Konya – Annemarie Schwarzenbach: Winter in Vorderasien

Konya

3. Dezember 1933

Genug Licht zum Schreiben, Feuer, eine Schaffelldecke, Raki – nicht mehr braucht man und nicht weniger, wir haben es genau erfahren. Draussen liegt Schnee, im Hof des Seldschuk-Palas laufen die Truthühner mit gesträubten Kragen umher. Über den Dächern sieht man die blassrosa Kuppel einer Moschee im grauen Schneeflocken-Himmel; es ist ein bezaubernd trauriger Anblick.

Wir haben seit Ankara eine vierundzwanzigstündige Bahnfahrt hinter uns. In Eskischehir waren die Fenster der Zuckerfabrik erleuchtet, und Rauch stieg feurig aus den Schloten. Arbeiter in Pelzen standen an der Böschung, dort, wo ein Getreidesilo gebaut wird. Ein junger österreichischer Ingenieur beaufsichtigte den Bau, wir kannten ihn von Ankara, und er holte uns am Bahnhof ab. Wir sassen mit ihm in der Baracke, die sich Bufé nennt, und warteten auf den Nachtzug von Haidarpascha. Der Ingenieur sah müde und abgezehrt aus. Er erzählte die ganze Zeit, ich weiss nicht mehr was. Wahrscheinlich von seiner Frau und seinen Kindern, die er in Wien hat. Ob sich das lohnt, dachte ich – was gehen ihn schliesslich die Getreidesilos an und was Eskischehir? »Und Sie fahren also nach Osten«, sagte er, gesprächig, das Rakiglas in der Hand. »Aber ich werde mich trösten. Ich liege in einer halben Stunde in meinem Bett, während Sie noch zwölf Stunden im Zug . . . Haben Sie Schlafwagen? Aber der Zug führt ja gar keinen Schlafwagen.«

Endlich, nach einer Stunde, fuhren wir ab.

Die Fremden kennen Konya nur im Frühjahr oder im Sommer. Es ist eine alte Seldschukenhauptstadt, seiner Moscheen wegen berühmt. Auch die Kreuzritter haben Konya erobert . . .

dance-410468_1280_GuenterRuopp_DerwischeEs begann zu schneien, als wir im Kloster der Derwische waren. Wir standen in dem hohen dunklen Raum, der, unter einer der runden Kuppeln, ihre Moschee enthielt; unter der zweiten aber drehten sie sich. Sie drehten sich, den einen Arm an die Brust gelegt, den anderen ausgestreckt, in langen grünen Gewändern, das Haupt leicht zurückgeworfen, so wie ihr Meister Dschelal al-Din Rumi es sie gelehrt hat. Er dichtete dazu und besang die Sterne und das in Sehnsucht kreisende Herz der Menschen. Nun liegt er, riesig aufgebahrt, neben seinem Sohn im gleichen Raum, in der Pracht einer Grabkapelle, die der grüne Turm überwölbt, deren Wände von goldenen und farbigen Schriftzeichen bedeckt sind, deren Säulen herrlich geschmückt sich im Dunkel verlieren; unten hängen Öllampen und ziselierte Silbergefässe, man geht über alte Teppiche aus Smyrna und Kula, aus Persien und Afghanistan; aber über den mächtigen Sarkophag des Heiligen und seines Sohnes ist ein schwarzes Tuch ausgebreitet, und oben zu ihren Häupten stehen die schwarzen Turbane wie Kuppeln einer Moschee.

Die Türken treiben sonst wenig Totenkult – hier ist er ein feierliches Schrecknis. Rings um den grossen Dschelal al-Din Rumi ruhen seine Söhne in 65 Sarkophagen aus Stein und aus Marmor, mit Fayencen, köstlichen Teppichen und Geweben bedeckt.

konya museum mevlana-kloster
Konya – Museum Mevlana-Kloster

Jetzt ist es ein Museum. Man zeigte uns alles: die Bücher und die Gewänder und die herrlichen Stoffe aus Persien, die Seidenteppiche aus Brussa, die grossen, mattfarbigen aus Smyrna, die gestickten Mäntel der Jürüken, die geschnitzten Türen, die Kelims und die Gebetsstreifen. Man hätte sich vor einer gemalten Seite eines Buches vergessen können wie beim Anhören von Musik. Ja, nicht anders war die sanft auflösende und hinreissende Wirkung jener Goldranken im blauen Grund, jener Knospen in wunderbarer Verteilung, jenes Auf und Nieder, jener Verschlingung und Verteilung der Ornamentik . . . oder auch: nur Gold auf dem matten Pergament . . . Aber da, wo sich die Derwische gedreht haben, liegen helle grosse Teppiche mit weniger und einfacher dunkelgrauer Zeichnung.

