wünschen sollte, und nicht wie andere Kinder ihres Alters froh und heiter umhersprang. Das schlimmste aber war ihre Unlust zum Lernen, was das Herz der Eltern mit größter Besorgnis erfüllte. Alle Vorstellungen und herzlichen Bitten derselben waren bei dem verzärtelten Liebling bis jetzt erfolglos geblieben.
Von einer höheren Töchterschule wurde Edith in die andere gebracht, doch stets hatte sie zu klagen und dies und jenes auszusetzen. Bald waren es die Lehrerinnen, welche ihr nicht gefielen, bald die Mitschülerinnen, die sie ärgerten oder sich über sie lustig machten.Hätten nur die schwachen Eltern solchen fortwährenden Klagen Strenge entgegengesetzt, dann wäre es schon anders geworden. Doch stets wurde das Töchterchen getröstet und die Lehrerinnen wurden getadelt, die es nicht verstehen sollten, mit einem so zarten, schwächlichen Kinde umzugehen.
Das war sehr wunderbar. Nicht wahr, meine lieben Leser? Ihr geht alle fleißig und gern zur Schule? Ihr wißt auch, daß es dort verschiedene Kinder gibt, solche, die alles leicht fassen und begreifen, und wieder andere, denen das Lernen schwer wird. Mit allen wissen eure Lehrer und Lehrerinnen umzugehen, sie haben euch alle gleich lieb, wenn ihr nur fleißig und folgsam seid.
Beides aber war Edith nicht, und es war daher kein Wunder, wenn die Lehrerinnen auch einmal die Geduld verloren, und Schelte und Strafe nicht ausblieben.
Die Eltern beschlossen endlich, das Töchterchen aus der Schule zu nehmen und eine Erzieherin anzustellen, von welcher es allein unterrichtet werden sollte.
Das geschah. Da sich Edith aber nicht besserte, weder fleißiger noch aufmerksamer wurde, so blieb es ganz beim alten. Weil sie ihre Erzieherinnen stets unausstehlich fand, keine von ihnen leiden mochte, so hörte auch jetzt der Wechsel nicht auf. Alle redlichen Bemühungen, das träge, verzogene Kind zu Fleiß und Aufmerksamkeit zu bekehren, blieben jetzt ebenso erfolglos wie früher, und die Erzieherinnen verließen gern eine so unfleißige und undankbare Schülerin.
So kam es, daß das verzogene Mädchen bald gar keinen Unterricht hatte und nicht wußte, wie es die Zeit hinbringen sollte.

Das beklagenswerte Kind nahm seine prachtvolle Pariser Puppe zur Hand, warf diese aber schnell wieder beiseite. Das war ihr auch zu langweilig, die ließ alles mit sich machen, lachte nicht und sprach nicht. Nein, eine Puppe ist schrecklich, wenn sie auch noch so schöne Kleider hat, dachte Edith, lieber füttere ich doch meinen Papagei. Sie nahm ein Stückchen Semmel und trat an das Bauer, aber auch der Vogel ärgerte sie heute. Zu oft hatte das Tier gehört, daß die Erzieherin in verzeihlichem Unmut »Du träges Kind« gesagt hatte, und diese Worte hatte es aufgeschnappt und nachgesprochen.
»Träges Kind!« rief er ihr auch heute entgegen. Darüber war Edith nun ganz außer sich. Bitterlich weinend setzte sie sich an das Fenster und beneidete die vorübereilenden Straßenkinder, die sich untereinander neckten und fröhlich lachten.
»Wie können die nur lachen und so vergnügt sein?« dachte sie, »die müssen doch so schwere Körbe und so schlechte
Kleider tragen, und bekommen vielleicht noch gar zu Hause Schelte, wenn sie sich beim Spielen aufhalten und zu lange ausbleiben. Wie ist es nur möglich, daß solche Kinder so vergnügt und zufrieden aussehen. Ich bin doch reich und habe alles, was ich mir nur wünschen kann, und bin doch nicht froh und glücklich.«

