Joseph Fraunhofer – ER BRACHTE UNS DIE GESTIRNE NÄHER

Joseph von Fraunhofer
Joseph von Fraunhofer

Joseph Fraunhofer, seit 1824 Ritter von Fraunhofer (* 1787 Straubing; † 1826 München) war ein deutscher Optiker und Physiker.

Am 1. Juni 1801, um die Mittagsstunde, trug sich in der kurfürstlichen Haupt- und Residenzstadt München ein sonderbares Unglück zu, von dem die Leute noch lange zu erzählen wußten. Nahe beim Dom Unserer Lieben Frau stürzte plötzlich das Haus des Glasschleifers und Spiegelmachers Weichselberger mit fürchterlichem Krachen in sich zusammen. Der Meister selbst und sein kleines Mädchen konnten sich mit eigener Kraft aus den Trümmern befreien, seine Frau aber und sein Lehrbub waren verschüttet. Ohne viel Hoffnung, sie noch lebend bergen zu können, machte man sich an die schwierigen Aufräumungsarbeiten; auch der Kurfürst Max Joseph kam von der nahen Residenz zur Unglücksstätte und ließ sich von dem Geschehen berichten. Nach vierstündiger Arbeit brachten die Männer den Lehrbuben wieder ans Tageslicht, leicht verletzt, aber lebendig. „Ein armer Waisenknabe . ..“, flüsterte man dem Kurfürsten zu. „Nun denn, so will ich fortan sein Vater sein!“ sagte der Landesherr, schenkte dem Geretteten achtzehn Goldstücke und versprach, auch weiterhin für ihn zu sorgen. Das Unglück wurde für den jungen Joseph Fraunhofer — so hieß der Lehrbub — zum Segen und zum Tor in eine hellere Zukunft. Als elftes Kind eines armen Glasers war er in Straubing zur Welt gekommen. Die Mutter war früh gestorben; als Elfjähriger verlor er auch den Vater, und um dem Waisenhaus zu entgehen,
entschloß er sich, ein Handwerk zu erlernen und sich sein Brot selbst zu verdienen. Er kam nach München in die Lehre, zum Glasschleifer Weichselberger, auf eine sechsjährige Lehrzeit verpflichtet, weil er kein Lehrgeld zahlen konnte.

