Ilse Frapan: Was der Alltag dichtet – Dort oben [Die Welt aus der Sicht des Kindes]

Gabriele Münter - Kind mit Katzen
Gabriele Münter – Kind mit Katzen

Ja, Kinder, das ist wohl so, das glaub‘ ich selbst – selten kommt das vor, und es ist vielleicht gut, daß es so selten vorkommt. Denn wonach wir doch meist alle trachten – häusliches Glück in Familie – das ist nicht damit vermacht, weit entfernt! Nein, wenn das so ist, denn ist das wie ein tiefes Wasser, was ganz aus dem alleruntersten Grund kommt, und das wühlt und gräbt an den Hausmauern und ruht nicht, bis das Haus einstürzt. Und ob das das Rechte ist, da läßt sich wohl sehr darüber streiten, denn was hilft mir das, wenn nachher alles vorbei und hin ist? Und ich komme auf den Trümmern zu sitzen und kann da wimmern?

»Bloß, daß so was vorkommt, sollt Ihr mir nicht abstreiten und gar so weit wegwerfen, Kinder, daß Ihr nicht mal mehr an Romeo und Julie glaubt. Ach, wie ist das doch traurig, daß Ihr nicht mehr an Romeo und Julie glaubt! Ist denn alles bloß Geld und wieder Geld, und sonst heißt es: guten Tag und guten Weg? Ach, Kinder, dann mag ich gar nicht mehr bei Euch sein. Dann packt man Eure alte Großmutter so schnell wie möglich unter die Erde. Da sind dann doch alle die, die aus meiner Zeit stammen, nicht so klug wie Ihr, Kinder, Ihr steckt uns ja wohl schon lange in die Tasche, aber ’n bißchen – na ich will Euch nichts Unangenehmes sagen. Eure alte Großmutter ist die letzte, die mit Spitzen um sich wirft, wie – aha, Martha ist auch da – na, dann habe ich nichts gesagt. Aber um ein Theil bitt‘ ich Euch – fangt nicht an mit ’sentimental‘. Das Wort gefällt mir nicht, denn das wird jetzt durch die Bank auf alle angewendet, die was anderes im Kopf haben als Geldverdienen. Ach ja, wenn ich mir so alles überlege, dann will ich man lieber meine Zunge sparen, als Euch etwas erzählen. Was kann Euch ’n alte Großmutter viel überzeugen, wenn Ihr so ‚m Mann wie Shakespeare nicht mehr glauben wollt. Meine kleine Geschichte, und was ich überhaupt erzählen kann – ja, nun sagt Ihr wieder, ich erzähl‘ hübsch! Kinder, Kinder, Ihr könnt einem wirklich Ohren ansetzen, Ihr seid lose Gäste, und herum- kriegen thut Ihr mich doch jedesmal. Gott ja, wenn ich so denke – Onkel Christian wollt‘ auch immer gern erzählen, aber er hatte ’n Stock- schnupfen, – den habe ich doch nu wenigstens nicht. – Ob ich selbst mitgespielt hab‘ in der Geschichte? Ja und nein. Die das am meisten anging, war ich nicht, natürlich, aber nahen Antheil hab‘ ich genommen, denn Lottchen Tormöhlen war meine Freundin von Kind auf. Meine Mutter und ich, wir haben manche Thräne darum vergossen, noch in der Erinnerung.

Nun ist das lange her, und ich muß sagen, ich wäre vielleicht auf die ganze Geschichte nicht gekommen, heute gerade, wenn ich nicht die zwei Fenster mit den holländischen Tulpen gesehen hätte im Vorbeigehen. Kinder, ich sag‘ Euch, so was von Tulpen ist mir seit fünfzig Jahren nicht unter die Augen gekommen. Kleine altmodische Fenster, wißt Ihr, und dahinter standen sie, roth gestreift und goldgelb und dunkellila, wie prachtvolle schwere große Glocken auf dünnen Stielen. Es war, als nickten sie mir zu, weit her aus alter alter Zeit, wie gute Bekannte. Tulpen, wie auf meinem echten Meißner Service, Kinder, nicht solche steife dumme kleine Kröten, wie sie Neujahr in den Blumenläden haben. Und wie ich das halboffene Fenster sah mit den kleinen Scheiben, und die Tulpen alle, so hoch, bis an das erste Querholz, und ein eckiges geblümtes Bleikissen, auch ganz altmodisch, zwischen den Töpfen, und darauf ein goldener Fingerhut und eine kleine Stickschere, – ich sag‘ Euch, ich blieb stehen und guckte und guckte. Denn dahinter sollte nu von Rechts wegen Lottchen sitzen, mit ihren langen rothlichblonden Locken um das zarte Gesicht, und den Faden aufziehen, wie ich das so oft gesehen habe. Und so benommen war ich den Augenblick, daß ich die Hand ausstreckte und ruf‘: »Lottchen!« Und merk‘ nicht, daß ich ja Wohl ’nem Eckensteher ins Gesicht gefahren bin, und miteins ei’t mich der Kerl über und sagt: ›goo’n Dag, min ole Seel!‹ So was kann man erleben am hellen Nachmittag in der Görttwiete um vier! Nun könnt Ihr sehen, was Erinnerungen sind. Sie thun einem ja oftmals weh, und doch – ohne sie – nee, da wär‘ ich ja nicht mal so viel wie Drolli, unterm Sopha! Komm, mein Drolli, und gib Fuß, und guck mich mal an mit Deinen schönen treuen Augen! Da stehen auch Bilder drin von welchen, die schon damit durch sind, nicht, mein Drolli?

