Lou Andreas-Salomé – Liebeserleben – Aus: Lebensrückblick

Lou Andreas-Salomé
Lou Andreas-Salomé

In jedem Leben geschieht es noch einmal, daß es sich müht, wiederzubeginnen wie mit Neugeburt: mit Recht nennt das vielzitierte Wort die Pubertät eine zweite Geburt. Nach etlichen Jahren bereits geleisteter Anpassung an das uns umgebende Daseinsgeschehen, an dessen Ordnungen und Urteilsweisen, die unser kleines Hirn ohne weiteres überwältigten, springt, mit herannahender Körperreife, auf einmal eine Urwüchsigkeit in uns so vehement dawider an, als habe sich nun erst die Welt zu formen, in die das Kind herniederkam, – unbelehrt, unbelehrbar im Ansturm seiner Wunschvoraussetzungen.
Auch dem nüchternsten Erleben ersteht irgendwo diese Verzauberung: das Gefühl, als erstehe die Welt als eine ganz andere, neue, und als sei, was dem widerspricht, ein unfaßliches Mißverständnis gewesen. Weil wir aber bei dieser tollkühnen Behauptung nicht beharren dürfen und weil wir der Welt, wie sie ist, dann doch unterliegen, so umspinnt sich uns später alle solche »Romantik« mit Schleiern wehmütigen Rückblicks – wie auf mondbeglänzten Waldsee oder geisterhaft winkende Ruine. Uns verwechselt sich dann, was uns im Innersten pulst, mit Gefühlsüberschüssen, die sich an irgendeinen zeitlichen Ablauf, unproportioniert und unproduktiv, verhängten. Aber faktisch stammt das zu Unrecht »romantisch« Benannte aus dem Unzerfallbarsten in uns, dem Robustesten, Urhaftesten, der Kraft des Lebens selber, die allein es mit dem Dasein draußen aufnehmen kann, weil sie dessen inne bleibt, daß zutiefst Draußen und Drinnen denselben Boden unter sich haben.Die Übergangsjahre zur körperlichen Reife, die somit naturgemäß am meisten Kämpfe und Gärung auszutragen bestimmt sind, sind deshalb zugleich am stärksten geeignet, inzwischen vorgefallene Verwicklungen oder Hemmungen erneut auszugleichen.

Auch in meinem Fall ergab sich das, indem die kindliche Phantasterei und Träumerei sich ein Stück weit in die Wirklichkeit weggeschoben sah. Ein leibhafter Mensch trat an ihre Stelle: er trat nicht neben sie, sondern mitumgriff sie – selber Inbegriff aller Wirklichkeit. Für die Erschütterung, die er auslöste, gibt es keine kürzere Bezeichnung als die, worin sich mir das Erstaunlichste, nie für möglich Erachtete, mit dem Urvertrautesten, von je und je Erwarteten einte: »ein Mensch!« Denn so urvertraut, weil des Erstaunlichen voll, war nur der Liebe Gott dem Kinde gewesen, im Gegensatz zu allem Begrenzenden ringsum, und eben deshalb ja, in dessen Sinn, nicht eigentlich »vorhanden«. Hier ereignete sich an einem Menschen die nämliche Allesenthaltenheit und nämliche Allüberlegenheit. Aber dieser Gottmensch trat überdies als Gegner jeder Phantasterei auf, er vertrat erziehlich die uneingeschränkte Richtung auf klare Verstandesentwicklung, und ich gehorchte dem nur um so leidenschaftlicher, je schwerer es mir fiel, mich darauf umzustellen: förderte es doch mittels des Liebesrausches, der mich steigerte, die Einheimsung der Wirklichkeit (die er in sich darstellte und mit der ich allein bisher nicht zu Rande gekommen war).

Dieser Erzieher und Lehrer, erst heimlich besucht, dann von der Familie anerkannt, half mir unter anderm durchsetzen, daß er mich für weitere Studien in Zürich vorbereiten dürfe. So wurde er, sogar innerhalb seiner Strenge, ebenso geschenkreich wie der einstige »göttliche Großvater«, der nur immer Wünsche erfüllte: als würde er Herr und Werkzeug in Einem, Führer und Verführer zu meinen eigensten Absichten. Wieviel infolgedessen an ihm hängenbleiben mußte von einem Duplikat, Doppelgänger, revenant des Lieben Gottes, erwies sich erst an der Unmöglichkeit bei mir, die Liebessache real und menschlich zum Abschluß zu bringen.

