Johann Thieme: Das alljährliche Personalgespräch – Von Belohnung, Bestrafung und einem gelben Pullover

Ich hatte letzte Woche das alljährliche Personalgespräch welches sehr gut verlaufen ist. Fast zu gut. Ich werde nun von meinem Arbeitgeber belohnt: mit einer Weiterbildung. Ich will aber keine! Ich brauche auch keine, denn ich mache den Job immerhin schon 12 Jahr. Ich habe keine Lust darauf, am Abend noch „die Schulbank zu drücken“. Immerhin: Das Angebot ist sehr breit… es muss nicht unbedingt etwas mit meinem Bereich zu tun haben. Möglich sind auch Kurse unter “Allgemeines” wie Stressmanagement und ähnlichen Laberfächern. Wie gesagt: Ich habe keine Lust dazu. Wozu soll das gut sein? Wie komme ich um den ganzen Mist herum ohne den Chefs vor den Kopf zu stoßen? Hermann, 49

people-312122_1280_Personal_ (2)Lieber Hermann,

Johann Thiemeich kann verdammt gut verstehen, dass Sie das furchtbar nervt. Natürlich weiss ich schon, dass Sie und ich mit dieser Meinung ziemlich allein auf weiter Flur stehen, weil die meisten Menschen sehr gerne ab und an die Schulbank am Abend drücken. Ob der Vorteil darin besteht, dass man dann mal wieder einen Abend für sich alleine und einen guten Grund, Zuhause abzuhauen hat, oder ob es wirklich ums Lernen geht, sei mal dahingestellt. Aber auch ich lerne nicht gerne auf Vorrat und auch ich finde diesen Trend vom ewigen Weiterbilden ohne Sinn und Verstand bescheuert. Weil es oft genug einfach übers Ziel hinaus schiesst, wenn man etwas lernt, was man danach nie anwenden kann. Und mal ganz ehrlich; die meisten Kurse, die ich je besucht habe waren grottenschlecht. Da hätte mir das Fachbuch locker gereicht. Wohin dieses sinnlose Pauken führen kann, habe ich kürzlich im ICE von Köln nach FFM erfahren und nachhaltig eingeprägt.

Da saß ich also am frühen Abend in einem unerwartet leeren Zug. Kaum hatten wir die Domstadt verlassen, da kamen die Kontrolleure durch den Gänge. Die  Gunst der Stunde des praktischen leeren Zuges stellte eine Frage, die ich mir insgeheim schon lange stelle. Die Frage war schlicht und trotzdem nicht einfach: “Wie machen Sie es, dass sie auch auf langen Strecken mit vielen Stopps genau wissen, wen Sie noch kontrollieren müssen und wen Sie bereits kontrolliert haben? Warum wird man höchst selten doppelt kontrolliert und praktisch gar nie gar nie?”

Die beiden Zugbegleiter – ein Mann und eine Frau – waren gern bereit, mich aufzuklären. Die Frau erklärte mir kurz und bündig, dass sie sich jeweils die leeren Plätze merkt. Es fällt ihr dann leicht auf, wenn jemand Neues dasitzt, der noch kontrolliert werden muss. Sie beendete ihre Ausführung, wünschte mir eine gute Weiterfahrt und verschwand in den nächsten Wagen. Ihr männlicher Begleiter blieb stehen, zupfte seine Uniformjacke zurecht, lehnte sich etwas lässig-steif an die Lehne und setzte zu seiner Antwort an, die erst kurz vor Frankfurt/Main endete und die ich hier gerne in Form des direkten Gespräches wiedergeben will, der Dramatik wegen.

Zugbegleiter: Wir arbeiten ganz eng mit Psychologen zusammen und mit eigenen Profilern.

Ich: Ach wirklich? Krass. Mit echten Profilern, wie man Sie vom Fernsehn kennt?

Zugbegleiter: Ja, genau.

Ich: Das überrascht mich jetzt. Ich hatte ja eher damit gerechnet, dass auch die Interaktion zwischen dem Fahrgast und dem Schaffner eine Rolle spielt. Ob er wegschaut, oder in seiner Tasche kramt oder so.

Zugbegleiter: Nein, das spielt keine Rolle. Darauf dürfen wir uns hier nicht verlassen, wo denken sie hin! Jeder von uns hat sein eigenes System, dass er selber entwickelt über die Jahre. Schauen Sie, ich bin ja auch nur ein Mann! Und was denken sie, was fällt mir bei ihnen auf?

Ich: Ähm, ja… mhmm… keine Ahnung. Was fällt ihnen denn auf an mir?

Zugbegleiter: Sie sind attraktiv und ja auch auffällig, müssen sie wissen! So einen rosa Pulli mit einem lila Polo darunter, das sieht man hier höchst selten! Diese Farbkombination! Sehr gelungen, aber auch sehr ausgefallen! Aber, Sie können das mit ihren hellen Augen wirklich gut tragen. Das kann ja nicht jeder. Das steht den allermeisten gar nicht gut. Macht schnell käsig im Gesicht. Aber sie tragen das wirklich gut, diese hellen und fröhlichen Farben. Ich bin überzeugt, sie sind ein Frühlingstyp!

Ich: Was bin ich?

Zugbegleiter: Sie sind ein Frühlingstyp!

Ich: Aber es ist doch Herbst.

