Kurd Laßwitz – Auf der Seifenblase – Ein Märchen

soap-bubbles-817094_Alexas_Fotos_PixabayOnkel Wendel, Onkel Wendel! Sieh nur die große Seifenblase, die wunderschönen Farben! Woher nur die Farben kommen!“

So rief mein Söhnchen vom Fenster herab in den Garten, wohin es seine bunten Schaumbälle flattern ließ.

Onkel Wendel saß neben mir im Schatten der hohen Bäume, und unsere Zigarren verbesserten die reine, würzige Luft eines schönen Sommernachmittags.

„Hm!“ brummte Onkel Wendel, zu mir gewendet.

„Erklär’s ihm doch! Hm! Bin neugierig, wie du’s machen willst. Interferenzfarben an dünnen Blättchen, nicht wahr? Kenn ich schon. Verschiedene Wellenlängen, Streifen decken sich nicht und so weiter. Wird der Junge verstehen – hm?“„Ja“, erwiderte ich etwas verlegen, „die physikalische Erklärung kann das Kind freilich nicht verstehen – aber das ist auch gar nicht nötig. Erklärung ist ja etwas Relatives und muß sich nach dem Standpunkt des Fragenden richten; es heißt nur die neue Tatsache in einen gewohnten Gedankengang einreihen, mit gewohnten Vorstellungen verknüpfen – und da die Formeln der mathematischen Physik noch nicht zum gewohnten Gedankengang meines Sprößlings gehören –“

„Nicht übel, hm!“ Onkel Wendel nickte. „Hast es so ziemlich getroffen. Kannst es nicht erklären, nicht mit gewohnten Vorstellungen verbinden – gibt gar keinen Anknüpfungspunkt. Das ist es eben! Erfahrung des Kindes – ganz andere Welt – gibt Dinge, für die alle Verbindung fehlt. Ist überall so! Der Wissende muß schweigen, der Lehrer muß lügen. Oder er kommt ans Kreuz, auf den Scheiterhaufen, in die Witzblätter – je nach der Mode. Mikrogen! Mikrogen!“

Die beiden letzten Worte murmelte der Onkel nur für sich. Ich hätte sie nicht verstanden, wenn ich nicht die Bezeichnung „Mikrogen“ schon öfter von ihm gehört hätte. Es war seine neueste Erfindung.

Onkel Wendel hatte schon viele Erfindungen gemacht: Er machte eigentlich nichts als Erfindungen. Seine Wohnung war ein einziges Laboratorium, halb Alchimistenwerkstatt, halb modernes physikalisches Kabinett. Es war eine besondere Gunst, wenn er jemandem gestattete einzutreten. Denn er hielt alle seine Entdeckungen geheim. Nur manchmal, wenn wir vertraulich beisammensaßen, lüftete er einen Zipfel des Schleiers, der über seinen Geheimnissen lag. Dann staunte ich über die Fülle seiner Kenntnisse, noch mehr über seine tiefe Einsicht in die wissenschaftlichen Methoden und ihre Tragweite, in die ganze Entwicklung des kulturellen Fortschritts. Aber er war nicht zu bewegen, mit seinen Ansichten hervorzutreten und darum auch nicht mit seinen Entdeckungen, weil diese, wie er sagte, ohne seine neuen Theorien nicht zu verstehen seien. Ich selbst habe gesehen, wie er aus anorganischen Stoffen auf künstlichem Wege Eiweiß darstellte. Wenn ich in ihn drang, diese epochemachende Entdeckung, welche vielleicht geeignet wäre, unsere sozialen Verhältnisse gänzlich umzugestalten, bekanntzumachen, so pflegte er zu sagen: „Habe nicht Lust, mich auslachen zu lassen. Können’s doch nicht verstehen. Sind noch nicht reif, kein Anknüpfungs- punkt, andre Welt, andre Welt! Tausend Jahre warten! Laß die Leute streiten, einer weiß so wenig wie der andere.“