Ilse Frapan, eigentlich Elise Therese Ilse Levien (ab 1901 auch Pseudonym Ilse Akunian) (* 3. Februar 1849 in Hamburg; † 2. Dezember 1908 in Genf)
Ilse Frapan, eigentlich Elise Therese Ilse Levien (ab 1901 auch Pseudonym Ilse Akunian) (* 3. Februar 1849 in Hamburg; † 2. Dezember 1908 in Genf)

Lottchen ist schon lange damit durch, mein Gott, wie lange! Und wie ich so jung war, wie sie, da meinte ich doch, ich könnt‘ nicht einen Tag ohne sie sein. Wir waren zusammen bei Line Henner in die Schule gegangen, und ich weiß noch ganz gut, wie wir bekannt geworden sind, so als Gören. ›Lottchen Tormöhlen, wie heißt die Waschfrau auf französisch?‹›Die Waschfrau? La vache!‹ ›Lottchen Tormöhlen, Du bist selbst eine vache! Und Deine Uebersetzung – wie die wieder geschrieben ist! In der Frühstücksstunde gehst Du zu Line Henner und fragst sie, was sie zu solchem Geschmier sagt.‹ In der Frühstücksstunde steckt sich miteins eine Hand in meine – ich hatte beinah nie mit Lottchen gesprochen – und neben mir schluchzt etwas in mein Ohr: ›Bitte, geh‘ mit mir zu Line Henner.‹ Also wir gehen zusammen, und ich klopf an die Thür und sag‘ zu Lottchen: ›Nu plör [Fußnote] doch nich immerlos,‹ da kommt uns Line Henner entgegen und brummt: ›Na, schon wieder eine Sünderin? Was hast Du mir zu sagen, kleine Tormöhlen?‹ Da stellt sich mein Lottchen hin und schlägt ihr Heft auf und spricht ganz klar und deutlich: ›Ich sollte Dich fragen, was Du zu solchem Geschmier sagst!‹ Und was thut da meine gute Line? Sie nimmt Lottchen in den Arm und küßt sie und sagt: ›Pluckus bist Du ja nun schon – tiefer kannst Du also nicht rutschen – dann geh‘ mit Gott!‹ – Ach Kinder, nein, ein großes Licht in den Schulfächern ist mein Lottchen grade nicht gewesen, aber glaubt nur ja und ja nicht, daß sie dumm war. Es gibt Mädchen und Frauen, die nie etwas Unzartes oder Taktloses oder Uebereiltes über die Lippen bringen können, und wenn sie Einem: Guten Morgen sagen und daß es nun bald Frühling wird, dann meint man wunder, was das für eine seine Bemerkung gewesen ist. Sie sagte wohl überhaupt nicht viel, nur ein einziges Mal erzählte sie, noch als Schulkind, eine lange Geschichte, von ihrer Mutter, wie die jeden Abend kommt und sie küßt und nicht duldet, daß Jemand sie schilt oder schlägt, und wie sie immer ein blauseidenes Kleid mit ’ner langen Schleppe anhätte. Und denkt mal an, das war alles nicht wahr; ihre Mutter war gestorben, eh‘ Lottchen sprechen konnte. Aber darum müßt ihr nun nicht denken, Lottchen hätt‘ es mit der Wahrheit nicht genau genommen. An dem ist es durchaus nicht; sie konnte auch später nie vertragen, daß man von der Geschichte anfing. Solchen rothen Kopf und Thränen – das regnete nur so, aber das hing wohl mit ihrem zarten Körper zusammen. Wenn man ihr barsch kam, zitterte sie wie ein Blatt am Baum. ›Du willst ’n Hamburger Deern sein?‹ sagte ihr, Vater manchmal, wenn er sie g’rade angepaut [Fußnote] hatte. Gott, Kinder, der Mann war auch nicht auf Rosen gebettet; vier Kinder und keine Frau, und dabei jeden Tag schlechter sehen und doch seinem Geschäft vorstehen müssen, was langsam dem Ruin entgegenging. Lottchen sollte dann manchesmal mitrechnen – aber nein, in dem Fach war sie nun wirklich ›dumm wie ’n Strumpf‹; so sagte nämlich immer unser Rechenlehrer, Herr Balske, zu ihr, – er hatte eine ganze Reihe von solchen Wörtern und war gerade mit Lauchen oft so ausdrücklich – das arme Gör! Ich weiß noch, wie sie einmal krank war und phantasirte und sagte immerlos: »Hast keine Augen? Setz‘ drei Brillen auf, und nimm unter jeden Arm ’ne Katze, daß Du sehen kannst! Hast wohl Tinte getrunken? Steck Deine Fahne ein! Ein Schaf und ein Schaf – wieviel Beine? Weißt es? Unglaublich! Na ja, ’n blindes Huhn findet auch mal ’n Korn! Ist das Deine Hausnummer?‹ Ich mußte lachen, wie ich an ihrem Bett saß, denn sie machte zu Herrn Balskes Redensarten auch seine quäkige Stimme nach; es ging ihr alles zu tief, so’n Lehrer weiß manchmal wenig, was ’n sogenanntes dummes Kind in seinem kleinen Herzen aussteht. Keine Minute sah Lottchen gleich aus, immer roth und blaß abwechselnd, nie wieder Hab‘ ich so etwas gesehen. Mein Bruder verglich sie mal mit einem Vergißmeinnicht, aber nein – das paßte nicht ganz. Ihre Augen waren geradezu veilchenblau und dabei tief und glanzlos, und ihre Locken knisterten, wenn man darüberstrich, wie von verborgenen Funken. Wenn sie Einem die Hand gab, das fühlte man ordentlich, und wenn sie Einen heftig umarmte, konnte sie Einen beinahe umwerfen. Sie war bei der Konfirmation einen Kopf größer als ich, und ich bin doch ganz nette Mittelgröße, nicht? Und die Taille so, und solchen Hals, wie ’n Lilienstengel. Aber sie hielt sich ’n bißchen hängig, weil sie so aufgeschossen war, und gewöhnlich lehnte sie sich wo gegen, an die Thür oder an ’n Baum im Garten, oder, wenn ich da war, an mich. Meine Mutter schüttelte oft den Kopf darüber: ›Gerade halten! ’n junges Mädchen, die muß immer sitzen, als hätte sie ’ne Elle übergeschluckt.