Armes Kind, du bist bei deinem Reichtum und Überfluß doch ein recht beklagenswertes Geschöpfchen. Lerne erst erkennen, daß Zufriedenheit die Quelle des Frohsinns und ein gar köstliches Pflänzlein ist, das oft eher in den Häusern der Armen, als in den Palästen der Reichen zu finden ist. Wo dieses Pflänzlein aber wächst, da herrscht auch Friede und Freudigkeit. Und in dem Herzen, wo Friede wohnt, da ist Gott, und wo Gott ist, da ist keine Not. Der liebe Gott will aber, daß allen Menschen geholfen werde; er führte auch dieses verirrte Schäflein, unsere Edith, noch zur Quelle des Frohsinns.
So recht aus tiefstem Herzen weinend und schluchzend, fand der Vater das unglückliche Kind. Er war soeben mit einem Brief in der Hand in das Zimmer getreten und erschrak sehr, sein Töchterchen so trostlos zu finden.
Er nahm sie auf seinen Schoß und suchte sie liebreich zu trösten. Es ging ihm sehr zu Herzen, sein einziges Kind so traurig zu sehen. Sie mit den zärtlichsten Worten beruhigend, sagte er mitleidig: »So kann es nicht fortgehen, mein Herzchen, das habe ich lange eingesehen, du mußt in andere Verhältnisse gebracht werden. Ich glaube, dir fehlt vor allem Bewegung in frischer Luft, Zerstreuung und Spiel mit Altersgenossinnen. Ich habe deshalb an meinen Bruder, an Onkel Karl, geschrieben, habe ihn dringend gebeten, uns zu besuchen und dich in seine Kur zu nehmen. Er ist ein kluger Arzt und wohnt herrlich in seiner Villa vor der Stadt; es ist fast wie auf dem Lande dort. Gewiß wird er sehr bald erkennen, wie du kuriert werden kannst. Als ich im vorigen Jahre den Onkel besuchte, habe ich mich über seine sechs Kinder gefreut, welche alle blühend und frisch aussahen und munter umhersprangen. Dabei lernten sie den ganzen Vormittag so fleißig, und es war ein gar schönes Verhältnis zwischen den Kindern und ihrem Hauslehrer.«
»Da soll ich auch wohl hin und den ganzen Vormittag lernen?« fiel Edith erschrocken ein. »Nein, lieber Papa, dabei könnte ich nicht vergnügt werden.«
»Warum willst du denn anders sein, als andere Kinder?« entgegnete ruhig der Vater. »Ich sagte dir ja, daß die Kleinen alle sehr lustig waren. Um acht Uhr begann der Unterricht, und um zehn Uhr war eine längere Pause. Da lief die kleine wilde Schar unter die Obstbäume und schüttelte sich Äpfel und Birnen herunter. Ihr munteres Lachen hörte man bis in die Stube hinein. Nachmittags machten die Kinder mit ihrem Lehrer einen langen Spaziergang und suchten Blumen im Walde und auf den Wiesen. Mit großen Sträußen von Beeren und Feldblumen kamen sie abends nach Hause. Sie brachten gesunden Appetit mit, und das Abendbrot schmeckte allen prächtig.«
»Was gab es denn, daß es ihnen so schön schmeckte?« fragte Edith neugierig. Ihr mundeten oft die seltensten Gerichte nicht.
»Nun, Leckerbissen waren es nicht, welche die Tante auftischte«, erwiderte der Vater. »Wenn der Onkel auch wohl ein gutes Einkommen hat, so gehört doch viel zu einem so großen Hausstande, und wenn die drei Jungen nachher studieren und etwas Tüchtiges lernen sollen, so hat der Onkel Ursache, schon jetzt zu sparen. Gewöhnlich bestand das Abendessen aus Brot, Butter, Wurst oder Schinken und einem Glase süßer, oder einem Teller saurer Milch. Arbeit und Bewegung schafft den Kindern Appetit.«