Man führte uns zum Direktor des neuen Museums. Er sass in seinem Zimmer und diktierte etwas, und durch das Fenster sah man in den alten Derwischgarten. Zwischen den Beeten stehen griechische Säulen und Statuen, die meisten sind zerbrochen; jetzt lag Schnee auf ihren Schultern, und als wir wieder hinaus und in die Stadt gingen, war der ganze Hof mit Schnee bedeckt und die Strassenflucht grauweiss. Es schneite in dicken, nassen Flocken. Wir gingen in ein Bad, man führte uns durch die heissen, niederen Kuppelräume, Tücher lagen auf den Steinbänken ausgebreitet; in kleinen Nebengelassen wurden die Badenden getrocknet und massiert. Oben, über den Betten, hing die Fotografie des Ghasi; die einzige, die es gibt.

Selimiye-Moschee
Selimiye-Moschee

Es folgten alte kostbare Türen und Moschee-Eingänge, die ich auf Fotografien gesehen hatte: von Sonne beleuchtet, mit schrägen schwarzen Schatten. »Aber es schneit«, sagte ich. Kinder liefen uns nach, barfuss. Und Greise wuschen sich an kleinen Brunnen die blaugefrorenen Füsse. Wagen kamen uns entgegen, mit Säcken beladen, und auf jedem Sack lag ein wenig Schnee. Die Kutscher trugen weisse Schafpelzmützen, das Leder nach aussen, und schwangen ihre Peitschen; die Pferde liefen, was sie konnten. Als wir in einer Seitengasse standen und das Tor einer Medresse (einer alten Schule) betrachteten, fuhr eine Droschke vorüber, die Pferde trabten lautlos; unter dem schwarzen Verdeck sass eine Frau mit einem schönen, jungen Gesicht.

Zuletzt sahen wir die Moschee mit dem blassrosa Dach; der schneegraue Himmel war schon verschlossen. Dann kam gleich die Dunkelheit. Eine Winternacht in Konya. Ich bin froh, dass ich schreiben und Raki trinken kann. Aber jetzt bin ich damit fertig; wir müssen Holz im Ofen nachlegen. Die Nacht wird noch lang sein.

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5. Dezember 1933

Wir verliessen Konya um drei Uhr nachts. Es war eisig kalt; am Tag hatte es geschneit, jetzt knirschte die dünne Schneeschicht unter den Rädern des Wagens, der uns zum Bahnhof führte. Im Hotel war es so kühl gewesen, dass kein Holzfeuer genügte, um die Zimmer zu erwärmen. So sassen wir nahe am Ofen, zusammen mit einem Deutschen, den irgendwelche Geschäfte nach Konya verschlagen hatten, und tranken Raki. Von Zeit zu Zeit brachte der Rusk, der russische Hausdiener, heissen Kaffee in kleinen, henkellosen Schalen.

Dann kam die Fahrt zum Bahnhof: eine lange Allee, mit dünnen Bäumen besetzt, Schnee in den harten Radspuren – links die helle Kuppel einer Moschee, sonderbar fremdes Gebilde in der Winternacht, vor dem Bahnhof, in weissen Ledermänteln, die Kutscher, und, zerfetzt, frierend, die Hammal, die sich auf unser Gepäck stürzten. Punkt drei Uhr ging das Licht aus. Das sei so in Konya wurde uns erklärt, und die Reisenden des Taurus-Express müssten sich damit abfinden. Im Schein einer Petroleumlampe warteten wir, bis, eine halbe Stunde verspätet, der Zug einlief. Die Wagen waren überfüllt, in den Abteilen schliefen Offiziere, Matrosen, ganze Familien, Körbe mit Säuglingen schaukelten zwischen den Gepäcknetzen. Ein Hauptmann kam im Gang auf uns zu. »Ich habe Sie in Kayseri gesehen«, sagte er und nannte den Namen eines Freundes, bei dem wir oben in Anatolien zu Gast gewesen waren. Er brachte uns in seinem Abteil unter, wo ausser uns noch ein Tscheche sass, ein Ingenieur, wie sich herausstellte, unterwegs nach Mossul und Bagdad.

