John Henry Mackay: Der kleine Finger – Kurzgeschichte

„Ich fange wieder an zu sprechen. Ich will hinaus, ich will fort, aber ich vermag es nicht. Ich sehe nur immer auf den daliegenden Menschen. Und plötzlich kommt mich der Gedanke an: der Mann ist tot!“

Der kleine Finger

Illustration: Stefan Otte
Illustration: Stefan Otte

Ich bemerkte, daß die Treppe fremdartig knarrte, so fremdartig, daß es mir auffiel, aber dennoch merkte ich nicht, daß ich Mittwoch abend in der zweiten Septemberwoche des Jahres 187.. aus Versehen eine Treppe höher gestiegen war, als mein neugemietetes Zimmer lag. Auch als ich die Korridortür aufschließen wollte und fand, daß der Schlüssel von innen stak und die Tür unverschlossen war – ein Umstand, der mich hätte zum Nachdenken bringen können –, ließ ich mich nicht abhalten, einzutreten und mich in der wohlbekannten Richtung nach meinem Zimmer hin auf den Fußspitzen, um meine schlafende Wirtin nicht zu stören, zu tasten.

Ich finde die Tür, klinke auf; trete ein – das Zimmer ist stockdunkel –; schließe die Tür von innen nach meiner Gewohnheit und gehe sicher auf meinen Tisch zu, wo ich wußte, daß Streichhölzer lagen. Bis dahin kam ich, ohne daß mir etwas Besonderes aufgefallen war. Als ich aber auf dem Tisch, der mir seltsam weit nach der Mitte des Zimmers zu vorgerückt schien, nach Streichhölzern herumfühlte, erfasse ich etwas Kaltes, Schwammiges, das auf einer weichen Unterlage zu liegen scheint. Noch heute, wenn ich die Augen schließe und die Hand vorstrecke, glaube ich dieses eigentümliche Gefühl, welches damals in der Mittwochmitternachtstunde meine Fingerspitzen durchrieselte, wieder zu spüren.

Ich zog die Hand zurück; ich klemmte meinen nassen Schirm in die linke Achselhöhle und wühlte mit beiden Händen in meinen Überzieher- und Westentaschen nach Streichhölzern. Meine an einem Ring befestigten Hausschlüssel gaben das Geräusch eines rasselnden Klirrens von sich. Ich erinnere mich noch ganz genau, wie es mir wie das beruhigende Zeichen eines »andern Lebens« in diese Stille hineinklang.

Endlich finde ich in der linken Westentasche einige Schwefelhölzchen. Ich mache eine Bewegung nach der Wand – in der Richtung meines Fensters – und streiche mit raschem Strich, nachdem ich mit den Fingern den Kopf der Hölzchen gesucht habe, an ihr nieder.

Während sich langsam der Schein des Lichtes durch das Zimmer gießt, fühle ich mehr, als ich sehe, mit einer geradezu überwältigenden Deutlichkeit, welche mich kalt überrieselt, daß ich in einem völlig fremden Zimmer bin, das nur in Größe und Lage Ähnlichkeit mit meinem darunterliegenden hat.

In der Zeit einer einzigen Sekunde nehme ich wahr: daß das Bett in der entgegengesetzten Stellung des meinen steht – das war, glaube ich, das erste, was ich sah –; daß der Tisch auffallende Ähnlichkeit mit dem meinen hat; daß die Decke des Zimmers niedriger hängt, wie die des meinigen; und daß hinter dem Tisch, lang ausgestreckt auf dem Sofa, ein schlafender Mensch liegt.

Völlig unbewußt bin ich mechanisch einige Schritte von dem Tische zurückgetreten, auf dem jetzt die Flamme des Lichtes nach dem ersten Aufschlagen kleiner wird und das Wachs schmilzt, um sich neue Nahrung zu suchen; und während ihr Schein immer mehr zusammensinkt, fühle ich, wie mein Schrecken und meine Angst immer größer werden. Ich gäbe viel darum, wenn ich noch wüßte, was ich dann gesagt habe. Ich fing nämlich in meiner Angst an zu sprechen. Ich glaube, ich versuchte es, mich zu entschuldigen. Ich weiß nicht mehr, was meine Lippen stammelten, es war jedenfalls in leisestem Tone, aber das weiß ich, daß ich plötzlich aufschrie und daß mein Schirm aus meiner Achselhöhle mit einem klatschenden Geräusch zu Boden fiel. Ich hatte gesehen, wie sich die Augen des auf dem Sofa – das hinter dem Tisch stand – Liegenden halb geöffnet hatten und sich halb von unten herauf mit einem entsetzlichen Ausdruck auf mich richteten.