»Ja, aber für mich wird das doch nichts sein«, sagte nur kleinlaut Edith. »Das Haus im Garten, welches ich auf dem Bilde, das dir der Onkel geschickt hat, gesehen habe, denke ich mir wohl sehr schön; auch würde es mir gefallen, mit den Vettern und Kusinen zu spielen, aber lange möchte ich da dennoch nicht sein.«
»Versuchen wollen wir es, Kleine, und gleich einmal sehen, was der Onkel schreibt«, antwortete der Vater, den Brief öffnend. Beim Lesen wurde sein Gesicht so heiter, daß Edith verwundert fragte: »Der Onkel schreibt dir wohl etwas sehr Schönes, lieber Papa?«
»Ja, mein Kind, ich will es dir auch sogleich vorlesen. Höre nur: ›Daß deine kleine Edith noch immer so blaß und so wenig heiter ist, bedauere ich recht sehr. Gern erfülle ich Deinen Wunsch, das Kind in mein Haus und in meine ärztliche Behandlung zu nehmen. Ich werde in etwa acht Tagen kommen und mir meine kleine Patientin holen. Aber mindestens ein halbes Jahr müßt Ihr Euch von Eurem Lieblinge trennen. Wir alle wollen sorgen, daß es ihr bei uns gefällt. Vorher aber, lieber Bruder, muß ich erklären, daß ich ein sehr strenger Arzt bin, der sich durchaus nichts dreinreden läßt. Meine Anordnungen müssen genau befolgt werden, wenn meine Kur den gewünschten Erfolg haben soll. Dann aber hoffe ich Dir Deine Tochter frisch und blühend wie ein Röslein heimbringen zu können.‹
Nun, Kind, was sagst du dazu?« Mit dieser Frage wandte sich der Vater, als er den Brief zu Ende gelesen hatte, an Edith. »Nicht wahr, Schätzchen, ich kann dem Onkel antworten, daß wir am nächsten Sonnabend mit Freuden seinem lieben Besuch entgegensehen?«
»Ach nein! Schreibe noch nicht, liebstes Väterchen«, rief Edith erschrocken. »Vielleicht bringst du mich später hin, und wenn es mir bei dem Onkel nicht gefällt, dann reise ich mit dir wieder nach Hause.«

Der Vater aber wußte, warum der Onkel geschrieben hatte, daß er sich nicht dreinreden lasse. Und weil er dessen edles, menschenfreundliches Herz kannte, wußte er sein Kind unter dessen Schutz geborgen.
Ediths kränkliches Aussehen sowie ihr bei einem Kinde unnatürlicher Trübsinn hatten ihm schon lange schwere Sorgen und Kummer bereitet, deshalb hatte er sich nun auch vorgenommen, fest zu bleiben. Seinen vielen Bitten und Vorstellungen gelang es endlich, das Töchterchen zur Erfüllung seines Wunsches zu bewegen.
Fast noch schwerer als bei Edith, hielt es, der besorgten Mutter Einwilligung zu einer so langen Trennung von ihrem Lieblinge zu erhalten. Diese war schon seit langer Zeit kränklich. Weil ihr jede Aufregung ferngehalten werden sollte, war es eine schwierige Aufgabe, ihren Widerstand zu besiegen.
»Wie kann ich wohl das schwächliche Kind so lange von mir lassen!« sagte sie bekümmert. »Ich werde später mit ihr in ein Seebad reisen, das wird ihre Gesundheit kräftigen und sie wieder beleben. Die Angst, daß das arme, schüchterne Kind nicht so gepflegt wird, wie es seine zarte Gesundheit verlangt, würde mich verzehren.«
»Mit einem Seebade haben wir es oft genug versucht und wenig und keinen dauernden Erfolg gesehen«, entgegnete hierauf freundlich der Gatte. »Mein Bruder ist der beste und gewissenhafteste Mensch und ein sehr gescheiter Arzt. Gewiß wird er nicht weitere Versuche anstellen, wenn er sieht, daß ihr der Aufenthalt bei ihm auch nur im geringsten nachteilig werden könnte. Sicher wird er die Ursache des Übels gar bald erkennen. Ich glaube, daß er diese schon im vorigen Jahre, als er uns im Herbste besuchte, erkannt hat und deshalb das Kind schon damals mitnehmen wollte. Bei ihm ist Edith ebenso sicher aufgehoben wie im Elternhause.«
Wenn auch mit schwerem Herzen und mit Tränen, willigte doch zuletzt die für das Wohl des Kindes so bedachte Mutter ein.
So war denn alles zu Ediths Abreise bereit, als der Onkel am Sonnabend kam. Da dieser schon wieder am Montag früh zurückkehren mußte, so kam der Abschied eher als man erwartet hatte.

