Felix Pirner • Das aufgehende Sprachlicht • Ein Essay über das Bildhafte in unserer Sprache

SPRACHBILDER 

Felix Pirner - Foto: Privat
Felix Pirner – Foto: Privat

Es kommt uns nur selten zum Bewusstsein, wie bildhaft unsere Muttersprache arbeitet. Man könnte versucht sein zu sagen: Wenn wir uns ausdrücken, immer wieder kommen Bilder heraus. Es bedarf meist nur eines Winks, und wir erkennen diese Bildersprache. Wenn wir unter einem Einfluss stehen, fließen neue Erkenntnisse und Einsichten in uns ein. Auch Eindrücke drücken sich in unsere Seele ein und hinterlassen dort ihre Spuren. Wenn wir etwas begreifen, hat es unser Verstand in den Griff bekommen. Wenn wir das Wort Erziehung als Herausziehen ernst nehmen, wissen wir, dass man nur erziehen kann, was in einem Menschen angelegt und veranlagt ist. Ein Grübler versucht geistig in die Tiefe zu graben. Da er aber zu keinem Ergebnis kommt, setzt er immer von neuem an und bringt es nur zu kleinen Gruben, zu Grüblein. Wenn jemand entzückt ist, so zuckt gleichsam sein Körper vor ‚ Freude. Ist er entrüstet, so hat er seine Rüstung abgelegt und steht ohne diese Fassung, also fassungslos da. Der Beschränkte bleibt in den Schranken, die ihm gemäß sind. Der Einfältige ist nur einmal gefaltet und mit den vielfältigen Kniffen nicht vertraut. Der Gescheite hat einen scharfen Geist, mit dem er die Dinge und Begriffe gut zu sondern und zu scheiden weiß; er leistet geistig, was ein anderer tut, wenn er Holzscheite spaltet oder den Scheitel auf seinem Kopf genau abteilt. Wenn wir etwas entwickeln, so wickeln wir es aus, seien es Keime, Anlagen, Bilder oder Gedanken. Wer denkt noch daran, dass in dem Wort Geselle die Vorstellung eines Saales enthalten ist? Gesellen sind demnach Menschen, die in einem Saale zusammen sind, sich gesellen. Etwas Ähnliches meint das Lehnwort Kumpan, das nur der Lateiner versteht: Es bezeichnet einen Menschen, der mit mir Brot isst (cum = mit, panis = Brot). Der Kamerad befindet sich mit mir in der gleichen Kammer (lateinisch camera = Raum mit gewölbter Decke). Der Gefährte geht mit mir auf Fahrt, und der Genosse nutzt und genießt mit mir gemeinsamen Besitz. Das Wort Kumpan zeigte, dass sich bei den aus dem Lateinischen oder einer anderen Sprache entlehnten Wörtern, den Lehnwörtern, der bildhafte Kern und die bildhafte Vorstellung verdunkeln und für den, der die jeweilige fremde Sprache nicht kennt, unverstanden bleiben. So sagt z. B. das Wort Fenster, das wir von den Römern übernommen haben (fenestra), nur dem etwas, der bis auf das von den Römern aus dem Griechischen übernommene Wort „phaino“ (sichtbar machen, scheinen) zurückgeht. Wir müssten Fenster also sinngemäß mit Scheiner übersetzen.
Der Hamburger Dichter und Fremdwortgegner Philipp von Zesen (1619—1689) empfand Fenster noch als lästiges Fremdwort und wollte es deshalb durch „Tagleuchter“ ersetzt wissen. Wenn der Engländer für unser Fenster „window“ sagt, so hat er bei diesem germanischen Wort eine bildhafte Vorstellung: Sein Fenster ist ein Windauge, sein Haus hat, wie es in ältesten Zeiten der Fall war, Luken, die ihm wie Augen erscheinen, durch die der Wind herein wehen kann. Ebenso bildhaft sprachen die alten Goten vom „Augentor“.

Auch das von den Römern mit dem Steinbau übernommene Wort Mauer (lateinisch: murus) vermittelt uns keine bildhafte Vorstellung, während das germanische Wort Wand uns an das Flechtwerk der Fachwerkbauten erinnert. In Wand ist noch das Flechten, das Hin- und Herwenden der Ruten und Zweige lebendig, durch das die Wände entstanden, die dann mit Lehm verschmiert und verputzt wurden. Der bildhafte Gehalt eines Lehn- und Fremdwortes wird nur dem deutlich, der die fremde Sprache beherrscht. Wenn er aber den ursprünglichen bildhaften Gehalt ernst nehmen wollte, bekäme das so leichthin gebrauchte Fremdwort einen anderen, meist tieferen und ernsthafteren Sinn, als er uns geläufig ist. Das vielgebrauchte Wort Materie z.B. müsste er mit Mutterstoff übersetzen (lateinisch: mater = Mutter), Urgrund alles Lebendigen. Nation würde demnach den Geburtszusammenhang bezeichnen (lateinisch: natus = geboren), -also nur Menschen gemeinsamer Abstammung meinen, könnte demnach mit dem Begriff Staat nicht verwechselt werden, der oft Angehörige verschiedener Nationalitäten in sich vereinigt. Die Natur würde zur Gebärerin und Mutter alles Lebens. So fasste sie ja auch Goethe im wahren Sinne des Wortes auf. Der schon genannte Philipp von Zesen wollte das Fremdwort Natur durch „Zeugemutter“ ersetzt wissen. Wer Griechisch kann, weiß, dass der Kosmos nichts anderes als die bildhafte Vorstellung des schön Geordneten ist. Das Wort ist in diesem griechischen Sinne für uns noch in Kosmetik (Schönheitspflege) lebendig. Ein Text ist eigentlich etwas Gewebtes (lateinisch: textilis = gewebt; vgl. Textilien). Ein guter Text wäre demnach ein Gewebe von Wörtern und Sätzen, was ja auch zutrifft.

VERWANDTSCHAFTEN

Oft genügt nur ein Wink, und uns geht bei der Betrachtung von Wörtern ein Sprachlicht auf. Wir entdecken geheime oder auch offenbare Verwandtschaften und Zusammenhänge. Sobald ich weiß, dass ausmerzen mit dem Monat März zu tun hat, kann ich den Zusammenhang leicht herstellen: Im März werden die untauglichen Schafe aus der Herde ausgemerzt. Wenn ich weiß, dass werben und wirbeln (sich drehen) einer gemeinsamen Wortwurzel entstammen, sehe ich gleich den werbenden Freier vor mir, wie er sich dreht und wendet, um die Gunst seiner Erwählten zu erringen. Aber auch wer ein Gewerbe treibt, muß sich tüchtig wenden und tätig sein, muß werben, wenn er etwas erwerben will. Die süddeutsche Hausfrau sagt heute noch für Staub wischen und rein machen stöbern. Da stiebt der Staub auf, wie wenn der Stöber (Hund) das Flugwild verbellt und aufjagt, aufstöbert. Im Schneegestöber, dem leichten, flockigen Stäuben, wird dann die diesen staubigen Wörtern gemeinsame Wurzel und Bedeutung abermals deutlich.

Ein Garten war ursprünglich ein eingefriedetes Stück Land. Das Schwergewicht der Bedeutung lag also nicht auf dem Land und seinem Wachstum, sondern auf dem Schutz und der Einfriedung. Von hier aus ergibt sich dann leicht der Zusammenhang mit Gürtel und Gurt: Auch sie umschließen, grenzen ab und sichern. Der Garten ist das umgürtete Land. Unser Kindergarten entpuppt sich bei dieser Betrachtung als ein umschlossener und umhegter Bereich, in dem Kinder ungestört spielen und wachsen können.