‹ Mutter hatte wohl Recht, aber Lottchen stand doch alles, sie war so graziös bei ihrer Länge, und das ist gar nicht oft zu finden. Ich sehe sie immer noch, wie sie mit ihrem alten Großvater Arm in Arm ging, beide mit großen Bouquetten Zyreen, [Fußnote] die sie sich im botanischen Garten für gute Worte geholt hatten. Das war merkwürdig mit dem siebzigjährigen Mann; der hing wie ein Kind an dem Mädchen, er war nämlich nicht mehr ganz bei sich, und Lottchen sorgte für ihn wie eine Mutter, schnitt ihm das Fleisch, zog ihn an und aus und führte ihn an die Luft, so oft schön Wetter war. Gewöhnlich war er stillzufrieden und träumte so vor sich hin, aber mitunter hatte er Touren, wo er ganz eklig war und schimpfte, und das denn meistens auf der Straße, so daß es zwei- bis drei Mal ordentlich einen Auflauf gab.›Nein, Lottchen, das muß ich sagen, Du verdienst Dir ’n Gotteslohn an dem Alten; ich ging nicht mit ihm los!‹ meinte Tante Hannchen oft. Aber Lottchen sagte dann nur: ›Es macht nichts, ich thu‘ es gern,‹ und dabei wurde sie roth, als habe sie die größte Sünde gebeichtet. – Natürlich, zu Hause hatte sie auch nicht viel Freude. Ihr Vater wurde von Jahr zu Jahr grilliger, und es war beinahe kein Umkommen [Fußnote] mit ihm. Er war erst Kaufmann, dann Detaillist in Manufakturwaaren, dann Stadtreisender gewesen, zuletzt versuchte er sein Heil mit einem Holländischwaarengeschäft. So hatte mir Lottchen geschrieben. Ich war nämlich ein Paar Jahre weg, erst bei Tante Pastoren in Tondern und nachher auf dem Gut meiner Schwiegereltern, aber daran hatte ich damals noch keinen halben Gedanken, daß die mal meine Schwiegereltern würden. Allmächtiger Gott, den Schreck, als ich das erste Mal wieder zu Lottchen kam! ’ne kleine Bude, dunkel und niedrig und feucht – statt ‚en Ausbaues [Fußnote] nur so ’n kleiner Glaskasten mit Nadeln und Band und Zwirn – über der Toonbank ’n qualmiger Thrankrüsel [Fußnote] – das war der Holländischwaarenladen! Und da saß sie mitten in und stickte seine Battisttücher bei dem alten Thrankrüsel in dem Kröpelladen, und ihr Vater, was ’n großer, korpulenter Mann war, machte gerade Strickbaumwolle in Docken. [Fußnote] Und dabei stöhnte er, daß man es schon draußen hören konnte: ›Das geht ebensowenig gut! Damit werd‘ ich auch nichts! Du sollst das erleben, morgen sitzen wir auf der Straße. Mit ’n witten Rock un en witten Stock [Fußnote] war ick hier rut gahn. Aber das sag‘ ich Dir, denn mach‘ ich ’n Ende, was soll ich mich auf meine alten Tage noch so abmaracken und mit Gott und der Welt abkatzbalgen? Wozu denn? Bloß für Euch? Nee, das hab‘ ich dick!‹

Wie ich hineinkam, war er ganz freundlich, ging aber bald weg. Da sag‘ ich: ›Lottchen, Lottchen, das ist kein Mannsgeschäft, warum hat Vater sich auf so ‚was eingelassen?‹ ›Ja, erst wollt‘ Vater ’ne Bierwirthschaft anfangen –‹ ich schrie laut auf, sie guckte mich an und lächelte, aber ihre Augen waren sonderbar. Sie hatte oft so ’n bißchen was Abwesendes. ›Lottchen,‹ sag‘ ich und fass sie um, ›wo ist Dein Bruder Heinrich?‹ ›Wo die zwei andern sind, in Amerika‹, und wieder lächelt sie so merkwürdig. ›Ich denk recht, er wollt‘ Deinem Vater im Geschäft beistehen?‹ ›Ja, aber wie Vater nun ist – sie haben die letzten drei Monate kein Wort mehr miteinander getheilt.‹ ›Arme Seele! Und Du immer da mitten zwischen!‹ ›Es macht nichts!‹ flüsterte sie, und nun lächelte sie wirklich. Auf einmal – ich hatte sie so im Arm – fliegt sie zusammen und guckt nach dem Fenster und wird roth, aber ihr Gesicht sieht aus, als guckt sie in den offenen Himmel. ›Das war er,‹ und sie drückt sich fester in meinen Arm. ›Wer, Lottchen? Vater?‹ Natürlich wußt‘ ich recht gut, daß sie nicht von ihrem Vater sprach, so dumm war ich nicht, aber ich stellte mich so an. Lottchen gab keine Antwort. Ich wurde ein bißchen pikirt: ›Wer ist er?‹ ›Er geht hier immer vorbei.‹ ›Mein Gott, wie heißt er denn, Lottchen?‹ ›Das weiß ich nicht.‹ ›Lottchen, wie kann’s angehen? Lottchen, ist das freundschaftlich, mir kein Wort anzuvertrauen?‹ ›Ulrike, was ich Dir sage; es ist nichts anzuvertrauen.‹ ›Aber warum sagt er denn seinen Namen nicht, Lottchen?‹ ›Ich hab‘ ihn nicht danach gefragt.‹ ›Was habt ihr denn sonst miteinander gesprochen?‹ ›Nichts!