Ich fange wieder an zu sprechen. Ich will hinaus, ich will fort, aber ich vermag es nicht. Ich sehe nur immer auf den daliegenden Menschen. Und plötzlich kommt mich der Gedanke an: der Mann ist tot!

Das Licht flammt langsam wieder auf und leuchtet nun stetig und hell durch das ganze hintere Zimmer. Ich zittere wie Espenlaub. Ich weiß gar nicht, was ich anfangen soll. Endlich, ganz langsam, mit dem letzten Aufgebot schwindenden Willens, trete ich zitternd etwas näher an den Tisch und sehe den Daliegenden an. Er regt sich nicht. Seine Stellung ist seltsam: lang ausgestreckt stemmt er den linken Fuß gegen die eine Seitenlehne des Sofas, während der andere herabhängt und durch den Tisch verdeckt ist. Der Kopf liegt hintenübergebeugt gegen die andere Seitenlehne, schlaff hängt der rechte Arm, von dem ebenfalls fast nichts sichtbar ist, nieder. Ebensowenig bemerke ich von der linken Hand, welche hinter den Rücken gehalten ist. Die ganze starke, hünenhafte Gestalt liegt wie eingerammt zwischen den Lehnen des Sofas. Sie ist mit einem langen, schwarzen Tuchrock bekleidet. Vom Kragen ist nichts sichtbar. Das glattrasierte Kinn hängt schwer über denselben herab. Das Gesicht ist groß, rohgeschnitten, fleischig und stark, das bartlose Gesicht eines dreißigjährigen Mannes. Die Stirn ist niedrig, das schwarze Haar kurz geschnitten, fast borstig und dicht. Wie die Augen, so ist der Mund halb geöffnet, wie von Schmerz verzogen, und läßt die Oberreihe schneeweißer, tadelloser Zähne sehen.

Die Augen sind entsetzlich! Halb offen, starren sie mich mit einem leeren, blöden, verglasten Ausdruck an, daß ich nicht mehr daran zweifeln kann: es sind die gebrochenen Augen eines Toten!

Und in diesem Augenblick, während ich mich vorbeuge über den Tisch, fühlt meine Hand wieder jenes Kalte, fast Feuchte, Weiche, und ich sehe etwas sehr Seltsames: vor mir auf dem Tisch liegt auf einem Bogen weißen Papiers ein dunkelbrauner, weicher Frauenhandschuh, ganz ausgebreitet, so daß sich jeder Finger scharf von der weißen Unterlage abhebt. Der kleine Finger fehlt an diesem Handschuh, und ist – und das ist das Unbegreifliche – ausgefüllt mit dem wirklichen Finger einer menschlichen Hand. Und dann – da, wo ihn das Leder umschließt, spannt sich über Leder und Finger ein schmaler Goldreif, gleichsam so, als hielte er den losen Finger in dem Handschuh fest.

Der Anblick dieser ungeheuerlichen Seltsamkeit brachte mich vollends außer Fassung. Es war mir, als müsse jeden Augenblick etwas ganz Unerhörtes, etwas Niedagewesenes sich ereignen: der Tote vielleicht aufspringen und mir den Handschuh ins Gesicht schleudern, oder irgend etwas Derartiges. Gepackt von einem schüttelnden Entsetzen, gehe ich Schritt für Schritt rückwärts zur Tür, klinke und schließe sie auf, mache sie draußen wieder zu, taste mich über den stockdunkeln Flur, fühle den Griff der Glastür in der Hand, drehe den Schlüssel herum, bin draußen im Treppenhaus und gelange in mein Zimmer auf dem gewohnten Weg. Ich zünde meine Lampe an, atme. Dann stürze ich zur Tür zurück und schließe ab.