Das Wort umhegen erinnert an den Hag, an das dichte Gebüsch und Gesträuch, das als Gehege und Hecke diente, aber auch einen umfriedeten Wald bezeichnete. Die Hexe war ihrem Namen nach eine Hecken- und Wald-Dämonin. Dem Hag und Hege-Zaun verdanken nicht nur die Hagebutten, die Heckenbutzen, ihren Namen, sondern auch der Hagestolz, der ewige Junggeselle. Sein Name hat weder mit hager noch mit stolz etwas zu tun. Er war in früheren Zeiten ein armseliger Hag-Besitzer, ein „hage-stalt“. Er hatte nicht den Herrenhof geerbt, der dem ältesten Sohne zustand, und war nur auf ein eingefriedetes Grundstück verwiesen (gestellt), eine kleine Landstelle also, die ihm nicht erlaubte zu heiraten und eine Familie zu gründen.

Es gibt Wortwurzeln, die der Ursprung besonders weitverzweigter Verwandtschaften geworden sind, denen nachzugehen den Betrachter der Sprache immer von neuem reizt. So entwickelt sich aus der indogermanischen Wurzel glei, die etwas Klebriges, teils Schmieriges, teils Schlüpfriges bedeutet, eine klebrige Wortfamilie. Wenn wir den Anteil von Eiweiß im Getreidekorn Kleber nennen, dann bezeichnen wir damit eben seine Fähigkeit, einen klebrigen Teig zu bilden. Die Kleberschicht des Korns ist uns als Kleie vertraut, die wir als Kraftfutter weniger den Menschen als den Schweinen angedeihen lassen. Auch der Klei, den ein angesehener Marschbauer unter den Füßen haben muss, wie es z. B. in Storms Erzählung „Der Schimmelreiter“ zu lesen ist, ist der lehmige, fruchtbare Erdboden, der sich unseren Schuhen nachhaltig anhängt. Kleister als umfassender Klebestoff ergibt sich aus den Eigenschaften von Kleie und Klei. Der Familienname Kleiber meint einen Maurer, wie ja auch unser Blauspecht und Baumrutscher, der Kleiber, diesen Namen trägt, weil er den Eingang zu seiner Bruthöhle mit Lehm verklebt und vermauert. Diese Übersicht wird noch reicher, wenn wir die wortgeschichtlich mögliche Verbindung zu klettern herstellen. Klebt sich doch der Bergsteiger mit Händen und Füßen gleichsam am Felsen fest, wenn er klettert. Und darin ist er wieder der Klette verwandt, die sich mit Widerhaken jedem Streifenden anklebt. Zuletzt hat auch das Kleid in dieser Sippe seinen Platz: Es wäre dann das unserem Körper Anhaftende, während wir mit Gewand, von seiner Grundbedeutung als Gewendetes und Gefaltetes her, die Vorstellung des Weiten und Faltigen verbinden.

Zu erstaunlichen Ergebnissen kommen wir auch, wenn wir von der indogermanischen Wurzel ble oder blä ausgehen. Unser blähen und blasen leitet sich davon ab. Beiden ist die Vorstellung des Schwellens gemeinsam. Aber auch Blatt hängt damit zusammen. Wir verbinden mit Blatt wohl die Vorstellung des Schmalen, Dünnen und Flächigen (vgl. Ruderblatt, Schulterblatt, Zeitungsblatt). Dennoch entspricht dem Blatt ursprünglich eine andere Vorstellung: Es ist das Geblähte, das Ergebnis eines Sich-Entfaltens und Ausdehnens aus der Knospe. Auch die Blattern bezeichnen etwas Geblähtes, die Pocken-Bläschen, die dann ihre Narben hinterlassen. Bei einiger Überlegung verstehen wir auch, warum wir blühen und Blut in diese sprachgeschichtliche Verwandtschaft einbeziehen dürfen. Auch das Entfalten einer Blüte und Blume ist ein Schwellen und Blähen, verwandt dem Wachstumsvorgang des Blattes. Bei Blut wiederum mag die Vorstellung des Quellens bestimmend sein. Blut wäre demnach das Gequollene und wie Blüte, Blume und Blatt dem Geheimnis allen Wachstum und seiner Entfaltung auch wortgeschichtlich verbunden.

