Kunst | Robert Delaunay: La flèche de Notre-Dame

ROBERT DELAUNAY | Les Fenêtres.
Gouache auf Pappe | 45,5 x 37 cm |1912 | Musée de Grenoble.

DAS BILD | Delaunay selbst schreibt, in seinen Fenstern «erzeugen die Brechungen der Formen durch das Licht farbige Flächen. Diese farbigen Flächen sind die Struktur des Bildes, und die Natur ist nicht mehr ein Gegenstand beschreibender Wiedergabe, sondern nur Vorwand, dichterische Evokation mit den Mitteln der farbigen Flächen, die sich in Simultankontrasten ordnen. Ihre Orchestration erzeugt Architekturen, die abrollen wie musikalische Themen in Farben und eine neue malerische Ausdrucksform hervorbringen: reine Malerei. Das klingt spröde. Der Dichter Guillaume Apollinaire besang die Folge der Fensterbilder, von denen das hier abgebildete Beispiel eines der schönsten ist:

La fenêtre s’ouvre comme une orange Le beau fruit de la lumière…

In der Tat ist das Ausgangserlebnis der Blick aus dem plötzlich geöffneten Fenster auf die im flimmernden Mittag gleißende Stadt. Über Relikten von Dächern und Häuserwänden erkennen wir blau¬ violett die Silhouette des Eiffelturms. Aber das unübersehbare Gewinkel der Bauten ist unter Umgehung der Perspektive streng zweidimensional auf die Bildfläche gebracht; an Stelle des Hintereinander die Schichtung eines Übereinander, und das eigentliche Ordnungsprinzip sind gleichsam die Wege der Sonnenstrahlen, die in das Gewinkel einschneiden, Einzelformen auflösen und an vielen Stellen die Farbkontraste im Weiß der grössten Helligkeit aufheben – wie Apollinaire es ausdrückt:

Du Rouge au Vert
Tout le Jaune se meurt…

DER MALER | Robert Delaunay (1885-1941) ist einer der schöpferischen Wegbereiter der abstrakten Kunst. Er begann sehr früh zu malen. Wichtiger als Monet, Gauguin, die Nabis wurde für ihn der Neoimpressionismus oder Pointillismus Seurats, welcher die in der Natur vorgefundenen Farben, entsprechend den von Chevreul und Helmholtz entdeckten Lichtgesetzen, mittels einer Tupftechnik in ihre komplementären Bestandteile zerlegte, so dass sich die Rekomposition der Töne erst auf der Netzhaut des Beschauers vollzieht. Das Licht blieb Grunderfahrung und Hauptinhalt auch der Malerei Delaunays; allerdings nicht in dem nahezu wissenschaftlichen Sinn wie bei Seurat, sondern als glück¬ lich, ja gläubig erlebte zentrale Lebensenergie. Als er 1906 im Militärdienst in Laon die Stadt und die Kathedrale malte, entdeckte Delaunay Türme und Stadt als zwei Hauptthemen seiner Kunst. Die Stadt wurde dann Paris, der Turm der immer wieder gemalte Eiffelturm, den er darum auch «das Barometer meiner Lebenskraft» nennen sollte. In einer ersten Folge von Bildern des Eiffelturms, 1910, malte Delaunay den Turm aufschwankendem Boden, mit überall gebrochenen, splitternden Umrissen, explosiv aufschießend und an unbestimmter Stelle mit der geballten Atmosphäre verschmelzend. Da äußerte sich Vorahnung weltgeschichtlicher Katastrophen, weiterhin als Reflex des Kubismus der Drang, mit der Aufgabe der Zentralperspektive auch die Solidität der Körper aufzulösen – vor allem aber die Erfahrung, dass das Licht die Umrisse der Dinge auflöst und bricht. Delaunay schritt von der destruktiven zur konstruktiven Auswertung dieser Erfahrung. In den Fensterbildern von 1912 treten die in Lichtfiuten aufgelösten Architekturkomplexe bereits zurück hinter der Eigenbewegung des Lichtes, dem Auseinandertreten und Wiederverschmelzen der Komplementärfarben im Simultankontrast. Der nächste Schritt war die reine Darstellung dieser Lichtbewegung, die wie im Ansehen der Gestirne, der schillernden «Höfe» der Straßenlaternen, der Sonnenflecken auf dem Steinboden gotischer Kirchen – kreisförmig erlebt wurde. Die Folge der Disques simultanés entstand: leuchtende Kreisschwünge, Sonnenbälle und Mondscheiben, vibrierend im Bewegungsspiel der Komplementärfarben. In der Folgezeit verband Delaunay die Darstellung der kreisenden Eigenformen des Lichts mit Darstellungen bewegten Lebens: der elektrisch erleuchteten Zirkusmanege (1906-22), den Fußballspielern der Equipe de Cardiff (1912/13), dem Propellerschwung des Flugzeugs (Hommage à Blériot, 1914) ; aus der Kombination der kreisrunden Disques und der Doppel-S-Kurve der Propellerschraube erwuchs ihm die Grundfigur für die Veranschaulichung reiner Dynamik (Rythmes sans fin, ab 1933). So führte im Schaffen dieses Malers ein gerader Weg vom genau und ohne Beimischung seelischer Projektionen erlebten Sichtbaren zur völligen Abstraktion. Delaunay glaubte an den sozialen Auftrag des Künstlers, er war überzeugt, dass die heutige Malerei auf die Errungenschaften des modernen Lebens antworten müsse. Seine gegenstandsfreie Sprache erlaubte jederzeit die Verbindung ihrer reinen Formen mit aktuellen Themen. Gegen Ende seines Lebens war es ihm vergönnt, auf der Pariser Weltausstellung 1937 das Palais de l’Air und das Palais des Chemins de Fer mit gigantischen Dekorationen zu schmücken, an denen fünfzig Helfer mitarbeiteten; da klangen alle seine Themen, die Frau und die Stadt, der Turm und die Technik zusammen im betäubenden Kreiselspiel der komplementärfarbigen Rhythmen.


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