‹ ›Wieso nichts? Ja, was ist das denn überhaupt für ’n verrückter Kram?‹ Darauf gab sie wieder keine Antwort, aber ich sah nun, daß in ihr Gesicht ein ganz schwärmerischer, verklärter Ausdruck gekommen war, den sie früher nicht gehabt hatte, und der es wunderbar verschönte, ›Lottchen, wie sieht er denn aus?‹ Ihr Lächeln antwortete: ›wie ein Engel,‹ ihr Mund blieb stumm, ›Lottchen, was soll denn daraus werden?« Da seufzte sie, daß es mir durch und durch ging: ›Ich weiß es nicht.‹ ›Lottchen, möchtest Du den nun wohl heirathen?‹ Ja, Kinder, ich bin immer auch mit für das Praktische gewesen, und darum mußt‘ ich danach fragen, es kam mir ganz von selbst in den Mund. Aber Lottchen fuhr zusammen und sah sich scheu um: ›Ulrike, ich weiß gar nicht, wie man überhaupt an so was denken kann.‹ ›O, das ist wohl keine Sünde, wenn man zwanzig Jahr alt ist; da denken schon jüngere daran! Was willst Du denn sonst von ihm?‹ Da fing sie nun bitterlich an zu weinen und sagte mir ins Ohr, nichts wollte sie von ihm, gar nichts, nur ihn jeden Tag vier Mal vorbeigehen sehen, und wenn sie das mal nicht mehr könnte, dann müßte sie sterben. ›Lottchen,‹ sag‘ ich, ›sei nicht so blümerant, von so was stirbt man nicht, das wird einem von selbst überdrüssig, paß‘ man auf.‹ – Kinder, ich sag‘ Euch bloß ein Theil: es ist nichts schwerer, als beurtheilen, wie einem anderen Menschen zu Sinn ist. Man kann da nicht reinkriechen, man kann keinem andern ins Herz sehen. Ich meinte neulich mal, als ich von dieser neuen Art von Strahlen hörte – von dem Professor – wie heißt er man noch? – das wäre so ‚was für Leute, die gern Menschenkenner werden wollen, daß man damit, sozusagen, die Gedanken photographiren könnte. Aber nun ist das wieder nichts; lacht man nicht, es wäre doch sehr angenehm gewesen! Na, mit der Zeit kriegte ich den Bewußten doch auch mal zu sehen. Nicht, daß Lottchen ihn mir gezeigt hätte, aber wie wir mal nach ‚m St. Georger Tivoli gingen, wurden wir von einem jungen Mann gegrüßt. ›Na, Lottchen, das war er, nicht? Brauchst nicht zu antworten, ich hab‘ es schon gesehen! Hör‘ mal, etwas ist mir aufgefallen – der sieht Dir ja sprechend ähnlich! Dieselben Augen, dieselbe Gesichtsfarbe, – ihr wurdet alle beide ganz gleich puterroth, – dieselbe Größe, und ebenso hängig geht er wie Du; das ist merkwürdig.‹ Lottchen wollt‘ es nicht wahr haben. ›Ach, wie kannst Du ihn mit mir vergleichen? Er ist ja so schön!‹ – Kinder, der Tivolibesuch, das war ’n denkwürdiger Tag, das war den 4. Mai 1842, und ahnungslos und voll von unseren Herzensgeschichten, – ich hatte nämlich auch eine, aber mit mehr Boden untern Füßen, wie ich damals meinte – zogen wir hinaus nach St. Georg, suchten uns erst mal ’n guten Platz, legten Vaters großen, grünen Regenschirm auf zwei andere Stühle neben uns, denn Vater und Mutter wollten nachkommen, und gingen dann noch ’n bißchen im Garten an das Eichhörnchenbauer, worin das arme kleine Vieh wie unklug über ’ne hölzerne Rolle hüpfte. Warum sie bei den Sommertheatern immer Eichhörnchen und Affen haben, weiß ich nicht, aber es ist so, bis auf den heutigen Tag. Das Wetter war ganz komisch das Frühjahr, es hatte ja wohl gute vier Wochen nicht geregnet; und doch – alles schon grün, und Goldlack und Narcissen in Blüthe, ein Duft! Ich weiß noch, wie wir uns über die großen Aurikeln freuten auf dem Steinberg neben dem Eichhörnchen, und wie wir die ganze Zeit den Sonnenschirm offen haben mußten, denn ein verrückter Kerl, den wir in kleinen Rollen auf der Bühne gesehen hatten, schwärmte immer um uns herum wie die Hummel um die Kirschblüthen; er hieß Buterweck und hatte eine schrecklich hohe Angströhre auf seinem großen Kopf. Ich kann es Herrn Buterweck heute nicht verdenken, daß Lottchen ihm in die Augen gestochen hatte, denn sie hatte wirklich etwas an sich, ich weiß nicht, was es war, aber bei ihr sah man, sozusagen, das Innerste durch das Aeußere durchschimmern, ihre Seele mein‘ ich und jede Stimmung; sie war nicht aus Holz oder Stein oder Pappe, wie die anderen Menschen, sondern so, wie aus feinem, dünnem Porzellan, halb durchsichtig. Dabei hatte sie noch die Gabe, sich niedlich zu machen, hatte auch großes Vergnügen daran. Sie konnte stundenlang verschiedene Kleider anprobiren und sich vor dem Spiegel herumdrehen, ganz ernsthaft, wie bei der wichtigsten Sache; das war so ihre schwache Seite. Na, Gott, wir haben ja alle unsere Fehler, und Lottchen war so bescheiden im Wesen, – das bißchen Eitelkeit stand ihr so gut, wie alles übrige. Den Tag war sie in hellblauem Barege mit weißen Tüllärmeln und zwanzig kleinen Volants, – da konnte sie die Nacht bei sitzen, wenn sie so was zu nähen vorhatte!

