Kassandra Lewicka über den „Tiger“ Dariusz Michalczewski | update

In der Flughafenhalle. Warten auf den Eintritt in luftige Höhen. Herumsitzen mit jener typisch konzentrierten Langeweile im Nacken, die uns Sätze aufschnappen lässt, die eigentlich an jemand anderen gerichtet worden sind. Pink beschuhte Füße am Nebenplatz können auch kaum still halten. Endlich findet die kleine Inhaberin des unübersehbaren Schuhwerks ein nicht näher definiertes Stück Plastik auf dem Boden, erhebt sich vom Platz und beginnt, das Fundstück mit einer imposanten Wadenkraft durch die Gegend zu kicken. Flink wie ein Wiesel und mit atemberaubender Agilität, der man eine ordentliche Portion Verbissenheit nicht absprechen kann, fegt sie zwischen die Sitzen. Sehr zur Unmut ihrer daneben sitzenden Oma. “Lass das!“, zischt diese der Kleinen zu, „so was machen Mädchen nicht!“.
Was sie wohl bei ihrem Enkelsohn unangemessen findet, falls sie einen hat? Anno 2014? [Erstveröffentlichung dieses Beitrages.] Ich interessiere mich nicht für Sport. Zumindest nicht wirklich. Hat mich schon immer tendenziell gelangweilt. Ich hatte aber Freundinnen, die das wieder ganz anders sahen. Sie und ich gehören der Generation an, in der man über ein weibliches Kind sagte: „ein Mädchen, ABER interessiert sich für Sport“. Dennoch ist aus mir eine Frau geworden, die – Augen und Ohren offen haltend – als Erwachsene für das Normalste auf der Welt hält, zu sagen „ein Mädchen UND interessiert sich für Sport“. Obwohl ich selbst es nicht tue. Aber dennoch weiß, wer zum Beispiel Dariusz Michalczewski ist. Und ich erwähne ihn nun nicht, weil ich auf einmal seltsame Gelüste bekomme, mich über die Kunst des Aufwärtshaken auszulassen. Nein, ich erwähne ihn, weil ich mich aus aktuellen Anlass freue, der schnaubenden und zischenden Oma von nebenan ein Beispiel geben zu können, dass es Möglichkeiten gibt, flexibel und differenziert mit dem Problem der gesellschaftlichen Erwartungshaltung und Rollenzuschreibung umzugehen.

Foto: Paweł Zienowicz Sp5uhe

Schon vor einigen Wochen sorgte Michalczewski, ein ehemaliger Europa- und Weltmeister im Boxen, in seinem Heimatland Polen für einige Aufruhr, als er im Rahmen einer Kampagne gegen die Homophobie und für das Recht für homosexuelle Paare, Kinder zu adoptieren, konstatierte, dass es für ein Kind besser sei, zwei es liebende Väter zu haben, als einen, der trinkt oder missbraucht. Dafür erntete er feindselige Reaktionen einerseits, hohe Anerkennung andererseits. Im Interview für „Wysokie obcasy“ („Hohe Absätze“, ein Wochenendanhänger der „Gazeta Wyborcza“) wurde er neulich gefragt, ob seine Meinung deshalb so polarisiere, weil er ein Boxer sei. „Ich denke schon, dass es so ist, weil das Boxen als eine extrem männliche Sportart gilt“, bestätigte er. Und so „kann das schockierend sein, dass jemand aus diesem Milieu nicht unbedingt homophob sein muss. Hinzu kommt das stereotype Denken über Männer. Eines Tages spielte ich mit meinen Söhnen im Sandkasten. Ein Typ ging an uns vorbei und srief mir zu: ‚So ein Kerl wie du und backt mit den Kindern Sandkuchen!‘. Was ist denn so seltsam daran? Ein Kerl kann nicht mit seinen Kindern spielen? Ein Boxer darf keinen Sandkuchen machen?“.

‚Between Rounds‘ – ALAN F WARD – Oil Painting on canvas – USA c 1950’s

Ich fragte mich, als ich dies las, wodurch dem unbekannten Spötter gelungen ist, seine archaischen Ansichten so gut zu konservieren. Offenbar war er noch damit beschäftigt, seine männliche Identität aufzubauen. Laut Élisabeth Badinter (s. ihr Buch „XY. Die Identität des Mannes“ von 1983) geschieht dies durch Ablehnung und Negation. Dreifach muss der heranwachsende Mann sich und der Welt beweisen: dass er keine Frau, kein Kind und dass er nicht homosexuell ist. Und sonst? Intensive Verinnerlichung der Filme mit John Wayne? Vielleicht sollte jemand den Zaunkommentator darauf aufmerksam machen, dass auch dort mit der Zeit die rigorose Schwarz-Weiß-Malerei ihr Ende hatte. In „Red River“ von 1948 wird der beinharte Rancher Tom Dunson (Wayne) von einem jungen Mann (der sein Pflegesohn ist) verprügelt, dessen Figur eine der allerersten Darstellungen eines sanften Männertypus ist. Der durch den Schlag wankende Rohling ist wie die Metapher des wankenden Männer(vor-)bildes, das bis dahin die Leinwand dominierte. Montgomery Clift wird dort zum Prototypen des sensiblen Kerls, der sich gegen den Beinharten auflehnt. Und das noch vor James Dean.