Eine fruchtbare Sippe gruppiert sich um die Wurzelsilbe ber und bar. Die Grundbedeutung tragen haben wir noch im englischen „to bear“ (tragen) und dem plattdeutschen „boren“, aber auch in der zweiten Silbe von fruchtbar: fruchttragend. Gebären heißt demnach ein Kind tragen. Gebaren ist die Art, wie ich mich trage und gebe, und die Gebärde das Zeichen, in dem mein Gebaren sichtbar wird. Die Magdeburger Börde hat ihren Namen von ihrem reiche Frucht tragenden Boden. Die Bahre ist ein Gestell, mit dem wir eine Last tragen, und die Bürde ist das Getragene, diese Last selbst. Der Zuber lautet in der alten Form „zwi-bar“, d. h. ein Gefäß mit zwei Griffen oder Henkeln zum Tragen, während der Eimer ein „ein-ber“ ist; er hat nur einen Träger. Die ursprüngliche Wurzel von Bauch ist bhu oder bhou. Sie deutet die Linie des Schwellens und die ihr entsprechende Krümmung an. Aus dieser Ursilbe entwickelt sich auch der Bug des Schiffes sowohl (ursprünglich der vordere Oberschenkel bei Tieren, vor allem bei Pferden) als auch der Buckel, ja jedes Bücken und Beugen, samt dem Bügel sind nur sprachliche Erscheinungsformen dieser geschwungenen Urlinie, die sich dann am reinsten in Bogen darstellt. Der mit dem Bogen so gerne gekoppelte Bausch (in Bausch und Bogen) bezeichnet eine wulstige Schwellung, ähnlich der ebenfalls stammverwandten Beule, und ist wiederum verwandt mit Busch und Büschel, wie wir sie allenthalben in der Landschaft finden, vor allem an Böschungen. Wenn das Meer mit einer bauchigen Schwellung in die Strandlinie eingreift, nennen wir diese gebauchte Krümmung Bucht. Im poetischen Bild wird sie zum Meeres-Busen, der ebenfalls der Ursilbe „bhu“ entstammt. Auch Bett und Beet entspringen derselben Wurzel, ja sie wurden früher in der Schreibung nicht einmal unterschieden. Dennoch bedarf es einiger Besinnung, den verwandtschaftlichen Zusammenhang ihrer Bedeutung herzustellen. Das Bett ist ursprünglich eine in die Erde gegrabene Lagerstätte, wobei das Schwergewicht auf graben liegt. So verbinden wir auch mit dem Flussbett den in das Land eingegrabenen Lauf. Der Name des Harzflüsschens Bode meint nur dieses Flussbett. Auch bei dem stammverwandten Wort Boot haben wir es mit dieser eingegrabenen Vertiefung der Bode und des Bettes zu tun. War doch das Boot anfänglich ein ausgehöhlter Baumstamm, ein sog. Einbaum. Ein Beet aber stellen wir uns meist als etwas Erhöhtes vor und vergessen, daß es ein Ergebnis des Grabens und Umgrabens ist, wie es ja auch der Wortverwandtschaft entspricht. Offenkundig ist, daß die Granne an Bart und Ähre, der Grat des Felsens und die Gräte des Fisches etwas gemeinsam haben, nämlich das Stechende und Hervorstechende. Und genau diesen Zusammenhang bestätigt die Wortverwandtschaft. Einer Wortsippe gehören auch Schere, Schar, Schäre und Scharte an. Mit der Schere verbinden wir die Vorstellung des Trennens und Zerschneidens. So ist die Schar eine von den übrigen abgetrennte Gruppe. Die Pflugschar schneidet in die Erde ein und trennt die Schollen los. Ähnlich sind die Schären abgetrennte Felsenstücke im Meer. Auch Scharten sind Einschnitte und Spalten, die wir am schartigen Werkzeug finden. Kluft und klaffen verweisen auf eine gemeinsame Wurzel mit der Bedeutung des Spaltens. Ihr entwächst auch der Kloben, ein abgespaltenes Stück Holz. Aber auch das norddeutsche Weihnachtsgebäck der Kloben, gehört hierher. Er trägt den Namen, weil er in der Mitte einen Spalt aufweist und aufgerissen ist. Wenn wir etwas auseinander klauben und ordnen, trennen und spalten wir ebenfalls das eine vom andern. Selbst der wortgeschichtlich etwas rätselhafte Klee mit seinen dreifach (im Glücksfall auch vierfach) gespaltenen Blättern wird wohl noch dieser Verwandtschaft angehören. Am Müller, der in der Mühle das Korn zu Mehl mahlt, wird wohl jedem unmittelbar deutlich, was eine Wortfamilie ist. Aber auch das alte Kornmaß, der Malter, eine bestimmte Menge von. Gemahlenem, gehört zu dieser Sippe, die sich aus der gemeinsamen Wurzel „mel“ (zerreiben) entwickelt hat. Malmen und zermalmen bezeichnen für uns den gewaltsamen Prozeß des Zerreibens. Aber auch in Mull, der uns als Torfmull besonders vertraut ist, und in Müll (ursprünglich trockener Staub), den wir in den Mülleimer kehren, spüren wir die alles zerreibende Ursilbe. „mel“ am Werke. Unser Maulwurf (eigentlich Mulwerfer) beschäftigt sich emsig mit dem lockeren, zerriebenen Erdstaub und hat somit von ihm seinen Namen. Wenn der Boden unter unseren Füßen nachgibt, wenn wir keinen festen Stand mehr haben, dann wird uns mulmig zumute, und wir machen uns aus dem Staub. Daß in dieser staubigen und mehligen Wortfamilie auch die Milbe erscheint, wird uns nicht mehr wundern, wenn wir bedenken, daß die Milben (man denke nur an die Käsemilbe) zu Mehl zerkauen, was ihnen anheimfällt. Die Melde, das allenthalben wuchernde Unkraut, trägt ihren Namen, weil ihre Blätter mehlig bestaubt erscheinen. Wer nun glaubt, daß auch Mahl und Gemahl in diese Familie einzubeziehen seien, etwa aus der Vorstellung, daß wir beim Mahl mit den Zähnen malmen und mahlen, daß Gemahl und Gemahlin ihre Mahlzeiten gemeinsam einnehmen (sollten), dessen Phantasie würde.vom Wortforscher mit Recht als unwissenschaftlich belächelt. Beide Wörter gehen nämlich auf jeweils ganz andere Wurzeln zurück. Das Mehl ist dasselbe Wort wie „mal“ in ein-mal und geht auf eine indogermanische Wurzel „me“ (messen, abmessen zurück). Mahl bezeichnete also ursprünglich den Zeitpunkt, die feste Stunde, dann die Zeit, wann gegessen wurde. Gemahl und Gemahlin gehen trotz Gleichklang wieder auf ein anderes noch im Althochdeutschen lebendiges Wort zurück: „mahal“, das ursprünglich Versammlung bedeutete, dann den in dieser Versammlung geschlossenen Vertrag, vor allem den Ehevertrag. Gemahl ist dann der durch Vertrag dem andern Zugesprochene, der Vermählte, Verlobte. Das alte Wort Mahlschatz (Brautgabe) leitet sich ebenfalls von diesem mahal, der Vertragsversammlung, ab. Schon diese wenigen Beispiele zeigen, daß Wortbetrachtungen ohne den Blick auf die Wortgeschichte leicht ins Blaue führen können, wobei jedem so unwissenschaftlich Ausfahrenden wenigstens der Trost bleibt: Eine Fahrt ins Blaue ist immer noch besser als überhaupt keine.

AUS BAUM UND HOLZ GESCHAFFEN

Wenn wir es nicht auf Grund unserer Geschichtskenntnisse wüßten, daß unser Land ehemals, in germanischer Zeit und weit bis ins Mittelalter hinein, ein Wald- und Baumland war, dem ein hölzernes Zeitalter entsprach, so könnten wir es aus Wörtern und Wendungen ersehen, die wir, ohne ihren Sinn zu bedenken, alltäglich im Munde führen. Es scheint uns nicht weiter verwunderlich, wenn jemand sagt, er sei aus hartem oder weichem Holz geschnitzt. Diese Redewendung ist vermutlich ältesten Ursprungs und gründet in der germanischen Göttersage. Dort nämlich schaffen die Götter das erste Menschenpaar nicht aus Lehm und Erde, sondern aus zwei Baumstämmen, aus Ask und Embla (Esche und Ulme). Das Weib ist nach diesem Glauben nicht aus der Rippe des Mannes gebildet, sondern steht vom Ursprung her gleichberechtigt als eigene, selbständige Gestalt dem Mann zur Seite. Es ist verständlich, wenn der Baum als Sinnbild des Lebens erscheint und als Stammbaum weitverzweigte Geschlechterfolgen umfaßt.

Da Holz der Werkstoff der Götter für die menschliche Gestalt war (wir sprechen ja heute noch von einem stämmigen oder baumlangen Menschen), konnte man auch den Bengel (das Wort bezeichnet eigentlich grobes Knüppelholz) auf einen ebenso groben Menschen übertragen. Es ist keineswegs immer böswillig gemeint, wenn wir einen ungebärdigen jungen Menschen einen Bengel nennen. Auch wenn wir einen Halbwüchsigen als Stift bezeichnen, greifen wir zu einem Namen, der eigentlich ein staksiges, stangenartiges Gebilde aus Holz meint. Nicht anders verhält es sich mit dem Knaben, dessen Grundbedeutung ebenfalls auf ein Stück Holz, einen hölzernen Pflock verweist. Wir brauchen uns nur des Knebels zu erinnern, des Querholzes, das zum Knebeln dient, und der sprachliche Zusammenhang mit Knabe wird deutlich. Immer handelt es sich bei diesen Holz-Namen um junge, wachstumskräftige und stämmige menschliche Gestalten. Damit ließe sich auch vereinbaren, daß die Kegel, die unehelichen Kinder, die innerhalb der germanischen Familie mit heranwuchsen (deshalb „mit Kind und Kegel“), ursprünglich auch nur den Namen für einen hölzernen Pflock oder Pfahl tragen. Die Sprachwissenschaft nimmt an, daß auch der Knecht seinen Namen von einem knorrigen und knotigen Stück Holz übernommen habe.