Ach, Kinder, unser Tivoli, was war das doch für ’n Vergnügen! So was Gemüthliches, wie diese Sommernachmittage, wo man schon um zwei, halb drei nach St. Georg hinauszog, daß man auch ’n guten Platz kriegte, hab‘ ich nie wieder erlebt. Die Abonnenten, Direktor, Schauspieler, Garderobenfrauen, Kellner – alle kannte man bei Namen, und sogar die Kegeljungens – denn vor der Vorstellung wurde auch Kegel gespielt! Wir hatten ’n kleinen süßen Hund damals, chokoladenbraun, mit Beinen, nicht dicker als mein Finger, den nahm Mutter regelmäßig mit und hielt ihn auf dem Schoß hinter ‚m Fächer, – den Ami kannten auch alle und erkundigten sich jedes Mal nach seinem Befinden. Und manchmal, wenn Mutter recht viel rothe Grütze gekocht hatte, kriegten die Schauspieler ’n paar Kummen voll ab, die mußte Trina ihnen hintragen. Und sie spielten wirklich sehr gut. Ich hab‘ später ja große Künstler gesehen, die Wolter und Sonnenthal, aber so recht von Herzen amüsirt hab‘ ich mich nur im alten Steinstraßentheater und in dem bescheidenen Tivoli. Die Beleuchtung war ja mangelhaft, und wenn es regnete, dann mußte man mit ‚m Schirm sitzen, aber das sind wir, als Hamburger, ja gewohnt und denken uns da nicht viel bei. Dafür spielten sie aber auch den ›Verschwender‹, ›das Fest der Handwerker‹ und ›die Kunst, geliebt zu werden‹, und in den Zwischenakten konnte man Hechner [Fußnote] oder Mamsell A… im Garten begegnen und ihnen die Hand drücken für ihre schöne Leistung. Das waren alles seßhafte, bürgerliche Leute, und ihr Benefiz jedesmal ein großes familiäres Fest. So was laß ich mir gefallen!

Den Abend gaben sie: ›Eine Nacht auf Wache‹, von David; ich weiß nicht, warum sie das jetzt nie mehr geben, das war witzig und aus dem Leben und Vaters Lieblingsstück.

Im zweiten Aufzug seh‘ ich mich so zufällig um und – ›Lottchen‹, sag‘ ich, ›weißt‘, wer in der dritten Reihe hinter uns sitzt? Erschreck Dich doch nicht so; er guckt gar nicht her, er weiß wohl nicht mal, daß wir hier sind‹. Aber Lottchen war so aufgeregt, daß sie kaum athmen konnte, das keuchte nur so. ›Lottchen, sieh Dich mal um, er ist eben ganz roth geworden.‹ ›Ulrike, wie könnt ich wohl so was thun? Sitz doch still.‹ ›Meine Güte, Lottchen, wenn er eben so ’n schüchterner Jüngling ist wie Du, was soll denn einmal daraus werden?‹ Die Antwort gaben die nächsten Tage, Lottchen wußte keine. ›Lottchen, was hat er denn für ’n Geschäft?‹ ›Postbeamter.‹ ›Verdient er denn ordentlich was? Hat er sein Brot?‹ ›Wie kann ich das wissen!‹ Ach, Kinder, ich hätt‘ ihr nun so gern ’ne ordentliche Partie gegönnt, wenigstens mit gutem Auskommen, nach all dem Hunger und Kummer, dem sie bei ihrem Vater entgegenging. Sie hatte so was ›Unbedarwtes‹, immer, als wenn man sie in ’n Arm nehmen müßte. Und nun so ’n kleiner Postbeamter mit ‚m abgeschabten Rock! ’n süßer Jung‘ bist du wohl mit deinen dunklen Augen und deiner weißen Stirn, dacht‘ ich so bei mir, aber mein Lottchen laß man gern zufrieden. Es wär‘ vielleicht auch besser gewesen!