Zugbegleiter: Aber das hat doch damit nichts zu tun! In der Farbtypenlehre unterscheidet man zwischen 4 Typen beim Mann und 4 plus 2 Typen bei der Frau. Beim Mann spricht man von Frühling – Sommer – Herbst – Winter, während es bei der Frau noch weitere Unterkategorien gibt, wissen sie. Die Frauen brauchen es halt mal wieder etwas komplizierter, nicht wahr, hehe. Aber Sie sind mit Sicherheit ein Frühlingstyp, so wie ich selber auch. Kein anderer kann diese Pastellfarben so gut tragen, ohne dabei bleich zu wirken. Gut, die Hose, die ist eigentlich zu düster. Die gehört zu einer anderen Typ-Palette, aber es passt ja trotzdem irgendwie.

Ich: Sie sind ja aber auch ganz düster angezogen!

Zugbegleiter: Aber das ist doch meine Uniform, ich habe doch gar keine Wahl! Ich wäre ja eigentlich auch ein Frühlingstyp, aber in meinem Job kann man halt nicht tragen, was man will… Privat kann ich da schon mehr darauf achten, aber bei der Arbeit muss ich mich unterordnen, leider.

Ich: (mitleidiges Nicken, allgemeine Sprachlosigkeit)

Zugbegleiter: Wir haben ja einen Chinesen im Team, der ist sowas von geschult auf Gesichter, der erkennt sogar Brüder!

Ich: Ja aber ist das denn wichtig um zu wissen, wen man schon kontrolliert hat? Ich verstehe den Zusammenhang jetzt nicht so richtig, wenn ich ehrlich bin.

Zugbegleiter: Aber sicher ist das wichtig! Wie wollen Sie sonst herausfinden, ob es sein Abo ist, mit dem er fährt? Was meinen sie, wie oft fährt der jüngere Bruder mit dem Abo des Grösseren und meint, wir merken es nicht!?!

Ich: AHA! Sie reden vom Schwarzfahren, jetzt kann ich folgen. (Endlich)

Zugbegleiter: Ja aber sicher! Dafür muss man eine Auge haben! Wir Europäer können die Asiaten ja kaum unterscheiden, für uns sehen ja alle gleich aus. Klar haben die einen etwas rundere (formt mit den Händen einen Kreis und sucht nach einem Wort)…

Ich: Köpfe?

Zugbegleiter: Nein, Augen! Die einen haben ja eher rundere Augen und die anderen eher Schlitze, aber eigentlich sind die doch alle sehr ähnlich für uns. Aber der Chinese bei mir im Team, dem macht keiner was vor, das kann ich ihnen sagen! Also ich hatte ja auch eine Beziehung zu einer Chinesin, 8 Monate lang, jetzt sind wir getrennt, hat dann doch nicht gepasst. Aber ich habe viel gelernt! Ich kann inzwischen auch gut unterscheiden zwischen Japanern, Chinesen und anderen Asiaten! Aber ich sage ihnen: sobald ein Chinese längere Zeit in Thailand lebt, können sie den nicht mehr von den Thais unterscheiden, ehrlich! Die gleichen sich an, unglaublich. Und dann kommt ja noch was anderes dazu: Sie entwickeln mit den Jahren ja auch Intuition, wissen sie. Also ich mache den Job ja schon ewig und ich kann ihnen sagen, ich weiss schon früh am morgen, noch bevor ich den Zug übernehme, ob es Ärger geben wird mit dem Zug, oder nicht. Noch bevor ich den Zug betrete, weiss ich haargenau, ob ich es mit Schwarzfahrern zu tun haben werde, oder nicht. Es gibt sogar Nächte, da schlafe ich nicht und dann ist es vollkommen klar, dass ein schwieriger Zug auf mich zukommt, am nächsten Morgen.

Ich: Aber dann wäre es doch das beste, gar nicht erst hinzugehen, zur Arbeit, nicht?

Zugbegleiter: Wo denken Sie hin! Das geht doch nicht. Ich kann nicht einfach Zuhause bleiben, nur weil ich weiss, dass ich einen schwierigen Zug übernehmen muss! Das geht in unserem Job nicht, da muss man antraben, egal was auf einen zukommt! Aber sagen Sie jetzt mal ehrlich: Sie haben Zuhause einen gelben Pullover!

Ich: Gelb, mhmm, nein. Na ja, also keinen knallgelben. Aber einen senfgelben habe ich schon.

Zugbegleiter: Sehen sie, habe ich es doch gewusst! Er ist ein Frühlingstyp! Sonst hätten Sie nie und nimmer einen gelben Pullover im Schrank! Das ist der Beweis!

Ich: Aha, ja, ok. Aber sagen Sie mal: lernen Sie das eigentlich alles bei der DB?

Zugbegleiter: Aber nein, wo denken Sie hin! Ich bilde mich weiter, auch neben dem Job. So, jetzt muss ich aber weiter, ich habe auch noch andere Fahrgäste, die ich kontrollieren muss. Auf Wiedersehen und eine gute Fahrt weiterhin!

Ich: Danke gleichfalls.
trennlinie2Lieber Hermann. Fragen Sie Ihren Vorgesetzten doch einfach bei der nächsten Kaffeepause, ob er Zuhause einen gelben Pullover besitzt und philosophieren Sie etwas über seine Augenfarbe. Und wenn er sich über Ihre Verhalten wundert, dann erzählen Sie ihm, dass Sie mit dem Gedanken spielen, einen Farb-Typ-Beratungskurs zu besuchen, der ja dem ganzen Team zugute käme. Ich vermute, dass das Thema Weiterbildung damit für die nächsten Jahre gegessen sein sollte.

Alles Gute und herzlichen Gruss. Ihr Johann Thieme

1 Kommentar zu “Johann Thieme: Das alljährliche Personalgespräch – Von Belohnung, Bestrafung und einem gelben Pullover

  1. cat

    Hallo Herr Thieme,

    ein schöner Beitrag, der mich zum Schmunzeln gebracht hat.

    Kollegiale Grüße
    Cat von Cats Couch

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