Leseprobe „Die verrückten 70er“ von Kerstin Müller – Teil 2 von 2

„Die verrückten 70er“ – Leben im Arbeiter und Bauernstaat zwischen 1970 und 1980 von Kerstin Müller

Zu Teil 1

In der Wohnung über uns im 3. Stock thronte das Vermieterehepaar Gisela und Otto Nebel. Frau Nebel hielt ihre Mieter durch eiserne Unnahbarkeit auf Distanz. Ihr Lächeln beim Grüßen wirkte erzwungen. Mit den kostbaren Pelzen, die heutzutage Greenpeace-Aktivisten auf den Plan rufen würden, stellte sie deutlich klar in welcher privilegierten Position sie sich uns gegenüber befand. Otto Nebel hatte nicht viel zu melden.  Sie war die Erbin einer der letzten großen Dynastien in Sachsen. Ihren Eltern gehörten früher Unmengen von Häusern die nach und nach durch das kommunistische System enteignet wurden.  Dieses Haus war das letzte private Mietshaus was ihnen blieb um letztendlich, Anfang der 1970er, auch noch verstaatlicht zu werden. Sie blieben aber für uns das Vermieter-Ehepaar.

Otto Nebel war so etwas wie Prinz Philipp von England. Der lief auch immer einen Schritt hinter der Königin. Aber er war, vor allem uns Kindern, immer etwas unheimlich. Jedesmal wenn wir Mädchen kopfüber an der Teppichklopfstange hingen und so unsere Schlüpfer gut sichtbar wurden, stand Otto hinter der Gardine und schaute die ganze Zeit über zu. Wir bemerkten ihn immer und machten uns einen Spaß daraus den alten Knacker, wie wir ihn nannten, an der Nase herum zu führen. Natürlich wussten wir damals nicht viel von pädophilen Neigungen und so naiv wie wir noch waren, vermuteten wir eh nur eine harmlose Vorliebe für kleine Mädchen. Jedoch bemerkte ich, viele Jahre später als Teenager, dass er ausgesprochen lüstern auf meine Beine mit den modernen, roten Lackstiefeln schielte.  

Neben den Nebels in der Mittelwohnung fristete die alte Frau Schubert ihr Dasein. Frau Schubert war Frau Nebels Mutter. Die alte Dame konnte einem wirklich leidtun denn Gisela verbot ihrer Mutter mit den Mietern zu sprechen. Einmal hatte ich aber die Gelegenheit Frau Schubert auf der Treppe zu treffen. Sie bat mich zu sich, kochte Kakao und stellte eine große Keks-Kiste vor mir auf dem Tisch. Langsam betrachtete ich alle Bilder an den Wänden. Sie erzählten eine Geschichte längst vergangener Zeiten. Frau Schuberts Familie mussten sehr reiche Leute gewesen sein denn noch nie hatte ich an irgendwelchen Wänden solche schönen Häuser auf eingerahmten Fotografien gesehen. Ich fragte mich warum diese Frau so freundlich war. Sie hätte doch, eher als ihre Tochter Gisela, auf uns herab schauen können. Schließlich hatte sie die besten Schulen besucht und zu jener Zeit die teuerste Mode getragen. Wenn sie darüber sprach klang jedes Wort gewählt und irgendwie vornehm. Ich ertappte mich bei dem Gedanken genauso vornehm sein zu wollen wie sie. Es unterschied sie von allen Menschen die ich bisher in meinem kurzen Leben kennengelernt hatte. Sie strahlte eine fasst königliche Anmut aus. Ihre silbergrauen Haare hatte sie zu einem Haarknoten zusammen gesteckt. Der zarte Goldschmuck den sie an Ohren, Hals und Händen trug, umschmeichelte ihre hagere Gestalt. Ihr schwarzes Kleid besaß einen Stehkragen der bis zu ihrem Kinn reichte. Daran war in der Mitte eine wertvolle Brosche befestigt. Es blieb die Einzige und letzte Begegnung vor ihrem Tot aber den Eindruck den sie bei mir hinterließ, der hielt bis zum heutigen Tage an.  