Den höchsten Rang erreicht diese von der Sicht des Baumes her sich ergebende Namen-Reihe mit dem Stab, der wohl ursprünglich stellvertretend für den Baum und seine Lebenskraft galt. Er wird in mehrfacher Hinsicht zum Zeichen des Lebens, der Macht und damit auch des Rechtes. Vom Hirten- und Marschallstab bis zum Szepter des Herrschers reicht seine Macht und Würde stiftende Wirkung. Und wo sich Menschen zusammenfinden, in denen sich Macht und Bedeutung jeglicher Art verkörpert, so vereinen wir sie im Sinnbild des Stabes: sei es ein Generalstab oder der Mitarbeiterstab in den Unternehmungen der Wirtschaft, Wissenschaft und Presse. Aber in noch umfassenderem und tiefgreifenderem Sinne wirkt sich der Vorgang der menschenschaffenden Tätigkeit der Götter in unserer Sprache aus: Das Wort schaffen selbst leitet sich von der schöpferischen Bearbeitung des Holzes ab. Ursprünglich ist dieses Schaffen ja nichts anderes als Schaben, d. h. aus Holz schneiden und schnitzen (vgl. englisch: shape =gestalten, formen). In dem geglätteten, blankgeschabten Speer-Schaft wird ein solches aus Holz geschaffenes Gebilde im Wort anschaulich. Auch das süddeutsche Schaff, der hölzerne Bottich, und der kleinere Scheffel (ein verschwundenes Hohlmaß) verraten deutlich ihre Herkunft und Be-schaffenheit. Die Holzbearbeitung als Urform allen Schaffens finden wir auch in dem Wort Ge-schäft wirksam. Ja, jede besondere Beschaffenheit (äußere und innere) von Menschen, Sachen, Gemeinschaften fasst unsere Sprache folgerichtig in der Endung schaft zusammen: Gemeinschaft, Brüderschaft, Herrschaft, Liebschaft usw. Da auch das Wort für jedes schöpferische Tun, für Schöpfer und Schöpfung, derselben Wortwurzel entwächst wie schaffen und schaben, darf man behaupten, daß der gesamte Wortbereich des Schaffens seine Heimat im Wald, seinen Bäumen und Hölzern hat. Daß dieses schöpferische Tun auch noch den Namen der Schöffen bestimmt, die einst das Recht schöpften und eine Rechtsordnung schufen, mag hier am Rande erwähnt sein. Man weiß, daß der Werkstoff Holz, ehe die steinerne Mauer von den Römern übernommen wurde, auch den Hausbau bestimmte. Selbst wenn wir uns heute in Bauten aus Beton und Glas aufhalten, so verraten doch die Zimmer, daß ihr Name aus dem hölzernen Zeitalter stammt: Zimmer bezeichnet ursprünglich nur das Bauholz, aus dem ein Raum gezimmert wurde (vgl. englisch: timber = Bauholz, Baumstamm) und dann erst diesen Raum selbst. Der Zimmermann ist für unser Gefühl auch heute noch diesem Holz werkend verbunden. Auch in dem Wort Diele erfassen wir heute noch unmittelbar den hölzernen Ursprung. Dielen sind Bretter, aus denen man nicht nur Wände fügte, man belegte mit ihnen vor allem Fußböden. Im Niederdeutschen entwickelte sich dann die Bedeutung der Diele als Hausflur. Auch wenn die Diele in unserem Neubau aus modernsten Werkstoffen bestehen sollte, ihr Name erinnert noch an Dielenbretter und Holztäfelung. Weniger offenkundig ist es, daß auch der perfekteste Selbstbedienungsladen mit seinem Namen noch an das hölzerne Zeitalter des Waldes in unserer Geschichte erinnert. Ursprünglich ist der Laden nur ein Brett oder eine Bohle (die Bettlade ist ein aus solchen Brettern gezimmerter Kasten), womit man dann auch Fenster sichern und abdichten konnte. So entstand unser Fensterladen und zuletzt der aus Brettern und Latten hergerichtete Verkaufsstand, der Verkaufsladen. Es ist tröstlich zu wissen, daß die Sprache beharrlicher ist als die Menschen, die sie „im Laufe der Zeit“ sprechen. Auch wenn wir aus Beton, Stahl und synthetischen Stoffen unsere Bauten und Werke „schaffen“: Die Sprache gibt uns allenthalben Erinnerungen und Winke, die uns veranlassen könnten, dem Holz die Ehre und den Ehrenplatz zu geben, die ihm und seinem Ursprung, dem Walde, in unserem Leben immer noch gebühren.

ALTDEUTSCHES RECHTSWESEN IN UNSERER SPRACHE

Nur wenigen wird es bekannt sein, daß eines unserer alltäglichsten und in der Bedeutung allgemeinsten Wörter in unserer Sprache sich vom germanischen Rechtswesen aus breit gemacht hat: das Ding. Ursprünglich der Termin, die bestimmte Zeit (von der indogermanischen Wurzel „ten“ her besteht ein Zusammenhang mit dem lateinischen „tempus“ Zeit), bezeichnet das Wort dann die Gerichtsverhandlung und auch den Gegenstand, der verhandelt wird. Im Laufe der Zeit meinte es jeden Gegenstand und wurde zum Allerweltswort für schlechterdings alles und nichts, für Dings und Dingsda. Nur in einigen Redewendungen wird die Grundbedeutung des Wortes für uns noch sichtbar: wenn wir jemanden verdingen, wenn wir Bedingungen stellen, uns etwas ausbedingen oder gar jemanden dingfest (für die Gerichtsverhandlung fest) machen. In der Redensart „aller guten Dinge sind drei“ wirkt die alte Rechtsgepflogenheit nach, den Angeklagten wenigstens dreimal vor die ordentliche Gerichtsversammlung zu laden. Auch in verteidigen finden wir die alte Bedeutung, wenn wir die alte Wortform „vertagedingen“ betrachten: Ich vertrete meine Sache vor dem Tageding (die Verhandlungen fanden nur am Tage statt), ich verteidige mich.

Ähnlich verhält es sich mit der Sache, die ursprünglich auch nur den Rechtshandel und Rechtsstreit bezeichnete. In unserem Sachwalter, aber auch in den Zivil- und Straf-Sachen ist noch die alte Bedeutung lebendig, wie auch im Wider-Sacher, der vor allem an den Streitcharakter des Wortes erinnert.

Neben den Richtern, Klägern und Angeklagten spielten die Schöffen eine entscheidende Rolle, die, wie ihr Namen verrät, je nach den „Umständen“ das Recht „schöpften“, gelegentlich wohl auch schufen, wobei der Umstand wörtlich als die Schar der den Gerichtsplatz Umstehenden, vor allem der Sippenangehörigen, zu verstehen ist. Jeder Mann aus diesem Umstand hatte die Befugnis, das Urteil zu Recht zu weisen, wovon sich unsere „Zurechtweisung“ herleitet. Diese Art der Urteilsiindung war eine wahrhaft umständliche Sache, und mancher mag sich gedacht haben: Warum so viele Umstände machen! — eine Redensart, die auch uns noch als Seufzer bei langwierigen Verhandlungen geläufig ist.

Haben wir es bei Ding, Sache und Umstand mit Wörtern zu tun, deren ursprüngliche Bedeutung sich im Laufe der Zeit sehr erweitert hat, so vollzog sich bei dem Worte Ehe schon sehr früh eine Verengung des Begriffs: „Ehe“ ist anfänglich das Gesetz schlechthin, wobei der Anklang an „ewig“ nicht nur lautlich, sondern auch sprachgeschichtlich zu Recht besteht. Die altdeutsche Form lautet „ewa, ewe“ und verweist auf die zeitlich unbeschränkte Dauer des Gesetzes. Die Beziehung zum lateinischen „aevum“ (Ewigkeit, Lebenszeit) besteht ebenso wie zum griechischen „aion“. Es ist verständlich, daß das Gesetz (ewa, ewe), das eine dauernde Ordnung gewährleisten sollte, in seiner Bedeutung vor allem auf das Grundgesetz der Gesellschaft, die Ehe, bezogen wurde.

