LATERNEN FANGEN AN ZU BRENNEN – Geschichten rund um die Erfindung des Kunstlichtes – nach M. iljan

Tag und Nacht – (oder hier zu Teil 1)

Pieter Brueghel d. J. -Die Volkszählung in Bethlehem
Pieter Brueghel d. J. -Die Volkszählung in Bethlehem

In alten Zeiten begannen die Leute sowohl in der Stadt als auch auf dem Lande den Tag mit dem Morgengrauen und beendeten ihn mit dem Sonnenuntergang. Es gab keine Fabriken/ und es gab keine Nachtarbeit: Alle Industrieerzeugnisse wurden in den Werkstätten der Handwerker hergestellt. Die Menschen gingen früh schlafen und begannen ihr Tagewerk mit dem Morgengrauen. Ein besonderes Bedürfnis für Lampen und Laternen war nicht vorhanden. Aber als sich die Industrie entwickelte, als große Werkstätten und später auch Fabriken entstanden, änderte sich das Leben in den Städten. Die Fabriken brachten einen langen Arbeitstag und Nacht, schichten mit sich. Fabriksirenen heulten, die die Arbeiter bereits lange vor Sonnenaufgang zusammenriefen. Die Städte begannen früher aufzuwachen und später einzuschlafen. Die Städter richteten sich nicht mehr nach der Sonne, und der Tag wurde gewissermaßen länger, die Nacht aber kürzer. Dazu waren Lampen und Laternen nötig, man brauchte ein billiges und zugleich helles Licht. Die Arbeit der Erfinder begann, die schließlich zur Beleuchtung durch Gas und Elektrizität führte. Aber das geschah nicht mit einem Male. Denn auch eine mittelalterliche Stadt verwandelte sich nicht von heute auf morgen in eine moderne Stadt der Maschinen und Fabriken. Unsere Glühbirne hat eine lange Reihe von Ahnen. Das geheimnisvolle Verschwinden der Kerze

Georges de La Tour
Georges de La Tour

Zuerst versuchten die Erfinder, die Öllampe zu verbessern. Um aber eine gute Lampe bauen zu können, mußte man wissen, was mit dem Öl während des Verbrennens geschieht. Man musste sich darüber klar werden, was die Verbrennung überhaupt ist. Erst als die Menschen einen klaren Begriff davon bekommen hatten, kamen allmählich bessere Lampen auf. Stellen wir eine brennende Kerze in ein Weckglas und decken das Glas zu, so wird die Kerze zuerst gut brennen. Aber schon nach einigen Sekunden beginnt die Flamme kleiner zu werden, um dann endlich zu erlöschen. Zünden wir das Licht von neuem an und stellen es wieder in dasselbe Glas, so wird es dieses Mal sofort erlöschen! Denn in dem Weckglas fehlt etwas, was zum Brennen unbedingt nötig ist. Dieses »Etwas« ist ein Gas, das einen Teil der Luft ausmacht. Es heißt Sauerstoff. Wenn die Kerze brennt, dann wird der Sauerstoff verbraucht. Aber das erklärt uns noch lange nicht, was der Verbrennungsvorgang eigentlich ist. Vor unseren Augen verschwinden die Kerze und dazu noch der Sauerstoff, wohin — das ist uns unbekannt. Was ist das nun für ein geheimnisvolles Verschwinden? Aber eigentlich scheint es uns nur so, daß die Kerze verschwindet. Haltet ihr ein Wasserglas über die Flamme, so beschlägt es — es bedeckt sich mit Wassertröpfchen. Das heißt, beim Verbrennen erhalten wir Wasser. Aber außer Wasser, das wir sehen können, entsteht noch das unsichtbare Kohlendioxyd, auch Kohlensäure genannt. Als wir die brennende Kerze in das Weckglas stellten, entwickelte sich auf dem Boden des Glases eine Schicht Kohlensäure, in der die Kerze, genau wie im Wasser, nicht brennen kann. Aber die Kohlensäure kann man aus dem Glas wie eine Flüssigkeit gießen. Gießt ihr die Kohlensäure aus dem Glas und stellt danach erneut eine brennende Kerze hinein, so wird sie nicht mehr sofort erlöschen. Sie verlischt erst dann, wenn sich eine neue Schicht Kohlensäure angesammelt hat. Während des Brennens verschwinden Kerze und Sauerstoff nicht, sondern sie verwandeln sich in Kohlensäure und Wasserdampf. Früher wußte man das nicht. Nur ein Mensch, der vor mehr als vierhundert Jahren lebte, hatte eine klare Vorstellung vom Verbrennungsvorgang. Das war der italienische Maler, Gelehrte und Ingenieur Leonardo da Vinci. 

