Lisa Katharina Bechter – Inselrose – Leseprobe

Lisa Katharina Bechter -- Inselrose
Lisa Katharina Bechter — Inselrose

Inselrose – Lisa Kathaerina Bechter
Verlag: Karina-Verlag
ISBN (Print) : 978-3-90-3056-09-1
ISBN (eBook) : 978-3-903056-10-7

Prolog

Der unendliche Knoten, ein keltisches Symbol der endlosen Verwobenheit des Daseins. Ein Schutzsymbol, in dem sich die bösen Geister unendlich verfangen sollen. Das Symbol für all die Liebenden, deren Verbindung zueinander, in der Liebe ihre Unendlichkeit findet …
Mit beiden Händen hält Marie das Kettchen mit dem silbernen Amulett um ihren Hals, den unendlichen Knoten, fest umschlossen. Ihre früher so leuchtenden blauen Augen haben schon lange an Glanz verloren. Tiefe dunkle Schatten zeichnen sich unter ihren Augen ab. Die sonst so weichen Gesichtszüge sind starr, der Körper in sich zusammengesackt und kraftlos. Ihre Haut hat die gesunde Farbe verloren und leuchtet so hell, wie eine Geistergestalt im Dunkeln. Wie dünnes Pergament liegt sie auf ihren Knochen und jede Ader scheint hindurch. In den letzten Wochen hat Marie rapide an Gewicht verloren, der Krebs frisst sie mehr und mehr auf. Er zerstört ihre Zellen und raubt ihr zunehmend die Kraft aus jeder noch so kleinen Reserve. Der Tod, er steht ihr buchstäblich ins Gesicht geschrieben.

