KEINER IST MIT SEINEM LOS ZUFRIEDEN – Bulgarisches Volksmärchen

Es war einmal ein Bauer, der hatte zwei Esel, mit denen er sich sein Brot verdiente. Doch in einem harten Winter, als es kein Futter für die Tiere gab, musste er die Esel verkaufen. Den einen erstand ein Reicher und der andere kam zu einem Steinbrecher. So trennte das Schicksal die beiden Gefährten, die bis dahin unter einem Dach gelebt und alle Not miteinander geteilt hatten.
Eines Tages begegneten die Esel einander auf dem Markt und begrüßten sich lauthals. „I-a, i-a!“ schrie der Esel des Steinbrechers. „Wie geht es dir? Was hast du getrieben, seit uns der Bauer verkauft hat?“
, Mir geht es prächtig, Bruder“, entgegnete der Esel des Reichen. „Ich bin zu guten Leuten gekommen. Mein neuer Herr ist ein wohlhabender Mann. Ich brauche nur drei Stunden täglich zu arbeiten. Das siebenjährige Söhnchen reitet auf mir zur Schule, und wenn sie zu Ende ist, bringe ich ihn wieder nach Hause. Die übrige Zeit döse ich im kühlen Stall.“  Und wie steht es mit dem Futter? Du erinnerst dich sicher noch, wie wir bei unserem Bauern gehungert haben?“ fragte der Esel des Steinbrechers. 
„Oh, ich habe es besser als der Esel eines Bischofs. Jeden Tag bekomme ich den feinsten Hafer, meine Krippe ist stets mit duftendem Heu gefüllt. Und was ich weiß nicht, ob des Sultans den Stall angeht Pferde es so gut haben. Er ist immer reingefegt und gewaschen, du würdest keine einzige Spinnwebe finden.  Ich schlafe auf frischer Streu. Doch sag, wie ist es dir ergangen?“
“ Ach, frag mich lieber nicht, Bruder“, entgegnete der Esel des Steinbrechers, „mein Herz bricht mir schier vor Kummer.“  „Sprich dich aus und erzähl es mir.“ „Nun, was soll ich dir sagen? Sieh die Schwielen auf meinem Nacken, meinen ausgemergelten Leib, und dir wird alles klar sein. Ich bin unter einem schlechten Stern geboren. Mein Pech hat mich zu diesem unbarmherzigen Steinbrecher geführt. Er belädt mich stets mit hundert Oka Steinen, dass ich mich kaum auf den Beinen halten kann, und obendrein wird er es nicht müde, mir das Fell zu gerben. Der Teufel möge es ihm vergelten! Mein Fell ist schon so durchlöchert, dass es nicht einmal mehr für eine Pauke taugen wird. Und was das außer Disteln, die ich am Wegrand  Futter anlangt finde, rupfe ich, wenn es geht, ein wenig Stroh von den Stoppelfeldern. Ich schlafe sommers und winters in einem verfallenen Schuppen. Meine einzige Freude ist, dass mir mein Herr abends den Sattel abnimmt, so dass ich mich im Staub wälzen kann. Wenn das nicht wäre, hätte ich sicher schon ins Gras gebissen. So ist mein Leben, mein Lieber.“ 
, Ach“, seufzte der Esel des Reichen, „warum bin ich nicht bei deinem Herrn? Ich würde jeden Tag hundert Oka auf dem Rücken und auch die Schläge ertragen. Und auch Disteln und trockenes Stroh würde ich fressen, um mich dann herrlich im Staub wälzen zu können! Das nenne ich ein Leben!“ 

No lover no trouble

 

0 Kommentare zu “KEINER IST MIT SEINEM LOS ZUFRIEDEN – Bulgarisches Volksmärchen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

error: Content is protected !!