Jetzt hatte er das „Mikrogen“ entdeckt. Ich weiß nicht recht, war es ein Stoff oder ein Apparat; aber so viel habe ich begriffen, daß er dadurch imstande war, eine Verkleinerung sowohl der räumlichen als der zeitlichen Verhältnisse in beliebigem Maßstabe zu erzielen. Eine Verkleinerung nicht etwa bloß für das Auge, wie sie durch optische Instrumente möglich ist, sondern für alle Sinne; die ganze Bewußtseins-Tätigkeit wurde verändert, so daß auch alle quantitativen Beziehungen verengt wurden. Er behauptete, er könne ein beliebiges Individuum und mit ihm dessen Anschauungswelt einschrumpfen lassen auf den millionsten, auf den billionsten Teil seiner Größe. Wie er das mache? Ja, dann lachte er wieder still für sich und brummte:

„Hm, nicht verstehen können – kann’s euch nicht erklären – nützt euch doch nichts. Menschen bleiben Menschen, ob groß oder klein, sehen nicht über sich hinaus. Wozu erst streiten?“

„Wie kommst du jetzt auf das Mikrogen?“ fragte ich ihn. „Sehr einfach, mein Lieber. Das Mikrogen ist für die heutige gelehrte Welt, was die Seifenblase für deinen Jungen ist. Vielleicht ein Spielzeug, jedoch zum Verständnis fehlt jeder Anhaltspunkt. Weil aber die Gelehrten keine Kinder sind und alles zu verstehen beanspruchen, würde es einen unendlichen Streit geben, wenn ich meine Lehre auskramen wollte. Gänzlich zwecklos, weil die Entscheidung über alle heutige Einsicht hinaus liegt. Würden mich auslachen – hm – Irrenhaus –“

„Ganz gleich“, rief ich, „die Wahrheit zu verkünden ist Pflicht, und wenn ich auch das Martyrium der Verkennung auf mich nehmen müßte. Nur auf diesem Wege sind die Fortschritte der Kultur errungen worden. Bringe deine Beweise.“

„Hm“, sagte der Onkel, „wenn aber die Beweise niemand verstehen kann? Wenn wir zwei verschiedene Sprachen reden? Dann endet der Streit damit, daß die Minorität totgeschlagen wird, physisch oder moralisch. Habe keine Lust dazu.“

„Und trotzdem“, erwiderte ich kühn, „würde ich die Wahrheit bekennen, wenn ich die Beweise in der Hand hätte.“

„Vor Unmündigen und Blinden – wie? Möchtest du’s probieren? Ja? Sieh dir mal das Ding an.“

Onkel Wendel zog einen kleinen Apparat aus der Tasche. Ich erkannte einige Glasröhrchen in Metallfassung, mit Schrauben und feiner Skala. Er hielt mir die Röhrchen unter die Nase und begann zu drehen. Ich fühlte, daß ich etwas Ungewohntes einatmete.

„Ah, wie schön die da ist!“ rief mein Sohn wieder, auf eine neue Seifenblase deutend, die langsam von der Fensterbrüstung herabschwebte.

„Nun sieh dir mal die Seifenblase an“, sagte Onkel Wendel und drehte weiter.

Mir schien, als ob sich die Seifenblase sichtlich vergrößerte. Ich kam ihr näher und näher. Das Fenster mit dem Jungen, der Tisch, vor dem wir saßen, die Bäume des Gartens entfernten sich, wurden immer undeutlicher. Nur Onkel Wendel blieb neben mir; sein Röhrchen hatte er in die Tasche gesteckt. Jetzt war unsere bisherige Umgebung verschwunden. Wie eine mattweiße, riesige Glocke dehnte sich der Himmel über uns, bis er sich am Horizont verlor. Wir standen auf der spiegelnden Fläche eines weiten, gefrorenen Sees. Das Eis war glatt und ohne Spalten; dennoch schien es in einer leise wallenden Bewegung zu sein. Undeutliche Gestalten erhoben sich hier und da über die Fläche.

„Was geht hier vor?“ rief ich erschrocken. „Wo sind wir? Trägt uns auch das Eis?“

„Auf der Seifenblase sind wir“, sagte Onkel Wendel kaltblütig. „Was du für Eis hältst, ist die Oberfläche des zähen Wasserhäutchens, welches die Blase bildet. Weißt du, wie dick diese Schicht ist, auf der wir stehen? Nach menschlichem Maße gleich dem fünftausendsten Teil eines Zen- timeters; fünfhundert solcher Schichten übereinandergelegt würden zusammen erst einen Millimeter betragen.“

Unwillkürlich zog ich einen Fuß in die Höhe, als könnte ich mich dadurch leichter machen.

