Kunst | EDGAR DEGAS | Bildnis des Diego Martelli | 1879

EDGAR DEGAS (1834-1917): Ganzfigurenbildnis des Diego Martelli. 1879. Öl auf Leinwand; 110,3 x 101 cm.

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Zum Gemälde | Degas lag sehr viel daran, seine Modelle in unbefangenen, natürlichen Stellungen, die ihre körperlichen Vorzüge unterstrichen oder ihre Mängel aufzeigten, darzustellen. «Ich will durch das Schlüsselloch beobachten», pflegte der Maler zu sagen und bewies damit, dass er die Modelle in Momenten zu zeichnen liebte, in denen sie sich unbeobachtet fühlten.

Diego Martelli, den Degas vor seinem Arbeitstisch sitzend malte, war ein neapolitanischer Kupferstecher, der in Paris lebte. Als Künstler trat er nicht in Erscheinung, doch nahm er offenbar in der damaligen Pariser Künstlerwelt die Stellung eines «Originals» ein. Welche Beziehungen Degas, der selbst im Rufe eines kauzigen Originals stand, und aus dem die üble Nachrede einen bösartigen, unausstehlichen Menschen machte, zu Martelli hatte, ist nicht bekannt. Vermutlich aber war es, trotz der ausgeprägten Nüchternheit, die den Charakter des Degas bezeichnete, eine kleine Sentimentalität: Degas nämlich, der pariserischste aller Pariser Maler, war von Herkunft gar kein reiner Franzose. Die Großmutter war Neapolitanerin, und der Vater, obwohl er jung nach Paris gekommen war, blieb Neapolitaner. Dem Maler, der einen Teil seiner Jugend in Italien zugebracht hatte, blieb die italienische Sprache in der Neapler Mundart stets geläufig, und von hier aus könnte sich ein Weg zu Martelli aufzeigen, indem Degas mit diesem in der Sprache seiner Jugend reden konnte.

Das Bildnis Martellis ist 1879 entstanden, in einer Zeit also, in der die für Degas bezeichnenden Themen der Modistinnen und Tänzerinnen den grössten Raum seines Schaffens einnahmen. Die eigentliche Zeit seiner Porträtkunst, die Periode, in welcher ihm das Studium des menschlichen Antlitzes das grösste künstlerische Anliegen war, ist das Jahrzehnt von 1860 bis 1870 gewesen. Dann werden die Porträts in seinem Werke immer seltener, ohne aber je ganz zu verschwinden. Niemals malte Degas ein Bildnis auf Bestellung; er wählte seine Modelle frei, und was ihn daran interessierte, war die genaue und scharfe Analyse von Gesicht und Haltung. Dabei verzichtete er auf jede repräsentative Wirkung und erzielte damit eine Tiefe der psychologischen Erfassung seines Modells, die ihn in die Reihe der großen Porträtisten aller Zeiten stellt. Max Liebermann, der ein großer Verehrer von Degas gewesen ist, schrieb über ihn: «Nach akademischen Begriffen kann er weder zeichnen noch malen.» Und tatsächlich gibt das Bildnis Martellis ein gutes Beispiel, wie Degas alle akademischen Überlieferungen bewusst verleugnete: der Bildausschnitt scheint zufällig gewählt, Bildelemente – hier der Arbeitstisch – werden vom Bildrand scharf abgeschnitten, der Blickpunkt scheint zu hoch gewählt und der Maler zu nahe am Modell gestanden zu sein.
Aber gerade diese Elemente zeugen von der unerhört kühnen Darstellungsweise des Künstlers. Indem er den Blickpunkt zu hoch wählte, konnte er die kurzbeinige Gestalt um so drastischer treffen. Dadurch, dass der Dargestellte an den Rand der Komposition gerückt wurde, ist die Spannung im Bild erhöht worden. Durch die ungewöhnliche Darstellungsweise nahm aber nicht die Genauigkeit des Werkes Schaden, sondern Degas verstärkte damit im Gegenteil die wesentlichen Züge des Dargestellten. Die kühnste Neuerung aber, die in diesem Bilde durch die Wahl des hohen Blickpunktes erzielt worden war, ist die Art und Weise, in der sich der Bildraum der Fläche anzugleichen beginnt. Cezanne, 1839 geboren, hatte sich mit diesem künstlerischen Problem immer mehr zu beschäftigen, und kurze Zeit nach der Entstehung unseres Gemäldes werden die beiden Künstler geboren werden, die das zu Ende führen, was Degas in seinem Bildnis Martellis nur andeuten konnte: Picasso (geboren 1881 und Braque (geboren 1882).

Selbstporträt |1895 | Fotografie
Selbstporträt |1895 | Fotografie

DER MALER | Edgar-Hilaire-Germain Degas wurde am 19.Juli 1834 in Paris geboren. Er entstammte dem Pariser Großbürgertum, hatte aber durch seine Großmutter starke Bindungen zu Italien. Die Familie war wohlhabend, und zeitlebens konnte sich Degas seiner Kunst widmen, ohne von finanziellen Überlegungen geleitet zu werden. Zunächst studierte Degas die Rechte, bis er endlich vom Vater die Einwilligung erhielt, Maler werden zu dürfen. Kurze Zeit besuchte er die Ecole des Beaux-Arts und wurde dann von einem Maler namens Lamothe unterrichtet, der, einst Schüler von Ingres, dem jungen Degas die Lehre Ingres‘ übermitteln konnte.
Von 1856 bis i860 reiste der Künstler durch Italien, wo er sich an den italienischen Meistern des Quattrocento schulte. Seit 1860 lebte er in Paris, das er, abgesehen von einigen Reisen, bis an sein Lebensende nicht mehr verließ: 1872 bis 1873 weilte er mehrere Monate in New Orleans, dann besuchte er mehrmals Neapel und unternahm Reisen nach Spanien, Belgien und Holland. Gegen Ende seines Lebens begann sich der Zustand seiner Augen immer mehr zu verschlechtern. Fast blind lebte er in tiefer Traurigkeit, bis ihn der Tod am 27. September 1917 erlöste.


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