Weinend lag Edith am Morgen der Abreise in den Armen der Eltern, die selbst zu schmerzlich bewegt waren, um ihr Kind trösten zu können. Nur der Onkel in seiner gutmütigen Weise fand auch hier die richtigen Worte: »Kinder,« rief er mit komischem Ernst, »haltet ihr mich etwa für einen Ritter Blaubart, der euch eure Tochter entführen und nicht mehr wiederbringen will? Die kurze Zeit und noch dazu die schöne Sommerzeit wird doch schnell genug dahingehen. Seht nur, wie freundlich die Sonne scheint, das soll uns allen eine gute Vorbedeutung sein! Jetzt aber müssen wir einsteigen, wenn wir nicht sitzenbleiben und den Zug versäumen wollen. Nun lebt wohl! Auf frohes Wiedersehen im Herbst.« Sich von Bruder und Schwägerin herzlich verabschiedend, hob er die noch immer weinende Edith in den Wagen. Der Zug dampfte ab und führte das verwöhnte Kind weit fort von Eltern und Heimat.

Erst gegen Abend war das Ziel, der Wohnort des Onkels, erreicht. Die Tante mit drei kleinen Töchtern standen schon auf dem Bahnhofe, um die lieben Ankommenden zu erwarten. Nachdem alle den Gatten und Vater herzlich begrüßt hatten, umringten die kleinen Mädchen Edith, und küßten und umarmten sie zärtlich. Ebenso liebevoll und freundlich bewillkommnete sie die Tante. »Du bist nun mein liebes Pflegetöchterchen«, sagte sie, das schüchterne, schwächliche Kind teilnahmsvoll betrachtend. »Ich will dich wie eine Mutter hegen und pflegen, daß bald die Rosen auf den blassen Bäckchen blühen sollen.« Doch trotz aller Freundlichkeit, die ihr so aufrichtig entgegengebracht wurde, blieb Edith scheu und stumm. Das arme Kind, das sich zum erstenmal ohne Eltern in einem ihr fremden Familienkreise, wenn auch bei nahen Verwandten befand, fühlte sich einsam und verlassen. Deshalb waren ihre Zurückhaltung und ihre bangen Gefühle natürlich und verzeihlich.
Der kurze Weg bis zu der Wohnung des Onkels war bald zurückgelegt. Hier führten die kleinen Mädchen ihre neue Spielgefährtin überall herum und zeigten ihr all ihre Herrlichkeiten und Spielsachen. Doch wollte es ihren freundlichen Bemühungen nicht gelingen, das betrübte Kusinchen aufzuheitern. Als bald alle zum Abendessen gerufen wurden, flüsterte Hildegard, genannt Hilda, die älteste der drei Schwestern, Edith vertraulich ins Ohr: »Heute gibt es Schokolade, weil du den ersten Tag hier bist.«

Ist denn das so etwas Besonderes, dachte Edith. Schokolade hatte sie zu Hause alle Tage und zu jeder Zeit, wenn sie es gewünscht hatte, bekommen. Verwundert musterte sie darauf die einfache Tafel. Man hatte vorher nicht einmal gefragt, was sie essen wolle. Die Tante goß ihr wie den anderen Kindern eine Tasse Schokolade ein und machte ihr ein Butterbrot mit Schinken zurecht. Auf beides aber hatte sie heute gar keinen Appetit, etwas Pastete wäre eher nach ihrem Geschmack gewesen.
Nachdem sie noch eine Weile in ihren trüben Gedanken gesessen hatte, nippte sie mit spitzem Mäulchen an ihrer Tasse, Aber siehe da, die Schokolade der Tante war weit besser, als daheim. Sie wagte nun auch den Versuch mit der Schnitte Brot, auch diese schmeckte vorzüglich, und sie verzehrte beides mit großem Behagen. Als die Tante sie dann fragte, ob sie ihr noch eine Schnitte zurechtmachen solle, bat sie freundlich darum. Sie hatte sich doch vorgenommen, gar nichts zu essen, wie kam es nur, daß es dennoch so gut schmeckte? Weil du Hunger hast nach der Reise, mein Kind, den du zu Hause bei deinen ewigen Leckerbissen und Näschereien gar nicht kennen gelernt hast! –Mach nur kein so trauriges Gesicht, gewöhne dich nur erst an die neue, gesunde Lebensweise. Es wird dir hier bei deinen guten Verwandten und in Gesellschaft mit deinen freundlichen Kusinchen schon gefallen.
Der Vater hielt streng darauf, daß die Kinder regelmäßig um neun Uhr zu Bett gingen, was diese auch gehorsam taten.
Für Edith war in dem hübschen Erkerzimmer bei den beiden ältesten Kusinen ein sauberes, weißes Bettchen aufgestellt. Aber so freundlich und nett es auch in dem Zimmer aussah, unserer an höchsten Glanz gewöhnten Edith kam es entsetzlich einfach, fast armselig vor. Sie saß lange auf dem Stuhl vor ihrem Bett und sah alles mit verwunderten Blicken an, bis Hilda sie fragte, ob sie denn nicht anfangen wolle, sich auszuziehen.
»Das verstehe ich nicht allein«, entgegnete das verwöhnte Prinzeßchen. »Bitte, rufe ein Mädchen, welches mir dabei hilft; mein Koffer ist auch noch nicht ausgepackt, und ich muß doch mein Nachtzeug haben.«
»Wir haben nur ein Mädchen,« entgegnete Hilda, »wir ziehen uns alle allein an und aus. Sogar Trudchen, welche sogar erst sechs Jahre alt ist, kann es schon, ich mache ihr nur die Haare. Deine Sachen hätten wir schon vor dem Abendbrot auspacken können; jetzt werde ich nur dein Nachtzeug heraussuchen, das andere packen wir morgen früh gleich in die Schränke, welche Mama für dich leergemacht hat.«