Allerdings entschuldigte mich dabei Verschiedenes weitgehend; nicht zum wenigsten ein Altersunterschied, der geradezu dem von letzter Besessenheit und erstem Erwachen gleichkam; sodann der Umstand, daß mein Freund vermählt und Vater zweier, mir ungefähr gleichaltriger Kinder war (was mich zum Teil nur deshalb nicht störte, weil ja auch für Gott bezeichnend ist, allen Menschen verbunden zu sein, ohne daß dies die allerpersönlichste Ausschließlichkeit des Verhältnisses zu ihm aufhebt). Überdies aber hatte ihn meine anhaltende Kindhaftigkeit – herkommend von nordländisch-später Körperentwicklung – gezwungen, zunächst vor mir zu verheimlichen, daß er die familiären Vorbereitungen zur Verbindung zwischen uns schon veranlaßte. Als der entscheidende Augenblick unerwartet von mir forderte, den Himmel ins Irdische niederzuholen, versagte ich. Mit einem Schlage fiel das von mir Angebetete mir aus Herz und Sinnen ins Fremde. Etwas, das eigene Forderungen stellte, etwas, das nicht mehr nur den meinigen Erfüllung brachte, sondern diese im Gegenteil bedrohte, ja die mir gerade durch ihn gewährleistete geradegerichtete Bemühung zu mir selbst umbiegen wollte und sie der Wesenheit des Andern dienstbar machen – hob blitzähnlich den Andern selber für mich auf. In der Tat stand ja damit ein Anderer da: jemand, den ich unter dem Schleier der Vergottung nicht deutlich hatte erkennen können. Dennoch hatte für mich meine Vergottung recht gehabt, denn er war bis dahin derjenige gewesen, dessen es zur Wirkung auf mich bedurft hatte, um mit mir selber besser zu Strich zu kommen. Diese im Grunde von vornherein gegebene Doppelstellung zu ihm drückte sich übrigens in dem Kuriosum aus, daß ich ihn bis zuletzt nicht duzte, sondern nur er mich, trotz allem Liebesverhalten: davon behielt mir lebenslang das »Sie«-Sagen eine intime Note und das Du eine belanglosere Bedeutung.

Mein Freund gehörte der holländischen Gesandtschaft an; seit Peter dem Großen gab es eine starke holländische Kolonie, und wegen der zu vereidigenden Matrosen wurde auch ein Theologe zur amtlichen Hantierung benötigt; in der Kapelle auf dem Newsky Prospekt fanden sowohl deutsche wie holländische Predigten statt. Während mein Freund meinetwegen viel zeitraubende Arbeit tat, kam’s uns so manchesmal auch nicht drauf an, daß ich ihm dafür gelegentlich eine Predigt fertigstellte: dann allerdings verfehlte ich keinen Kirchenbesuch, brennend vor Neugier, ob die Zuhörenden (er war ein Redner ersten Ranges) sich genügend gepackt zeigten. Dies nahm ein Ende, weil ich mal, im Eifer der Produktion, mich hatte hinreißen lassen, anstatt eines Bibelwortes, »Nam‘ ist Schall und Rauch« usw. zum Motto zu wählen; es trug ihm einen Rüffel vom Gesandten ein, den er mir mißvergnügt weitergab.

Holland als das angenehme Land, wo Kirche und Staat total getrennt sind, ließ meines Freundes theologische Befugnisse für mich noch anders wichtig werden. Vor meiner Abreise nach Zürich nämlich konnte ich wegen meines Austritts aus der Kirche von den russischen Behörden keinen eignen Paß erlangen. Da schlug er vor, mir in einem holländischen Dorfkirchlein, wo ein Freund von ihm amtierte, selber einen Einsegnungsausweis zu erwirken. Wir waren bei dieser seltsamen Feier, die genau nach meinen Angaben hergerichtet wurde und die an einem gewöhnlichen Sonntag zwischen den Bauern der Umgebung im wunderschönen Monat Mai stattfand, beide ergriffen: galt es doch nun die Trennung voneinander – die ich fürchtete wie den Tod. Meine Mutter, die mit uns dorthin gereist war, verstand zum Glück kein Wort der lästerlichen holländischen Rede und auch nicht die Einsegnungsworte, die den Schluß bildeten – fast wie Worte einer Trauung: »Fürchte dich nicht, ich habe dich erwählt, ich habe dich bei deinem Namen gerufen: du bist mein.« (Meinen Namen gab in der Tat er mir, wegen Unaussprechbarkeit des russischen – Ljola (auch ›Lolja‹) – für ihn.)