Die Lampe mit dem »Schornstein« eines Samowars

Leonardo Da Vinci
Leonardo Da Vinci

Leonardo da Vinci wusste schon zu jener Zeit, dass aus Luftmangel während des Verbrennens Ruß entsteht. Es war ihm klar, dass man, um der Lampe genügend Luft zuzuführen, einen Zug wie im Ofen einrichten, das heißt über der Flamme einen Schornstein aufstellen muss. Die warme Luft zieht, zusammen mit der Kohlensäure und dem Wasserdampf, durch den Schornstein ab, und an ihre Stelle strömt nun frische Luft ein, die reich an Sauerstoff ist. So wurde der Lampenzylinder erfunden. 

 Anfangs war dieser Zylinder nicht aus Glas, sondern aus Blech — wie das Rohr eines Samowars. Dieses Rohr wurde nicht auf die Lampe gesetzt wie jetzt der Glaszylinder, sondern es wurde oberhalb der Flamme angebracht. Erst zweihundert Jahre später kam der französische Apotheker Quinque darauf, das undurchsichtige Rohr aus Blech durch ein durchsichtiges aus Glas zu ersetzen. Nach dem Namen des Apothekers nannte man früher die Lampen mit einem Glaszylinder Quinquetten. Denis Dawydow dichtete: »Nun erstrahlt der Saal im Glanz Der Kerzen und Quinquetten …«
Aber auch Quinque fiel es nicht ein, den Lampenzylinder tiefer herabzulassen — ihn direkt auf den Brenner zu setzen. Es mußten noch dreiunddreißig Jahre vergehen, ehe der Schweizer Argand eine auf den ersten Blick so einfache Sache erfand.

Komplizierte Lampen

So entstand die Lampe allmählich aus Einzelteilen: zuerst kam das Gefäß für das Öl, dann der Docht und endlich der Zylinder. Aber auch eine Lampe mitZylinder brannte gar nicht so gut. Sie gab nicht mehr Licht als eine Kerze. 
Das Öl wurde schlecht vom Docht aufgesogen — schlechter als Petroleum —, Petroleum aber kannte man noch gar nicht. Versucht einen Streifen Löschpapier einmal in Petroleum und das andere Mal in Pflanzenöl zu tauchen. Ihr werdet sehen, daß das Petroleum schneller aufgesogen wird. Weil das Öl vom Docht schlecht aufgesogen wurde, war die Flamme klein. Man mußte eine Methode ersinnen, um das Öl, wenn es nicht im guten gehen wollte, mit Gewalt in den Docht zu jagen. Das erfand ungefähr fünfzig Jahre nach Leonardo da Vinci der italienische Mathematiker Cardano. Er kam darauf, den Ölbehälter nicht unter den Brenner zu stellen, sondern seitlich davon — so daß das Öl von oben nach unten selbsttätig zur Flamme floß, wie das Wasser in der Wasserleitung. Dazu mußte er das Gefäß mit dem Brenner durch ein besonderes Röhrchen, die Ölleitung, verbinden. Ein anderer Erfinder, Carcel, verwandte zum Hineindrücken des Öls in den Brenner sogar eine Pumpe. Es entstand keine Lampe, sondern eine ganze Maschinerie mit einer Pumpe, die durch ein Uhrwerk in Bewegung gesetzt wurde und die das Öl in den Brenner pumpte. Die Lampen von Carcel, die riesige Ausmaße haben, verwendet man auch heute noch auf den Leuchttürmen, da sie ein sehr gleichmäßiges Licht verbreiten. Schließlich baute der dritte Erfinder in das Olgefäß eine runde Metallscheibe und eine Feder ein. Die Feder drückte auf die Scheibe, die Scheibe auf das Öl, und dem Öl blieb nichts anderes übrig, als sich durch das Rohr zum Brenner hinaufzubewegen. Solche Moderateurlampen gebrauchte man noch zur Zeit unserer Urgroßeltern. 