Edith war ganz starr vor Schreck. Hörte sie denn recht? Alles allein sollte sie machen? Ängstlich fragte sie die geschäftige Hilda, die schon das obenaufliegende Nachtzeug aus dem Koffer gesucht und auf ihr Bett gelegt hatte: »Wer zieht mich denn aber morgen früh an?«
Höchst verwundert sah nun Hilda die Kusine an. Das war denn doch zu viel. –Angezogen wollte das große, zehnjährige Mädchen auch noch werden? Eben hatte sie ihr doch gefügt, daß selbst Trudchen das allein könne. Als sie dann aber das verzweifelte, traurige Gesicht des Kusinchens sah, tat es ihr aber doch leid. Freundlich und gefällig versprach sie Edith, ihr so lange helfen zu wollen, bis sie es gelernt hätte.
»Nun aber wollen wir schnell zu Bett gehen«, sagte darauf Hilda. »Sieh, Eva schläft schon, und auch du wirst gewiß von der weiten Reise müde sein.« Sie half nun schnell Edith beim Auskleiden und brachte sie wie ein gutes Mütterchen zur Ruhe. Dann wünschte sie ihr noch mit einem herzlichen Kuß eine gute Nacht und süße Träume im neuen Heim, hüpfte dann flink in ihr Bettchen und schlief bald ein. Unsere betrübte Edith konnte noch lange den Schlaf nicht finden und weinte still vor sich hin.
Wie anders war es doch daheim. Wieviel besser und weicher war dort ihr Bettchen mit der blauseidenen, spitzenbesetzten Decke und dem Betthimmel. Wie gut war doch ihre liebe Mama, die hatte nie verlangt, daß sie sich allein bedienen solle. Endlich aber schlief sie doch, von Müdigkeit überwältigt, ein und erwachte auch nicht eher, bis Hilda und Eva angezogen vor ihrem Bett standen und sie weckten.
»Laßt mich schlafen, ich bin noch müde«, fügte sie verdrießlich und wollte wieder die Augen schließen, aber die beiden Quälgeister ließen sich so leicht nicht abweisen. »Wenn wir heute am letzten Ferientag auch noch keine Schule haben, so müssen wir doch Punkt acht Uhr zum Frühstück unten sein«, sagte Eva.
»Ja, bitte, stehe auf«, bat nun auch Hilda: »ich werde dir schnell helfen, damit wir alle zur rechten Zeit fertig sind.«
Was half es! Wer zieht mich an, wenn Hilda nicht da ist, dachte Edith und bequemte sich dazu, aufzustehen.
Nachdem sie nun unter Hildas flinker und geschickter Hilfeleistung angezogen war, betraten sie alle drei das Frühstückszimmer. Hier fanden sie schon den mit einem weißen Tuch bedeckten Tisch. Vor jedem Platz der Kinder stand eine große Tasse schöner, frischer Milch; eine Semmel lag daneben. Alle, bis auf Edith, ließen es sich sogleich sehr wohl schmecken. Diese vermißte ihre schöne Schokolade mit feinstem Gebäck, und sie hätte gewiß ihr Frühstück unberührt gelassen, wenn nicht der Onkel, welcher sie unbemerkt beobachtet hatte, gerufen hätte: »Nun, kleine Edith, fange an, sonst werden die anderen eher fertig; deine Milch mußt du austrinken und deine Semmel dazu essen. Du wirst dich wohl erinnern, daß ich deinem Vater geschrieben habe, welch ein strenger Arzt ich bin,« fügte er lächelnd hinzu, »du sollst doch bald frisch und froh wie andere Kinder werden.«