Nun kam das Feuer. Das heißt, im Tivoli natürlich nicht; warm und sternenklar und still war es, wie wir uns vor Lottchens Hausthür gute Nacht sagten. Aber nach Mitternacht fing es an. Kinder, davon macht Ihr Euch keinen Begriff, aber ich hab‘ die schrecklichen Tage mit durchgemacht, ich hab‘ den Nikolaithurm fallen sehen, – nie, und wenn ich hundert Jahr alt werde, kann ich ohne Thränen daran denken. Man vermuthete sich ja zuerst nichts Besonderes. Ich war so müde geworden von der beklommenen trockenen Frühjahrsluft, daß ich erst aufwachte, als es fünfundzwanzig anzog. Wir wohnten damals am Mönkedamm, das ist ja nicht weit von der Deichstraße. Nu fingen auch meine Brüder an zu sprechen: ›Siegmund, da ist Feuer, hörst Du? Es muß schlimm sein, ich hab‘ alle sechsundzwanzig gezählt! Ich werd wohl hin müssen, – da, nu läuten sie die Sturmglocke, das muß ’n schreckliches Feuer sein.‹ Mein Bruder zog seine Bürgergardistenuniform an, Karl ging auch mit hinunter. Mutter kam in meine Stube: ›Ulrike, hast Du verstanden, wo das Feuer ist? Der Karl sprach so durch die Nase.‹ ›Ich glaube in der Deichstraße, Mutter.‹ ›Ha, das sagt Vater auch, er macht sich fertig, das kann ja bei unserem Speicher sein.‹ Wir beide gingen dann nach dem Spitzboden und guckten durch die Luke. Der Himmel war ganz roth nach der Seite, und die Funken flogen über die Dächer. Die Glocken gingen in einem fort, und auf der Straße war ’n Gelauf, – wir konnten keinen Schlaf mehr kriegen. Alle Augenblick sagte Mutter: ›Das scheint noch immer nicht aus zu sein, wenn sie doch erst wieder da wären.‹ Aber das dauerte noch lange, bis Karl wiederkam und sagte, Vater wäre doch lieber im Speicher geblieben mit Siegmund, denn wenn das den Augenblick auch schwächer brennte, aus wäre es doch immer nicht, er wollt‘ auch bloß ’n Schluck Kaffee trinken und die Anderen dann ablösen. Wir saßen beim Kaffee und tranken nicht und guckten ewig nach der Thür und sahen uns an und wußten vor Unruhe nicht, was wir sagen sollten. Das wurde so bei kleinem Morgen, und endlich kam Vater und legte sich ein paar Stunden nieder, weil Mutter ihm so zuredete; aber Ruhe hatte er nicht, und als um zehn Siegmund unsere große schwarze Speicherkatze auf dem Arm brachte, da ließ Vater sich nicht halten, so wenig wie meine zwei Brüder. Wir sperrten die Katze ein, und ihr Miauen klang ordentlich schauerlich durch das stille Haus. ›Hör‘ mal, Mutter, nu steigt das wieder so schnell, ich hab‘ schon dreißig gezählt! Ich möcht‘ so gern zu Tormöhlens, sehen, wie es da zusteht, den ganzen Morgen denk‘ ich an Lottchen, und der alte Mann, Mutter, der Großvater!‹ ›Ja, geh‘ mit Gott, Kind, – wenn Du nur durchkommst!‹ ›Mutter, ich will wohl durchkommen!‹ Aber kaum bin ich die Treppe hinunter, da ruft Mutter: ›Ulrike, bleib hier, unser Herr Nachbar ruft mir eben herüber, der Rödingsmarkt brennt auch schon, sie brechen alle Dächer ab und reißen da Häuser nieder!‹ ›Mutter, ich bin vorsichtig, ich muß zu meinem Lottchen!‹

Kinder, ich war froh, als ich raus war, man ist doch auch neugierig, – daß es draußen so aussehen würde, konnte ja niemand im Traum einfallen! Das war schrecklich, da war nicht durchzukommen, der Rödingsmarkt abgesperrt; ich müßte hinten rum, Graskeller und Slamatjenbrücke, – ja, da stand ich wieder in dem schrecklichen Gewühl, eine rothe Gluth vor Augen und ein Rauch, und die Funken fielen wie Schneeflocken, manchmal sank ein großer Feuerklumpen nieder. Und die Menschen! Alles voll Geschrei, und Leute mit Betten auf ‚m Kopf und halb unter den Pferden, und die werden scheu und bäumen sich, und das kreischt, und da kommandiren die Spritzenleute, und das kracht und zischt und ist heiß zum Umkommen, und mir wurde so ängstlich – ich denke, die Welt geht unter! ›Zurück, Mamsell, wo wollen Sie denn hin!‹ schreit mich ein Bürgergardist an, – er sah aber aus, so schwarz wie ’n Räuber! Nein zurück, das wollte ich nicht, wo ich mal so weit war – das zog mich förmlich weiter, so schauerlich mir auch zu Muthe war. ›Lassen Sie mich durch!‹ bat ich und hob die Hände auf, ›Görttwiete Nummer fünfundzwanzig, da ist meine Mutter!‹ Der Mann guckte mich mitleidig an: ›Min gode Mamsel, de is all lang verbrennt, de ganse Görttwiet‘ is in Füer opgahn!‹ Es war aber gar nicht wahr! Wie ich mich schließlich hingefunden habe, das weiß ich noch heutigen Tages nicht, aber miteins stand ich vor Tormöhlens kleinem Kröpelladen und stürzte da rein: ›Lottchen, mein Lottchen, kommt alle zu uns!‹ Aber da ist kein Lottchen, da steht der junge Postbeamte und schlägt Bettstellen ab! Ich lauf‘ hin und schüttel‘ ihm die Hand: ›Das ist mal nett von Ihnen!‹ Miteins poltert der alte Tormöhlen da rein, faßt ihn an die Schulter und jammert: ›Rettet meine Frau! Rettet meine Frau!‹ ›Herr Tormöhlen, besinnen Sie sich doch! Ihre Frau ist da ja wohl an, aber Lottchen und Großvater, wo sind die?