Die überraschende Wendung, die meine jugendliche Liebesgeschichte damals genommen hat und die ich selber ja nur halb begriff, habe ich ein Jahrzehnt später zu einer Erzählung (»Ruth«) geformt, die sich aber gewissermaßen dadurch verzeichnen mußte, daß eine Voraussetzung fehlte: die fromme Vorgeschichte, die geheimen Reste der Identität von Gottverhältnis und Liebesverhalten. Entschwand doch der geliebte Mensch genauso jählings der Anbetung, wie der Liebe Gott mir spurlos entschwunden war. Dadurch, daß der Vergleich damit fehlte und mit ihm der tiefere Hintergrund, mußte der Ruth-Umriß sich ins »Romantische« färben, anstatt sich zu gründen in dem, was im Wesen des Mädchens aus Unnormalem, aus gehemmter Entwicklung stammte. Aber gerade infolge von diesen Reifehemmnissen hatte mir die unvollendete Liebeserfahrung einen unwiederholbaren, durch nichts zu überbietenden Zauber behalten, eine Unwiderleglichkeit, die sich die Probe auf das Leben ersparte. Deshalb wurde das jähe Ende, im Gegensatz zur Trauer und Trübsal nach dem kindlichen Gottesentschwund, dem es so glich, zu einem Fortschritt in Freude und Freiheit hinein: und dennoch weiterwirkender Bezogenheit zu diesem ersten Menschen der vollen Wirklichkeit, dessen Wille und Weisung mich ja gerade zu mir selbst befreit hatten: zu dem, worin ich durch ihn zu leben erst voll erlernte.

Enthält der Ablauf dieser Ereignisse schon genügende Spuren von Regelwidrigkeiten, noch von nicht normal ausgereifter Kinderzeit her, so gilt das noch klarer von der körperlichen Entwicklung, die mit der seelischen nicht recht übereinstimmte. Hatte doch der Körper seinerseits den erotischen Auftrieb, der an ihn ergangen war, abzureagieren, ohne daß das seelische Verhalten dies in sich übernahm oder beglich. Sich selbst überlassen, erkrankte er sogar (Lungenbluten), weswegen ich von Zürich in den Süden gebracht wurde; mir erschien das später beinahe als analog kreatürlichen Vorgängen, wie wenn z. B. ein Hund auf dem Grabe seines Herrn verhungern sollte und doch ahnungslos bleiben, warum er dermaßen seinen Freßtrieb eingebüßt. Beim Menschenkinde zieht die Physis nicht so treuherzige Konsequenzen, ohne daß wir sie auch ins Bewußtsein aufnähmen.

Bei mir vermochte nicht bloß unerklärliches Wohlsein sich dem Abschied anzuschließen, sondern auch die Beobachtung der körperlichen Schädigung blieb wie eine fremde Sorge, außerhalb des aufsteigenden Lebensmutes. Ja, man könnte fast von Übermut reden, der sich hineinmischte, wenn unter allerlei Liebesversen, wie solche Zeiten sie typisch hervorbringen, beim Ansingen des Krankseins sich ein fast verschmitzter Unterton vorfindet. So in »Todesbitte«:

Lieg ich einst auf der Totenbahr
– ein Funke, der verbrannt –,
Streich mir noch einmal übers Haar
Mit der geliebten Hand.

Eh‘ man der Erde wiedergibt,
Was Erde werden muß,
Auf meinen Mund, den Du geliebt,
Gib mir noch Deinen Kuß.

Doch denke auch: im fremden Sarg
Steck ich ja nur zum Schein,
Weil sich in Dir mein Leben barg!
Und ganz bin ich nun Dein.

An solcher Doppelung, die sich irdisches Entschwinden zum Sinnbild (sogar zur Voraussetzung) um so totalerer Vermählung macht, legt sich die Regelwidrigkeit dieses Liebesablaufs noch einmal bloß. Wobei zu unterscheiden bleibt: regelwidrig im Vergleich zu dem, was auf bürgerliches Bündnis mit allen seinen Folgen ausgeht und wozu ich tatsächlich noch zu unausgereift war – und regelwidrig infolge des Gotteshintergrundes meiner Kindheit. Denn von dorther richtete sich von vornherein das Liebesverhalten nicht auf den üblichen Abschluß, sondern mittels des personal Erlebten wirkte es über die Person des Geliebten hinweg in deren, fast religiösem, Sinnbild weiter.