Erschrocken von ihrem eigenen Spiegelbild, dreht sie den Kopf rasch zur Seite und lässt das Amulett wieder unter ihrer Bluse verschwinden. Ihre Augen brennen und das Herz klopft wild und stechend, wie spitze kleine piesackende Nadelstiche in ihrer Brust. Der Kloß im Hals scheint mit jeder Sekunde zu wachsen und die Tränen lassen nicht lange auf sich warten. Mit verschwommenem Blick geht Marie hinauf in ihr Schlafzimmer. Mühsam zieht sie sich aus und streift das rosafarbene Nachthemd mit den kleinen Rosenstickereien über. Mit zitternden Händen wischt sie sich die brennenden Tränen aus dem Gesicht, taumelt benommen ins Badezimmer und kühlt sich ihre Wangen mit einem feuchten Waschlappen. Langsam öffnet sie den Haarknoten und die matten, grauen Strähnen fallen ihr auf die Schultern. Mit der Bürste streift sie behutsam durch ihr sprödes Haar und kämmt es nach hinten. Ganz bewusst hat sie sich nach der Diagnose ‚Krebs‘ gegen eine Therapie entschieden. Ihr Herz schmerzt und ihre Seele leidet Qualen, seit Samuel sie verlassen hat. Der Tod scheint in ihren Augen der einzig vernünftige Weg zu sein, um all das Leid, all die schweren Lasten der vergangen Jahre endlich verwinden zu können. Was sollen ihr die Schmerzen der Krankheit noch anhaben? Ich weiß nicht, wo du bist, ob du noch lebst und wenn das der Fall sein sollte, wie es dir geht. Ich habe keinen Schimmer was du all die Jahre getrieben hast und tappe wie gehabt im Dunkeln. Ich hoffe, wir begegnen uns. Vielleicht irgendwann, irgendwo zwischen Zeit und Raum. Vielleicht kannst du mich sehen und spürst, wie sehr ich dich noch immer liebe. Ich wünschte, ich wüsste, was uns auseinandergerissen hat. Ich wünschte, du hättest mir ein letztes Mal in die Augen gesehen … Fast ihr ganzes Leben lang musste Marie Schmerzen ertragen, jeden Tag in Ihrem Leben. Irgendwie hatte sie einen Weg gefunden, sich mit dem Schmerz zu arrangieren. Doch jetzt war der Zeitpunkt gekommen, an dem sie endlich durchatmen konnte. Der Schmerz würde sie nicht länger gefangen halten, das spürte sie. Marie lässt sich schwerfällig auf ihr Bett sinken und schluckt die große weiße Tablette, die Dr. Cabhair ihr auf den Nachttisch gelegt hatte mit einem großzügigen Schluck Wasser herunter, bevor sie ihren Körper unter der warmen Daunendecke vergräbt und erschöpft die Augen schließt. Langsam lassen die Schmerzen in den Gliedern nach, das Schmerzmittel fängt an zu wirken. Doch auch Maries Sinne werden von dem Medikament getrübt. Schon immer hatte sie es gehasst, die Kontrolle über ihren Körper zu verlieren und so klammert sie sich nun, solange es nur irgendwie geht an ihren klaren Verstand. Doch das Schmerzmittel zwingt sie in die Knie und sie spürt, wie ihre Sinne mehr und mehr vernebeln und die klaren Gedanken nicht mehr als eine Spur umherirrender Erinnerungsschnipsel zurücklassen. Schließlich gibt sie auf und lässt es geschehen. Kurz darauf schläft sie ein. Wie so oft findet sie auch dieses Mal schnell in ihren Traum, doch es ist anders als sonst. Sie ist diesmal nicht allein. Mina, ihre Tochter steht vor einer großen dunklen Tür und lächelt sie wehmütig an. Mit langsamen, fast schwebenden Schritten kommt sie auf Marie zu und nimmt sie fest in die Arme, so als würde sie sich verabschieden wollen. Nach einer Weile lässt die feste und innige Umarmung nach und Mina löst sich langsam mehr und mehr in einer Art Rauchwolke auf. Marie öffnet die Tür und tritt über die Schwelle. Mit einem Mal befindet sie sich an einem kleinen Teich. Die Dämmerung bricht bereits langsam herein, die letzten Strahlen der untergehenden Sonne schimmern auf der stillen, türkisfarbenen Wasseroberfläche. Die Bäume ringsum und ein kleines Häuschen, das neben dem Teich steht, spiegeln sich auf der stillen Decke des kleinen Gewässers. Marie betrachtet das kleine, mit Efeu geschmückte Fachwerkhaus, in dessen Fenstern Licht brennt. Neugierig klopft sie vorsichtig an der alten Holztür. Nach einer Weile öffnet sich die quietschende alte Tür und im hinausscheinenden Licht kann sie Samuels unverkennbare Silhouette erkennen. Beide treten aufeinander zu und liegen sich im nächsten Moment vertraut, mit einem wohl wissenden Lächeln endlich wieder beisammen sein zu können, in den Armen.
Es scheint, als wäre keiner der beiden je wirklich weg gewesen. Sie waren vielleicht für eine Weile körperlich getrennt, doch gingen ihre beiden Seelen stets liebevoll Hand in Hand. Gemeinsam gehen sie Arm in Arm zurück in das kleine Haus. Und während sich hinter den beiden die schwere hölzerne Tür langsam quietschend schließt, beschließt Maries Herz außerhalb des Traums, nur noch einen einzigen letzten Schlag zu tun, ehe sie sich aus dem irdischen Leben verabschiedet.
Rafertys Vision des Todes (Notiz von Lady Gregory auf den Aran Islands)
Ich sah ein Bild letzte Nacht zwischen schlafen und wachen. Eine Gestalt stand da neben mir, dünn, elend, traurig und sorgenvoll, den Schatten der Nacht auf dem Gesicht. Ihre Rippen bogen sich wie der Boden eines Rätsels, ihre Nase war so dünn, dass man sie hätte, durch ein Nadelöhr stecken können, die Schulter hart und scharf wie zerschnittener Tabak, der Kopf dunkel und buschig wie die Kuppe eines Hügels. Und es gibt nichts, womit ich die Finger vergleichen könnte. Kein Fleisch hing auf den armen Knochen, in der Hand trug die Gestalt einen welken Stab, und sie sah mir ins Gesicht … Der Tod ist ein Räuber, er rafft dahin Könige, Prinzen und Edelleute, er nimmt mit sich den Großen, den Jungen, den Weisen. Er packt sie vor allen Leuten an der Kehle. Seht euch jenen an, der gestern noch gut auf den Beinen und stark war, der über Stein, Mauer, Graben und Schlucht springen konnte. Der am Abend durch die Straßen ging, liegt jetzt am Morgen schon unter der Erde. Es ist traurig für ihn, dass er sich hat verlocken lassen von den Versuchungen dieser Welt, nichts davon wird er mitnehmen können, und was würde er auch noch erfahren, wenn er weitere tausend Jahre lebte, nicht mehr als man erfährt, wenn man kurz beim Nachbarn hereinschaut und gleich zurückkommt. Wenn es ans Sterben geht, sei nicht dumpf. Knie nieder, reib dich an der Erde, denke an all die Taten, für die du verantwortlich bist und dass du reisen wirst zu den Wiesen der Toten.