Wie heimlich und still mir mein Zimmer erscheint! Auf dem Tisch liegen meine Bücher. Neuangekommene Briefe dazwischen. Habe ich denn eigentlich geträumt? Ich zittere. Ich möchte etwas tun und weiß nicht was. Dann läßt meine Aufregung nach. Ich setze mich nieder, um nicht umzufallen.

Dann – nach wie langen Minuten wohl? – nehme ich Mantel und Hut ab. Ich trockne mir die Stirn, welche kalt und mit Schweiß beperlt ist. Ich weiß noch, wie ich alles an Ort und Stelle hänge: Mantel und Hut. Die Gewohnheit. Dann muß ich mich abermals niedersetzen.

Und dann gab ich mir eine geradezu wahnsinnige Mühe, über das eben Erlebte nachzudenken.

Ich vermag es nicht. Ich schaudere noch immer so zusammen, daß ich meine Zähne aufeinanderschlagen höre. Stoßweise. Ich versuche meine Briefe zu lesen. Das Papier geht in meinen Händen in Stücke. Plötzlich vermisse ich irgend etwas.

Was denn? Ein eisiger Schauer durchrinnt mich von Kopf bis zu Fuß: mein Schirm!

Mein Schirm, der oben liegengeblieben ist! Und gleichzeitig: das Licht brennt dort noch! Dort – dort oben! Ich glaube wirklich, verrückt werden zu müssen vor Angst. Auf dem Schirmgriff steht mein Name. Morgen früh wird er dort gefunden werden.

Was tun? Was anfangen?

Wieder hinauf!

Aber woher dazu den Mut nehmen? Den Heldenmut, noch einmal dort oben dem Toten, diesen Augen, gegenüberzustehen?!

Nein, es ist unmöglich! Lieber auf der Stelle sterben! Ich glaube, so ist den zum Tode Verurteilten zumute in der Stunde vor der Hinrichtung.

Mit überwältigender Deutlichkeit sehe ich alles, was kommt, voraus. Immer deutlicher tritt die Notwendigkeit an mich heran, hinaufzugehen, meinen Schirm zu holen und das Licht zu löschen.

Es muß sein! Es muß auf alle Fälle sein!

Ich sehe nach meiner Uhr. Aber ich muß minutenlang auf das Zifferblatt sehen, um etwas zu erkennen. Endlich: es ist halb eins. Vor einer halben Stunde noch saß ich im »Pfauen« mit den Freunden. Wenn ich noch einmal dort hingehe und mir irgend jemand hole, um mir zu helfen? Aber es hat keinen Zweck; der »Pfau« schloß sich um zwölf hinter uns, seinen letzten Gästen.

Ich muß es allein tun! Ich muß! Ich muß! Ich muß!!

Plötzlich kann ich wieder denken. Der Notwendigkeit gegenüber befällt mich eine eiserne Entschlossenheit. Mit einem Ruck springe ich auf. Ich entledige mich meiner schweren Stiefel.

Um durch nichts in meiner freien Bewegung gehindert zu sein, werfe ich auch den Rock von mir. Dann richte ich alle meine Gedanken auf das Eine. Ich löse den Schlüssel der Glastür meiner Etage von seinem Ring, damit das Klappern mich nicht etwa verrät, oder mich – diesmal! – wieder stört.

Dann schließe ich meine Tür auf, und mit dem vollen Bewußtsein der Gefährlichkeit dessen, was ich zu tun beabsichtige, schleiche ich mich auf den Socken die Treppe hinauf. Die Türen hinter mir lasse ich offen. Ich stehe wieder vor der fremden Etagentür. Ich zittere, aber nur etwas. Ist sie unterdessen verschlossen? Nein. Ich klinke mit größter Behutsamkeit auf. Es ist alles stockdunkel. Wieder beginne ich zu tasten. Schritt für Schritt in atemloser Spannung. Ich stehe vor einer Tür. Ist es auch die rechte? Es ist einer der furchtbarsten Augenblicke meines Lebens, in welchem ich – alle Sinne auf das höchste angespannt – den Griff der Tür niederdrücke. Er gibt lautlos nach. Ich trete ein. Jetzt weiß ich, wo das Bett steht: dort – in der entgegengesetzten Ecke des meinigen. Die Tür bleibt hinter mir offen. Aber da werde ich mir plötzlich der enormen Unvorsichtigkeit bewußt, welche ich begangen: vorhin hätte ich mir bei einer Entdeckung mit der Entschuldigung helfen können, aus »Versehen« in ein fremdes Zimmer geraten zu sein. Jetzt aber: in Hemdsärmeln und auf Socken – –? Zu dieser Stunde – ? –!

