Karl Henckell | Lebensbrandung

Wie das wilde Meer
über die Blöcke brandet!
Doch ich warf mich hierher,
atemlos bin ich gelandet.
Soll’s aufstrudelnd mich ziehn
abwärts mit gierigen Krallen?
Weltmeer, nicht will ich dich fliehn,
doch deiner Wut nicht verfallen.
Schlag mir die Krallen ins Bein,
Schicksal, erbarmungsloses!
Zäh umklammer‘ ich den Stein,
lache des tollen Getoses.
Hart granitener Grund,
du hast den Halt mir gegeben.
Rissen die Wirbel mich wund,
Jetzt sei Sieger, mein Leben!
Und Verzweiflung versinkt,
die mir das Herz schon zerrissen,
Hoffnung, die heilende, winkt,
Licht aus den Finsternissen.
Fest nun geschlossen den Bund
mit der gewaltigen Erde,
Daß dieser heulende Schlund
mir zum Triumphgesang werde!

***

Karl Friedrich Henckell, um 1900

Karl Friedrich Henckell (* 17. April 1864 in Hannover; † 30. Juli 1929 in Lindau am Bodensee) war ein deutscher Lyriker und Schriftsteller.
Die Zeitung „Volksrecht“ widmete ihm einen längeren Nachruf. Darin wurde festgehalten, dass er, der den Ehrennamen Arbeiterdichter 40 Jahre getragen habe, vom Bürgertum „als Kämpfer und Sender zum Proletariat“ gekommen sei: „Ihm ging es ums Ganze, nicht bloß um die literarische Revolution.“ Auch außerhalb der Arbeiterklasse habe man begriffen, „dass Henckell ein Dichter ist, der zum Ruhme deutschen Geistes beiträgt“.

Aus: Karl Henckell | Weltmusik | 1918 | Verlag von Franz Hanfstaengl

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