… Irgendwann stellt jeder einmal fest, dass so vieles im Leben anders kommt als man denkt, anders, als man es plant und nur allzu oft, kommt es ganz anders als man es sich erträumt und gewünscht hat. Das Schicksal zeigt nicht selten Wege auf, die so steinig und unbezwingbar zu sein scheinen, dass die Angst sie zu gehen einen zu überwältigen scheint. Oft mag sich vielleicht die Leere im Innern ausbreiten, doch gibt es stets den kleinen glühenden Funken ganz tief im Herzen. Er trägt den Namen ‚Hoffnung‘ und hält den Glauben an das Gute, den Glauben an den rechten Weg und nicht zuletzt den Glauben an die Liebe trotz allem stets aufrecht. Pflanzen welken mit der Zeit, sie mögen an sichtbarer Schönheit verlieren und doch findet sich immer wieder irgendwo auf dieser Erde ein kleiner neuer Keim, der mit der Zeit heranwächst und sich irgendwann in seiner schönsten Blüte zeigen wird. Ganz ähnlich verhält es sich mit der Liebe bei uns Menschen. Der menschliche Körper mag vergänglich sein und der Tod ist ein natürlicher Begleiter unseres Daseins, ob wir wollen oder nicht, dieser Tatsache müssen wir ins Auge sehen. Doch so vergänglich der Mensch, das Leben des Körpers auch zu sein scheint, findet die Liebe immer wieder ihren Weg in ein neues kleines Herz, dass irgendwo auf der Welt geboren wird.

1. Kapitel

Zitternd und mit Tränen in den mandelförmigen blauen Augen, hält Mina das Lenkrad ihres kleinen roten Käfers mit beiden, vor Kälte und Aufregung zitternden Händen fest umschlossen. Immer mehr schwere salzige Tränen schwellen ihr über die Lider und brennen auf ihrer Haut. Ein befreiendes kehliges Schluchzen erfüllt für einen kleinen Moment ihr Herz und den mickrigen Raum, den ihr das alte Auto bietet. Endlich habe ich es geschafft, denkt Mina, während sie mit viel zu hoher Geschwindigkeit über die Autobahn in Richtung Düsseldorf Flughafen rast und ihrem restaurierten kleinen roten Oldtimer das Äußerste abverlangt. Jetzt ist es endgültig, jetzt gibt es kein zurück mehr. Endlich! Ich will auch gar nicht mehr zurück! Wie habe ich das bloß die ganzen Jahre ertragen? Mina runzelt fragend die Stirn. Nun hör‘ schon auf zu heulen, tadelt sie sich. Ein neues Leben fängt an! Mina wischt sich mit der linken Hand hastig die Tränen aus dem Gesicht. Mit der anderen Hand umklammert sie verkrampft das Lenkrad. Eine Reihe von Gedanken, mit den Bildern der letzten fünf Jahre blitzen vor ihrem inneren Auge auf. Schmerzlich wird ihr bewusst, dass sie in den vergangenen Jahren ein Leben geführt hat, dass sie sehr einsam werden ließ. Neben den vielen Abstriche, die sie hingenommen und den Freunden, die sie verloren hat, wird ihr immer mehr bewusst, dass sie sich mit der Zeit selbst ein Stück weit aufgegeben hat. Sie zog sich in ein kleines Schneckenhaus zurück, hat es sich dort, ganz tief im Innern ihrer Seele gemütlich gemacht. Die Mauern um sich herum wurden stetig immer höher. Mina hat viel zu lange eine gute Miene zum falschen Spiel gemacht und sich selbst keine Beachtung mehr geschenkt. Wenigstens mit einem Auge, hätte sie ein einziges Mal auf sich selbst schauen sollen, denn dann hätte sie gesehen, dass sie sich schon eine lange Zeit selbst belogen und für nichts und wieder nichts selbst bestraft hat.