Da den Menschen der germanischen Vorzeit sowohl wie denen des Mittelalters das Denken in reinen Begriffen nicht gemäß war, verlangten sie nicht nur das anschauliche Wort, sondern auch die Darstellung in sinnbildlichen Handlungen und Zeichen. Diese Art des Denkens und Anschauens schlug sich wiederum in Redewendungen und Redensarten nieder, die wir heute noch im Mund führen, selbst wenn ihr ursprünglicher Sinn uns nicht mehr zum Bewußtsein kommt. Schon das Wort besitzen ist ein solcher sprachlicher Rest altdeutscher Rechtsbilder: Das Eigentumsrecht bekundete man, indem man wortwörtlich eine Sache in Besitz nahm. Nachdem z. B. die Grenze des Ackers abgesteckt war, stellte mancherorts der Käufer einen dreibeinigen Stuhl auf das Land und setzte sich darauf. So erst wurde er zum Be-Sitzer. Auch der Hammerschlag konnte den rechtsgültigen Übergang einer Sache an einen neuen Eigentümer bekräftigen, wie es heute noch bei Versteigerungen üblich ist, wenn etwas „unter den Hammer“ kommt und jemandem der „Zuschlag“ erteilt wird. Der Hammer als Symbol göttlicher Kraft und Weihe gründet im germanischen Donarkult. Dem Gotte war der Hammer als Sinnbild seiner zeugenden Kraft geweiht. In diesem Sinne diente er zur Bekräftigung von Rechtsakten. So sind uns z. B. Grenzsteine in Hammerform aus Island überliefert. Die älteste Bedeutung von Hammer ist „Fels, Stein“, woraus ja auch ursprünglich der Hammer sowohl wie der Donnerkeil des Gottes gebildet und geschliffen waren. Ein anderes uns noch geläufigeres Zeichen richterlicher Macht ist der Stab, von dessen sinnbildlicher Bedeutung wir schon im Kapitel „Aus Baum und Holz geschaffen“ hörten. Als Richterstab wird er zum Zeichen richterlicher Macht über Leben und Tod. Wenn der Richter in früheren Zeiten nach dem Todes- oder Achturteil „den Stab über jemanden brach“, so wird dieser Stab ursprünglich wohl auch das Leben des Verurteilten gemeint haben. Eine sinnbildlich weniger gefestigte, aber urkundlich besser begründete Deutung sieht darin die Beendigung des amtlichen Auftrags dem Verurteilten gegenüber. Ganz im Dienste sinnbildlicher Gebärdensprache stand im altdeutschen Rechtsleben die Hand. Der Handschlag gilt ja heute noch auf den Viehmärkten und anderswo als verbindlicher Abschluß eines „Handels“, und die Redensart „jemandem etwas in die Hand versprechen“ ist uns noch so vertraut wie jene sprachliche Gebärde feierlicher Beschwörung: Hand aufs Herz! Die Hand war aber auch das Zeichen des Schutzes, den man jemandem gewährte. Zumindest in der Sprache halten auch wir noch unsere Hand schützend über einen jungen Menschen. Das Wort für diese schützende Hand ist uns noch in Vormund und Mündel erhalten. Es lautete im Altdeutschen „die raunt“ und ist vom Indogermanischen her mit dem lateinischen „manus“ (Hand) verwandt. Diese „Mund“ ist auch in unserem meist falsch verstandenen Sprichwort „Morgenstund hat Gold im Mund“ gemeint; d. h. wer seine Hand (munt = manus) schon in früher Stunde regt und fleißig arbeitet, wird reich werden. Die schützende Wirkungskraft dieser munt-Hand lebt auch noch in Eigennamen weiter: Siegmund (siegreicher Schützer), Edmund (Schützer des Erbgutes) und Egmont (Schwertschutz). Als „mundtot“ bezeichnete man früher einen Menschen, der des Rechts, als „Muntherr“ seine oder die Sache anderer zu vertreten, verlustig gegangen war. Wie die uns fremden Bräuche mittelalterlicher Gottesgerichte in der Sprache weiterleben, ist jedem so vertraut, daß hier nur einige Hinweise genügen mögen. Auch wenn wir nicht mehr glauben, daß Gott, um unsere Unschuld zu bezeugen, mit Wundertaten in ein Gerichtsverfahren eingreift, bestehen wir in der Sprache noch Feuerproben, sitzen wir wie auf glühenden Kohlen, gehen wir für jemanden durchs Feuer oder legen die Hand hinein. Selbst Gift nehmen wir noch „auf“ etwas, so sicher scheinen wir unserer gerechten Sache zu sein: Da kannst du Gift darauf nehmen! In der Erregung sind wir noch bereit, auf „Stein und Bein“ zu schwören, d. h. mit der Hand auf der steinernen Altarplatte und ihren Reliquien Eide zu leisten. Aus dem Brauchtum der Femgerichte stammt vermutlich noch unser Steckbrief. Die schriftliche Vorladung dieses geheimen Freigerichts wurde mit dem Dolch an das Tor oder den Gartenzaun des zu Ladenden festgesteckt. Unsere Redewendung „einem etwas stekken“ wird von diesem Rechtsbrauch stammen. Der Ausdruck „einem etwas anhängen“ entspricht der Gepflogenheit, dem am Pranger zur Schau gestellten Übeltäter einen Zettel oder eine Tafel anzuhängen, worauf die Schandtat zu lesen war. Wenn wir heute noch jemandem „aufs Dach steigen“, so wirkt in dieser Redensart eine symbolische Ehrenstrafe nach, die der Komik nicht entbehrte: Ehemännern, die sich von ihren Frauen hatten schlagen lassen, stieg man in manchen Gegenden tatsächlich aufs Dach und deckte es ab. Solche Dachabdekkungen sind uns bis ins 18. Jahrhundert überliefert. Nach einem Mainzer Amtsbericht aus dem Jahre 1666 soll sich ein solcher Strafvollzug folgendermaßen abgespielt haben: Wenn eine Frau ihren Mann geschlagen hatte, so nahmen sich sonderbarerweise die Bewohner des Nachbardorfes dieses Falles an. Mit Trommeln, Pfeifen und fliegenden Fahnen, so erzählt der Bericht, zogen sie vor des geschlagenen Mannes Haus, stiegen auf das Dach, hauten ihm den First ein und rissen ihm das Dach bis auf die vierte Latte von oben an ab. Nicht ohne Humor liest man die Deutung dieser -Strafe bei Jakob Grimm, wonach man „einen Mann, der sich dem häuslichen Unwetter so geduldig unterzogen, auch dem physischen preisgeben wollte.“ Wie tröstlich, daß dieser volksrechtliche Strafvollzug heute nur noch als ungefährliche bildliche Redensart umgeht!

RITTERLICHES SPRACHERBE

Wenn wir heute ein Ereignis ausführlich schildern, kommt es uns kaum in den Sinn, daß dieses Schildern sich von den Schilden der Ritterzeit herleitet. In germanischer Zeit waren die Schilde bunt bemalt, die Ritter trugen sie mit dem Bild ihres Wappens. Der „schiltaere“ war damals ein Wappenmaler, und erst später erweiterte sich die Tätigkeit des Schilderers auf die Wiedergabe jedes Geschehens. Am Wappen erkannte man Rang und Familie des Ritters. Darum war es wichtig zu wissen, was einer im Schilde führte, ob er Freund oder Feind war. Das galt vor allem, wenn er auf einer Reise war, wenn er als Reisiger, als Bewaffneter, zu Krieg und Fehde aufgebrochen war (vgl. englisch: to rise = sich erheben; es ist wahrscheinlich, daß der „Riese“ sich aus derselben Sprachwurzel erhob). Die Vorstellung, daß man irgendwohin aufbricht, hat sich wohl vom Zeltlager her ergeben. Deshalb brechen wir noch auf, auch wenn wir kein Zeltlager mehr auf- oder abzubrechen haben. Wenn die reisigen Ritter zur Herberge kamen, d. h. dorthin, wo das Heer Obdach und Geborgenheit fand, hängten sie zum Zeichen ihrer Anwesenheit wohl ihre Schilde vor das Tor und an die Mauern. Mancher Wirt mag im Gefolge dieser ritterlichen Sitte später seiner Herberge das Schild seines Hauses und Gewerbes angehängt haben, das Wirtshausschild. Damit war aus dem ritterlichen Schild das gewerbliche geworden, das seine eigene Mehrzahl bildete: Die Schilde der ritterlichen Herren wurden ersetzt durch die Schilder der bürgerlichen Wirte, Handwerker und Kaufleute.