„Um Himmels willen“, rief ich, „treibe kein leichtsinniges Spiel! Sprichst du die Wahrheit?“

„Ganz gewiß. Aber fürchte nichts. Für deine jetzige Größe entspricht dieses Häutchen an Festigkeit einem Stahlpanzer von zweihundert Meter Dicke. Wir haben uns nämlich mit Hilfe des Mikrogens in allen unseren Verhältnissen im Maßstab von eins zu hundert Millionen verkleinert. Das macht, daß die Seifenblase, die nach menschlichen Maßen einen Umfang von vierzig Zentimetern besitzt, jetzt für uns gerade so groß ist wie der Erdball für den Menschen.“

„Und wie groß sind wir selbst?“ fragte ich zweifelnd.

„Unsere Höhe beträgt den sechzigtausendsten Teil eines Millimeters. Auch mit dem schärfsten Mikroskop würde man uns nicht mehr entdecken.“

„Aber warum sehen wir nicht das Haus, den Garten – die Erde überhaupt?“

„Alle optischen Verhältnisse sind infolge unserer Kleinheit so verändert, daß wir zwar in unserer jetzigen Umgebung völlig klar sehen, aber von unserer früheren Welt, deren physikalische Grundlagen hundertmillionenmal größer sind, gänzlich geschieden leben. Du mußt dich nun mit dem begnügen, was es auf der Seifenblase zu sehen gibt, und das ist genug.“

„Ich wundere mich nur“, fiel ich ein, „daß wir hier überhaupt etwas sehen, daß unsere Sinne unter den veränderten Verhältnissen ebenso wirken wir früher. Wir sind ja jetzt kleiner als die Länge einer Lichtwelle; die Moleküle und Atome müssen uns doch ganz anders beeinflussen.“

„Hm!“ Onkel Wendel lachte. „Was sind denn Ätherwellen und Atome? Ausgeklügelte Maßstäbe sind’s, berechnet von Menschen für Menschen. Jetzt machen wir uns klein, und alle Maßstäbe werden mit uns klein. Aber was hat das mit der Empfindung zu tun? Die Empfindung ist das erste, das Gegebene; Licht, Schall und Druck bleiben unverändert für uns, denn sie sind Qualitäten. Nur die Quantitäten ändern sich, und wenn wir physikalische Messungen anstellen wollten, so würden wir die Ätherwellen auch hundertmillionenmal kleiner finden.“

Wir waren inzwischen auf der Seifenblase weitergewandert und an eine Stelle gekommen, wo durchsichtige Strahlen springbrunnenähnlich rings um uns in die Höhe schossen, als mich ein Gedanke durchzuckte, der mir vor Entsetzen das Blut in den Adern stocken ließ. Wenn die Seifenblase jetzt platzte! Wenn ich auf eines der entstehenden Wasserstäubchen gerissen wurde und Onkel Wendel mit seinem Mikrogen auf ein anderes! Wer sollte mich jemals wiederfinden?“

„Schnell, Wendel, nur schnell“, rief ich. „Gib uns unsere Menschengröße wieder! Die Seifenblase muß ja sofort platzen! Ein Wunder, daß sie noch hält! Wie lange sind wir denn schon hier?“

„Keine Sorge“, sagte Wendel ungerührt, „die Blase hält länger, als wir hier bleiben. Unser Zeitmaß hat sich zugleich mit uns verkleinert, und was du hier für eine Minute hältst, das ist nach irdischer Zeit erst der hundertmillionste Teil davon. Wenn die Seifenblase nun zehn Erdsekunden lang in der Luft fliegt, so macht dies für unsere jetzige Konstitution ein ganzes Menschenalter aus. Die Bewohner der Seifenblase freilich leben hunderttausendmal schneller als gegenwärtig wir.“

