Isolde Kurz über das Leid mit dem KONJUNKTIV • hätte•könnte•wollte

DER KONJUNKTIV

Isolde Maria Klara Kurz (* 21. Dezember 1853 in Stuttgart; † 6. April 1944 in Tübingen) war eine deutsche Schriftstellerin und Übersetzerin.
Isolde Maria Klara Kurz (* 21. Dezember 1853 in Stuttgart; † 6. April 1944 in Tübingen) war eine deutsche Schriftstellerin und Übersetzerin.

Wenn ich einen neuen Roman oder eine Zeitschrift zur Hand nehme, so kann ich kaum eine Seite lesen, ohne auf Sätze zu stoßen wie diese: »Ihm schien, dass er auf hohem Berge stand« – »Da war’s, als ob eine Stimme zu ihr sprach«, oder: »Er machte eine Bewegung, als verdross ihn ihr Vertrauen«. Ahnt der Verfasser je, was ein kultiviertes Ohr bei solchen Sätzen leidet? Es ist ja nicht nur das ästhetische Gefühl, das sich empört – o nein, die Beleidigung geht tiefer. Man sieht der Muttersprache Wunden schlagen, die vielleicht in kurzem unheilbar sein werden, und muss wehrlos zusehen. Wenn es noch aus Unwissenheit geschähe! Aber man fühlt in den meisten Fällen eine Absicht durch, man merkt, dass der Schriftsteller, der, wie mir auffiel, fast immer vom Norden stammt, sich gewissermaßen vor dem Konjunktiv geniert, gleichsam als ob er ihn zu reserviert, zu aristokratisch fände, denn man geht ja gerne so recht gemütlich in Hemdärmeln. Oder erscheint ihm der vornehme alte Herr vielleicht nicht laut, nicht »schneidig« genug, hält er ihn wohl gar für einen armen Schulmeister, dass er meint, ihn mit dem Ellbogen vom Trottoir stoßen zu dürfen? So viele Opfer an grammatischen Formen, auf denen doch die Kraft und die geschmeidige Sicherheit einer Sprache ruhen, hat uns die Demokratisierung der Literatur schon gekostet. Und nun soll gar der Konjunktiv fallen? Will man denn das Deutsche zur Negersprache machen? Der geistig gesunde Mensch unterscheidet doch zwischen Wirklichkeit und Vorstellung, zwischen dem tatsächlichen und dem eingebildeten Vorgang. Soll dieser Unterschied aus der Sprache verschwinden? Fühlt man denn nicht, welche Verarmung und Verrohung es ist, wenn man immer mehr Begriffe durch dieselbe Form ausdrückt und immer mehr Nuancen verwischt? Und dass dabei am Ende auch der Geist seine Unterscheidungsfähigkeit verliert und zusammen mit der Sprache abstumpft? Warum dachten die Griechen so fein und scharf, als weil sie eine so fein und scharf unterscheidende Sprache hatten! Und warum hatten sie diese Sprache? Weil sie so fein und scharf unterschieden. Ihre Denkkraft und ihre Sprache förderten sich wechselseitig, schon das geringste sprachliche Versehen zog den öffentlichen Hohn nach sich. Diese Sprache war ihr heiligstes Palladium; an welcher Küste ihre Auswanderer landeten, da konnten sie mit ihr ein neues Griechenland bauen, das dem Ansturm der Barbarei gewachsen war. Ja, bauen, denn die Sprache, dieser wunderbare und doch so gesetzmäßige Bau mit den geheimnisvollen, unzugänglichen Substruktionen ist zugleich selber die große Baumeisterin, die jedes menschliche Gemeinwesen gründet.
Man klagt so viel über die Verrohung der Massen, und eine politische Partei schiebt die Verantwortung dafür der anderen zu. Was soll man aber zu denen sagen, die das Werkzeug des Denkens selber abstumpfen und so die Verrohung durch alle Schichten der Gesellschaft tragen? Wer eine notwendige, grammatische Form aus seiner Muttersprache zu entfernen strebt, der begeht ein Attentat auf die Seele seiner Nation. Auch bei uns sollte sich die wahre Vaterlandsliebe im Kult der deutschen Sprache zeigen. Mit wem sie rein und unverstümmelt durchs Leben geht, der hat nicht nötig, mit den Sohlen am Boden der Heimat zu kleben, er kann, wie jene Griechen, sich an jeder Küste niederlassen; wo er steht, da steht er auf deutschem Grund.
Allen, die sich als Deutsche fühlen, möchte ich zurufen: Habet Acht! Die Barbarei klopft an die Tore. Tretet zusammen und rettet den Konjunktiv. Noch steht er in vollem Lebenssaft. In den süddeutschen Gauen geht er bis heute leibhaftig im Volksmunde um. Aber es muss bewusst für ihn eingetreten werden. Sonst wird der Geist des Nachäffens alles dessen, was vom Norden kommt, sehr bald die süddeutschen Schriftsteller ergreifen, und auch sie werden den Konjunktiv preisgeben, mit jenem unbedachten Eifer, der sie schon so manches Mal das Bessere preisgeben ließ. Und dann können wir künftig singen:

Mir ist es, als ob ich die Hände
Aufs Haupt dir legen – muss,
Betend, dass Gott dich erleuchte,
Du deutscher Genius!

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Aus: Isolde Kurz – Im Zeichen des Steinbocks
Kapitel: Aus der Zeit
Verlag Georg Müller 1905

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