Edith wagte keine Widerrede und beeilte sich nun, ihre Milch auszutrinken. Dann zog die kleine Gesellschaft hinaus in den schönen Garten, wo jetzt alle Obstbäume in vollster Blüte standen.
»Heute haben wir noch frei,« begann Hilda, »morgen haben wir wieder Schule, da müssen wir von 8–12 Uhr fleißig lernen. Wir hatten jetzt beinahe acht Tage Ferien, weil unser Fräulein Berg nötigerweise verreisen mußte. Heute nachmittag kommt sie nun wieder zurück. Wir wollen Laub und Blumen holen und ihre Stube bekränzen. Kommt und helft alle!« Eva und Trudchen waren sogleich dabei, nur Edith rührte sich erschreckt nicht vom Fleck. Mit Tränen kämpfend, stieß sie verzweifelt die Frage hervor: »Eine Erzieherin habt ihr, zu der soll ich auch in die Schule gehen? Nein, das tue ich nicht, ich will heute gleich wieder nach Hause. Papa sagte doch, ihr hättet einen Hauslehrer, vielleicht sind die besser, aber alle Lehrerinnen kann ich nicht leiden, die sind schrecklich, und die eure will ich gar nicht sehen.«
Diese artigen, fleißigen Kinder, welche ihre Lehrerin so lieb hatten, begriffen die Aufgeregtheit der Kusine nicht. Was war denn dabei so schrecklich? Im Gegenteil, es war viel schöner, seit Fräulein Berg im Hause war. Der Unterricht machte den Kindern Freude, und auf den Spaziergängen erzählte ihnen das gute Fräulein hübsche Geschichten. Auch allerlei nette Handarbeiten lernten sie. Fräulein Berg half ihnen sogar Puppensachen machen. Gewiß waren Ediths Erzieherinnen nicht so gut gewesen, sonst würde sie jetzt nicht so trostlos weinen, dachten die Kinder und boten alles auf, sie zu beruhigen und zu trösten. Endlich gelang dies auch, wenigstens etwas. Hilda hatte gesagt, alle Menschen sind nicht gleich; lerne nur erst unser Fräulein Berg kennen, und sie wird dir schon gefallen. Wenn Edith das auch nicht glaubte, kennen lernen konnte sie die Gefürchtete ja, und dann morgen gleich früh nach Hause reisen. Mit diesem Gedanken beruhigte sie sich vorläufig und half den Kusinen Kränze und Girlanden winden, wenigstens reichte sie ihnen dabei Grünes und Blumen zu, weil sie das Winden selbst nicht verstand.

