Kunst | HANS BALDUNG . GEN. GRIEN | WETTERHEXEN

DAS BILD. Baldung hat das Thema der Hexendarstellungen vor allem im zweiten Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts mehrfach aufgegriffen, so 1510 in einem großen Farbholzschnitt und 1514 – 15 in mehreren Zeichnungen. Eine dämonische Vitalität spricht aus diesen Werken. Das wilde Treiben ist in größter Ausführlichkeit geschildert und gibt einen tiefen Einblick in den verzweifelten Aberglauben dieser Zeit. Das Frankfurter Bild von 1523 scheint den älteren Darstellungen gleichen Themas gegenüber sehr gebändigt zu sein; es wirkt kühler und überlegter.

Nicht mehr ein dramatischer Vorgang ist geschildert, sondern die Darstellung ist ganz auf die beiden Frauenakte angelegt: rechts sitzt eine üppige Frau auf einem Bock und hält ein Glas mit einem kleinen Teufel, verschlossen durch einen Paradiesapfel, empor; neben ihr steht eine zweite Frau, von hinten gesehen und sich nach dem Betrachter umschauend. Sie hält ein Leinen empor, das zu ihrer Seite herunterfällt und über den Rücken des Bocks gelegt ist. Das Tuch schafft so zwischen den beiden Figuren eine Verbindung; es ist aus künstlerischen Gründen, um der Komposition willen hinzugefügt und ist kein Requisit des Hexens. Ein Putto hält eine Fackel, deren Flamme sich mit den aufsteigenden, braunrot brodelnden Wolken¬ massen über schwefelgelbem Feuer vereinigt. –

Die Komposition ist außerordentlich vereinfacht und dem strengen Gerüst von Senkrechten und Waagerechten angeglichen. Von der dämonischen Wildheit der vorangegangenen Hexendarstellungen ist wenig geblieben. Das Glas mit dem Teufel, der Bock oder das drohende Unwetter wirken fast wie Attribute, die diese beiden Frauen als Wetter¬ hexen ausweisen. Baldung zeigt nicht mehr den höllischen Spuk, sondern er versucht, in den wenigen, aber ausdrucksgeladenen Farben, in der kühlen Schönheit der Figuren und in der vereinfachten Komposition die Dämonie der Schönheit zu treffen und so das Teuflisch-Faszinierende der Hexen aus tieferer Einsicht zu zeigen.

Hans Baldung gen. Grien | Selbstbildnis | 1502
Hans Baldung gen. Grien | Selbstbildnis | 1502

DER MALER. Hans Baldung, gen. Grien, stammte aus einer alten Juristenfamilie vom Oberrhein. Zu seinen Lebzeiten – Baldung wurde um 1485 geboren und starb 1541 in Straßburg – kam die schon lange schwelende Unruhe des späten Mittelalters zum Durchbruch und legte in der Reformation den Grund für ein neues Zeitalter. Baldungs Werk zeigt die Zwiespältigkeit dieser Zeit. Als Dürer-Schüler begann er mit kirchlichen Aufträgen für große Altäre und schuf neben dem Hochaltar des Freiburger Münsters (1512 – 1517) unheimliche Hexendarstellungen. Für Straßburger Humanistenkreise malte er mythologische Themen. Außerdem lieferte er zahlreiche Entwürfe für Glasgemälde und war als Illustrator weit bekannt. Baldung vereinigt in seinem Schaffen alle Möglichkeiten seiner Zeit in außerordentlich persönlichem Gepräge, ohne in direkter Nachfolge eines seiner großen Zeitgenossen zu stehen.


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