‹ Damit lauf‘ ich an ihm vorbei, aber er mir nach und reißt ein Bild von der Wand, nimmt das untern Arm und sagt: ›Meinen Sie, daß meine Frau hier verbrennen soll?‹ Und seine Augen waren wild und stier. Ich schrie in einem fort: ›Lottchen! Lottchen!‹ Da sehe ich sie endlich, und den Großvater hatte sie an der Hand; – in ihrem blauen Barège, und die Locken kreuz und quer über die Schultern hängend, kommt sie die Treppe herunter. Ich ihr entgegen: ›Lottchen, weißt Du, wer hier ist? Wer alles zusammenpackt?‹ Wie sie ihn sah, verschwand aller Schreck und alle Bestürzung aus ihrem weißen Gesicht; so was von Glück und Seligkeit hab‘ ich noch nie gesehen, als wo diese Beiden sich mitten in diesem gräßlichen Trubel plötzlich erblickten. Sie gaben sich nicht die Hand, sie sprachen kein Wort zusammen; er klopfte und hämmerte, daß ihm die Locken tanzten, als wäre das seine natürliche Beschäftigung. ›Wo wollen Sie damit hin?‹ fragte ich ihn. ›In die Nikolaikirche, dort ist es noch sicher.‹ ›Aber Sie haben kein Fuhrwerk!‹ ›Das muß ’ne schottische Karre thun, auf ‚m Hof steht sie.‹ ›Soll ich Ihnen mal was sagen? Sie sind ’n Segen für Tormöhlens!‹ Da lächelte er. Kinder, es war wirklich ’n ganz reizender Mensch. ›Kucken Sie mal den Alten an, der und sein Bild!‹ ›Rettet meine Frau! Rettet meine Frau!‹ brüllte Tormöhlen mit dem Bild unterm Arm; er war rein wie unklug. Amandus Roosen – ja, komisch, nicht? Aber mehrere von meinen Bekannten hießen damals Amandus, – begöschte [Fußnote] ihn: ›Herr Tormöhlen, ich rette das Bild und wenn ich es auf meinen Armen bis nach Altona tragen sollte.‹ ›Das soll ’n Wort sein!‹ rief der Alte, und das war ’n Wort – nicht bis nach Altona, nein, sogar bis nach Wandsbeck hat der junge Roosen das Porträt getragen, – es war wohl auch mit, weil es Lottchen so aus den Augen geschnitten war. Nu saß da der Großvater und wollt‘ nicht raus! ›Sind hier noch Menschen in dem Hause? Das soll gesprengt werden!‹ rief einer mit Grabesstimme. ›O Gott, halt, warten Sie noch ’n kleinen Augenblick!‹ Jawohl, da trugen sie all‘ die alten Pulverfässer herein: ›In ’n Keller damit! Kanonier Appelbohm, ist der Brenner in Bereitschaft?‹ Kinder, was sollten wir wohl machen? Hals über Kopf weglaufen, alles im Stich lassen, all‘ die schöngepackten Sachen – das war das einzige! Roosen mit dem Bild, Lottchen und ich mit dem Großvater, –- so ging das los. Wie wir rauskamen, rennt jemand auf Vater Tormöhlen zu, drückt ihm was in die Hand: ›Halten Sie ’n Augenblick! Es sind lauter werthvolle Steine darin, ich muß noch einmal zurück, um anderes zu holen.‹ Soll ich Euch was sagen, Kinder? Die Juwelen sind nie reklamirt worden, und der alte Tormöhlen hat da beinahe sein Leben darum gelassen, denn wie wir weggingen, wollte er nicht mit, weil der Mann gleich wiederkommen wollte. Er steht da eine Stunde, er steht da zwei Stunden – der Mann ist da nicht und kommt da nicht, aber miteins – stürzt da von dem brennenden Nachbarhaus der Giebel herunter, die Spritzen hatten da auch nicht drauf geachtet, kein Mensch war mehr so recht bei kaltem Blut, und todtmüde waren sie ja auch von der Nacht her – also zwei Spritzenleute todt, ein paar verletzt, kurz und gut knapp bei Vater Tormöhlen war der Tod vorbeigegangen! Hab ich schon erzählt, daß wir alle in einem Trab nach Wandsbeck liefen? Da wohnte nämlich Amandus‘ Tante, bei der sich auch seine Mutter aufhielt. Der Schreck saß dem Alten, dem Großvater, so in den Knochen, zu uns wollte er durchaus nicht, partout aus Hamburg weg, als er gehört hatte, daß auch der Hopfenmarkt schon brenne, und daß der Nikolaithurm in feuerfarbene Rauchwolken gehüllt sei. ›Sodom und Gomorrha!‹ murmelte er. ›Eine Stimme hat mir gesagt: hier ist Deines Bleibens nicht, loop, wat Du loopen kannst!‹ Das war ’ne Tour – die vergeß ich mein Lebtag nicht. Die Straßen nicht zu kennen vor Gewühl und Geschrei; Leute mit Fuhrwerken, hoch bepackt, mit Fuhrwerken, die umfielen, Leute mit ihren paar armen Sachen auf’m Kopf, ein allgemeiner Umzug, eine große Flucht. Ich hatte gerade Bulwers »Letzte Tage von Pompeji« gelesen und fühlte das durch, als ob ich es erlebte. Aber nein, kein Vesuv war hinter uns, das war unser armes theures Hamburg selbst, was da in Feuer aufging! Ach, Kinder, wie wir da beim Berlinerthor waren, wo es so’n bißchen hoch ist, dreh‘ ich mich um und schrei miteins: ›Ach, der Nikolaithurm fällt! Seht, seht, wie er wackelt,‹ – wir waren nicht die einzigen, die weinten, das kann ich Euch sagen! Mutter, die so viel näher war, hat es auch mit gehört, wie das wundervolle Glockenspiel, von der Hitze in Bewegung gesetzt, von selber zu klingen anfing, bis die Harmonie der Klänge sich in ein wildes, schrilles, schauerliches Durcheinanderheulen von Glockentönen verwandelte, wie die Uhr noch drei! abrief, zum letzten Mal, mitten in dem fürchterlichen bunten Flammenmeer, und wie endlich unter dem eignen Grabesliede der hohe schöne Thurm in sich zusammensank und verschwand. Mutter hatte sich schon halb todt geängstigt, wie ich endlich wieder ans Haus kam! Alle weg, die Jungens, und Vater, und sie allein mit dem schweren Herzen! ›Ulrike, denk Dir bloß an, – aber erschreck Dich nicht – die alte Fuhropen ist eben bei mir gewesen, der alte nette Louis, der heute Nacht noch so tüchtig mit gepumpt hat, hat heute Morgen todt vor seinem Bett gelegen! Sie ist ganz auseinander, die arme Alte, sechsundsiebzig und dann den schiefen Hals, und nu sagt sie immer vor sich hin: ›Ach min Louis! Ach min Louis!