Trotz der Angst im Herzen war ihr der Vormittag lange nicht so endlos wie sonst vorgekommen. Die freundlichen kleinen Mädchen taten alles, sie zu zerstreuen und zu erheitern. Es waren ganz reizende Geschöpfchen, das fand selbst Edith, und sie schloß sich ihnen ganz vertraulich an.
Spät am Nachmittag, als die Kinder eben mit den Kränzen und Girlanden fertig waren und das Stübchen der geliebten Lehrerin festlich geschmückt hatten, kam Trudchen atemlos hereingelaufen und rief: »Der Wagen kommt schon, Fräulein Berg wird gleich hier sein.«
Während nun alle hinauseilten, war die Erwartete schon da, und die Kinder begrüßten sie freundlich und zärtlich. Die Erzieherin umarmte alle der Reihe nach herzlich, man sah sogleich, welch gegenseitiges freundliches Verhältnis hier waltete. Auch die Eltern empfingen die Ankommende mit großer Herzlichkeit.
Das Fräulein gewahrte nun erst die abseits stehende Edith, reichte ihr sehr freundlich die Hand und sagte: »Das ist wohl meine neue kleine Schülerin, von der ihr mir schon erzählt und auf welche ihr euch so gefreut habt? –Nicht wahr, liebes Kind, wir wollen uns auch recht lieb haben und gute Freunde werden?« setzte sie mit Wärme hinzu. –Und denkt euch nur! Edith fühlte sich von der herzgewinnenden Weise der Gefürchteten so angezogen, daß sie beide Arme um ihren Hals schlang und flüsterte: »Ja, ich will Sie lieb haben und fleißig werden!«. Alle sahen sehr erstaunt und gerührt auf das blasse, sonst so schüchterne Kind, das mit solcher Herzlichkeit seinen Gefühlen Ausdruck geben konnte. Liebreich zog das Fräulein Edith an sich und küßte sie zärtlich. Sie hatte schon gehört, wie verzogen Edith war, und sie gelobte sich, mit Nachsicht und Geduld das zarte Pflänzchen zu leiten, das jetzt auch ihrer Liebe und Obhut anvertraut war.
Viel Geduld mußten alle mit der von Reichtum und blinder Elternliebe verwöhnten Edith haben. In allen Wissenschaften war sie weit hinter Hilda und Eva zurück. Wenn sie zerstreut und unaufmerksam in den Unterrichtsstunden war und daher getadelt und ermahnt werden mußte, verlangte sie unter bitteren Tränen, man solle sie nach Hause bringen zu ihren Eltern. Erst nach und nach gelang es der Güte und Energie des Onkels und den freundlichen Bemühungen der stets geduldigen, sanften Erzieherin, sie gefügiger zu machen und zur besseren Einsicht zu bekehren.
Nachdem die ersten schweren Monate dahingegangen waren, wurde sie allmählich ganz anders. Arbeit und Spiel fingen an, ihr Freude zu machen, und sie fühlte sich schon heimisch bei den gütigen Verwandten. Endlich war sie zu der Überzeugung gekommen, wie gut es hier alle meinten und daß alle nur ihr Bestes wollten. Onkel und Tante hatte sie zu lieben und verehren gelernt. Ebenso herzlich liebte sie die kleinen Kusinen, sie schmiegte sich innig an ihre Lehrerin und erkannte dankbar, wie viel Güte und Nachsicht alle mit ihr gehabt hatten.

Sehr erfreut war man über die glückliche Veränderung Ediths, deren blasse Bäckchen schon anfingen, rosig zu werden. Scherzend sagte der Onkel in seiner Freude: »Du fängst an, mit den Rosen um die Wette zu blühen, mein herziges Pflegetöchterchen!«
So ging für Edith der Sommer allzu schnell dahin, und die Zeit nahte, zu welcher der Onkel versprochen hatte, sie wieder nach Hause zu bringen. Obwohl sie sich darnach sehnte, die geliebten Eltern wiederzusehen, so dachte sie dennoch mit Schmerz an die Trennung von all denen, die ihr so lieb und teuer geworden waren.
Am Nachmittag eines schönen Septembertages tummelte sich die ganze kleine Gesellschaft gar lustig im Garten umher. Die Knaben, welche seit dem Fortgange des Hauslehrers in Pension gekommen waren, verlebten die Ferien daheim. Das Vergnügen der Kinder war heute sehr groß. Beim Mittagessen hatte der Vater ihnen gesagt, daß sie heute statt des Spazierganges im Garten nach Herzenslust herumspringen und tollen könnten. Die Kinder machten nun von dieser Erlaubnis den ausgiebigsten Gebrauch. »Zum Abend wird euch noch eine große Überraschung zuteil werden«, hatte der Vater noch schalkhaft lächelnd hinzugefügt. Was konnte das nur sein? Nicht wahr, meine lieben Leser, ihr seid auch neugierig darauf? Ebenso waren es auch unsere kleinen Freunde, aber dennoch zerbrachen sie sich nicht lange die Köpfe darüber. Zuletzt wetteiferten sie mit großer Geschicklichkeit in ihren Turnkünsten, und die kleinen Mädchen freuten sich, daß sie darin von den Brüdern nicht übertroffen wurden. Dabei hatten sie in ihrer übermütigen Lust nicht bemerkt, daß der Vater schon lange mit einem fremden Herrn am Fenster des Wohnzimmers stand, und beide ihrem munteren Treiben zusahen.
»Aber, lieber Bruder, findest du denn deine Tochter unter der wilden Schar noch immer nicht heraus?« so fragte der Doktor den neben ihm stehenden Herrn, der kein anderer als Ediths Vater war.
»Nein, lieber Karl, darunter kann ich mein armes, schwächliches Kind nicht entdecken. Du willst mich wohl nur foppen?«
»So laß uns hinausgehen, du Rabenvater, der nach einem halben Jahre seine eigene Tochter nicht mehr wiedererkennt. Komm, wir wollen sehen, ob diese ein ebenso schlechtes Gedächtnis hat wie ihr Vater.«