Sporen waren ein Zeichen ritterlicher Würde. Erst nach dem Ritterschlag durfte sie der Jungherr anlegen. Auch unsere jungen Männer verdienen sich noch die Sporen, wenn sie sich in Beruf und Amt bewähren. Ohne Kampf zu Pferde und mit der Lanze heben wir auch heute noch unsere Gegner aus dem Sattel, wenn sie nicht sattelfest und in ihrer Beweisführung stichfest sind. Einen Kameraden lassen wir ebensowenig im Stiche (liegen), wie der anständige Ritter es tat, d. h. wir helfen ihm, wenn er im hin und her des Turniers, im „Gestech“, zu Fall kommt. Das von der französischen Ritterschaft übernommene Wort Turnier ist übrigens mit unserem Turnen (wenden, drehen, vgl. englisch: to turn) sprachverwandt. Turnen (das Wort kam erst wieder durch Turnvater Jahn zu Ehren) und Turnier haben ihren gemeinsamen Ursprung in dem lateini- i sehen „tornare“ (drechseln). War während des ritterlichen Turniers einer in den Sand (Gries) gefallen, so hielt der Turnier- oder Grieswart eine Stange über den Gestürzten: eine Gebärde des Schutzes, die auch wir noch in ‚ der Sprache nachahmen, wenn wir jemandem die Stange halten. Ähnlich verhält es sich mit unserer Redensart nicht viel Aufhebens machen. Sie bezieht sich auf einen ritterlichen Brauch vor dem Zweikampf. Die Waffen lagen auf dem Boden und wurden mit bestimmten Gebärden aufgehoben, ehe man gegeneinander anging. Auch wenn wir „es“ (nämlich die Waffe) mit jemandem aufnehmen, erinnern wir uns sprachlich an diese Turniersitte. Die Ballzeremonie zu Beginn eines Fußballspieles könnten wir damit vergleichen, wie ja der Sport eine Zuflucht ritterlichen Geistes geblieben ist. Ohne viel Aufhebens aufeinander loszuschlagen, wäre auch heute noch unritterlich.

Von den zahlreichen Nachwirkungen ritterlicher Art und Lebensführung in unserer Sprache wollen wir nur noch drei Redensarten erklärend betrachten. Wenn wir heute noch eine Rede aus dem Stegreif, d. h. ohne Vorbereitung halten, so ist dieser Stegreif der Steigreif oder Steigbügel des Ritters. Wie es leidenschaftliche Autofahrer gibt, die möglichst alles vom Auto aus er- J leben und erledigen wollen (z. B. Einkauf und Kinobesuch), so konnte sich wohl auch mancher Ritter nicht entschließen, vom Pferde abzusteigen, wenn es angebracht gewesen wäre. Ohne Rücksicht auf Formen der Höflichkeit wird er Burg und Gut aus dem Steigreif verwaltet haben. Kann ein kleiner Geist dem genialen Meister das Wasser nicht reichen, dann finden wir die Erklärung solcher Rede in den Tischsitten der Ritterzeit, als man noch nicht mit der Gabel, sondern mit den Fingern aß und ein Knappe anschließend Wasser und Handtuch zum Händewaschen reichte. Wer nicht einmal diesen Dienst zu leisten berechtigt ist, wäre weniger als ein Knappe, der den Damen und Herren immerhin das Wasser reichen durfte. Daß heute noch die Frau dem Manne einen Korb geben kann (aber nicht der Mann einer Frau), diese Redensart erinnert an eine neckische Gepflogenheit des ritterlichen Minnedienstes: Burgfrouwen zogen ihren Verehrer, ihren „friedel“, wenn sich keine andere Gelegenheit zum Stelldichein bot, in einem Korbe hoch zu sich in die Kammer. Manchmal wird auch eine verschwiegene Kammerzofe nächtlicherweile mitgezogen haben, bis der kühne Raumfahrer die Zinne oder Brüstung ergreifen und sich mit eigener Kraft hinüberschwingen konnte. Ein Bild aus der berühmten Manessischen Handschrift zeigt uns einen Herrn Kristan von Hamle in solcher schwebenden Situation, während oben die Freundin eine Art Flaschenzug betätigt. Nun scheint es aber bösartige Damen gegeben zu haben, die dem nicht genehmen Bewerber einen Korb mit brüchigem Boden hinunterließen und in geeigneter Höhe den Durchfall und Absturz des Minnenden veranlaßten. Manche sollen den Herrn der Schöpfung auch in der Schwebe gelassen und nicht nur der nächtlichen Kühle, sondern auch dem nachfolgenden Spott ausgesetzt haben. Späterhin hat man einem unbequemen Verehrer wohl einen Korb ohne Boden zugehen lassen, damit er gleich wußte, was ihm blühte, wenn er es dennoch versuchen wollte. Man gab ihm also einen Korb zum Durchfallen. Deshalb ist heute jeder Korb, den man von einer Dame bekommt, nur eine bodenlose Angelegenheit.

Vermutlich hat sich diese symbolische Aktion des Durchfallen* in der folgenden Zeit auch auf andere Arten von Bewerbungen und Prüfungen übertragen, so dass wir heute bei verschiedenen Gelegenheiten durchfallen können.

MONATE UND TAGE

Der Zusammenstoß der germanischen Welt mit der römischen hat zu manchen Verwirrungen geführt, das zeigen noch unsere Monatsnamen. Sie alle nämlich sind römischer Herkunft. Soweit sie noch an römische Gottheiten erinnern, entbehren sie nicht ganz des Sinnes, wenn auch eines fremden: Der Januar gilt dem doppelköpfigen Tanus, dem Gott der Schwelle, des Aus- und Eingangs, und steht deshalb mit einigem Recht am Beginn des Jahres. Der März erinnert an den Kriegsgott Mars, für den die Germanen gewiß Verständnis hatten, der Mai an einen Jupiter Majus, einen für uns unbekannten Gott des Wachstums. Im Juni lebt der Name der jugendlich blühenden Juno, der Gemahlin Jupiters weiter. Juli und August sollten uns an Julius Cäsar und den ersten römischen Kaiser Augustus gemahnen, die Helden einer fremden Geschichte. Der Februar hat weder mit Göttern noch mit Kaisern etwas zu tun. Er ist der Fieber-Monat und war bei den Römern der Monat der Reinigung und Entsühnung. Sein Name ist die Erinnerung an diese feierlichen religiösen Übungen. April könnten wir als Monat des öffnens bezeichnen, wenn die Beziehung zum lateinischen aperire = eröffnen zutrifft. Er wäre dann der Frühlingsmonat, der die Zeit des Wachsens und Blühens eröffnet. September, Oktober, November und Dezember sind nichts als numerierte Monate und bezeichnen den siebten, achten, neunten und zehnten Monat. Sie wären für uns nur sinnvoll, wenn wir die Zählung der Römer hätten, für die das Jahr bis in die Zeit Cäsars mit dem März einsetzte. Für unsere Zählung stimmen die Nummern nicht mehr; denn wir müßten den September — den siebten Monat — November — den neunten — nennen und dann weiter für diese Monate bis zwölf zählen. Die römische Zählung ist für uns widersinnig. Aber es ist nun einmal so, daß sich in der Geschichte auch Wider- und Unsinniges durchzusetzen und zu bewahren weiß. Sinnvoller wären gewiß die alten deutschen Namen, die übrigens Karl der Große noch gebraucht wissen wollte. Sie nämlich entsprechen dem Ablauf des Jahres im Zusammenhang mit dem Naturgeschehen und der bäuerlichen Arbeit in unseren Landstrichen. Der Härtung, auch Wintermond und Eismond, erinnert an die harte Jahreszeit. Im Hornung werfen die Hirsche ihr Gehörn, ihr Geweih ab. (Ganz gesichert ist diese Erklärung freilich nicht.) Der Name des Monats Lenz leitet sich von „lang“ ab und weist darauf hin, daß sich jetzt die Tage „längen“. Der Ostermond erinnert an die germanische Fruchtbarkeitsgöttin Ostara. Sie gibt ja auch unserem Osterfest den Namen. Ihre Sinnbilder der Fruchtbarkeit und Erneuerung des Lebens sind bis auf unsere Tage der nachwuchsreiche Hase und das Ei. Wenn wir den Mai mit seinem deutschen Namen Wonnemond nennen, so dürfen wir nicht einfach an den herkömmlichen Begriff Wonne denken. Diese Wonne (oder richtiger Wünne) stand ursprünglich nur dem Vieh zu, das auf die Wünne, auf das frisch ergrünte Wiesenland getrieben wurde, um dort sein Weideglück zu genießen. Erst später erweiterte sich die Bedeutung zum gesteigerten Glück mancher Art. Der Brächet erinnert an die alte Dreifelderwirtschaft, als noch jeweils ein Drittel des bebauten Landes zur Erholung brach blieb und im Juni umgebrochen wurde.