Jedoch es ist keine Zeit mehr zum überlegen. Vorwärts! Schritt für Schritt. Ich trete auf etwas – es muß mein Schirm sein. Ich bücke mich, und während ich mit der linken Hand niedergreife, erfaßt meine rechte, vortastende zum drittenmal den Handschuh.

Ich weiß nicht, woher mir der Gedanke kam, ihn zu packen und nicht mehr loszulassen. Mit dem nassen Schirm in der linken und mit dem Handschuh in der rechten Hand gehe ich rückwärts. Ich sehe und unterscheide im ganzen Zimmer nicht das geringste.

Als ich wieder an der offenen Tür bin, überwältigt mich ein ganz neues, anderes Gefühl: das der kühlen, ruhigen Sicherheit. Keine Spur mehr von Angst und Grauen. Ich fühle instinktiv, daß ich gerettet bin. Und anstatt mich nun auf mein Zimmer zu schleichen und alle Anzeichen des Geschehenen zu vertuschen, tue ich etwas ganz anderes.

Ich habe oft darüber nachgedacht, wie dieses Gefühl zu erklären ist. Es ist sehr einfach. Wer hat nicht schon von Einbruchsdiebstählen gehört, bei denen die Diebe eine ganz staunenswerte Frechheit an den Tag gelegt haben? Bei denen sie sich in den Zimmern des Bestohlenen stundenlang aufgehalten, alles Eß- und Trinkbare an Ort und Stelle in vollster Lustigkeit verzehrt und genossen, und dann mit dem gestohlenen Raub sich fortgemacht haben? Sicher hatten sie diese Absicht nicht vorher. Aber ihr gelungener Raub machte sie sicher. In dieser Sicherheit wagen sie das Unerhörteste, das Äußerste.

Und mit dieser selben unerhörten Sicherheit gehe ich noch einmal in das Zimmer zurück, lege Handschuh und Schirm langsam und behutsam auf das Bett, trete an den Tisch und nehme mit einer Armstreckung über den ganzen Tisch das Glas fort, das vor dem Toten steht. Ihn selbst sehe ich gar nicht an. Ich trete an den Waschtisch, greife zur Wasserflasche und lasse ihren Inhalt das Glas füllen und den Rand überrieseln in das Waschbecken, dann gieße ich den ganzen Inhalt des Glases fast lautlos aus. Der geringe Rest gelblichbrauner Substanz – was für ein Gift ist es? – löst sich (das Licht wirft vom Tisch her seinen Schein gerade auf meine Hände) vor meinen Augen in der trüben, seifigen Wassermasse des Beckens unsichtbar auf. Ich halte das Glas gegen das Licht. Es ist völlig rein. Ich drehe es um, stelle es neben die halbgeleerte Flasche auf den Waschtisch hin. Bis morgen wird es trocken sein und für gänzlich ungebraucht gehalten werden.

Dann kehre ich zum Tisch zurück. Es liegen auf ihm nur das weiße Blatt, welches den Handschuh getragen, und einige Bücher. Kein beschriebenes Papier. Nichts dergleichen. Jetzt sehe ich auch noch einmal den Toten an. Aber gleichgültig, überdenkend, ja neugierig. Die Augen scheinen sich noch mehr geöffnet zu haben. Sie haben das Entsetzliche und Drohende für mich verloren. Ich nehme das Licht und hebe es höher, so daß sein Schein voll auf den Toten fällt.