Links auf dieser Etage lebte Familie Beyer. Mutter Helga, Vater Johannes, der als Geizkragen galt, und Sohn Peter. Helga war eine sehr hübsche Blondine mit einer makellosen Figur. Wenn sie die Straße entlang lief, drehte sich wirklich jeder Mann interessiert nach ihr um. Auch meinen Vater ertappte ich des Öfteren dabei. Er sagte einmal zu meiner Mutter: „Kannst du mir mal verraten wieso so eine Sex-Bombe mit so einem unscheinbaren Trottel zusammen ist?“ Mutter reagierte angegriffen und gab ihm eine fette verbale Ohrfeige zurück: „Ja klar, du wärst mit Sicherheit die bessere Wahl gewesen aber leider, mein Bester, steht sie nicht auf alte Männer.“ Das saß und Vater verzog sich ohne ein weiteres Wort hinter seine Zeitung.

Meine Mutter hatte die Gabe, zielgerichtet und punktgenau in knappen Sätzen, meinen Vater ihren Standpunkt zu vermitteln. Sie diskutierte nie lange. Kamen Streitigkeiten auf die in jeder Ehe vorkamen, erklärte sie meinem Vater mehr als deutlich, dass er in ihrem Augen zwei linke Hände hat und demzufolge mal besser den Mund halten sollte. Das versetzte meinen Vater so in Rage das er zu schreien begann. Allerdings ließ das „Möchtegern-Alpha-Gehabe“ meine Mutter vollkommen unbeeindruckt. Mutter war wirklich die begabteste und talentierteste Frau die ich je kennengelernt hatte. Alles machte sie allein. Nun ja sie war in gewisser Weise gezwungen dazu denn Vater konnte weder in handwerklichen Dingen, noch in anderen Lebensbereichen wo Kreativität gefragt war, mit Erfolgen aufwarten. So kam es das sie alle zwei Jahre, meist bevor sich Westbesuch ansagte, die Wohnung tapezierte. Einmal versuchte mein Vater eine neue Garderobe im Flur anzubringen. Als die Bohrarbeiten nicht so liefen wie er es sich vorstellte, es war nun mal bei Ziegelaltbauten nicht ganz so einfach, drückte er den Bohrer mit Brachialgewalt in die Wand. Daraufhin stürzte die Wand zur Küche ein und Mutter stand völlig geschockt in einen Haufen zerbrochener Ziegel. 
Daraufhin gab es ein Mordsgeschrei: „Herbert bist du nicht einmal in der Lage eine Flurgarderobe anzubringen? Es kann doch nicht sein das gleich alles zusammen bricht!“ Dann nahm sie ein größeres Ziegelstück und warf es wutentbrannt meinem Vater hinterher. Der flüchtete schnell wieder hinter seine Zeitung wo er immer zu finden war wenn es Theater gab.  Nach diesem Vorfall wurde erst einmal zwei Wochen nicht mehr miteinander geredet. In der Zwischenzeit reparierte Mutter geduldig die kaputte Wand. Sie war froh wenn er in seinem Betrieb den VEB 1. Maschinenfabrik Karl-Marx-Stadt, seiner Tätigkeit nachging. Da konnte er wenigstens zu Hause kein Unheil anrichten.

Wenn Beyers zu einem Ausflug aufbrachen wurde eine große Tasche mit Essen und Trinken gepackt. Johannes Beyer kaufte seiner Familie nicht einmal bei 30 Grad Hitze im Sommer eine kühle Limonade. Das sah er als raus geschmissenes Geld an. Peter Beyer wurde streng von seinem Vater erzogen. Die Schulnote 3 wurde nicht akzeptiert und so kam es, wenn ich klingelte und fragte ob Peter mit mir spielen dürfe, häufig ein nein als Antwort bekam. Er durfte so lange nicht draußen spielen bis er sich verbessert hatte. Da hatte ich mit meinen Eltern ja enormes Glück. Die waren schon zufrieden wenn ich keine 5 in einer Klassenarbeit einkassierte. Bei einer 5 konnte man schließlich schon sitzen bleiben. Da ich aber hervorragend in der Lage war die Unterschrift meiner Mutter zu fälschen, bekamen sie schlechte Noten eh nur selten zu sehen. Sie wunderten sich aber des Öfteren darüber, dass wir so wenige Zensuren bekamen. Sie wussten ja nicht, dass ich nur die guten Noten vorzeigte. Wenn dann Elternabende anstanden musste ich mir immer etwas einfallen lassen denn sie durften auf keinem Fall hinter meine kleinen Manipulationen kommen. Das hätte mir nur eine Menge Ärger eingebracht und viele Tage Hausarrest noch dazu.

