Kurd Laßwitz – Auf zwei Planeten – Ein science fiction-Roman

Kurd Laßwitz Auf zwei Planeten - BuchCover der ErstausgabeKontakte zwischen Erde und Mars Verunglückte Polarforscher sind die ersten Menschen, die mit den Bewohnern des vierten Planeten in Berührung kommen. Ort der Begegnung ist ein von den Martiern errichteter Stützpunkt am irdischen Nordpol. Einer der Forscher, der die gelegenheit erhält, den Mars kennenzulernen, findet dort eine hochstehende Kultur und Zivilisation vor – und ein Volk, das in einem idealen Staatswesen lebt. Dennoch unterliegen die Martier der Verlockung der Macht. Sie trachten danach, die Erde zu unterwerfen.

Mit dem Doppelband „Auf zwei Planeten“ – ursprünglich als Teil vier und fünf der Kollektion Laßwitz einzeln geplant – liegt Kurd Laßwitz voluminöser, 1897 zum ersten Mal veröffentlichter Roman eines Konfliktes zwischen den Menschen und Marsianern in einem ansprechenden und schön gestalteten Hardcover nach der Ausgabe der letzten Hand aus dem Altdeutschen übertragen neu aufgelegt vor. Im gleichen Jahr wie Kurd Laßwitz veröffentlichte H.G. Wells noch als Fortsetzungswerk in Zeitschriften seinen noch bekannteren und mehrmals verfilmten/ adaptierten „War of the Worlds“. Eine Buchausgabe ist erst zwei Jahre später 1899 erschienen. Von der grundsätzlichen Struktur her – die Marsianer kommen auf die Erde, unterwerfen die Menschen und müssen trotzdem am Ende des Romans eine Niederlage trotz oder gerade wegen ihrer technischen Überlegenheit erleiten – ähneln sich die beiden Romane. Eine sind die Feinheiten, welche die Unterschiede ausmachen. Die meisten Werke des ausgehenden 19. und heraufdämmernden 20. Jahrhunderts beschäftigten sich weniger mit dem Besuch der Außerirdischen auf der Erde, sondern wie Albert Daiber mit seinen Weltenseglern oder Percy Greg in „Jenseits des Zodiacus“ mit der Reise von Menschen zum roten Planeten. Dabei stießen die Menschen jeweils auf intelligente Wesen, die geistig, „moralisch“ und technisch den Erdenbewohnern überlegen gewesen sind. Nur fehlte ihnen in jeglicher Form das ungestüme, draufgängerische und vor allem auch aggressive Wesen der Menschen, um zu anderen Planeten zu reisen. Sowohl H.G. Wells als auch Kurd Laßwitz drehten die Prämisse um. Wells mit seinen eher ambivalenten Ansichten zur britischen Kolonialpolitik versucht seinen Lesern drastisch aufzuzeigen, welche Spuren das brutale Auftreten der Kolonialherren auf den verschiedenen Kontinenten hinterlässt. Die Erde wird von den Marsianern in H.G. Wells dunkler Vision reif geschossen, gesäubert und schließlich zur Besiedelung durch die Invasoren freigegeben. Im Gegensatz zum deutlich intellektueller vorgehenden Kurd Laßwitz, dessen Roman „Auf zwei Planeten“ zumindest vordergründig die deutsche Kolonialpolitik mit seinen scheinheiligen Verträgen und der „guten“ Behandlung der Urbevölkerung bis zum hektischen Ende widerspiegelt, kümmert sich Wells weniger bis gar nicht um den Hintergrund der Invasoren. Es gibt keine ausufernden Beschreibungen oder gar Einblicke in ihre Kultur. Der Angriff erfolgt auf den ersten Seiten und die Menschen befinden sich in einem kontinuierlichen und verzweifelten Kampf ums Überleben. Wells will keine Gefangenen machen und so überrascht es den Leser auch nicht, dass die Marsianer nicht von Menschenhand besiegt werden, sondern dank des „göttlichen“ Schicksals in Form von Bakterien. In diesem einen Punkt dreht Wells die bisherige Kolonialgeschichte um. Bei der Eroberung des Wilden Westen töteten Bakterien Teile der Urbevölkerung, weil diese gegen die von den Weißen eingeschleppten Krankheiten keine Abwehrstoffe besaßen. Alleine aus der Form des Sieges lässt sich Wells nihilistisch dunkle Einstellung seinen Mitmenschen gegenüber ablesen. Niemand kann sagen, wann die Marsianer ein weiteres Mal zuschlagen. Die Menschen haben keine ultimative Waffe und wären neuen Angriffen hilflos ausgeliefert. Kurd Laßwitz streift in seinem Werk das Thema Krankheiten auch, aber er sieht keine bedrohliche Gefahr und schnell werden in einer der vielen kleinen Nebenhandlungen die entsprechenden Medikamente entdeckt und in die Serienproduktion gegeben. Während Wells einen kompakten, fast ausschließlich aus wenigen menschlichen Perspektiven erzählten Actionroman mit einer eher aufgesetzten Botschaft niedergeschrieben hat, konzentriert sich Kurd Laßwitz in der Tradition eines Epos auf mehrere Dutzend Leitcharaktere sowohl marsianer als auch menschlicher Herkunft. Die ausführlichen technischen Beschreibungen haben sicherlich auch einen Laßwitz Schüler – Hans Dominik – hinsichtlich seiner späteren Romane inspiriert. Im Rahmen seines Romans wird das handlungstechnische Spektrum konsequent und angesichts der vielfältigen Szenarien sehr souverän erweitert. Vom Konflikt im Kleinen – der Kampf ums Überleben im ewigen Eis – über die europäische Politik mit mehr als einem Wink auf die „Kanonenbootpolitik“ bis schließlich zum interplanetaren Konflikt. Die Kanonenbootpolitik verlegt Kurd Laßwitz allerdings historisch inkorrekt nach England und klammert das beharrliche Streben des Deutschen Reiches nach einer Weltmachtstellung auf den Meeren patriotisch aus.
Dabei geht Kurd Laßwitz im ersten Band fast ausschließlich aus guter deutscher Perspektive auf die europäische Politik ein und betrachtet im zweiten Buch bis kurz vor dem eher konstruierten, als wirklich handlungstechnisch entwickelten Showdown die zunehmend aggressive Politik der Fremden schließlich fast ausschließlich aus der Perspektive eines Lerneffektes für die Politiker, Militärs und schließlich Bürger. Allerdings lernen die Menschen auch schnell von den Invasoren. Sie übernehmen deren hoch überlegende Technik und teilweise deren nur auf den ersten Blick wirklich freiheitliches Denken, um dank dieser Erkenntnisse schließlich im letzten Zehntel des Romans die ihnen frisch übergeworfenen Ketten wieder sprengen zu können. Laßwitz kritisiert nicht den Imperialismus per se, sondern das einseitige Ausnutzen von in erster Linie militärischer Macht. Das die Menschen an großen Aufgaben nicht scheitern, sondern sich ihnen stellen, ist die optimistische Note, die Laßwitz von den ersten Szenen der Nordpolexpedition an deutlich und pointiert in den Vordergrund seines umfangreichen, teilweise etwas zu philosophisch gestalteten Werkes stellt.

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