Janosz Rehbaum: Über die Notwenigkeit des Vorwurfes in Kunst, Musik & Literatur

Der Vorwurf in der Kunst

Der Vorwurf (Welch doppelter Wortsinn!) eines Kunstwerkes kann einfach der Stoff sein, aus dem das Kunstwerk gearbeitet ist, die schwere Materie, an der sich die Kraft, das Können, die Leistung bewährt – Vorwurf kann aber auch das Ideal sein, das nie zu erreichende Vorbild, und ein solches ist oft das Leben selbst. Dieses ist aber schon deshalb nie mit reinen Mitteln der Kunst ganz erreichbar, weil das Leben sich auch in seinen kleinsten Teilen nie wiederholt und daher auch das banalste Geschöpf in gewissem Sinne durch das Leben monumentalisiert wird. Zu jedem literarischen Kunstwerk gehört aber notwendig das Element der Wiederholung, da die Sprache sich in den Worten notwendig wiederholt.

Strickliesel - Foto: Efraimstochter MW
Strickliesel – Foto: Efraimstochter MW

Vorwurf ist der Knäuel buntfarbiger Wolle, den das spielende Kind oder die tolle kleine Katze vor sich hinwirft und dem sie beide nachjagen, bestrebt, den rollenden Knäuel zu packen, den Faden zu spannen – ob er reißt oder nicht, ob die verwickelten Fäden sich entwirren, ob der Knoten sich löst in dem gleichen Maße, als die ermüdenden Spieler dem Ende näher kommen – das alles wird zu dem gleichen Problem, das alles sammelt sich zum gleichen Vorwurf für die darstellende, das heißt entwickelnde, für die lebende, das heißt: Leben spielende Kunst.

Der Stoff an sich bedeutet nicht viel

Der Stoff an sich bedeutet nicht viel: weder das Thema in der Musik noch die Anekdote in der Novelle, der Gegenstand im Bilde oder die Welt im Romane – nichts von diesen Dingen macht als solches den Meister. Der Meister macht sie. Er bewährt sich gerade in der Überwindung des Themas. Sind wir einmal auf die Höhe geführt und so bezwungen, dass wir nicht mehr wissen, ob der Faden des rollenden Knäuels grob oder fein ist, ob er sich schnell oder langsam entwirrt, ob wir überhaupt ein Ende absehen können oder nicht, ob die Farbe verblasst, ob der Sinn entgleitet – ist das Thema selbstverständlich geworden, dann bleibt nur der Rhythmus, der dem großen Weltrhythmus ebenbürtig ist: als jüngerer, zarterer, menschlicherer Bruder. Man erlauscht das höhere Gesetz, angedeutet, wenn auch nicht erschöpft, im immerhin irdischen Gegenstande.

René François Xavier Prinet - 1901 - Sonata Kreutzer, óleo sobre lienzo
René François Xavier Prinet – 1901 – Sonata Kreutzer, óleo sobre lienzo

Die Themen großer Meister sind oft nicht ungewöhnlich. Beethoven hat in seinen herrlichsten Werken Tonfolgen, die, wenn man sie vom Rhythmus loszulösen versucht, an sich nichts sagen. Das Thema des Schlusssatzes der Kreutzersonate ist solch selbstverständliches, fast mechanisch hingehämmertes Quartenmotiv. Was sollte daran zu Tränen rühren, was könnte bis an den Urgrund der Seele ergreifen?
Aber der Rhythmus, angehalten, zitternd, beherrscht, und dann mit einem Male, ohne Kraft zum Widerstand gewaltig hinüber geschleudert in die weltliche Woge des Gefühls – das weckt uns, rüttelt und ruft, und hier beginnt der Meister. Hier endet er nicht. Mit der Unterscheidung zwischen banalem Thema und genialem Rhythmus ist nur ein Teil des Geheimnisses entschleiert. Das wahre, das letzte Geheimnis folgt zwar dem Gesetz, aber aussprechbar ist es nicht ganz. Wenn man diese Sonate hört, dann bleibt aus jedem Takte etwas zurück, aus jeder Tonfolge entsprießt auch eine Tonvoraussetzung, aus jeder Frage kommt eine Lösung, selbst die letzte Lösung ist nicht das Ende. Denn der Knäuel des vorgeworfenen Vorwurfes bleibt nicht, was er war, er wandelt sich, er fasst uns selbst, die wir lauschen, in sich, wir müssen folgen, er wächst an unserer Brust, wie sie sich weitet, er verengt sich mit der Angst unseres Herzens, wenn er näher, härter dringt an das innerste, zarteste, unverletzlichste Geheimnis unserer wahren Existenz.