Alle auf diese Weise erdachten Lampen brannten bedeutend schlechter als unsere heutigen Petroleumlampen, obwohl sie viel komplizierter gebaut waren. Es lag daran, daß die Dochte in diesen Lampen nichts taugten. Die Dochte wurden damals, wie bei den Talglichten, gedreht. Die Flamme brannte ähnlich wie bei der Kerze, nur größer. Kein Wunder, daß die Lampen rußten; die Luft konnte nicht bis zur Mitte der Flamme vordringen. Der Franzose Léger kam darauf, den Docht nicht rund wie eine Schnur zu machen, sondern flach wie ein Band. So wird auch die Flamme flach, und die Luft kann leichter an sie heran. Solche Dochte werden auch heute noch bei kleinen Petroleumlampen verwendet. 

Argand, der den Zylinder direkt auf die Lampe setzte, erfand auch einen noch besseren Docht. Er ging sehr einfach vor: er nahm einen flachen Docht und drehte ihn zu einem Röhrchen zusammen. Den Brenner baute er so, daß die Luft an die Flamme von außen und von innen herankommen konnte. Der Argandbrenner hat sich noch bis heute in unseren großen Petroleumlampen erhalten. Versucht einmal, den Brenner einer Petroleumlampe in seine Teile zu zerlegen. Ihr werdet einen Kronenaufsatz mit Ritzen zum Durchgang für die Luft finden und ein Metallröhrchen, in das der Docht eingesetzt ist. Das Röhrchen hat eine Öffnung, durch die die Luft in die Mitte des Dochtes und von dort in die Mitte der Flamme gelangen kann. Argands Lampe wurde mit Begeisterung aufgenommen. Aber sie hatte auch Feinde. Eine alte Schriftstellerin, die Gräfin de Genlis, sagte, daß sogar junge Leute anfängen, Brillen zu tragen, seitdem die Lampen in Mode gekommen seien. Gute Augen könne man nur noch bei den alten Leuten finden, die beim Licht der Kerze lesen und schreiben. Natürlich trifft das nicht zu. Argands Lampe war für die Augen durchaus nicht schädlich. 

Die ersten Laternen

Im Laufe der Jahrhunderte, die die Lampe in Teekannenform von der Lampe des Argand trennen, waren auf den Straßen der Städte große Veränderungen zu beobachten. Als erste waren die Straßen von Paris beleuchtet. Das fing damit an, daß die Polizei forderte, ein jeder Hausbesitzer solle von neun Uhr abends an ins Fenster des untersten Stockwerks eine brennende Lampe stellen. Nach einiger Zeit entstanden besondere Zünfte der Fackel und Laternenträger, die für geringes Entgelt allen, die es wünschten, auf dem Wege leuchteten. Es vergingen noch einige Jahre, und in Paris kamen Laternen auf. 

Das war ein großes Ereignis. König Ludwig XIV. befahl, aus diesem Anlaß eine Gedenkmünze zu prägen. Ausländische Reisende erzählten begeistert von dem Eindruck, den die Beleuchtung von Paris auf sie machte. Man sagt, daß die Regierungszeit Ludwigs XIV. wegen der Straßenlaternen die »strahlende« genannt wurde. Es ist interessant, die Erinnerungen der Menschen jener Zeit zu lesen. Vor mir liegt ein Buch mit einem langen Titel, wie er damals Mode war: 

»Aufenthalt in Paris oder Genaue Anweisungen für vornehme Reisende, wie sie sich bei ihrem Besuch in Paris verhalten sollen, wenn sie ihre Zeit und ihr Geld gut anlegen wollen. Ein Aufsatz des Rates Seiner Hoheit des Prinzen Waldeck Joachim Christof Paris 1718«

