Kaiser Gallienus – ein sonderbares Genie

Zwischen Christentum und alter Religion stehend, seinen Vater hassend und sein Weib liebend, eine Persönlichkeit ersten Ranges, ganz Individuum und gar nicht Schablone, so war Gallienus. Er ist einer der Großen der römischen Geschichte. wenn wir auch nicht all zuviel von ihm wissen. 

GallienusGallienus (218 – 268 n. Chr.) war ein genialer Mensch und ein schlechter Sohn. Er saß in Rom und tat nichts, um seinen Vater Valerian aus der persischen Gefangenschaft zu befreien. Er schickte nicht einmal Gesandte zum Perserkönig, um die Befreiung seines Vaters zu erbitten oder um dessen Los zu lindern. Im Gegenteil, er freute sich, dass er diesen ernsten und strengen Vater los war. Beim Triumphzug aus Anlass der zehnjährigen Wiederkehr seiner Thronbesteigung ließ er Männer Perserkleidung anlegen, so, als ob sie Perser-Gefangene wären. — Einige Komödianten bewegten sich durch ihre Reihen, als ob sie jemanden suchten. Wenn man sie über ihr Tun befragte, antworteten sie: »Wir suchen den Vater des Kaisers« Gallienus ist eine ganz, eigentümliche Gestalt der römischen Geschichte. Er gab die christenfeindliche Politik seines Vaters sofort und vollkommen auf. Er wurde fast ein Freund der Christen. Darum haben die Anhänger des alten römischen Glaubens diesem Kaiser in der Erinnerung wenig gute Züge belassen. Von christlicher Seite wurde er dagegen mit all den Vorzügen geschildert, die er wohl auch wirklich besaß.

Während seiner Regierungszeit erlebte die griechisch-römische Welt ihre letzte kurze hellenistische Renaissance. Wie Hadrian war Kaiser Gallienus ein Bewunderer Athens, ein begeisterter Anhänger griechischer Kultur. Er reiste auch nach Griechenland und ließ sich in die Mysterien von Eleusis einweihen. Eleusis in Attika war die Haupt-Kultstätte der Göttin Demeter. Über die Art der ihr geweihten Geheimkulte mussten alle Teilnehmer Schweigen bewahren. Daher sind die Riten dieser Mysterien ziemlich unbekannt. Gewisse dramatische Darstellungen hatten jedenfalls eine starke Erregung des religiösen Gefühls zur Folge. Gallienus ließ sein Bild als Demeter auf Münzen setzen und Gallienus_Münzezeigte sich so als weibliche Gottheit. Das mag heute lächerlich erscheinen. Die damalige Zeit stand dem Geheimnis der Göttin näher. Gallienus war mit einer ungewöhnlich feinsinnigen und gebildeten Frau verheiratet, mit Cornelia Salonina. Sie war eine Griechin aus Bithynien. Leider hat die Geschichtsforschung sich viel zu wenig mit dieser hochinteressanten Frau beschäftigt. Nach ihrem Tode kam eine Münze zu ihrem Gedenken heraus: »Augusta in Pace«, die erste Kaiser-Prägung mit christlichem Text. War Salonina Christin? Beide, die Kaiserliche Majestät wie dessen Gemahlin, verehrten den größten griechischen Philosophen der damaligen Zeit, den Plotinos aus Nykopolis in Ägypten. Dieser Schöpfer des »NeupIatonismus« war innerlich schon Christ, ohne wohl den Glauben gekannt zu haben. Neuplatonismus war die Wiedergeburt der alten platonischen Ideen Es war eine Zeit, in der die griechische Philosophie noch einmal auflebte, noch einmal ihre große menschliche Mission erkennen ließ, und nun, in den furchtbaren Wirren jener Tage, ihre tiefe Sehnsucht zu Gott offenbarte. Es war eine Zeit, in der die Menschen, die an die alten römischen Götter glaubten und an die Mysterien und Religionen des Orients, von den Neugläubigen, den Christen, gar nicht so weit entfernt waren. Der alte Glaube wie das neue Christentum wurden durch die hellenistische Philosophie europäisiert. 
Gallienus beendete die Christenverfolgung nicht deswegen, weil er die Christen für ungefährlich hielt. Er meinte, dass man diesen Glauben nicht mit dem Schwert, sondern nur mit dem Geist widerlegen könne. Er wollte dem Christentum mit den Ideen des Plotinos und dessen echter, rührender Gott-Suche entgegentreten. Vielleicht war er darin von seiner Gattin Salonina beeinflusst. Sie begleitete ihn, wohin er ging, und war selbst im Lager des Kaisers, als er den Todesstoß erhielt. Überall in der Römischen Welt, in Athen, in Syrien und in Ägypten wurden die besten Köpfe — auch Christen — vom Kaiser aufgefordert, die wertvollsten Ideen der alten klassischen Kultur zu fördern. Diesem Kaiser muss Europa danken, dass ein großer Teil des griechischen Geistes und des griechischen Lebensstils zu uns gekommen ist. 
Dabei prasselte gerade in seiner Regierungszeit eine Katastrophe nach der anderen auf das schwer geprüfte Römische Weltreich. Augustus war das Vorbild des Gallienus. Mit augustäischer Wachsamkeit, mit erstaunlicher Energie und Geschwindigkeit suchte er jeden Einbruch in das Römische Reich, jede Gefahr zu bannen. Sieben Jahre lang schlug er die Angriffe der Germanen am Rhein zurück. Es galt, die wilden Horden der Alemannen, Heruler und Goten aufzuhalten. Er mühte sich, die Donauländer, Gallien, Afrika und selbst Italien zu verteidigen. Er wurde ständig von Usurpatoren beunruhigt. So viele Ehrgeizlinge trachteten damals nach der Kaiserwürde, dass die römische Geschichte sie unter dem Namen Dreißig Tyrannen« zusammenfasste.