Der Sandkastenspötter huldigte offenbar noch der Härtefraktion. Alles andere hätte (und hat) sein Weltbild betrübt und seine eigene innere Ordnung durcheinander gewirbelt. Der italienische Soziologe und Anthropologe Franco La Cecla beobachtet in seinem Buch „Modi bruschi. Antropologia del maschi“ („Rau sein. Die Anthropologie des Mannes“) von 2010, wie diese männliche Härte sich herauskristallisiert. Die Anmut (grazia) wird als etwas ausschließlich weibliches wahrgenommen. Ein junger Mann muss also Strategien überlegen, um sie loszuwerden. Wenn er ein Mann sein will, muss er Rundungen und Schattierungen verlieren. Er greift zu rauen Manieren, arrangiert geräuschvolle Darstellungen (Motoraddröhnen, Stimmmodulation). Sonst bleibt sein Geschlecht unsichtbar, „gefährlich neutral“. Denn die Männlichkeit, so La Cecla, ist immer übermäßig, zu groß geraten, übertrieben hervorgehoben. Anmutig und weich bleiben, hieße, wie Peter Pan in seiner Kindheit und in mütterlichem Schoß gefangen zu bleiben. Ein Mann sein und als Mann erscheinen sei das selbe. Eine stetige, öffentliche Performance, um zu beweisen, eine Nicht-Frau zu sein. Eine Rauheit, die bei Robert Bly in „Eisenhans“, seinem berühmten „Buch über Männer“ von 1990, als die zur Mannwerdung nötige Wildheit betrachtet wird.

Helmut Kolle (1899–1931) | Selbstbildnis als Junger Boxer  | 1925

Michalczewskis Mut, sein raues Bild in der Öffentlichkeit zu „gefährden“, wirkt besonders erfreulich. Denn er impliziert eine Überzeugung, die nicht aus einer Verunsicherung heraus nach außen hin gelangt. Dieser Mann wurde seiner Stärke nicht beraubt. Er hat sie nicht gegen etwas eintauschen müssen. Keine Delila hat diesem mächtigen Samson heimlich die Haare geschnitten, ohne die er bedröpelt und geschwächt da steht. Die gängigen Merkmale der Stärke (maskulines Äußeres, körperliche Kraft, beruflicher Erfolg) wurden in seinem Fall lediglich um zusätzliche Attribute ergänzt, die üblich als weibliche Domäne gelten (Sensibilität, Friedfertigkeit, Empathie). Und er nimmt sie an. Hier ist jemand auf eine wohltuende Art und Weise mit sich im Reinen. Und kann es auch weitergeben. Was seine Söhne zu seinen Äußerungen sagen, in denen er beispielsweise die Homophobie anprangert, darauf ist er hörbar stolz: „’Sehr gut, Papa!‘ – sagen sie zu mir. Weil meine Söhne Jungs von Welt sind, offene und tolerante Menschen sind. Dazu wurden sie stets erzogen. In ihrer Welt homophob zu sein ist einfach peinlich. Das ist so, als sagte heute jemand, Frauen hätten kein Stimmrecht. Können Sie sich das vorstellen? Wenn jemand so was sagen würde, würde man ihn für unzurechnungsfähig erklären. Aber über Homosexuelle darf man sagen, was man will. Eine Schande ist das!“.

Paul Klee | Läufer (Haker-Boxer) 1920 | Aquarell auf Papier, Privatbesitz

Michalczewski, wegen seines offensiven Kampfstils „Tiger“ genannt, hat im Laufe seiner Karriere zwölf Jahre lang keinen Kampf verloren. Im professionellen Ring hat er 50 Kämpfe absolviert, davon hat er 48 gewonnen, 40 durch Knockout. Und was ist mit dem Kampf um die Geschlechterrollen? Ich habe den Eindruck, dass er selbst dies als gar keinen Kampf ansieht. Aber wer ihm die Freiheit, das so betrachten zu wollen, absprechen will, erlebt wieder einen Tiger. Allerdings einen, dessen Clinchtechnik auf Argumente und Engagement baut. Und ich applaudiere ihm dabei frenetisch. Obwohl ich mich für den Sport immer noch nicht interessiere. Aber zum ersten Mal hat mich ein Sportler nicht gelangweilt.

NACHTRAG: Im Dezember 2016 wurde der ehemalige Boxer wegen Drogenbesitzes und häuslicher Gewalt festgenommen in seinem Heimatland festgenommen.
Es kommt einem das Lied „Parole parole“ von Mina und Alberto Lupo in den Sinn.

Das Originalinterview in polnisch:

Wysokie Obcasy

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Helmut Kolle (* 24. Februar 1899 in Charlottenburg; † 17. November 1931 in Chantilly bei Paris) war ein deutscher Maler (Pseudonym Helmut vom Hügel). Er konnte sich als einer von wenigen deutschen Malern in den 1920er Jahren auf dem französischen Kunstmarkt durchsetzen.

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