Martin hatte sie die letzten Jahre immer mehr allein gelassen. Ständig musste er auf irgendwelche Geschäftsreisen und hatte keine Zeit für sie und die alltäglichen Probleme, mit denen Mina sich herumschlagen musste. Allen alltäglichen Problemen voran stand die unermüdliche Einsamkeit. „Du schaukelst das Pferd schon, Mina“, hatte er ihr immer wieder gesagt und ihr sanft die braune Haarsträhne aus dem Gesicht gestrichen, sich lächelnd zur Tür gewandt und war innerhalb von wenigen Augenblicken verschwunden. Und so stand sie wieder und wieder allein in der für zwei Personen viel zu großen gemeinsamen Wohnung mit hübscher Terrasse und Blick auf den Rhein, mitten im schicken Düsseldorf. Der tolle Ausblick, die teuren Möbel, der üppig gefüllte Kleiderschrank und der zauberhafte Schmuck, konnten den Schatten, den die Einsamkeit über Minas Herz zog nicht verdrängen. Martin hielt nichts von ihren Freundinnen, die sie noch aus ihrer Schulzeit kannte. Mit Sarah und Belinda war Mina nach dem Abitur auf die gleiche Uni gegangen und sie hatten eine Wohngemeinschaft gegründet. Die Drei hatten viel Spaß zusammen und das änderte sich auch nicht, als jede der Freundinnen anfing selbst eine Familie zu gründen. Mina war die letzte der drei Frauen gewesen die heiratete. Doch kurz nach der Hochzeit mit Martin wandten sich Sarah und Belinda von Mina ab. Martin verhielt sich Minas Freundinnen gegenüber unfreundlich und schmiss sie mehrfach, ohne einen triftigen Grund dafür zu haben, aus der Wohnung. Nachdem er ein gemeinsames Essen der Freundinnen boykottierte, reichte es zuerst Belinda, die nicht verstehen konnte, dass sich Mina von ihrem Mann so auf der Nase herumtanzen ließ. Und schließlich wandte sich auch Sarah ab, sie kam einfach nicht mehr an ihre Freundin heran. Die ganzen guten Ratschläge und Versuche ihr zu helfen waren jedes Mal für die Katz gewesen. „Dieser reiche arrogante Schnösel! Mina wie kannst du dir so auf der Nase herumtanzen lassen?“, hatten sie ihr immer wieder gesagt. Anstatt sich gegen Martin zu stellen, versuchte Mina jegliches Verständnis für ihren Ehemann aufzubringen und stand hinter ihm. Immerhin arbeitet Martin hart für unseren Lebensunterhalt, hatte sie sich immer wieder ins Gedächtnis gerufen und versucht, sich damit Mut zu machen, um weiter nach vorne sehen zu können. Doch konnte sie die Blicke, die er anderen Frauen zuwarf, die vielen Heimlichkeiten und die Ablehnung ihr gegenüber mit der Zeit nur noch bedingt ignorieren. Verzweifelt versuchte sie seinen offensichtlichen Betrug zu überspielen, versuchte die zerreißenden Bilder auszublenden, doch es war zwecklos. Ihr Herz zerbrach in Tausende kleine Stücke und die Selbstzweifel setzten sich zunehmend in ihrer Seele fest. Minas letzte und übrig gebliebene Bezugsperson war ihre Mutter Marie gewesen. Sie hatte immer ein offenes Ohr für Mina gehabt, obwohl sie viele Kilometer entfernt wohnte. Was ihre Mutter so sehr nach Irland zog, hatte Mina nie wirklich verstanden. Aber sie war stolz, dass ihre Mutter ihren Traum nie aufgegeben hatte und letztendlich vor vier Jahren, ein kleines Cottage auf Inishmore, eine der Aran Islands gekauft hatte und dort die letzten Jahre, die ihr noch blieben, lebte. Marie war von Anfang an skeptisch gewesen, was Martin betraf. „Mina, ich habe da wirklich kein gutes Gefühl, was Martin und dich angeht. Sei vorsichtig, hörst du?“, hatte sie Mina immer gesagt. Trotz aller Zweifel ließ sie Mina ihre eigenen Entscheidungen treffen und war für ihre Tochter da, wenn sie ihren Rat oder ein Ohr für ihren Kummer brauchte. Und dann geschah das Unaussprechliche. Kurz vor Weihnachten klingelte das Telefon. Eine irische Ärztin, die ebenfalls auf Inishmore lebte und auf der Insel arbeitete, informierte Mina über den Tod ihrer Mutter.
Für Mina kam die Nachricht plötzlich und völlig unerwartet. Jedoch erfuhr sie von Dr. Cabhair, dass ihre Mutter bereits seit einigen Jahren an Krebs litt, der sich in den letzten Wochen immer schneller in ihrem zierlichen Körper ausgebreitet hatte. „Die Metastasen haben sich in den letzten Wochen wahnsinnig schnell ausgebreitet. Ich habe dafür gesorgt, dass Ihre Mutter keine Schmerzen ertragen musste. Mein herzliches Beileid Miss O’Dalley.“ Bleich im Gesicht und unsicher auf den Beinen ließ Mina den Hörer fallen und der Tränensturm ließ nicht lange auf sich warten. Mit einem Mal wurde Mina klar, warum ihre Mutter es damals so eilig hatte, endlich nach Irland zu kommen. Sie wollte ihren Traum wenigstens noch eine kleine Weile leben und fand dort auf der kleinen irischen Insel Inishmore, mit seiner überschaubaren Zivilisation, wohl genau die Ruhe und den Abstand von allem, den sie brauchte und sich sehnlichst wünschte. So verlor Mina ihre letzte enge Bezugsperson und verfiel in tiefe Trauer. Denn der Schmerz saß tief und tut es noch. Mit dem Tod ihrer Mutter wurde eine weitere Wunde tief in ihrem Herzen aufgerissen, doch diese würde nicht einfach heilen, dessen war Mina sich wohl bewusst…

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Lisa Katharina Bechter

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