Wie nun aber durch Abläufe, die aus der üblichen Form springen, gewisse Linien auch an der Norm verschärft sichtbar werden können, so auch durch diesen hier am Liebesgeschehen überhaupt, indem in der Liebe der Partner – ohne gleich derartige Gottesübertragung zu bedeuten – doch beinah mystisch übersteigert wird und Sinnbild alles Wunderbaren. Lieben im Vollsinn ist nun einmal der anmaßendste Anspruch aneinander – vom bloßen Rausch an unwiderstehlich bis in alle beziehungsreichsten Leidenschaften: weshalb man auch damit rechnet, daß die »Außer-sich-geratenen« allgemach wohl wieder »zu sich kommen« werden, sowohl um der sonstigen Lebenserfordernisse willen als wegen der zu übernehmenden Pflichten gegeneinander. Was nicht hindert, daß die Betreffenden – die solcherweise »Betroffenen« – eben gerade dieser fragwürdigen, von der Vernunft kritisierten oder belächelten Situation der Liebesüberschwenglichkeit eine Dankbarkeit zollen wie nichts anderm, weil sie so verkehrte Maßstäbe anlegt; weil sie zum zeitweisen Durchbruch verhilft dem, was uns als das Notwendigste, Selbstgegebenste erschien, ehe wir uns in der Realität auskannten. Der Mensch, der die Gewalt besaß, uns glauben und lieben zu machen, bleibt zutiefst in uns der königliche Mensch, auch noch als späterer Gegner.

Um deswillen müssen wir uns, auch im ganz normal gerichteten Liebesvollzug, den Mißbrauch unserer gegenseitigen Übertreibungen verzeihen – ungeachtet der Schwierigkeit, daß dadurch Treue und Untreue merkwürdig und unberechenbar ineinandergerät. Indem der traumgewaltigste Durchbruch zusammengeht mit der gewaltigsten Realforderung an den andern Menschen, ist doch der Geliebte kaum mehr als das Stück Realität, das einen Dichter zu einer Dichtung treibt, die nicht den mindesten Bezug zu sonstigen Verwendungen ihres Gegenstandes in der Welt der Praxis nehmen kann. Wir alle sind Dichter mehr noch, als wir verständige Menschen sind; das, was wir, im tiefsten Sinne, dichtend sind, ist mehr noch, als was wir wurden, abseits der Wertfrage, tief, tief unter ihr, einfach in der Unumstößlichkeit, wodurch das bewußte Menschentum sich auseinanderzusetzen hat mit dem, wovon es selbst nur getragen wird und woran es sich untereinander auszukennen versuchen muß.

Liebend unternehmen wir aneinander gleichsam Schwimmübungen am Korken, während deren wir so tun, als sei der Andere als solcher das Meer selber, das uns trägt. Deshalb wird er uns dabei so einzig-kostbar wie Urheimat und zugleich so beirrend und verwirrend wie Unendlichkeit. Wir, bewußt gewordene und dadurch zerstückte Allweite, haben einander beim Hin und Her dieses Zustandes gegenseitig aufzuhalten, auszuhalten – haben unsere Grundeinheit geradezu beweisend zu vollziehen: nämlich leiblich, leibhaftig. Aber diese positive, materielle Verwirklichung der Grundtatsache, scheinbar unwiderleglicher Beweis, ist dennoch nur eine lauteste Behauptung gegenüber der nicht dadurch aufgehobenen Vereinzelung eines Jeden in seinen Personalgrenzen.

Um deswillen können wir gerade im geist-seelischen Liebesaufwand der wunderlichen Täuschung unterliegen, »des Leibes ledig« zu schweben, fast über ihn hinaus zusammengeschlossen zu sein; aus dem gleichen Grunde kann auch umgekehrt, statt solchen Seelenaufwandes, unser Leibesleben den ganzen Vollzug allein leisten durch Vermittlung eines Objektes, das es sonst nichts weiter angeht. Um deswillen entsteht so verschiedene Rede vom Eros, dem Führenden – oder von Erotik, der Verführenden; von Sexualität als einem Gemeinplatz – oder von Liebe als einer Ergriffenheit, die wir geneigt sind, geradezu »mystisch« zu taxieren; je nachdem, ob’s an unserer arglosen Körperlichkeit als solcher Ausdruck findet, die sich keinerlei Banalität bewußt zu werden braucht, sondern sich genug tut wie in der Lust der Atmung und Sättigung – oder ob wir Menschlein das Geheimnis unserer Urbezogenheit zu allem Dasein ekstatisch mit unserm gesamten Wesen feiern.