Der Heuert ist der Heumond, in dem das Gras gemäht und getrocknet wurde, weshalb wir mit dem Wort Heu meist die Vorstellung des dürren, getrockneten Grases verbinden, was aber der eigentlichen Bedeutung des Wortes nicht entspricht: Heu ist das „gehauene“, also nur gemähte Gras. Der Ernting bezeichnet die Zeit der Getreideernte. Im Scheiding geht der Sommer seinem Ende entgegen. Nun heißt es Abschied nehmen von der schönen, warmen Zeit.

Ein geradezu poetischer Name ist der Gilbhard. Sein Name beschwört die Herbstfärbung des gilbenden, sich verfärbenden Waldes. Die zweite Silbe Hard (Hart) meint den Bergwald und ist uns noch in den Namen unserer Mittelgebirge erhalten: Haardt, Harz, Spessart (Spechtswald). Der Neblung verweist auf die grauen, regnerischen und nebeligen Novembertage. Der alte deutsche Name für den letzten Monat des Jahres ist, entsprechend dem Nebeneinander von heidnisch germanischer Überlieferung und jungem Christentum, doppelt überliefert. Karl der Große soll für ihn noch den Namen Christmond (auch Heiligmond) bestimmt haben. Der nordgermanische Name ist Julmond. Er lebt auch noch in Julklapp weiter. Das Wort Jul ist in seiner Bedeutung unklar. Es könnte die Zeit der Schneestürme meinen. Aber auch eine Beziehung zum Rad (vgl. englisch: wheel) ließe sich herstellen. Das Rad wäre dann ein Zeichen für die Wende des Jahres.

Mancher bedauert, daß diese recht sinnvollen und im ganzen auch verständlichen Monatsnamen verschwunden sind und für uns nur noch historische Bedeutung haben. Es wäre vergeblich, sie entgegen dem internationalen Sieg der römischen Bezeichnungen wieder hervorholen zu wollen. Wer diese zum Teil sinnlos gewordenen Namen nicht gebrauchen will, dem bleibt nichts anderes übrig, als die Monate von eins bis zwölf zu beziffern, wie es geschieht, wenn wir abkürzend schreiben: 21. IX. 1963, 17. XI. 1964, 25. XII. 1959. Günstiger und sinnvoller als die Monatsnamen haben sich die Namen für die Tage der Woche entwickelt. Hier setzten unsere Vorfahren an die Stelle der römischen Götternamen, welche die siebentägige Planetenwoche bezeichneten, germanische Namen ein, die sich fast alle erhalten haben. Für die römischen Namen Sol und Luna konnten sie einfach die entsprechenden germanischen wählen: Sonne und Mond, Sonntag und Montag; wobei wir bedenken müssen, daß diesen Gestirnen früher noch religiöse und kultische Bedeutung zukam. An die Stelle des römischen Kriegsgottes Mars trat der germanische Kriegs- und Glanzgott Ziu (Tiu). Ursprünglich war er ein indogermanischer Himmelsgott, und sein Name ist noch in Zeus, in Jiu-piter, auch in den lateinischen Wörtern „deus“ (Gott) und „divus“ (göttlich) erhalten. Im englischen Wort für unseren Dienstag erkennen wir ihn noch deutlich: Tuesday. An die Stelle des Merkur trat der germanische Wanderergott Wodan, dessen Name sich im englischen Wednesday erhalten hat. Wir haben für den Wodanstag den Mittwoch, der die Mitte der Woche bezeichnet. Für den römischen Jupiter trat der germanische Donar (Thor) ein und gab unserem Donnerstag den Namen. Die römische Venus hat ihr germanisches Gegenstück in der Liebesgöttin Freya, der demnach der Freitag geheiligt ist. Daß heute noch der Freitag eine für Hochzeiten bevorzugter Tag ist, ist vermutlich auf ihren Einfluß zurückzuführen. Der römische Saturn lebt noch im englischen Saturday weiter. Im Deutschen setzte sich durch gotisch-arianische Vermittlung im Süden der hebräische Sabbattag als Samstag durch, während der Norden diesen Tag am Vorabend des Sonntags zum Sonnabend machte, zum Feierabend vor dem Sonntag.

