Joseph Roth | Der Mensch aus Pappkarton

Ein Mensch aus Pappkarton ging durch die Straßen. Seine Schultern, sein Rücken, seine Brust und sein Unterleib waren aus Pappe. Nur seine Füße sah man. Statt des Kopfes saß auf dem papiernen Oberkörper des Menschen ein Würfel aus hartem Papier. Die Vorderseite dieses Würfels bildete sozusagen das Angesicht des Menschen. Es war ein sehr primitives Angesicht: zwei viereckige Löcher stellten die Augen dazu, eine dreieckige Öffnung vermittelte den Eindruck einer Nase. Er ging mit langsamen Schritten, in einem mechanischen Gleichmaß. Er hatte keinen Mund und keine Ohren. Er hatte es offenbar nicht nötig, zu essen und zu hören. Seine Aufgabe war: gehen, gehen, gehen.

Als wäre der papierne Leib ein Witz über seine eigene Tätigkeit und als würde sich die Haut aus Pappendeckel einen höhnischen Spott gegen die in zerrissenen Stiefeln steckenden Füße erlauben, – war sie an der Vorder- und an der Rückseite bemalt, gewissermaßen tätowiert: Die Tätowierung bestand aus einem großen, fast die ganze Vorderseite einnehmenden Automobil und der Überschrift: »Fix-Fix, das schnellste Auto der Welt«.

Man errät leicht, dass der Mensch, von dem ich erzähle, einer jener Männer war, die den unlogischen und mit ihren Einnahmen in Widerspruch stehenden Namen: »Sandwichman« führen. Widerspruchsvoll war seine ganze Erscheinung; er pries das schnellste Auto der Welt an und, um dessen Schnelligkeit dieser ganzen Welt zu suggerieren, musste er langsam gehen. Er hätte gar nicht schnell gehen können. Denn jene Fix-Fix-Firma, die sich seiner bediente, hatte ihm den hinderlichen steifen Körper verliehen. Er war eine wandernde Litfaß-Säule: paradox genug. Wie grotesk wäre eine laufende gewesen! Seitdem es Fix-Fix-Automobile und überhaupt eine Reklame gibt, hat man noch keine scheugewordenen Sandwichmänner gesehen.

Nein! Der Mann ging langsam und illustrierte die Schnelligkeit der Fix-Fix-Wagen. An ihm vorbei, ihn überholend, rasten viele Autos und unter ihnen wahrscheinlich auch solche der Marke Fix-Fix. Der Mann wanderte ungestört weiter und, wie er so regelmäßig Schritt für Schritt auf den Asphalt tat, war es, als würde er von einem Räderwerk betrieben. Es regnete und es hörte auf zu regnen. Die Sonne kam und verschwand hinter Wolken. Die Leute blieben stehen und sahen das lebendige Plakat und gingen weiter. Aber unermüdlich gondelte dieses die Straße entlang und zurück.

Unermüdlich? Konnte einer, der kein Gesicht mehr besaß, keinen Körper, und dem man nur die Füße belassen hatte, weil sie augenblicklich von der Fix-Fix-Fabrik gebraucht worden waren, ein Herz besitzen, das müde wurde und den Takt verlangsamte? Widersprach es nicht den Interessen der Firma? Wenn es gelungen war, ein Ebenbild Gottes so zu verwandeln, daß Gott selbst, wenn er es zufällig erblickte, glauben musste, er hätte eine Fix-Fix-Reklame auf seinem ewigen Antlitz – gelang es nicht auch, diesem angestellten Wesen einen unermüdlichen Mechanismus statt des menschlichen Herzens einzusetzen?

Nein, es gelang nicht! Denn am Nachmittag, um die zweite Stunde, sah ich das Wunderbare: der Mann blieb stehen, legte zuerst seinen vorderen Teil ab und dann seinen Rücken, dann köpfte er sich selbst, stellte sein eigenes Ich vor sich auf den mit Recht so genannten »Bürgersteig« und setzte sich als ein ganz anderer, als ein gewöhnlicher, zweibeiniger Mensch auf eine Schwelle. Niemand wunderte sich darüber, dass ein Mensch aus hartem Papier wieder einer aus Fleisch und Blut wurde. Es ist leider nichts Wunderbares an dieser ganzen Geschichte vom Sandwichmann. In China wundert man sich auch nicht über die menschlichen Zugtiere, die man Kulis nennt und deren Aufgabe es ist, die Fix-Fix-Automobile überflüssig zu machen.

Veröffentlicht: Vorwärts, 10. 2. 1924

kunst | werk  Jules Bastien-Lepage | Diogenes (1873)


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