Das vollkommene Geschenk erotischer Widerspruchslosigkeit konnte nur noch der Kreatur zufallen. Sie allein kennt anstelle menschlichen Liebens und Lassens, das sich befehdet, jene Regelung in sich selber, die sich rein naturhaft in Brunst und Freiheit ausgibt. Nur wir stehen in der Untreue. Aus der kreatürlichen Naturgewalt bis in unsere menschlichen Komplikationen reichend, geht nur Befruchtung und Muttertum über unsere Sonderentscheidungen hinaus. (Daß wir vom Liebesfall überhaupt so wenig sagen können, außer seinem Durchbruch mitten im menschlich Geordneten, kommt ja nur daher, daß wir nur »verstehen«, was unsere vernünftigen oder lustverlangenden Bezogenheiten tangiert, aber mit Verstand und Genuß, diesen menschlich verengten Gefäßen, schöpft man eben nicht tief.) So lassen wir uns auch das Muttertum geschehen. Jenseits aller Problematik bejaht eine große Gesundheit im Weibe die Weitergabe des Lebens – und sogar dann, wenn der Trieb sich nicht verpersönlicht hat zum bewußten Wunsch, des begehrten Mannes Kindheit in sich zur Wiedergeburt zu bringen. Das nicht erleben zu können, schaltet einen Menschen zweifellos vom wertvollsten Weibesmaterial aus. Ich erinnere mich des Staunens von jemandem, dem ich während eingehender Gespräche über Ähnliches, im Alter, bekannte: »Wissen Sie, daß ich niemals das Wagnis gewagt habe, einen Menschen in die Welt zu setzen?« Dabei ist mir sicher, daß diese Stellungnahme nicht einmal erst aus der Jugend stammte, sondern von weit früher her als einer Zeit, wo solche Fragen vor den Verstand gebracht werden. Mir war der Liebe Gott noch eher bekannt geworden als der Storch, Kinder kamen von Gott und gingen, im Todesfall, zu Gott – wer hätte sie außer ihm ermöglichen sollen? Nun will ich wirklich nicht sagen, daß der belangvolle Entschwund Gottes da was angerichtet haben kann, was ein Mütterchen in mir aus der Fassung oder gar umbrachte. Nein, für meinen speziellen Fall will ich damit nichts gesagt haben. Nur läßt sich nicht verkennen, daß »Geburt« nicht umhinkann, ihre Bedeutungsfülle ziemlich stark zu verändern, je nachdem ein Kind aus dem Nichts oder aus dem Alles stammt. Den meisten hilft – neben ihren persönlichen Gefühlen und Wünschen – das Allgemeingebräuchliche, allgemein zu Erwartende über irgendwelche Bedenken hinweg; und es bleibt ihnen ja auch von niemandem verwehrt, den ganzen unverbindlichen Optimismus drum herum auszubreiten, wonach uns in unsern Kindern sämtliche vergeblichen Illusionen hinterher zur ersehnten Verwirklichung gelangen sollen. Aber das Erschütternde der Menschenschöpfung geht ja nicht von Erwägungen aus, weder moralischen noch banalischen, sondern vom Umstand selbst, daß sie uns von allem Personhaften hineinriß ins Geschöpfhafteste; daß sie uns der eigenen Entscheidung entnimmt und enthebt: in eben dem schöpferischesten Augenblick unseres Daseins. Ist schon mit all unserm Tun eine ähnlich unausweichliche Verwechslung verbunden, indem wir mit unserm Namen unterschreiben, was doch zugleich Diktat an uns war, so stößt beides am sinnfälligsten ineinander, wo uns das geschieht, was wir Schöpfertat heißen (auf jedem Gebiet!). Denn wie redlich und ernstlich die Elternverantwortlichkeit für das Gezeugte sich in Zweien auch aufteilen mag: sie wird überrannt von der Wucht des Geschehenden – als eines gleichzeitig Intimsten unserer eigensten physisch-seelischen Veranlagung und des beeinflussungslos Fernsten, das darin unsichtbar auf uns zuschreitet. Drum begriffe man’s gut, wenn unter allen Frommgläubigen es die Mutter wäre, die es am intensivsten nach Gläubigkeit verlangen müßte: wenigstens an diesem einen Punkt solle Gott noch beharren – über dem Haupte des von ihr Geborenen. Es ist nun einmal auf dem weiten Erdenrund keinerlei Maria, die nichts zu sein hätte als eines Josephs Weib – die nicht zugleich jungfräuliche Empfängnis geworden wäre an allen Daseins letztem Rätsel, das sie zum Gefäß erwählt. –