KLANGBILDER

Die lautmalende Fähigkeit der Sprache fällt auch dem oberflächlichen Betrachter auf. Schallnachahmende (die Wissenschaft nennt sie „onomatopoetische“) Selbst- und Mitlaute scheinen die Geräusche und Klänge der Natur und Menschenwelt zu wiederholen. Jedermann ist die Wirkung dieser Wörter vertraut: trillern, klingen, wispern, wiehern, klappern, klatschen, plappern, quaken, rattern, schnarchen, summen, schnurren, pusten, meckern, krächzen usw. Man kann einwenden: Wenn solche Wörter wirklich Naturlaute nachahmen, müßten sie sich in allen Sprachen gleichen. Das ist aber nicht der Fall. Der deutsche Hahn schreit kikeriki, der englische cock-a-doodle-doo, der griechische kokkü, der mongolische dschordschor und der chinesische kiao. Wenn sich diese Wörter auch nicht gleichen, so ist in allen doch ein Bestreben festzustellen, dem Ruf des Hahnes im Klangbild gerecht zu werden. Die Völker und ihre Sprachen nehmen die Naturlaute verschieden auf und finden darin jeweils besondere Kennzeichen, die sie in ihrer Sprache lautlich festzuhalten versuchen. Diese schallnachahmenden Wirkungen der Sprache sind nicht immer leicht abzugrenzen von den sinnbildlichen. Wenn wir aber feststellen, daß eine Fülle von Wörtern der Bewegung mit W beginnen, dann hat dieser Laut sinnbildlichen Wert: Weg, Wasser, Waage, Wind … Das W kennzeichnet die diesen Wörtern gemeinsame Bewegung: Woge, Wirbel, Quelle, Qualle, schwanken, schwellen, wallen, wandern, wenden, weben, wehen, wechseln . .. Das bewegende W in einer fast unerschöpflichen Fülle von Wörtern der Bewegung dürfte nicht mehr als Zufall angesprochen werden. Hier bestehen Zusammenhänge zwischen Wortklang und Wortbedeutung, die sinnbildlicher Art sind. Es wäre verkehrt und würde jeder wissenschaftlichen Grundlage entbehren, aus einer von Fall zu Fall möglichen Lautsymbolik ein allgemein gültiges Gesetz ableiten zu wollen. Dennoch ist eine klangbildliche Wirkung bestimmter Laute immer wieder festzustellen: Es kann nicht Zufall sein, daß fast alle Bezeichnungen für schlaffe, lässige und lasche Menschen ein L enthalten: Laffe, Lackel, Lorbaß, Lappe, Lump, Lotterbube. . . Dieses L, das hier eine abwertende Bedeutung hat, erscheint im Sinne des Milden und Gelinden in anderen Wörtern: Liebe, laue Luft, Klang, laben, gleiten, leise, lösen, stillen … Es entspricht der Wirklichkeit des Lebens, daß dieselbe Erscheinung verschiedene Bedeutungen haben kann. In der Endung el hat das L eine verkleinernde und verniedlichende Wirkung. So wird aus dem Tanzen ein Tänzeln, aus dem Lachen ein Lächeln, aus Trappen ein Trappeln und Trippeln, aus Äugen ein Äugeln. Aus der Eiche wird das Kind der Eiche, die Eichel, aus dem massigen Schinken der schlanke Schenkel. Mit der Verkleinerung geht oft eine Wertminderung Hand in Hand: Den Grübler, der mit seinem Graben in die Tiefe zu keinem rechten Erfolg kommt, haben wir schon an anderer Stelle erwähnt. Auch wenn der Kluge zu klügeln anfängt, nehmen wir seine Klugheit nicht mehr ernst, und einem soliden Liebhaber steht es nicht zu, anderweitig zu liebeln. Gesindel ist ein verlottertes Gesinde. Wenn wir beobachten, daß sich die Lautverbindung KR überall dort einfindet, wo es sich um krumme Linien und Kurven handelt, dann sind wir wohl berechtigt, uns über diese klangbildliche Wirkung Gedanken zu machen. In jedem Fall widerspräche das KR den Vorstellungen des Glatten, Ebenen und Geraden: Krüppel, Krücke, kriechen, Krampf, Kropf, Krone, Krempe, Kragen, Krause, Kralle, Kringel, krumpeln, kritzeln.. . Auch die indogermanische Wurzel „glei“, aus der sich eine zahlreiche Wortfamilie vom Kleber bis zum Kleister nährt vermittelt schon als Klangbild die Vorstellung des Klebrigen und Schmierigen. Eine geradezu zaubrische Lautgebärde haben die indogermanischen Wortwurzeln „blä“ und „blä“, von denen sich blühen, Blatt, Blut usw. ableiten. Schon beim Sprechen dieser Konsonantenverbindung vollziehen wir mit den Lippen den Vorgang des Entfaltens und Blühens, der dann auch die Bedeutung der ganzen Wortfamilie bestimmt. Auf die sinnbildliche Wirkung und Bedeutung der Vokale verweist Ernst Jünger in seiner Abhandlung „Das Lob der Vokale“. Jünger meint z. B., das A sei „der eigentliche väterliche Laut, das höchste und königliche Zeichen der Paternität“, der Vaterwürde. In ihm klinge zugleich die Höhe und umfassende Weite des Lebens und der Herrschaft an. „Diese doppelte Ausdehnung“, so sagt Jünger, „tritt in unserem Wort Aar prächtig hervor .. . Als Ausruf kündet das volle A den höchsten Grad der Bewunderung an, im Lachen die hohe, joviale Heiterkeit. In unseren Formeln, Zaubersprüchen und Gebeten verkündet das A den Anruf der höchsten Macht, und je weiter wir in dieses Gebiet eindringen, desto mehr erstaunt uns der hohe Grad der Notwendigkeit, der unserer Sprache innewohnt. Die gewaltigste dieser Formeln lautet: ,1m Namen des Vaters‘.“ Dem väterlichen A ist das mütterliche U entgegengesetzt. Das U, sagt Jünger, ist der Laut des Ursprungs, der Wurzel und der feierlichen Dunkelheit. Bezeichnend ist, daß das U in einer großen Zahl von Wörtern erscheint, die etwas Abgeschlossenes und Verborgenes bezeichnen: Urne, Grube, Gruft, Grund, Mulde, Muschel, Truhe, Krug, Turm, Burg, Kugel, Brust, Mund, Stube, Hut, Glucke, rund, unten. Dem E ordnet sich nach Jünger die Ausdehnung der Ebene zu. „Die beiden Reiche, die sich in diesem Laute begegnen und überschneiden, sind die des Leeren und des Erhabenen.“ Er verweist auf Wörter wie Meer und Schnee, See und Seele. Aber auch das Langweilige und Eintönige erscheine in diesem Laut, besonders sinnfällig in einer Wendung wie „Der Regen regnete“. Die Bühnensprache vermeide deshalb die reine Aussprache dieses Vokals. Das E ist auch der Vokal des abstrakten Denkens. „Wir sehen es vornehmlich in Verben auftreten, die eine ganz allgemeine Tätigkeit ausdrücken, welche auf eine Unzahl von wechselnden Inhalten bezogen werden können. Sehen, reden, denken, nennen, messen, rechnen, begrenzen, leben, werden, weben, erkennen, entstehen, vergehen, verwerfen sind Tätigkeitswörter dieser Art, von denen unsere Sprache eine unerschöpfliche Fülle besitzt, und die sich im besonderen in jenen Sätzen einstellen, in denen wir uns mit den Formen des Denkens selbst, also mit der Logik beschäftigen.“

Wir wollen und können hier nicht im Sinne Jüngers alle Laute auf ihre klang- und sinnbildlichen Wirkungen untersuchen, zumal da wissenschaftlich zuverlässige Grundlagen wohl kaum zu gewinnen sind. Aber an der Tatsache klangbildlicher Wirkungen der Sprache kann niemand vorübergehen, dem Sprache mehr ist als nur ein notdürftiges Verständigungsmittel. Manche der Betrachtungen Jüngers mögen dichterische Auffassungen sein. Aber auch die Dichtung hat ihre Wahrheit. Weite Bereiche der Lyrik werden von der Wirkung der sprachlichen Klangbilder bestimmt. Das ist auch einer der Gründe, warum Gedichte nie lautgerecht zu übersetzen sind. Schon die Übertragung folgender altdeutschen Verse ins Neuhochdeutsche ergibt ein anderes Klangbild: „Du bist min, ich bin din: des solt du gewis sin.“ Das in den Reimen wirksame I gibt den Versen einen innigen Minne-Ton, den die neuhochdeutsche Reimfolge mein-deinsein nicht mehr wiedergeben kann. Die Übersetzung mag begrifflich richtig sein, das veränderte Klangbild aber verändert auch den Charakter der Verse. Wie sehr das Klangbild lyrische Verse be-stimmt, d. h. die Stimmung schafft, möge noch der Vergleich von zwei Strophen zeigen, die wir Nacht-Gedichten von Eichendorff und Hebbel entnehmen:

Eichendorf: Es rauschen die Wipfel und schauern, Als machten zu dieser Stund Um die halbversunkenen Mauern Die alten Götter die Rund.

Hebbel: Quellende schwellende Nacht Voll von Lichtern und Sternen; In den ewigen Fernen, Sage, was ist da erwacht!

Kein empfängliches Ohr wird überhören, daß hier ganz verschiedene Bilder und Stimmungen der Nacht schon im Klang der Verse deutlich werden (auch der unterschiedliche Rhythmus spielt dabei natürlich mit). Ohne auf die feinen Unterschiede einzugehen, kann man behaupten, daß das bei Eichendorff vorherrschende U (in Verbindung mit dem feierlichen A) auf die geheimnisvollen Schauer nächtlicher Versunkenheit deutet, während das bei Hebbel tonangebende E (ebenfalls in Verbindung mit dem feierlichen A) die sternenhafte Ferne erschließt.

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