„Wie?“ Du willst doch nicht behaupten, daß die Seifenblase auch Bewohner habe?“

„Natürlich hat sie Bewohner, und zwar recht kultivierte. Nur verläuft ihre Zeit ungefähr zehnbillionenmal so schnell wie die menschliche, das heißt, sie empfinden, sie leben zehnbillionenmal so rapid. Das bedeutet, drei Erdsekunden sind soviel wie eine Million Jahre auf der Seifenblase, wenn auch deren Bewohner den Begriff des Jahres in unserem Sinne nicht ausgebildet haben, weil ihre Seifenkugel keine regelmäßige und genügend schnelle Rotation besitzt. Wenn du nun bedenkst, daß diese Seifenblase, auf der wir uns befinden, vor mindestens sechs Sekunden entstand, so mußt du zugeben, daß in diesen zwei Millionen Jahren sich schon ein ganz hübsches Leben und eine angemessene Zivilisation entwickeln konnte. Wenigstens entspricht dies meinen Erfahrungen auf anderen Seifenblasen, die alle die Familien-Ähnlichkeit mit der Mutter Erde nicht verleugneten.“

„Aber wo sind diese Bewohner? Ich sehe hier wohl Gegenstände, die ich für Pflanzen halten möchte, und diese halbkugelförmigen Kuppeln könnten eine Stadt vorstellen. Doch etwas Menschenähnliches kann ich nicht entdecken.“

„Sehr natürlich. Unsere Empfindungsfähigkeit, wenn sie auch hundertmillionenmal so groß geworden ist als die der Menschen, ist doch noch hunderttausendmal langsamer als die der Saponier – so wollen wir die Bewohner der Seifenblase nennen. Während wir jetzt eine Sekunde vergangen glauben, verleben sie achtundzwanzig Stunden. In diesem Verhältnis ist hier alles Leben beschleunigt. Betrachte nur diese Gewächse.“

„Es ist richtig“, sagte ich. „Ich sehe deutlich, wie hier die Bäume – denn diese korallenartigen Bildungen sollen ja wohl Bäume sein – vor unseren Augen wachsen, blühen und Früchte tragen. Und dort scheint ein Haus gewissermaßen aus dem Boden zu wachsen.“

„Die Saponier bauen daran. In dieser Minute, während der wir zu- schauen, beobachten wir den Erfolg von mehr als zweimonatiger Arbeit. Die Arbeiter sehen wir nicht, weil ihre Bewegungen viel zu schnell für unsere Wahrnehmungsfähigkeit verlaufen. Doch wir wollen uns bald helfen. Mittels des Mikrogens will ich unseren Zeitsinn auf das Hunderttausendfache verfeinern. Hier, rieche noch einmal. Unsere Größe bleibt dieselbe, ich habe nur die Zeitskala verstellt.“

Onkel Wendel brachte aufs neue sein Röhrchen hervor. Ich roch, und sofort fand ich mich in einer Stadt, umgeben von zahlreichen rege beschäftigten Gestalten, die eine entschiedene Menschenähnlichkeit besaßen. Nur schienen sie mir alle etwas durchsichtig, was wohl von ihrem Ursprung aus Glyzerin und Seife herrühren mochte. Auch vernahmen wir ihre Stimmen, ohne daß ich jedoch ihre Sprache verstehen konnte. Die Pflanzen hatten ihre schnelle Veränderlichkeit verloren, wir waren jetzt in gleichen Wahrnehmungsverhältnissen zu ihnen wie die Saponier. Was uns vorher als Springbrunnenstrahlen erschienen war, erwies sich als die Blütenstengel einer schnell wachsenden hohen Grasart.

Auch die Bewohner der Seifenblase nahmen uns jetzt wahr und umringten uns unter vielen Fragen, welche offenbar Wißbegierde verrieten.