Ich haßte ihn, obwohl er tot war! …

Dann stelle ich das Licht genau auf den Fleck, wo es gestanden hat, werfe einen Blick auf das Bett und die Tür, um die Richtung zu messen, blase dann die Flamme aus, und während das Zimmer wieder in schweigendem Dunkel liegt, gehe ich mit leisen Schritten auf das Bett zu, ergreife Schirm und Handschuh, dann zur Tür, leise sie schließend, über den Flur, und genau wie vorher: nur mit größerer Sicherheit und Vorsicht gelange ich wieder in mein Zimmer.

Wieder ist das erste, was ich tue, die Tür abzuschließen! Wieder das Aufatmen und wieder der Anfall von Schwäche, daß ich mich niedersetzen muß. Dann erst komme ich zu einem halben Bewußtsein dessen, was ich getan habe. –

Es war kalt in meinem Zimmer. Ich zündete eine Lampe an und suche nach einem Blatt Papier. Auf dem Blatt dann breitete ich sorgfältig und genau, wie es gewesen war, den Handschuh aus.

Plötzlich bemerkte ich etwas anderes. Der Finger war im Verhältnis zu den übrigen vier Fingern zu kurz. Oder vielmehr: er schien es zu sein. Jetzt mußte ich Gewißheit haben. Ich zog mit Anstrengung den Finger aus dem Handschuh. Der Ring fiel auf den Tisch. Ich griff zuerst nach ihm: es war ein völlig einfacher Goldreif, ohne Namen, ohne Datum, ohne Initialen, weder auf der Außen- noch Innenseite.

Mein Erstaunen wuchs immer mehr. Es wurde zur Begierde. Ich nahm den nun leeren Handschuh und betrachtete den Schnitt. Und mit einem ganz eigentümlichen Grauen sah ich: der Finger mußte von der mit dem Handschuh bekleideten Hand einer lebenden Person, und zwar dicht oberhalb des Ringes, der an diesem kleinen Finger saß, abgeschnitten sein! Erst nachdem der Schnitt – wie gesagt, ein meisterhafter Schnitt – vollzogen war, mußte der Handschuh von der Hand abgezogen sein und von dem Stummel des kleinen Fingers den Ring mit abgestreift haben. Auf diesen Gedanken kam ich, weil es offenbar war, daß der Schnitt an der mit dem Handschuh bekleideten Hand vollzogen war: zu genau paßten der Rand des Fingers und der Rand der Öffnung am kleinen Handschuhfinger aufeinander. Wäre der Finger des Handschuhs von dem leeren Handschuh abgeschnitten, sicher wäre nicht dieselbe minutiös genaue Stelle getroffen worden.

War diese Vermutung – die mir erst selbst absurd erschien – nicht richtig, dann gab es nur eine zweite Möglichkeit: der Finger war von der Hand einer erst heute gewaltsam gemordeten Person abgetrennt. Denn ich habe noch keinen gesehen, der Handschuhe anzieht, wenn es zum Sterben geht. Aber ich blieb bei meiner ersten Annahme – alles drängte mich zu ihr hin – und kombinierte weiter: erstens der Schnitt muß gegen oder mit dem gewaltsam erzwungenen Willen einer lebenden Person ausgeführt sein: bei einer freiwilligen Operation an der Hand zieht man gewöhnlich seine Handschuhe aus; zweitens der Schnitt muß mit überwältigender Schnelligkeit vor sich gegangen sein, sonst wäre der Handschuh vorher abgestreift worden; drittens durch einen leichten Zirkelschnitt oberhalb des Ringes muß zuerst der Lederfinger vom Handschuh getrennt worden sein. Warum? Weil er sonst noch an dem Finger säße oder doch – die Wahrscheinlichkeit sprach hier gegen die Zufälligkeit – auf dem Tisch des Selbstmörders sich hätte finden müssen; viertens ergibt sich hieraus die Weiterfolgerung, daß es sich um den Besitz des Ringes gehandelt haben muß, und nicht um den des Fingers. Und ganz offenbar war dieser mitgenommen, da man ohne den letzteren sich in der Eile nicht des ersteren bemächtigen konnte.

Genau verglich ich noch einmal Finger und Ring: fest, untrennbar fest mußte jener in diesen im Lauf langer Jahre hineingewachsen sein. So eng war der Ring, daß er für den Finger eines Kindes bestimmt gewesen sein mußte. Für diese Vermutung sprach ferner die Tatsache, daß der Ring von dem kleinen Finger der rechten Hand getragen worden war.