Das Wesen des Vorwurfs in der Erzählung

Nicht weniger vielfältig ist das Wesen des Vorwurfes in der Erzählung. Dieser lässt sich hier zwar scheinbar leichter eingrenzen, weil die Erzählung in der Sprache wirkt, die unser gewöhnliches, um nicht zu sagen gemeines Kleid bildet, aber es ist nicht das Gemeine am Sprachgebrauch, woran die Erzählung zum Kunstwerk wird. Die Sprache muss erst erhaben werden, und jede Verehrung der Sprache ist Sache der Kunst. Was man national nennt, wird sich nie trennen lassen von dem, was man Literatur nennt.
Eine Nation lebt, blüht, stirbt und vergeht in der Sprache. Sie lebt nicht einen Augenblick länger, noch kürzer als die Sprache. Es hat keinen Sinn, von toten Völkern zu sprechen, solange ihre Sprache von lebenden Menschen verstanden wird. Es mag lebensfähige Stämme auf irgendwelchen Inseln geben, die somatisch, vital, sportlich genommen, alles in Schatten stellen, was unser angeranzter Kontinent heute erzeugt und erzieht, lebend sind diese Stämme deshalb doch nicht, nicht lebender jedenfalls als die großen alten Griechen, die geheimnisvollen, versunkenen Peruaner, die dämonisch deutenden Babylonier, die weisen toten Ägypter.

Schon im Titel eines Kunstwerkes liegt ein Vorwurf

Das Wesen jeder lebenden Sprache ist eng verknüpft mit dem Wesen jeder Form und auch mit dem des Vorwurfes. Schon im Titel eines Kunstwerkes liegt ein Vorwurf. Wer den Titel liest, sieht etwas vor sich, er sieht etwas dahinter, und Sache des Schöpfers ist es dann, dieses »Vor sich sehen«, dieses »dahinter blicken« dem Nachschöpfer (dem Interpreten), dem Leser klar und überwirklich zu machen.

Claude Lorrain (1604/1605–1682) - Port Scene with the Departure of Odysseus from the Land of the Pheacians.
13(1604/1605–1682) – Port Scene with the Departure of Odysseus from the Land of the Pheacians.

Wenn wir als Mitteleuropäer, als Menschen des Binnenlandes nicht gewohnt sind, angesichts des Meeres zu arbeiten und zu feiern, zu wachen, zu altern und zu sterben, und wenn wir dennoch die Leiden, die Fahrten und Glücksaugenblicke eines Odysseus begreifen, was bedeutet das anderes, als dass nun lange nicht mehr der Stoff, das Thematische, also auch nicht das im engen, körperlichen Sinn Nationale an der Odyssee ergreift, ängstigt und beglückt, sondern nur das »Hinter-den-Dingen«, das außer und unter dem Meere liegende.
Nicht das Offensichtliche, nicht die Materie, nicht der Vorwurf sind es, nicht das entwickelte Knäuel, das doch nur aus irdischen Fäden gewebt ist, sondern der Schicksalssinn, der Wechsel zwischen Tag und Nacht, zwischen den stolzen Geschicken vor Troja und der schmachvollen Verkleidung des heimkehrenden Dulders als Schweinehirt, zwischen der kühn eroberten Fremde und der langen Pilgerfahrt, der fast verlorenen Heimat. Auch hier ist der Schluss kein Ende. Zwar ist alles im Sinne des restlos aufgerollten Knäuels und des geordneten Fadens scheinbar zu Ende: der zum Manne gereifte Odysseus ist alternd heimgekehrt, hat seine Frau wiedergewonnen, den Sohn in die Arme geschlossen, dem uralten Vater zu Füßen gelegen; nun ist er im Begriffe, inmitten der älteren und der jüngeren Generation in Frieden zu enden.

Woodcut illustration (leaf [g]4r, f. liiij) of Odysseus's return to Penelope, hand-colored in red, green, and yellow, from an incunable German translation by Heinrich Steinhöwel of Giovanni Boccaccio's De mulieribus claris, printed by Johannes Zainer at Ulm ca. 1474 (cf. ISTC ib00720000). One of 76 woodcut illustrations (1 on leaf [e]8v dated 1473), each 80 x 110 mm., depicting scenes from the life of the women chronicled (for a full list of subjects, cf. W.L. Schreiber, Handbuch der Holz- und Metallschnitte des XV. Jahrhunderts (Nendeln: Kraus Reprints, 1969), no. 3506). "Pour la première moitie le nom se trouve inscrit à côte de la tête de chaque femme, pour le reste il es ajouté entre les deux réglettes. Il n'y en a que trois, qui n'ont qu'un seul trait carré."--Schreiber. Established form: Zainer, Johannes, ‡d d. 1541?. Established form: Odysseus (Greek mythology) Established form: Penelope (Greek mythology) Penn Libraries call number: Inc B-720
Woodcut illustration (leaf [g]4r, f. liiij) of Odysseus’s return to Penelope, hand-colored in red, green, and yellow, from an incunable German translation by Heinrich Steinhöwel of Giovanni Boccaccio’s De mulieribus claris, printed by Johannes Zainer at Ulm ca. 1474 (cf. ISTC ib00720000). One of 76 woodcut illustrations (1 on leaf [e]8v dated 1473), each 80 x 110 mm., depicting scenes from the life of the women chronicled (for a full list of subjects, cf. W.L. Schreiber, Handbuch der Holz- und Metallschnitte des XV. Jahrhunderts (Nendeln: Kraus Reprints, 1969), no. 3506). „Pour la première moitie le nom se trouve inscrit à côte de la tête de chaque femme, pour le reste il es ajouté entre les deux réglettes. Il n’y en a que trois, qui n’ont qu’un seul trait carré.“– Schreiber. Established form: Zainer, Johannes, ‡d d. 1541?. Established form: Odysseus (Greek mythology) Established form: Penelope (Greek mythology) Penn Libraries call number: Inc B-720

Der Rhythmus der sich wandelnden Sterne

So aber dichtet vielleicht Goethe, nicht aber der überirdisch vor Leben strotzende Genius Homers. Der Rhythmus der sich wandelnden Sterne, der Schicksalssinn von Ebbe und Flut, von Gebären und Sterben ist in der Welt nicht zu Ende, wie sollte er in dem Kunstwerk zu Ende sein? Odysseus macht sich von neuem auf. Eine neue, unabsehbare Lebensdichtung hat er vor Augen, nämlich so lange zu wandern auf der wandernden Erde, bis er Menschen erblickt, die sein auf der Schulter getragenes Ruder nicht kennen und als Schaufel ansehen. Jetzt erst ist der Vorwurf überwunden, die menschliche Welt, die menschliche Beziehung hat sich aufgelöst in einer übermenschlichen Wirklichkeit. Hier erst bewährt sich hohe Kunst.

0 Kommentare zu “Janosz Rehbaum: Über die Notwenigkeit des Vorwurfes in Kunst, Musik & Literatur

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

error: Content is protected !!