Meist versicherte ich ihnen, dass alles in Ordnung sei und ihre Anwesenheit nicht unbedingt erforderlich wäre. Das klappte lange sehr gut bis eines Tages meine Versetzung gefährdet war. Da flog mein ganzes Lügengerüst auf und mir stand eine schwere Zeit bevor. Mit Nachhilfe und ein wenig Fleiß meinerseits konnte ich aber noch einmal das Steuer herum reisen und meine Schulnoten  enorm verbessern. Mein Vater hatte schon Recht wenn er sagte: „Du bist nicht dumm, nur stinkend faul meine Liebe!“ 

Ganz oben, in der vierten Etage links, gab es die Familie Zöllner. Die Kinder Renate, Klaus und Bernd teilten mit ihren Eltern Margot und Helmut den viel zu engen Wohnraum. Die Zöllners waren sehr gläubige Leute. Jeden Sonntagmorgen gingen sie, mit ihren Gesangsbüchern unter den Armen, zur Andacht in die Kirche. Ihr offenes Bekenntnis zum Glauben brachte ihnen viel Ärger ein. Die einzige Religion die der Arbeiter und Bauernstaat akzeptierte, war die Anhängerschaft zur SED, der Einheitspartei der Deutschen Demokratischen Republik.  Da sie sich aber von ihrem starken Gottesglauben nicht abbringen ließen, wurden die Söhne nicht zum Studium zugelassen. Klaus wollte so gern Architektur studieren aber dafür hätte er seinen Glauben verraten müssen. So wurde nichts aus seinen Träumen.

Bernd war beizeiten schon ein frühreifes Früchtchen. Meine Mutter merkte das natürlich viel eher als ich und verbot mir den Umgang. Eigentlich spielte ich nicht oft mit ihm weil ich mich in seiner Gegenwart immer etwas unwohl fühlte. Er war aber der Einzige der in den kalten Wintermonaten mit mir Rodeln ging. Ich liebte es durch den Pulverschnee den Berg herunter zu schlittern. Da überhörte ich seine komischen Fragen nach meiner körperlichen Beschaffenheit. So als hätte er hinter mir auf dem Schlitten nicht ertasten können das sich bei mir vorn kleine Erhebungen bemerkbar machten. Außerdem hatte er für mich die hässlichsten Hände der Welt. Nie zuvor hatte ich bei jemanden solche Einkerbungen gesehen. Die Finger waren übersät davon. Erst dachte ich das rührt von Messerstichen her aber nein, bei näherer Betrachtung erkannte ich, dass diese Dellen angeboren sein mussten.

Seine Schwester Renate war einige Jahre älter. Sie grüßte die Hausleute immer sehr übertrieben freundlich. Umso mehr schockierte mich ihre extreme Wesensveränderung als sie ihren ersten festen Freund mit nach Hause brachte. Von heute auf morgen grüßte sie nur noch knapp. Von ihrer früheren freundlichen Art blieb so gut wie nichts mehr übrig. Später erfuhren wir durch den Haustratsch, dass der Typ verheiratet sei und zwei Kinder hätte. Mein Vater konnte sich maßlos darüber aufregen obwohl ihm das Leben der Zöllners überhaupt nichts anging. Er wiederholte dann ständig diesen Satz: „Ja, ja die Heiligen, machen einen auf fromm aber lassen über die Hintertür die Ehebrecher ins Haus.“ Ich weiß nur, dass Renate den Mann dann einige Jahre später geheiratet hat und ihre Ehe kinderlos blieb.  

Vater Helmut Zöllner war ein richtiger Künstler. In den Sommermonaten saß er immer auf einen Hocker in unserem Hinterhof. Dort bezog er viele selbst gebastelte Holzrahmen mit Leinwänden. Auf den Leinwänden malte er, ohne Vorlagen, mit Bleistift die Konturen selbst kreierter Kunstwerke. Neben ihm standen viele kleine Kartons mit verschiedenen bunten Wollknäueln, die sich im Laufe seiner Arbeit aufbrauchten. Unmengen von Fäden der unterschiedlichsten Farben durchzogen das Öhr seiner Stopfnadel. Wir Kinder saßen zu seinen Füßen und schauten gebannt zu wie aus den bunten Wollfäden wunderschöne Bilder wurden. Ab und zu kauften die Leute aus unserem Haus ihm so ein Bild ab, auch meine Mutter hatte einen echten Zöllner an der Wand. Darauf waren zwei kunterbunte Papageien zu sehen die es sich auf einer Palme gemütlich machten. 
Viele Jahre hing dieses Kunstwerk in unserem Wohnzimmer über der Couch………

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