Unter den Betätigungen des Eros gibt es jenseits all dessen, was zwei Menschen personal oder zeugerisch verbindet, noch eine andere, tiefste Bezugnahme, die selten ist und sich nicht so schildern läßt wie die schon mit dem leisesten, andeutendsten Hinweis richtig verstandenen. Man könnte vielleicht den Versuch riskieren, sie in einer Art von Analogie zum Obenerwähnten zu schildern. Stelle man sich ein Paar vor, das mit seinem Liebesvollzug einzig und allein die Zeugung eines neuen Menschenkindes beabsichtigen würde, und höbe diesen Vollzug aus dem Biologischen hinüber auf ein anderes, geistiges Lebensgebiet: dann stünde man vor einem Bilde von ähnlicher Doppelung von persönlich Sinnfälligstem mit Fernstem und den zwei Personen ganz Entzogenem. Nicht gegenseitig auf einander würde beider verherrlichende Ekstase gewendet sein, sondern auf ein Drittes ihrer Sehnsucht, das sich ihnen aus letzter Wesenstiefe ihrer selber – sozusagen – ins Gesicht, in die Vision erhebt. Nicht das, was beide gegenwärtig sind, sondern worauf sie gemeinsam fußen, ist dafür der Maßstab: ermöglicht gleichsam die beiderseitige Empfängnis.

Man brauchte nicht einmal mit so scheinbar orakelnden Worten sich an solcher Schilderung zu vergreifen, wenn es nicht sonst fast unentrinnbar mißzuverstehen und zu verwechseln wäre mit dem unter dem Sammelnamen der »Freundschaft« Bekannten – insofern auch diese, statt des leibhaften Ineinandergleitens, ihre Verbundenheit in etwas Drittem feiert und befestigt: in einer gleichen Grundlage der Neigungen, seien sie seelischer, geistiger, praktischer Natur. Das unterscheidet sich vom Gemeinten nicht nur wie Hügelchen von Bergesgipfeln, es ist andern Wesens als etwa, wenn zwei Menschen, anstatt Kinder zu zeugen, welche zum Gemeinwohl adoptierten: wie recht und brav und sie beglückend das auch sein möge. Am ehesten mischt sich in Freundschaft etwas von der Hingerissenheit, die hier verstanden sein will, in den jugendlichsten Jahren: in denselben Jahren, da die großen schöpferischen Beanlagungen emporwallen und ihre Ansprüche machen, bevor die Körperreife die volle Aufmerksamkeit in ihren Dienst und Bann zieht. Daß es nicht unterwegs wieder abbricht, daß es seine volle Ausreifung findet, bleibt ein seltenes Schicksal: das Seltene und wohl Herrlichste, was Eros unter Menschen erschuf. Besteht es doch darin, daß der Andere eine menschliche Vermittlung – gleichsam ein durchscheinendes Bild – dessen bleibt, was uns selber als tiefstes Verlangen erfüllt. Heißt »Freundsein« hier doch das beinahe Beispiellose, das die stärksten Gegensätzlichkeiten des Lebens überwindet: dort zu sein, wo Beiden das Gottgleiche ist, und die gegenseitige Einsamkeit zu teilen – um sie zu vertiefen, – so tief, daß man im Andern sich selber erfaßt als aller menschlichen Zeugung Hingegebenen. Der Freund bedeutet damit den Schützer davor, jemals Einsamkeit zu verlieren an was es sei – ja auch noch Schützer vor einander. –

In meinen jugendlichsten Jahren hat sich meiner ersten großen Liebe zweifellos manches aus dem Grundwesen des Geschilderten beigesellt, und deshalb vielleicht scheute ich nicht den unfähigen Versuch, das Gemeinte in Worten zu fassen. Auch in meinem Leben blieb es unvollendet. So muß ich von allen drei Arten der Liebesvollendung (in der Ehe, im Muttertum, im puren Erosbund), das gleiche bekennen, daß ich es mit dem, was hie und da jemandem gelungen sein mag, nicht aufnehmen kann. Aber nicht darauf kommt es an: wenn nur, was wir zu fassen vermochten, Leben war und Leben wirkt und wir vom ersten bis zum letzten Tag daran schaffend bleiben als Lebende.

