Kunst | Kees van Dongen – Amusement

KEES VAN DONGEN | Amusement |  Um 1914
Öl auf Leinwand, 88×100 cm, bezeichnet: «Van Dongen»

DAS BILD: Ich muss gestehen, dass mich die Hilfsmittel des Historikers im Stich gelassen haben: ich weiß nicht, wer die schlanke Schöne ist, mit der der Maler hier die Rollen getauscht hat, so dass nun sie an seinem bekannten Bild mit den drei Frauen: der, die vor dem Handspiegel ihre Gamin-Frisur ordnet, der nackten kauernden, die mit der Kette spielt, und der platt auf dem Bauch liegenden – letzte Hand anlegt. Wir befinden uns in Van Dongens Atelier in der Rue Juliette-Lamber, auch die indische Figur und das Bild mit den beiden Marokkanerinnen sind von da her vertraut. Vollkommen selbstverständlich fügt sich die Stellvertreterin sowohl in das Bild, dessen Mittelachse sie in raffinierter Kurve umspielt, als auch in das dargestellte Ambiente; ja, dieses in Lippenrot getauchte Atelier lässt sich viel eher von ihr bewohnt und gemalt denken als von dem breitschultrigen einstigen Weggenossen der Fauves.

DER MALER: Mit nichts als einem unbändigen Verlangen zu malen kam der 1877 in Delfshaven bei Rotterdam geborene, vollbärtige Holländer kurz vor der Jahrhundert¬ wende nach Paris. Es heißt, er habe in den ersten Jahren tags als Gepäckträger das Geld verdient, das ihm abends zu malen erlaubte. Sein Temperament trieb ihn zu den Fauves, mit denen er 1905 ausstellte; auch der gleichfalls auf hemmungslose Farbentladung eingestellten deutschen «Brücke» ist er 1908 vorübergehend beigetreten. Doch Anlage und Gelegenheit trieben ihn bald in andere Bahnen. War er anfangs durch einen gewissen schwerblütigen Ausdruck aufgefallen, der sich in höchst gewählten lehmigen oder düsterschwelenden Farbharmonien äußerte, so stellte er nun seine Palette um auf die Wiedergabe von Silberlame und schillerndem Strass, Brillanten und exotischen Stoffen, Fräcken und Lüstern und den strahlenden Himmeln von Deauville, Cannes oder Venedig. Der Lastträger wurde zum Elegant, zum gefeierten Gesellschaftsmaler, zum Chronisten der «dolce vita» von 1925, der seine Preise selbst besser machte, als dies je ein Händler für ihn hätte tun können, zu dessen Festen sich le beau monde drängte und der in einem optischen Lebenshunger ohnegleichen alles an sich raffte, was die hektische Zeit an Reizstoffen bot. Er malte die letzten Zeugen der Proustschen Welt, den Marquis Boni de Castellane und das Pique-nique au Louvard, er malte die Freundinnen mit aufreizenden Brüsten und von Drogen verglasten Blicken, er malte die aristokratische Schönheit mit Herrenschnitt, grauem, paillettenbesetztem Hängekleid und hinter dem Kopfentfaltetem Straussenfedernfächer, er malte Adel, der sich nicht zu beweisen braucht, wie auch angespanntesten Arrivismus. Er malte das alles mit einer profunden, elementaren Schamlosigkeit, die auch seine Haltung zur Kunst kennzeichnet: einmal Gesellschaftsmaler, schnödete er mit den Argumenten des Bürgers gegen die «blutlose, theoretische» Kunst um ihn herum, «die Schönheit, Leben und Kunst verletzt», signierte auch gelegentlich herausfordernd als lepeintre, so wie Chirico aus ähnlicher Einstellung als «pictor optimus» signiert. Das ist nicht weiter wichtig; in seinen guten Arbeiten bleibt van Dongen ein glänzender Kolorist und ein Meister der psychologischen Bloßstellung. Auf eine gewisse Zeit lassen seine weiblichen Porträts durch ihren sinnlichen Zauber sogar vergessen, wieviel ihnen doch fehlt von der authentischen Poesie eines Guys, von der schmerzlichen Tiefe Toulouse-Lautrecs, von der Geistigkeit eines Matisse.


Also published on Medium.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

error: Content is protected !!