Gespräche gingen hin und her; wir schliefen kaum, bis die Sonne durch die beschlagenen Scheiben drang und die schnelle Dämmerung der braunen Ebene der farbigen Flut des Morgens wich. In Ulukisla standen die Bauern in Pelze gehüllt am Bahnhof; ein Soldat brachte uns Tee, eine Minute lang atmeten wir draussen die frische Gebirgsluft. Und nun lagen die weissen, glänzenden Ketten des Taurus vor uns. Wie Traumgebilde stiegen sie aus der Ebene empor, den Fuss von Nebel umwallt, die phantastischen Spitzen und Zacken gelb, rosa und schwarz leuchtend, vom Licht getroffen, das sie wie Metallspiegel zurückwarfen. Der langsame Anstieg begann; bald neben uns, bald seitlich abirrend führte die alte Taurusstrasse empor; wir sahen Reiter, Eselkarawanen, Wagen, weiter oben nur noch Hirten mit ihren grossen Schafherden. Der Ingenieur erzählte uns, dass der Taurus voller Schätze sei – die nussgrossen Edelsteine im Serail zu Stambul seien zum Teil von unbekannter Beschaffenheit und könnten weder aus dem Kaukasus und dem Ural, noch aus Südafrika stammen, sondern müssten hier in den Gebirgen des Landes ihren nunmehr vergessenen Ursprung haben . . . Dann begann er grosssprecherisch von seinen Abenteuern in allen Teilen der Welt zu erzählen – von den Räubern in Nordafrika, den heimlichen »Lasterhöhlen« Stambuls, von den Taschendieben der Levantestädte und den grossen Jägern oben in Kanada. Jetzt hatte er sich verheiratet und fuhr in den Irak, um im Petroleumgebiet zu arbeiten. »In einem Jahr werde ich meine Frau nachkommen lassen«, sagte er zuversichtlich. Sie wartete in Prag . . .

Inzwischen reihten sich die Tunnel, liessen kurze Durchblicke auf die besonnten Felsmassen; nach einem grossen Tunnel sahen wir die ersten Bäume: Föhren, vom Wind gekrümmt, spärlich auf runden Hügeln verteilt, aber ihrer wurden immer mehr, und als der Zug einigen Schleifen abwärts folgte, war es schon ein Wald. Zwei Monate hatten wir vor uns die baumlose Hochebene gehabt – jetzt konnten wir uns am dunklen Grün nicht satt sehen, der felsige Gebirgsboden tat es uns an, die Flecken grauen Flechtwerks, die hohen Wurzeln, der Blick in Schluchten, wo gefallene Stämme übereinanderlagen. Und der Blick wurde immer weiter, wir folgten dem Rand eines bewaldeten Talkessels, von der Station des Gebirgsdörfchens Hadschikiri aus sah man, durch eine ungeheure Felskluft, das Meer.

Zuerst glaubten wir uns zu täuschen: Da schimmerte etwas, ein schwarzer Spiegel, und blendete die Augen. Die Sonnenstrahlen wurden davon angezogen und sammelten sich wie ein Speerbündel an jener Stelle. Es war das Meer.

Acıgölsee Konya - Kato
Acıgölsee Konya – Kato

Im Abteil nebenan wurde die Kinderwiege heruntergeholt. Ein kleines Mädchen lief mit einem Wasserbecken und einem Rasierpinsel durch den Gang, der Vater rasierte sich, während ein dicker kleiner Junge ihm den Spiegel hielt. Die Mutter packte; Bündel, Pakete, Tonflaschen, Körbe häuften sich. Endlich, kurz vor Adana, zog der Vater die Pantoffeln aus und verlangte herrischen Tons nach seinen Schuhen. Dann war die Familie bereit, und wir fuhren in Adana ein. Unser Hauptmann verliess uns; die Familie warf die Gepäckstücke zum Fenster hinaus. Orangenverkäufer liefen schreiend den Wagen entlang. Dann erfuhr der Tscheche plötzlich, dass unser Wagen nicht mehr weiterfahre. Hammal stürzten herbei, der Umzug vollzog sich in Eile. Auf dem anderen Geleise erwarteten uns alte, europäische Wagen. Bagdat stand in gelben Buchstaben darauf. Während der Zug rangierte, liessen wir uns draussen die Schuhe putzen, kauften Wasser und gingen in der Sonne spazieren. Vorbei mit der Kälte, dem Schnee, dem Hochebenenwind. Hier war Mittelmeer; laue Luft umgab uns. Palmen und riesige Kakteen standen in den Gärten.