Als ich bis dahin Vermutung auf Vermutung, Folgerung auf Folgerung getürmt hatte, fiel mir ein, daß keine einzige unter ihnen mit voller Bestimmtheit auf meine hartnäckig festgehaltene Voraussetzung: der einer lebenden Person, hinwies. Alle diese Kombinationen trafen ebenso bei einer toten – allerdings erst kürzlich verschiedenen – Person zu. Dennoch mochte ich meinen ersten Gedanken nicht preisgeben. Ich wandte Handschuh, Ring und Finger hin und her und grübelte weiter.

Dann hatte ich plötzlich, was ich suchte: fünftens wäre der Finger von der Hand einer Toten abgenommen und wäre es dem Verstümmler nur auf den Ring angekommen, so hätte er den Finger rücksichtslos und ohne Anwendung dieser trotz der Schnelligkeit auffallenden Sorgsamkeit jedenfalls unterhalb des Ringes abgetrennt, um so in seinen Besitz zu gelangen. Daß er dies nicht tat und das Messer genau oberhalb des Ringes ansetzte, daß er die Muskeln des Handknöchels – der Ring mußte dicht an diesem gesessen haben – schonen wollte, und daß es ihm nur darauf ankam, den Ring, der nicht von der Hand lassen wollte, zu bekommen, das zeigte –

Aber halt, was sagte mir, daß dem so war?

Konnte der Wunsch oder der Befehl nach dem Ring nicht nur ein Vorwand gewesen sein, diese vielleicht geliebte Hand zu verstümmeln? Und mit der Hand den Körper? Und ein ganzes Leben?

Bis hierher hatte ich ziemlich klar und stetig gedacht, wie in einer Art von Fieberanfall. Oder in einem Anfall von Wahnsinn?! Es mußte schon sehr spät sein. Es war noch kälter im Zimmer als vorher. Ich schauerte zusammen. Und plötzlich fange ich an, in die Stille, welche um mich war, hineinzulachen und sage ganz deutlich:

– Du bist verrückt. – Ich werfe alles von mir: Ring, Handschuh und Finger.

Eine so überwältigende Müdigkeit erfaßte mich, daß ich mich zurücklegte und einschlief.

Frostzitternd erwachte ich am nächsten Morgen. Es war hell im Zimmer geworden, die trübe Helligkeit eines regnerischen Septembermorgens. Ich fühlte wohl, daß irgend etwas vorgegangen war mit mir am vorhergegangenen Abend. Aber mein Kopf war wüst und schwer. Ich entkleidete mich und ging zu Bett, um sofort wieder einzuschlafen.

Gegen zehn Uhr aber erwachte ich wieder. Ich hatte im Traum einen Schrei gehört. Im Haus herrschte Bewegung, über meinem Kopf das eilige Umhergehen vieler Füße. Langsam fiel mir wieder alles ein, die Angst kam wieder. Was sollte nun werden? Doch ich stand auf und zog mich an. Meinem Tisch kam ich dabei nicht nahe. Dann entschloß ich mich, meine Wirtin zu rufen. Als sie schon in der Tür – mit dem Frühstücksbrett in der Hand – war, raffte ich mich zusammen und verschloß in meinen Schreibtisch, was sie nicht (und keiner) sehen sollte.

Ich drehte ihr gleichzeitig den Rücken zu, damit sie meine Erregung nicht bemerken sollte. Aber sie fing sofort mit der hausbewegenden Neuigkeit an: der Herr, der über mir wohne und erst gestern eingezogen sei, sei soeben tot aufgefunden worden. Die Polizei sei schon oben. Sie sagten, es müsse ein Schlaganfall gewesen sein. Ob ich gestern abend denn nichts gehört habe?

Nein, ich sei erst spät nach Haus gekommen.

Sie ging hinaus und ich versuchte meinen Kaffee zu trinken. Mir war zumute, als müßten sie gleich kommen und mich wegen Mordes festnehmen.

Nach fünf Minuten war das Weib schon wieder da. Die Leiche sei schon fortgetragen. Man habe nichts gefunden als einen kleinen Koffer. Noch wisse keiner, wer er sei, der Tote.

