Johann Peter Hebel ¦ Die Arche Noah und der Esel

Johann Peter Hebel ¦ Die Arche Noah

Einmal saß eine Gesellschaft beieinander, Alte und Halberwachsene. Unter den letzteren war einer, ein Herr von Osten, der das goldene Sprüchlein, das im Buche Sirachs steht, nicht beherzigte: »Ein Jüngling mag reden, einmal oder zweimal, so man ihn fragt. Und wenn er redet, soll er’s kurz machen«, sondern er sprach viel und fuhr einem alten Herrn mit seiner grünen Weisheit über den Mund.
So kamen sie von ungefähr auf die Sintflut und Noahs Arche zu sprechen. Da meinte der junge Herr: das sei kurios, dass in einen solchen Kasten, der nur dreihundert Ellen lang, fünfzig breit und dreißig hoch gewesen sei, so viel Tiere hinein gekonnt hätten. Und nun gar das Futter für sie alle! Er sei auf Schulen gewesen und glaube so was nicht, und was dergleichen Reden mehr waren.
Die Gesellschaft hörte eine Weile zu, da erhob sich ein alter Herr, tat einige Züge aus seiner Pfeife und sagte: »Junger Herr von Osten, ich will Euch was erzählen. Als Noah die Arche auf Gottes Befehl gebaut, da versammelte er die Tiere, Männlein und Fräulein. Er rief dem Kamel vom Süden: ‚Kamel, komm!‘ und es kam und wanderte hinein. Er rief dem Bär von Norden: ‚Bär, komm!‘ und ohne Brummen ging er hinein. Und dem Tiger vom Westen: ‚Tiger, komm!‘ und ohne Widerstand ging er hinein. Da rief er auch dem Esel vom Osten, aus der Tartarei: ‚Esel, komm!‘ aber der Esel war stutzig und sagte: ‚Das ist mir eine kuriose Sache mit diesem Kasten. Nur dreihundert Ellen lang und fünfzig breit und dreißig hoch – dazu all das Futter für uns alle. Ja, das Kamel, der Bär, der Tiger – das sind dumme Tiere, aber für unsereinen, der studiert hat, ist das unglaublich.‘
Da stand Noah auf (und der alte Herr auch) und ging hin zum Esel (und der alte Herr zum Junker) und nahm ihn an seinem schönsten Ohr und zupfte ihn dreimal (und so tat der alte Herr auch) und sagte: ‚Esel, räsoniere Er nicht, sondern marschiere Er nur hinein.‘ So kam’s, dass alle Tiere Platz fanden – und die Esel sind nicht mit ersoffen, sondern sie leben heute noch und fressen Disteln.«

Darauf wurde der Junker still und er war bald im Stillen fortgeschlichen.

trennlinie2

Die Arche Noah | Aus: Schwank und Scherz für Haus und Herz – Johann Peter Hebel

Johann Peter Hebel (1760 – 1826) war ein deutscher Schriftsteller, Theologe und Pädagoge. Aufgrund seines Gedichtbands Allemannische Gedichte gilt er gemeinhin als Pionier der alemannischen Mundartliteratur. Sein zweites bekanntes Werk sind zahlreiche, auf Hochdeutsch verfasste.

Es würde uns freuen, wenn Sie einen Kommentar hinterlassen. Wie hat Ihnen der Artikel gefallen?

error: Content is protected !!