An jenem Unglückstag erwies sich aber das Haus seines Lehrherrn als noch schwächlicher als der Lehrling, der sich mit den Goldstücken des Kurfürsten von der restlichen Lehrzeit freikaufte und sich den Herzenswunsch seines jungen Lebens erfüllte: eine eigene Glasschleifmaschine! Glücklich saß er in seiner kleinen Kammer vor dem blitzenden Gerät. Es störte ihn nicht, daß der mächtige Hofkammerherr des Kurfürsten, Geheimreferendarius Joseph Utzschneider, manchmal kam und dem Vierzehnjährigen zusah, dem Waisenknaben aus Straubing, der kaum richtig lesen und schreiben konnte. Aber Brillengläser schleifen — das konnte er, konnte es bald besser als mancher Meister, und Utzschneider kam aus dem Staunen nicht heraus über den schüchternen, in sich versponnenen Buben. Er brachte ihm Physik- und Mathematikbücher mit, auch Schreibhefte und Rechtschreibelehrbücher, und schickte ihn schließlich auf eigene Kosten in die Münchener Feiertagsschule für begabte Handwerker.
Fraunhofer arbeitete mit großem Fleiß und bewundernswerter Geschicklichkeit an seiner Fortbildung und an seinen geliebten Gläsern. Die neuerworbenen mathematischen Kenntnisse verwendete er zur Berechnung optischer Linsen, und Utzschneider war von den erstaunlichen Fortschritten seines jungen Schützlings so begeistert, daß er ihn in dem von ihm begründeten Mathematisch-Mechanischen Institut anstellte. Im Jahre 1809 wurde der zweiundzwanzigjährige Fraunhofer Teilhaber dieses Instituts und Leiter der optischen Abteilung. Er konstruierte nach eigenen Berechnungen die Pendelschleifmaschine und eine neuartige Maschine zum Polieren der Gläser; wenig später übernahm er zusätzlich die Leitung der von Giunand begründeten Glasschmelze und Glasschleiferei in Benediktbeuern.
Nur eine unbeugsame Energie und eine kaum vorstellbare Hingabe an Sendung, und Werk konnten die Last an Arbeit und Verantwortung bewältigen, die‘ der kleine, schwächliche und empfindsame Mann sich aufgebürdet hatte. Aber er schaffte es — mit bescheidenem Stolz blickte er auf sein erstes, mit selbstgeschliffenen Linsen gebautes Fernrohr, das für die Universitätssternwarte Dorpat bestimmt war. „Staunend stand ich vor dem herrlichen Kunstwerk“, schrieb der Direktor der Sternwarte, „unentschieden, was mehr zu bewundern sei, die Schönheit der Formen des Ganzen oder die Vollendung bis ins kleinste Detail!“ Mit einem Schlag war der ehemalige Glaserlehrling weltberühmt. Der Ruhm kümmerte ihn wenig. Er schuf sich ein neues Fernrohr für seine eigenen Zwecke — und mit ihm entdeckte er im Jahre 1814 im Sonnenspektrum eine Anzahl verschieden starker schwarzer Linien, die auch bei veränderten Versuchsanordnungen immer gleich blieben. Ober fünfhundert dieser Linien trug er in seine Zeichnung ein — die berühmten „Fraunhoferschen Linien“, die genau angeben, welche chemischen Stoffe sich auf der lichtaussendenden Sonne befinden.
Ähnliche Linien sah man auch im Spektrum anderer Sterne, und auch ihre stoffliche Zusammensetzung konnte so von der Erde aus erkannt werden. Von seinem Beobachtungsstand, dessen gläsernes Auge weit hineinreichte in Gottes wunderbare Schöpfung des Alls, kehrte der hochgeehrte Forscher und Entdecker immer wieder zurück in seine geliebte Werkstatt, in der die erste, von des Kurfürsten Gnadengeschenk erworbene Glasschleifmaschine einen Ehrenplatz einnahm. Daneben aber standen viele neue und bessere Maschinen, von Fraunhofer selbst konstruiert und gefertigt. Das neueste Gerät war eine „Teilungsmaschine“, die es ihm ermöglichte, dreihundert parallele Linien auf eine nur millimeterbreite Glasfläche zu ritzen — ein Hilfsinstrument zur Messung der Wellenlänge des Lichtes, das eine wichtige Rolle im Gelehrtenstreit um das Wesen des Lichtes spielte. Im Jahre 1821 legte Fraunhofer der Bayerischen Akademie seine berühmt gewordene Abhandlung über die Beugung des Lichtes vor.

Der Professortitel war nur eine von vielen äußeren Anerkennungen für diese bahnbrechende Arbeit. Drei Jahre später erhielt er aus den Händen seines Königs den Adelsbrief. Der arme Waisenknabe, den hilfsbereite Männer einst aus den Trümmern des eingestürzten Glaserhauses geborgen, hatte mit seinen ungewöhnlich geschickten Händen und durch hohe Geistesarbeit mitgeholfen an der Errichtung eines neuen, strahlenden Weltgebäudes menschlichen Forschungs- und Erkenntnisdranges. Eine fortschreitende Lungenschwindsucht riß Fraunhofer noch vor Vollendung seines vierzigsten Lebensjahres von seinem Werk. In tiefem Leid begleiteten die Münchener ihren weltberühmten Mitbürger zur letzten Ruhestätte im Südlichen Friedhof, und der König selbst bestimmte die Infchrift auf seinem Grabe: „Er brachte uns die Gestirne näher.“

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