Woher ich den Mut nahm, in diesem Augenblick zu sagen: »Vielleicht hat er einen Selbstmord begangen?« das weiß ich heute nicht mehr.

– Womit denn? Da müsse doch irgendwo ein Revolver oder die Überreste von Gift gefunden sein. Der Herr Polizeikommissar habe gesagt, es sei ein Schlaganfall gewesen.

– Nun, wenn der Herr Polizeikommissarius es gesagt hat, dann wird es wohl so sein.

Ich war sehr unruhig. Die folgenden Tage habe ich nach Anbruch der Dunkelheit keinen Schritt mehr vor das Haus zur großen Entrüstung und Verwunderung meiner Freunde im »Pfauen« getan, welche allabendlich vergeblich auf den treuesten Gast ihrer Tafelrunde warteten. Man hielt mich für krank, und ich glaube, ich war es auch.

Dagegen saß ich jeden Abend bis spät in die Nacht hinein und horchte hinauf, als müsse sich dort immer noch etwas ereignen. Zwei Tage blieb alles still. Am dritten zog ein neuer Chambregarnist ein, und die Leute im Hause begannen bereits das aufregende Ereignis zu vergessen.

Am vierten Tage nach jener Nacht las ich in der Zeitung die folgende Notiz: »Heute wurden auf dem Friedhof unserer Stadt die Überreste eines völlig unbekannten Mannes zur Ruhe bestattet, welcher vergangenen Donnerstag morgen in seinem Zimmer der …straße tot aufgefunden wurde. In der Hinterlassenschaft des Toten wurde nicht das geringste gefunden, was über Namen und Herkunft desselben hätte Aufschluß geben können. Die vorgenommene Untersuchung hat als Todesursache Herzschlag ergeben und gleichzeitig den Verdacht eines Selbstmordes als völlig unbegründet erwiesen. Es wiesen keine Spuren auf einen solchen hin, und so wurde von einer Sektion der Leiche Abstand genommen.« In derselben Nummer stand eine Aufforderung der Polizeibehörde zur Meldung an jeden, der über die Person und die Verhältnisse des Fremden Auskunft geben könne und so weiter. Andernfalls müsse über die wenigen hinterlassenen Kleidungsstücke und Bücher desselben innerhalb der und der Zeit verfügt werden.

Ich las diese Notizen mit lächelnder Gleichgültigkeit, so fest war ich davon überzeugt, daß nur ich und noch eine einzige zweite Person in dieser ganzen Stadt imstande gewesen wäre, zur Aufklärung dieses Ereignisses beizutragen. Und wir beide würden schweigen, das stand fest.

Ich kündigte mein Zimmer, und acht Tage darauf wohnte ich in einem anderen Teil der Stadt. Acht Wochen später schon hatte ich dieselbe überhaupt und für immer verlassen.

Aber an manchem Abend nach jenem habe ich Handschuh, Ring und Finger vor mich auf den Tisch gelegt und stundenlang mit ruheloser Phantasie das Rätsel dieses Trio zu lösen gesucht. Und wenn ich den Finger betrachtete – diesen feinen, schmalen, fast dünnen Finger mit dem mandelförmig geschnittenen rosigen Nagel, der zarten, durchsichtigen Haut, dann zauberte mir die erregte Phantasie die Hand vor Augen, die schmale, schöne, vielleicht oft geküßte Frauenhand, zu der er gehört hatte, und den Arm und die Rundung der Schultern, und die Biegung des Halses, und ein schönes, aber schmerz- und angstverzerrtes Antlitz, über welches sich jenes brutale und grausame beugte, jenes, das ich in jener Nacht gesehen.

In den ersten Tagen war der Finger frisch und unverändert, dann trocknete er ein und die Haut schrumpfte zusammen. Und dann wurde mir die Geschichte langweilig, wie alles auf der Welt uns einmal langweilig wird, und ich packte Handschuh, Ring und Finger sorgfältig in Watte ein – und vergaß sie.

Aus: John Henry Mackay: Zwischen den Zielen – Kapitel 2 – Behrendt-Verlag, Karl M. Fraass – 1947

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

error: Content is protected !!
%d Bloggern gefällt das: