Franz Blei | Irene – fast erotisch

Keiner von ihren Freunden bestritt es bei sich, wenn Irene wiederholte, sie sei eine Frau wie irgendeine andere, weder hübsch noch hässlich, weder gescheit noch dumm, weder langweilig noch interessant. Jeder gab es bei sich zu, sie sei wie irgendeine der vielen, der meisten Frauen, die im Zufall ihres Geschlechtes eine Auszeichnung tragen, die sie, ganz ehrlich, als eine dumme Last empfinden. Und dennoch zog Irene die Männer durch etwas an, das zu definieren sie sich vergeblich bemühten. Ein Duft, meinte der eine. Etwas im Gang, sagte der andere. Und ein dritter traf es am richtigsten mit dem banalen Wort, sie habe das gewisse Etwas. Seit fünf Jahren verheiratet, gab die kinderlose Ehe mit einem älteren Mann ohne Tun und Titel — er nannte sich einen Privatgelehrten und schien sich mit Astrologie zu beschäftigen — hinreichend viel Liberalität in Verkehr und Situation, um es öfter als einmal geschehen zu lassen, dass einer der Männer des Kreises den Vorstoß auf Irene wagte und seine Liebe erklärte. Da sie durch keinerlei Koketterie dazu herausforderte und unter den ja immer blöden Liebesreden zu leiden schien, blieb sie beim zweiten, beim dritten und vierten Male bei der beim ersten Male erprobten Abwehr, die eine gut abkühlende Wirkung hervorgerufen hatte, von ihr gar nicht weder erwartet noch überlegt. Denn Irene besaß weder besonderen Geist noch gar die Geschicklichkeit einer selbstbewussten Frau. Sie wiederholte die Sätze des Verliebten, zweimal, dreimal: es war Hilflosigkeit gewesen und wirkte wie überlegte Parodie. Was nicht hinderte, dass die Abgeblitzten nach einiger Zeit wieder mehr als je dem gewissen Etwas verfielen und sich verliebt im Duftkreis dieser Frau bewegten, die war wie irgendeine andere.
Da kam ein Zwanzigjähriger in Irenes Nähe — nicht nötig, ihm einen Namen zu geben –, und diesem jungen Menschen müssen die Worte seiner Werbung wohl sparsamer, aber heißer aus dem Innern gebrochen sein als seinen abgeschlagenen Vorgängern, denn Irene vergaß es vollkommen, sie parodistisch zu wiederholen, ja, sie ließ ihm die Hand, die er gefasst hatte, und mehr noch, sie musste ihre Finger in diese fast noch knabenhaft derbe Hand eingraben, wie um sich im gefühlten Sturz und Flug zu halten. Aber es währte nur einen Augenblick. Ihre Augen sahen wieder das Umgebende, und Nächste, sich selber. Ob es nun die heftig andrängende Jugend des übungslosen Mannes war, die solche Poesie aus ihr lockte, oder ob es Erinnerung an einen gestern gelesenen Satz war, sie sagte anderes als sonst in solcher Situation. »Knaben«, sagte sie, »werfen flache Kiesel zum Spiel über das Wasser. Es bäumt sich nicht hoch. Es müsste mir ein Felsblock in die Seele …« Erschrocken selber hielt sie den Satz auf. Denn der junge Mensch wurde ganz Feuer. So kam die fatale Stunde.

Irene wehrte ihn ab, als er ihr helfen wollte, sich zu entkleiden. Und als sie nackt vor ihm stand, weder schön noch hässlich, sondern wie irgend jede Frau, die nichts anhat, da sagte sie es, was sie in seinem Blick zu lesen glaubte: »Nicht wahr? Eine Frau wie alle andern. Nun ist’s zu Ende mit der Liebe, nicht wahr?« Sie kam sich mit einem kleinen Mitleidgefühl zu sich selber vor wie ein armes Tier, dem ein Dämon für diesen einen Satz menschliche Stimme verliehen hat, diesen einen Satz: »Ich bin ein armes Tier.«

Was dann weiter geschah, mit Irene, dem jungen Mann oder mit beiden, das ist für dies Bildnis ohne Bedeutung. Aber um keine falsche Spannung zu erregen: es geschah nichts.

Aus: Die Frivolitäten des Herrn von D.

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