Die Verständigung fiel sehr schwer, weil ihre Gliedmaßen, die eine gewisse Ähnlichkeit mit den Armen von Polypen besaßen, so seltsame Bewegungen ausführten, daß selbst die Gebärdensprache versagte. Indessen nahmen sie uns durchaus freundlich auf; sie hielten uns, wie wir später erfuhren, für Bewohner eines anderen Teils ihres Globus, den sie noch nicht besucht hatten. Die Nahrung, welche sie uns anboten, hatte einen stark alkalischen Beigeschmack und mundete uns nicht besonders; mit der Zeit gewöhnten wir uns jedoch daran, nur empfanden wir es sehr unangenehm, daß es keine eigentlichen Getränke, sondern immer nur breiartige Suppen gab. Es war überhaupt auf diesem Weltkörper alles zähe und gallertartig, und es war bewundernswert, zu sehen, wie auch unter diesen veränderten Verhältnissen die Natur oder vielmehr die weltschöpferische Kraft des Lebens durch Anpassung die zweckvollsten Einrichtungen geschaffen hatte. Die Saponier waren wirklich intelligente Wesen. Speise, Atmung, Bewegung und Ruhe, die unentbehrlichen Bedürfnisse aller lebenden Geschöpfe, gaben uns die ersten Anhaltspunkte, einzelnes aus ihrer Sprache zu verstehen und uns anzueignen.

Da man bereitwillig für unsere Bedürfnisse sorgte und Wendel versicherte, daß unsere Abwesenheit von zu Hause einen für irdische Verhältnisse verschwindend geringen Zeitraum ausmache, so ergriff ich mit Freuden die Gelegenheit, diese neue Welt näher kennenzulernen. Ein Wechsel von Tag und Nacht fand zwar nicht statt, aber es folgten regelmäßige Ruhepausen auf die Arbeit, was ungefähr unserer Tageseinteilung entsprach. Wir beschäftigten uns eifrig mit der Erlernung der saponischen Sprache und versäumten nicht, die physikalischen Verhältnisse der Seifenblase sowie die sozialen Einrichtungen der Saponier genau zu studieren. Zu letzterem Zwecke reisten wir nach der Hauptstadt, wo wir dem Oberhaupte des Staates, das den Titel „Herr der Denkenden“ führte, vorgestellt wurden. Die Saponier nennen sich nämlich selbst die „Denkenden“, und das mit Recht, denn die Pflege der Wissenschaften steht bei ihnen in hohem Ansehen, und an den Streitigkeiten der Gelehrten nimmt die ganze Nation den regsten Anteil. Wir sollten darüber eine Erfahrung machen, die uns bald übel bekommen wäre.

Über die Resultate unserer Beobachtung hatte ich sorgfältig Buch geführt und reiches Material angehäuft, welches ich nach meiner Rückkehr auf die Erde zu einer Kulturgeschichte der Seifenblase zu bearbeiten gedachte. Leider hatte ich einen Umstand außer acht gelassen. Bei unserer sehr plötzlich notwendig werdenden Wiedervergrößerung trug ich meine Aufzeichnungen nicht bei mir, und so geschah das Unglück, daß sie von den Wirkungen des Mikrogens ausgeschlossen wurden. Natürlich sind meine unersetzlichen Manuskripte nicht mehr zu finden; sie fliegen als unentdeckbares Stäubchen irgendwo umher und mit ihnen die Beweise meines Aufenthalts auf der Seifenblase.

Wir mochten ungefähr zwei Jahre unter den Saponiern gelebt haben, als die Spannung zwischen den unter ihnen hauptsächlich vertretenen Lehrmeinungen einen besonders hohen Grad erreichte. Die Überlieferung der älteren Schule über die Beschaffenheit der Welt war nämlich durch einen höchst bedeutenden Naturforscher namens Glagli energisch angegriffen worden, dem die jüngere progressivistische Richtung lebhaft beistimmte. Man hatte daher, wie dies in solchen Fällen üblich ist, Glagli vor dem Richterstuhl der „Akademie der Denkenden“ gefordert, um zu entscheiden, ob seine Ideen und Entdeckungen im Interesse des Staates und der Ordnung zu dulden seien. Die Gegner Glaglis stützten sich besonders darauf, daß die neuen Lehren den alten und unumstößlichen Grundgesetzen der „Denkenden“ widersprächen. Sie verlangten daher, daß Glagli entweder seine Lehre widerrufen oder der auf die Irrlehre gesetzten Strafe verfallen solle. Hauptsächlich befanden sie folgende drei Punkte aus der Lehre Glaglis für irrtümlich und verderblich:

Erstens: Die Welt ist inwendig hohl, mit Luft gefüllt, und ihre Rinde ist nur dreihundert Ellen dick. Dagegen wandten sie ein: Wäre der Boden, auf welchem sich die „Denkenden“ bewegen, hohl, so würde er schon längst gebrochen sein. Es stehe aber in dem Buche des alten Weltweisen Emso (das ist der saponische Aristoteles): „Die Welt muß voll sein und wird nicht platzen in Ewigkeit.“

Zweitens hatte Glagli behauptet: Die Welt bestehe nur aus zwei Grundelementen, Fett und Alkali, welche die einzigen Stoffe überhaupt sind und seit Ewigkeit existieren; aus ihnen habe sich die Welt auf mechanischem Wege entwickelt, auch könne es niemals etwas anderes geben, als was aus Fett und Alkali zusammengesetzt sei; die Luft sei eine Ausschwitzung dieser Elemente. Hiergegen erklärte man, nicht bloß Fett und Alkali, sondern auch Glyzerin und Wasser seien Elemente; dieselben könnten unmöglich von selbst in Kugelgestalt gekommen sein; namentlich aber stehe in der ältesten Urkunde der Denkenden: „Die Welt ist geblasen durch den Mund eines Riesen, welcher heißt Rudipudi.“

Drittens lehrte Glagli: Die Welt sei nicht die einzige Welt, sondern es gäbe noch unendlich viele Welten, welche alle Hohlkugeln aus Fett und Alkali seien und frei in der Luft schwebten. Auf ihnen wohnten ebenfalls denkende Wesen. Diese These wurde nicht bloß als irrtümlich, sondern als staatsgefährlich bezeichnet, indem man sagte: Gäbe es noch andere Welten, welche wir nicht kennen, so würde sie der „Herr der Denkenden“ nicht beherrschen. Es steht aber im Staatsgrundgesetz: „Wenn da einer sagt, es gebe etwas, was dem Herrn der Denkenden nicht gehorcht, den soll man in Glyzerin sieden, bis er weich wird.“

In der Versammlung erhob sich Glagli zur Verteidigung; er machte besonders geltend, daß die Lehre, die Welt sei voll, derjenigen widerspräche, daß sie geblasen sei, und er fragte, wo denn der Riese Rudipudi gestanden haben solle, wenn es keine anderen Welten gäbe. Die Akademiker der alten Schule hatten trotz ihrer Gelehrsamkeit einen harten Stand gegen diese Gründe, und Glagli hätte seine ersten beiden Thesen durchgesetzt, wenn nicht die dritte ihn verdächtig gemacht hätte. Aber die politische Anrüchigkeit derselben war zu offenbar, und selbst Glaglis Freunde wagten nicht, für ihn in dieser Hinsicht einzutreten, weil die Behauptung, daß es noch andere Welten gebe, als eine reichsfeindliche und antinationale betrachtet wurde. Da nun Glagli durchaus nicht widerrufen wollte, so neigte sich die Majorität der Akademie gegen ihn, und schon schleppten seine eifrigsten Gegner Kessel mit Glyzerin herbei, um ihn zu sieden, bis er weich sei.

Als ich all das grundlose Gerede für und wider anhören mußte und doch sicher war, daß ich mich auf einer Seifenblase befand, die mein Söhnchen vor etwa sechs Sekunden aus dem Gartenfenster meiner Wohnung mittels eines Strohhalmes geblasen hatte, und als ich sah, daß es in diesem Streit doppelt falscher Meinungen einem ehrlich nachdenkenden Wesen ans Leben gehen sollte – denn das Weichsieden ist für einen Saponier immerhin lebensgefährlich –, so konnte ich mich nicht länger zurückhalten, sondern sprang auf und bat ums Wort.

