Klapperschlangen – das Wattebäuschchen und eine gelähmte Zunge

Mojave Klapperschlange Man kann einer Klapperschlange die Augen verbinden, ihre lange züngelnde Zunge lähmen, ihr die Nüstern mit Wattebäuschchen verschließen, braucht dann aber nur die Hand auf etwa dreißig Zentimeter an ihren Kopf heranzuführen, und man kann sicher sein, dass die Schlange einen blitzartigen zielgerichteten Satz macht! Da kann man dann nur noch bereuen, sich auf Experimente mit den Sinnesorganen von Klapperschlangen überhaupt eingelassen zu haben.

Wissenschaftler sind vorsichtiger zu Werke gegangen. Sie haben dem aggressiven Reptil nicht die Hand, sondern eine Lampe hingehalten, die zuerst nicht ans Netz angeschlossen war, danach aber unter Strom stand. Sie meinten, diese zwei Varianten müssten die Schlange eigentlich »kaltlassen«, doch das Gegenteil war der Fall, und das im wahrsten Sinne des Wortes.

Auf die ans Netz angeschlossene, warme Lampe stürzte sich die Klapperschlange jedesmal wie auf eine echte Beute, die erloschene, kalte Lampe dagegen interessierte sie gar nicht. Also besitzen Klapperschlangen spezielle Rezeptoren, die Wärme registrieren — eine Art Wärmeorter. Obwohl im Experiment aller uns vertrauten Sinnesorgane beraubt, bringen es viele Giftschlangen zuwege, ihre Beute trotzdem zu erlangen, als sei nichts geschehen.

Kopf der Klapperschlange Illustration: Maike Voss

So wurde 1937 das Geheimnis um die seltsamen Vertiefungen auf dem Maul von Grubenottern enträtselt. Diese Einbuchtungen an ihrem Kopf haben mit keinem der uns bekannten Sinnesorgane zu tun. Jede (es ist ein Paar) besteht aus einer äußeren und einer inneren Kammer, getrennt durch eine äußerst dünne, nur 0,025 Millimeter starke Membran. Um den vorderen Augenwinkel
herum kann man auf dem Maul von Schlangen ein winziges Löchlein bemerken. Es mündet in einen engen Kanal, der bis zur inneren Kammer reicht. Das Löchlein kann sich weiten und verengen, wenn die Schlange die ringförmige Schließmuskulatur betätigt. Die äußere Kammer öffnet sich als breite Öffnung zwischen Nasenloch und Auge. Diese Öffnung ähnelt einem weiteren Nasenloch, deshalb sehen einige Grubenottern aus, als hätten sie vier Nasenlöcher.
Ähnliche Organe gibt es auch bei nichtgiftigen Schlangen, etwa bei Boas und Pythons, doch befinden sie sich an anderen Stellen, meistens auf den Oberlippenschilden. Die Fähigkeit von Schlangen, Wärme zu orten, ist geradezu
phänomenal! Die Tiere registrieren selbst Temperaturdifferenzen von nur 0,003 Grad auf der äußeren und inneren Fläche der Membran des Wärmesinnesorgans. (Zum Vergleich: Die Schwelle der Temperaturempfindlichkeit beim Menschen liegt bei ein bis zwei Grad.) Das reicht aus, daß selbst blinde und taubstumme Schlangen treffsicher ihre Beute schlagen. Wie funktioniert so ein Lokator? Die Forscher neigen zu der Annahme, die Schlange operiere nach dem Boyle-Mariotteschen Gesetz und betätige den Schließmuskel der Eingangsöffnung zur inneren Kammer, wodurch diese von der Außenwelt isoliert werde.
Die Erwärmung der Vorderwand der Membran führe dann zu einer Erhöhung der Lufttemperatur in der inneren Kammer. Die Luft dehne sich aus und drücke auf die Zwischenwand, wo sich die Luftdruckrezeptoren befinden. Hat die Schlange den Druck auf die Membranen beider Gruben ausgeglichen, wendet sie den Kopf dem warmen Objekt zu und peilt das Opfer exakt nach dem Winkel an, der sich aus den Richtungen (von den beiden Gruben zum Opfer hin) ergibt.

Zitteraal - Foto: Jens FischerDer Zitteraal – Einen eigenen »sechsten« Sinn haben auch viele in südamerikanischen Flüssen verbreitete Nacktaale (der Zitteraal ist einer von ihnen). Sie sind mit elektrischen Organen ausgestattet, mit deren Hilfe sie sich sowohl in der normalen Umwelt als auch gegenüber Feinden orientieren können. Bei diesen Fischen liegen alle lebenswichtigen Organe im ersten Viertel des Rumpfes, selbst der After hat seine Öffnung zum Halsbereich hin. Im Schwanz aber ist das elektrische Organ untergebracht. Die »Batterie« der Nacktaale befindet sich unter der als Isolator wirkenden Haut. Es sind einige wurstförmige Körper mit orangeroter Gallertstruktur, die durch Zwischenwände in kleine »Zellen« unterteilt ist. Die Stromentladungen erfolgen in einer Serie kurzer Niederspannungsimpulse (dreißig bis eintausend in der Sekunde). Im Ergebniss dessen entsteht um den Fisch herum ein elektromagnetisches Feld. Gegenstände mit einer anderen Stromleitfähigkeit als der von Wasser, die in dieses Feld geraten, verzerren dessen elektrische Eigenschaften. Die Verzerrungen werden von speziellen Elektrorezeptoren des Seitenlinienorganswahrgenommen (beim Aal liegen sie im Kopfbereich), das sozusagen dem Gehirn signalisiert: »Achtung! Nebenan ist irgend etwas!« Dieses »irgend etwas« kann eine Wasserpflanze, ein Stein, ein begehrtes Futter, aber auch ein potentieller Feind sein. Der »Elektrofisch« erkennt diese Gegenstände an deren andersartiger elektrischer Leitfähigkeit und handelt den konkreten Umständen entsprechend.

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