An einer Stelle dieses Buches lesen wir: »Abends kann man gefahrlos bis zehn oder elf Uhr auf die großen Straßen hinausgehen. Mit Anbruch der Dunkelheit zünden die Laternenanzünder in allen Straßen und auf allen Brücken die öffentlichen Laternen an, die bis zwei oder drei Uhr nachts brennen. Diese Laternen hängen an Keifen mitten über der Straße, in gleichem Abstand voneinander, was sehr gut aussieht, besonders wenn man dieses Bild von einer Straßenkreuzung aus betrachtet. Einige Geschäfte, Cafés, Tavernen und Kneipen sind bis zehn oder elf Uhr geöffnet. In ihren Fenstern stehen unzählige Kerzen, die einen hellen Schein auf die Straße werfen. Deshalb kann man bei schönem Wetter abends hier ebenso viele Leute antreffen wie am Tage. In den belebten Straßen kommen fast niemals Überfälle oder Morde vor. Aber ich will nicht behaupten, daß es in den Seitengassen ebenso ist. Ich rate keinem, nachts in der Stadt herumzulungern. Wenn auch in den Straßen berittene Wachen patrouillieren, passieren doch Dinge, die die Wachen nicht sehen. Unlängst wurde um Mitternacht die Kutsche des Herzogs von Richmond unweit der neuen Brücke von einigen Unbekannten angehalten. Einer von ihnen drang in die Kutsche und durchbohrte den Herzog mit seinem Degen. Nach zehn oder elf Uhr abends ist es unmöglich, selbst für viel Geld, eine ,Portechaise“ * oder einen Fiaker zu bekommen. Am besten ist es, einen Diener mitzunehmen, der Euch mit einer Fackel in den Händen vorangeht.« Im Jahre 1765 wurden in Paris neue »reflektierende« Laternen mit blanken Lichtspiegeln aufgestellt, die nicht mehr Kerzen, sondern Öllampen hatten. Solche Hohlspiegel finden wir auch heute noch an Petroleumlampen. Die neuen Laternen blieben viele Jahre in Betrieb. Eine von ihnen — an der Ecke der Vaneristraße und des Gräveplatzes — wurde während der Französischen Revolution berühmt. An ihr hängten die aufständischen Pariser die königlichen Beamten und die Höflinge auf. Ein Abbé, den man zu dieser Laterne zerrte, rettete sich nur dadurch, daß er rief: »Nun gut, ihr wollt mich hängen, werdet ihr es dann heller haben?«
   
Zwanzig Jahre nach Paris bekam London seine Straßenbeleuchtung. Ein erfindungsreicher Mann namens Edward Geming übernahm es, für geringes Entgelt an jeder zehnten Tür eine Laterne aufzustellen. Allerdings war er nicht verpflichtet, die Laternen immer aufzustellen, sondern nur in mondlosen Nächten, aber auch nicht das ganze Jahr hindurch, sondern nur im Winter, und nicht während der ganzen Nacht, sondern nur von sechs bis zwölf. Und dennoch rief sein Angebot einen Sturm der Begeisterung hervor. Man bezeichnete ihn als einen genialen Erfinder, man sagte, daß »die Entdeckungen der anderen Erfinder nichts sind im Vergleich zu der Großtat dieses Mannes, der die Nacht in hellen Tag verwandelt«. In Rußland wurden noch vor hundert Jahren die Straßen mit Öllampen beleuchtet. Wie damals die Straßen von Petersburg aussahen, erzählt uns Gogol in seiner Novelle »Newskij Prospekt«: »Sobald sich die Dämmerung über Häuser und Straßen breitet, klettert der Polizeiwächter auf die Leiter, um die Laterne anzuzünden. Wie belebt sich aufs neue der Newskij Prospekt, wie fängt es da an zu wimmeln … Es beginnt diese geheimnisvolle Stunde, da die Lampen allem einen lockenden, einen wunderschönen Schein verleihen … Lange Schatten huschen an den Wänden entlang und über das Straßenpflaster; sie erreichen mit ihren Köpfen fast die Polizeibrücke. Aber geht um Gottes willen weiter von der Laterne weg! Geht so schnell ihr könnt an ihr vorbei! Ihr könnt noch von Glück sagen, wenn ihr so billig davonkommt, daß nur euer eleganter Rock mit ihrem stinkigen Öl bespritzt wird.« 

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