Kaum aber hatten die Kinder die Herren bemerkt, als das kleine Mädchen, welches oben auf dem Turngerüste seine Kunststücke zeigte, heruntersprang und mit dem freudigen Ausruf: »Mein lieber, guter Papa« jubelnd in die Arme des erstaunten, glücklichen Vaters eilte. Mit stürmischer Zärtlichkeit begrüßte sie nun den so lange Entbehrten, weinend und lachend vor Glück und Wonne. Auch der Vater war bis zu Tränen gerührt vor Freude. Das Glück war kaum zu fassen, daß dieses frische, blühende Kind seine kränkliche, müde Edith sein sollte! Er wußte dem Onkel nicht genug zu danken. »Lieber Herzensbruder, du Wunderdoktor, wie hast du solche Veränderung bewirkt?« rief er dem Bruder immer wieder dankend zu.
»Meine Kur ist eine sehr einfache gewesen«, entgegnete dieser lächelnd; »ich verlange nur von meinen Patienten, daß sie sich gehorsam meinen Anordnungen fügen. Nicht wahr, meine kleine Edith, der garstige Onkel konnte zuweilen recht böse werden, und hat dich mit dem schrecklichen Fräulein Berg oft so gequält, daß du fort und wieder nach Hause wolltest?« Weiter kam er aber nicht, Edith verschloß ihm den Mund mit Küssen.
»Du böser, bester Onkel, höre nur auf so zu sprechen. Ich weiß schon lange, wie gut ihr es alle mit mir meint, und wieviel Dank ich euch schuldig bin. Jetzt kenne ich auch gar keine Langeweile mehr, obwohl ich nicht vergessen habe, wie sehr mich diese einst geplagt hat.«

Nach einigen Tagen reiste der Vater mit seinem Töchterchen ab. Edith freute sich natürlich sehr auf das Wiedersehen mit ihrem lieben Mütterchen, doch der Abschied von allen guten Verwandten und von Fräulein Berg wurde ihr sehr schwer. Immer wieder umarmte sie alle zärtlich und konnte sich gar nicht von ihnen, trennen.
Wer aber konnte wohl die Seligkeit der glücklichen Mutter beschreiben, als diese nun nach so langer Trennung ihr schmerzlich vermißtes, jetzt so blühendes Kind in den Armen hielt. Ihr Mutterherz floß über in Dank gegen den, lieben Gott, der seinen Segen zu der Wunderkur des guten Onkels gegeben hatte.
Wie Edith einst ihre ganze Umgebung im Elternhause mit ihren bösen Launen gequält hatte, so erheiterte sie jetzt diese. Durch ihr munteres freundliches Wesen wurde sie zu Hause wie in der Schule bei jedermann beliebt, und ihre Mitschülerinnen suchten jetzt ihren Umgang ebenso, wie sie denselben früher gemieden hatten.

Mit inniger Liebe und Dankbarkeit hing sie stets an ihrem guten Onkel und dessen Familie, bei denen sie die Quelle des Frohsinns und der Zufriedenheit kennen gelernt.
Alle Jahre an dem Tage, an welchem Edith so glücklich verändert in ihr Vaterhaus zurückgekehrt war, gaben die dankbaren Eltern ein großes Fest, Onkel und Tante mit den Kindern, und dem verehrten Fräulein Berg durften als Hauptpersonen nie fehlen. Es ging dann jedesmal sehr hoch her, Braten, Kuchen und Näschereien gab es in Menge. Nicht wahr, meine Freunde, dabei hatten wir auch sein mögen, das hätte euch Leckermäulchen auch wohl schmecken sollen?
Der Onkel aber behielt sein Lebelang den Namen »Wunderdoktor«, und seine Kur wurde von allen Seiten »eine Wunderkur« genannt.

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