„Begehe keinen Unsinn“, flüsterte Wendel, sich an mich drängend. „Redest dich ins Unglück! Verstehen’s ja doch nicht! Wirst sehen! Sei still!“

Aber ich ließ mich nicht stören und begann:

„Meine Herren Denkenden! Gestatten Sie mir einige Bemerkungen, da ich tatsächlich in der Lage bin, über Ursprung und Beschaffenheit Ihrer Welt Auskunft zu geben.“

Hier entstand ein allgemeines Murren: „Was? Wie? Ihrer Welt Haben Sie vielleicht eine andere? Hört! Der Wilde, der Barbar! Er weiß, wie die Welt entstanden ist!“

„Wie die Welt entstanden ist“, fuhr ich mit erhobener Stimme fort, „kann niemand wissen, weder Sie noch ich. Denn die ,Denkenden’ sind so gut wie wir beide nur ein winziges Fünkchen des unendlichen Geistes, der sich in unendlichen Gestalten verkörpert. Aber wie das verschwindende Stückchen Welt, auf dem wir stehen, entstanden ist, das kann ich Ihnen sagen. Ihre Welt ist in der Tat hohl und mit Luft gefüllt, und ihre Schale ist nicht dicker, als Herr Glagli angibt. Sie wird allerdings einmal platzen, aber darüber können noch Millionen Ihrer Jahre vergehen.“ Lautes Bravo der Glaglianer. „Es ist auch richtig, daß es noch viele bewohnte Welten gibt, nur sind es nicht lauter Hohlkugeln, sondern vielmillionenmal größere Steinmassen, bewohnt von Wesen wie ich. Und Fett und Alkali sind weder die einzigen, noch sind sie überhaupt Elemente, sondern es sind komplizierte Stoffe, die nur zufällig für diese Ihre kleine Seifenblasenwelt eine Rolle spielen.“

„Seifenblasenwelt?“ Ein Sturm des Unwillens erhob sich von allen Seiten.

„Ja“, rief ich mutig, ohne auf Wendels Zerren und Zupfen zu achten, „ja, Ihre Welt ist weiter nichts als eine Seifenblase, die der Mund meines Sohnes mittels eines Strohhalmes geblasen hat und die der Finger eines Kindes im nächsten Augenblick zerdrücken kann. Freilich ist, gegen diese Welt gehalten, mein Kind ein Riese…“

„Unerhört! Blasphemie! Wahnsinn!“ schallte es durcheinander, und Tintenfässer flogen um meinen Kopf. „Er ist verrückt! Die Welt soll eine Seifenblase sein? Sein Sohn soll sie geblasen haben! Er gibt sich als Vater des Weltschöpfers aus! Steinigt ihn, siedet ihn!“

„Der Wahrheit die Ehre!“ schrie ich. „Beide Parteien haben unrecht. Die Welt hat mein Sohn nicht geschaffen, er hat nur diese Kugel geblasen, innerhalb der Welt, nach den Gesetzen, die uns allen über- geordnet sind. Er weiß nichts von euch, und ihr könnt nichts wissen von unserer Welt. Ich bin ein Mensch, ich bin hundertmillionenmal so groß und zehnbillionenmal so alt als Ihr! Laßt Glagli los! Was streitet Ihr um Dinge, die Ihr nicht entscheiden könnt?“

„Nieder mit Glagli! Nieder mit dem ,Menschen’! Wir werden ja sehen, ob du die Welt mit dem kleinen Finger zerdrücken kannst! Ruf doch dein Söhnchen!“ So raste es um mich her, während man Glagli und mich nach dem Bottich mit siedendem Glyzerin hin zerrte.

Sengende Glut strömte mir entgegen. Vergebens setzte ich mich zur Wehr. „Hinein mit ihm!“ schrie die Menge. „Wir werden ja sehen, wer zuerst platzt!“

Heiße Dämpfe umhüllten, ein brennender Schmerz durchzuckte mich und…

Ich saß neben Wendel am Gartentisch. Die Seifenblase schwebte noch an derselben Stelle. „Was war das?“ fragte ich erstaunt.

„Eine hunderttausendstel Sekunde! Auf der Erde hat sich noch nichts verändert. Hab noch rechtzeitig meine Skala verschoben, hätten dich sonst in Glyzerin gesotten. Hm? Soll ich noch die Entdeckung des Mikrogens veröffentlichen? Wie? Meinst jetzt, daß sie dir’s glauben werden? Erklär’s ihnen doch!“

Wendel lachte, und die Seifenblase zerplatzte. Mein Söhnchen blies eine neue.

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