Mainz_römisches_TheaterTrotz aller Erfolge gegen Postumus musste Gallienus schließlich doch zusehen, wie dieser Verräter Herr der gallischen Provinzen blieb. Als unabhängiger Kaiser residierte Postumus in Trier (Augusta Treverorum), errichtete dort herrliche Bauten, herrschte über Gallien, England und tat — auf seinen Münzen! – als ob ihm die ganze Welt gehörte. Als der edle Gallienus ihn zum Zweikampf herausforderte, um daa Blut vieler tausend Soldaten zu sparen, antwortete Postumus, er sein kein Gladiator! Schließlich wurde der Rebell in Mainz, das damals Moguntiacum hieß, von seinen eigenen Truppen erschlagen. Der Limes, dieses große Verteidigungssystem Hadrians, schien auf ewigen Frieden berechnet zu sein. Jetzt herrschte ewiger Krieg, und die Grenzbefestigung brach völlig zusammen.
Gallienus ist der große Reorganisator des Heeres. Er schuf eine bewegliche, sofort verfügbare Reserve-Armee. Die jetzt wichtigste Waffe, die Kavallerie, besetzte er mit Dalmatiern, mit Mauren und mit Germanen. Diese fliegende Armee erhielt ihren Standort in Mailand. Sie war nun so beweglich, wie die neue Zeit es verlangte. Der Perser-Krieg hatte gelehrt, dass Infanterie gegen die schnellen Reiter Irans nicht manövrierfähig war. Aber die Infanterie blieb natürlich das, was sie schon 2000 Jahre vorher und fast ebenso lange danach sein musste: der Kern, die Kraft, die entscheidende Macht. 

Gallienus ist der einzige Kaiser einer blutigen und stürmischen Zeit, der das Zehnjahresfest seiner Thronbesteigung im Herbst 263 feiern konnte. Fünf Jahre später sehen wir diesen gejagten und geplagten Herrscher von der Donau nach Italien eilen. Hier belagert er den abtrünnigen Reitergeneral Aureolus in Mailland. Ungemein energisch, immer äußerst schnell ist der Kaiser, und sehr wachsam. Und diese Wachsamkeit, diese blitzhafte Entschlussfähigkeit wurde auch sein Tod. Man meldet ihm das Heranrücken des in Mailand eingeschlossenen Aureolus. Es ist eine List. Draußen, vor dem Zelt der Majestät, lauern die Verschwörer. Der Kaiser stürzt hinaus, ohne Helm, ohne Panzer — und fällt, zu Tode getroffen. Zwischen Christentum und alter Religion stehend, seinen Vater hassend und sein Weib liebend, eine Persönlichkeit ersten Ranges, ganz Individuum und gar nicht Schablone, so war Gallienus. Die damalige Zeit hat diesen Kaiser kaum verstanden. Seine Angehörigen wurden mit ihm hingeschlachtet. Er war sein Leben lang vom Unglück verfolgt. Und im Tode noch kannte das böse Schicksal für ihn kein Maß. Aber dieser hart bedrängte Verteidiger einer Welt in Auflösung reichte die Fackel des griechischen Geistes zu uns herüber. 
Er ist einer der Großen der römischen Geschichte. wenn wir auch nicht all zu viel von ihm wissen. 
PlatoEs bleibt erstaunlich, dass der Herrscher Roms in der tragischsten Zeit des Weltreichs, in all dem Durcheinander der Angriffe, der Niederlagen und des Verrats, Zeit fand, einen ganz ungewöhnlichen. fast modern anmutenden Plan zu fassen: Er wollte dem großen Plotinos in Campanien eine Siedlung anlegen, wo alle Anhänger Platos sich zu edlem Tun und Schaffen zusammenfinden sollten. Dieses Platonopolis kündet wie ein stiller Stern den Ruhm der eigenartigen Majestät – auch wenn die Idealstadt niemals Wirklichkeit wurde.

 

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