Der Zug füllte sich. Offiziere, Geschäftsleute, Offiziere; keine einzige Frau. Wir durchfuhren die fruchtbare Baumwollebene; wandten wir uns nach rückwärts, so sahen wir an ihrem Rand, langsam versinkend, die silbrigen Ketten des kilikischen Taurus. Noch vier Stunden trennten uns von der syrischen Grenze. Als wir gerade Eier, Brot und Orangen auspackten, erschien in unserem Abteil ein dunkelhaariger Bursche in genagelten Skistiefeln und Knickerbockers. Er legte die Hand an die Mütze, setzte sich dann und nahm die Mütze ab. »Sprechen Sie Spanisch?« fragte er, »Rusk, Hebräisch?«

Mausoleum Mevlana - Konya
Mausoleum Mevlana – Konya

Wir schüttelten die Köpfe. »Sprich Spanisch«, sagten wir, worauf er uns in einem Kauderwelsch französischer, italienischer und spanischer Brocken auseinandersetzte, dass er nach Syrien wolle, während sein Pass, wie wir feststellten, ein Transitvisum über Syrien und Irak nach Persien aufwies. »Nach Beirut«, erklärte der Junge, »von dort Palästina« – dabei legte er den Finger an den Mund. Wir riefen unseren Tschechen, der sich mit dem Jungen auf serbisch verständigen konnte. Er war spanischer Jude, hatte einen jugoslawischen Pass und wollte nach Palästina. Als Jude hatte er aber kein Visum für Syrien bekommen – nach Palästina wollte er sich ohnedies auf illegalem Wege über Beirut einschmuggeln –, und ein Freund in Stambul hatte ihm geraten, sich das Transitvisum für Persien zu verschaffen, um dann irgendwie in Syrien den Zug zu verlassen. »Es war ein schlechter Rat«, sagten wir ihm, »man wird dich zurückschicken.« Er hörte aufmerksam, wortlos zu, dachte lang nach und begann dann mit plötzlicher Heftigkeit zu erklären. Er habe neun englische Pfund, sagte er, wir sollten dem Passbeamten sagen, dass er keinesfalls nach Persien könne, nur nach Beirut zu seinem Konsul oder in eine Hafenstadt, Iskenderun zum Beispiel; dann wolle er sich weiterhelfen.

Wir hielten an der Grenze. Fevzipascha. Wir befanden uns wieder im Gebirge, es wurde kalt, die Dunkelheit brach unerwartet ein. Wir sahen die Lichter von Militärbaracken, Offiziere standen auf den Geleisen und umarmten Kameraden, die in unseren Zug stiegen – wir erfuhren, dass sie nach Persien als Instruktore versetzt worden waren. Passbeamte standen in den Gängen; draussen bettelte ein halbnackter Junge, wir reichten ihm ein Brot heraus, worauf er es unter den Arm presste und wie ein Tier in der Dunkelheit verschwand.

Dann läutete die Glocke, die Offiziere standen stumm grüssend an den Fenstern, der Zug setzte sich in Bewegung.

Der junge Jude erschien wieder unter der Türe, gefolgt von einem französischen Passbeamten. Wir erklärten ihm, so gut es ging, die Situation. »Unmöglich«, sagte der Beamte wütend, »ich kenne die Burschen, zwanzig sind schon auf diese Weise nach Palästina gelangt.«

»Aber was wollen Sie mit ihm tun?«

»Wir werden ihn zwingen, ein Billet nach Mossul zu lösen, oder er wird mit Gendarmen nach Stambul zurückgeschickt.«

Der Junge folgte mit gierigem Ernst dem Gespräch.

Stadtansicht Zitatelle - Aleppo
Stadtansicht Zitatelle – Aleppo

»Sie wissen, dass er nicht nach Persien will«, sagten wir, »er hat dafür auch nicht genug Geld. Man wird ihn gar nicht hereinlassen, denn dafür müsste er fünfzig englische Pfund vorweisen.«

Es war nichts zu machen. Der Junge wollte nicht nach Stambul zurück. Kurz vor Aleppo hielt der Zug, die Offiziere stiegen aus; auf dem Nebengeleise wartete der Wagen nach Terschuan. Wir verabschiedeten uns von unserem Ingenieur. Dann sahen wir, wie ein Beamter den kleinen »Hebreux« in einen Wagen dritter Klasse schob und seinen Pass einem Offizier reichte. »Geben Sie auf ihn acht«, rief er, »er muss transit nach Persien . . .« Schreien, Rufen; Pfiffe und Glockenzeichen. Langsam glitten die Wagen aneinander vorbei. Hinter uns blieben die Waldgebirge, Kilikien, der schneebedeckte Taurus. Nachtkälte drang durch die Fenster, im Gang standen die Franzosen, von Zigarettenrauch eingehüllt. Um halb zehn Uhr abends erreichten wir Aleppo.

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