Ungefähr so ist es: wer in einen vollen Rosenstrauch fest hineingreift, dem füllt die Blüte die Hand; verglichen mit des Strauches Fülle ist es, so viel es sei, nur ein weniges. Aber dennoch genügt die Handvoll, um an ihr der Blüte Ganzheit zu durchleben. Nur wo wir den Griff nicht tun, weil er uns ja nicht den gesamten Strauch aneignet, oder wo wir unsere Handvoll vor uns aufbauschen, als sei es aller Rosenflor des Dornenstrauchs selber – da blüht er unerlebt über uns hinweg und läßt uns allein. –

Wie sich in jenen Jahren meine Geschlechtsgenossinnen mit dem Liebes- und Lebensproblem abgefunden haben, weiß ich nur von vereinzelten. Stand ich doch schon damals – ohne mir davon Rechenschaft ablegen zu können – in etwas anderer Haltung davor als sie. Zunächst wohl deshalb, weil das »Langen und Bangen in schwebender Pein« jener Jahre so früh hinter mir lag durch die Begegnung mit dem entscheidenden Menschen, durch den das Lebenstor recht eigentlich für mich aufsprang und nun eher ein knabenhaft Bereites als ein weiblich Anschmiegsames zurückließ. Aber nicht nur deshalb. Sondern auch, weil meine Altersgenossinnen in ihrem jugendlichen Optimismus sich alle Dinge, die sie begehrten, noch rosig ausmalten, sofern sie sich ihnen je nach Wunsch realisieren würden. Dazu fehlte mir etwas – oder dazu hatte ich um eins zuviel: etwas wie eine uralte Erfahrenheit, die meine Naturanlage für immer geprägt haben mußte. Wie eine steinerne Unumstößlichkeit unter dem schreitenden Fuß, ob er auch noch so sicher in längst Übermoostes, Überblühtes treten durfte. Vielleicht ist dies zu wortpräzise ausgedrückt, da ich mich doch freudig und bereitwillig, ohne Abstrich, allem Kommenden meines Lebens entgegenhielt?

Denn »Leben« – das war ein Geliebtes, Erwartetes, mit voller Kraft Umfangenes. Doch eben darin nicht das Mächtige, Waltende, Bestimmende, von dem man Erhörung voraussetzt. Eher ein mir Gleiches und in gleicher Lage unerfaßlicher Existenz wie ich –. Wann und wo hört Eros auf – –?, gehört denn nicht auch das noch in den Abschnitt »Liebeserleben«? Über mögliches Glück oder Unglück, Hoffen oder Bedürfen flutete die ganze Inbrunst der Jugendlichkeit dem »Leben« zu, ein objektlos-gemüthafter Zustand – der sich, wie Liebeszustände tun, sogar in Versen Luft machte. Das in diesem Sinn bezeichnendste Versgebilde darunter, beim Verlassen der russischen Heimat in der Schweiz in Zürich entstanden und von mir »Lebensgebet« genannt, will ich, abschließend, hersetzen:

Gewiß, so liebt ein Freund den Freund,
Wie ich Dich liebe, Rätselleben –
Ob ich in Dir gejauchzt, geweint,
Ob Du mir Glück, ob Schmerz gegeben.

Ich liebe Dich samt Deinem Harme;
Und wenn Du mich vernichten mußt,
Entreiße ich mich Deinem Arme
Wie Freund sich reißt von Freundesbrust.

Mit ganzer Kraft umfaß ich Dich!
Laß Deine Flammen mich entzünden,
Laß noch in Glut des Kampfes mich
Dein Rätsel tiefer nur ergründen.

Jahrtausende zu sein! zu denken!
Schließ mich in beide Arme ein:
Hast Du kein Glück mehr mir zu schenken –
Wohlan – noch hast Du Deine Pein.

(Nachdem ich es Nietzsche gelegentlich aus dem Gedächtnis niedergeschrieben und er es darauf in Musik gesetzt hat, lief es feierlicher auf etwas verlängerten Versfüßen.)

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