‹ Es war hart anzuhören, Fünfunddreißig Jahr hat er bei ihnen gewohnt und war ganz wie ihr Sohn; und nu todt, in diesem Moment! Und wie soll das werden mit der Beerdigung? Sie wissen sich keinen Rath, die beiden Alten! Und die Neueburg ist gesprengt, – wo mag die arme Line Henner abgeblieben sein? Die ganze Nacht standen wir vor der Hausthür, an Schlafen war ja doch nicht zu denken, Vater und meine Brüder gingen ab und zu, die Hiobsposten folgten eine auf die andere. Plötzlich hieß das: ›Wir können die Häuser hier nicht mehr halten, nehmt das Notwendigste mit, wir müssen weg.‹ ›Wie wird das mit der Versicherung werden, da kann sie ja nicht gegen an kommen!‹ jammerte die Mutter. Wir packten eine Fuhre, sie war zwanzigmal so theuer als sonst, und mit einem Schuh und einem Pantoffel an, so kam meine Mutter aus dem Hause! Wie wir schon draußen sind, fallen uns die alten Fuhrhops ein: keine Gelegenheit zum Wegkommen, alt und schwach und die Leiche im Haus. ›Je, denn helpt dat nich, denn möt wi man selbst anfaten.‹ Also Siegmund und Karl legten den guten alten Louis auf ’ne Matratze und trugen ihn bis aus ‚m Dammthor, In der Kapelle auf ‚m Kirchhof setzten sie ihn hin. Ihr sagt, das war viel von ihnen? Ja, Kinder, man konnte ihn doch nicht da verbrennen lassen? Man war ja froh, wenn man was helfen konnte! Die alten Fuhrhops nahmen Mutter und ich mit zu Freunden auf der Fuhlentwiete; wir gingen mit den Kleiderröcken über dem Kopf, weil die Luft voller Funken war. Auf ‚m Fleet am Altenwall brannten die Schuten lichterloh, mit Maaren und Hausgeräthen! Sogar die Pfähle im Wasser brannten wie Laternen, und das Elend und die Verzweiflung der vielen obdachlosen verstörten Menschen war schrecklich. Und das Schlimmste war noch, viele meinten, das könnte nicht mit rechten Dingen zugehen, daß die Flammen manchmal ganze Straßen übersprängen, und daß es ganz plötzlich in einer entfernten Gegend wieder anfinge. ›Das muß Jemand anzünden, wir haben hier Mordbrenner!‹ Immer unheimlicher ward es einem zu Muthe, man konnte sich geradezu fragen, sind wir noch in unserem alten traulichen Hamburg? Oder ist man zurückversetzt in grauenhaft düstere Zeiten, unter fanatische Volkshaufen, die ihre verhängnißvolle Verdächtigung auf alle werfen, die ihnen fremd oder irgenwie auffällig sind? So drückten sich auch die Zeitungen aus, denn es wurden ja Menschen mißhandelt und beinah todtgeschlagen, weil man sie für Mordbrenner hielt. Ja, Kinder, was ein einzelner Mensch ist, das ist schon unberechenbar, wieviel mehr noch so ’ne Menge! Das sind oft nicht die schönsten menschlichen Seiten, die da obenauf kommen, ist es nicht wahr? Na, bis den 8. Mai morgens sich die Freudenbotschaft verbreitete: ›das Feuer ist aus‹, haben wir alle die furchtbarste Angst ausgestanden; man meinte nicht anders, als es würde ja wohl kein Haus stehen bleiben. ›Das Feuer ist aus!‹ Kinder, wildfremde Menschen fielen sich auf der Straße in die Arme, wie sie sich gegenseitig die Glücksworte zuriefen. Soviel man schon vor Trauer, Mitleid und Ohnmacht hatte weinen müssen, man hatte noch Thränen für die Freude übrig, als sie kam. Und mit Thränen las man die schöne Bekanntmachung, die ein Hochweiser Rath an den Straßenecken anschlagen ließ: ›Freunde, Mitbürger! Unser geliebtes schönes Hamburg ist nicht verloren, und unsere regsamen Hände werden, wenn auch allmählich und in Monaten und Jahren, das schon wieder aufzubauen wissen, was das furchtbare Element in Stunden und Tagen so hastig zerstört.‹ Je, ist es nicht nett, wenn einen ’n Senator als Mitbürger anredet? Das kam von Herzen, und das ging zu Herzen, und der gute Wille wurde wieder groß und stark. Nu ging das los mit dem Hülfsverein, nu baute man Nothwohnungen, nu hatte man alle Hände voll zu thun. Hab‘ ich gesagt, daß mein Bruder Siegmund zwei Tage und zwei Nächte weg war, und daß wir meinten, wir würden ihn nicht wiedersehen? Aber nachmittags am 8. Mai kam er plötzlich an, und wie sah er aus! Er trug ’n großen Vollbart, von dem stand nur noch hier und da ’n bißchen dunkle Wolle, – Haare vom Kopf gebrannt, Augenbrauen und Wimpern abgesengt, Hände und Gesicht pechschwarz von Rauch und Staub. Meine Mutter fiel vor Schreck aufs Sopha, als sie ihn sah, ich fing an zu weinen; aber er sagte ganz heiter: ›Was weint Ihr denn? Ich lebe ja noch und habe die neue Börse mit retten helfen, und das Feuer ist zu Ende!‹ Wenn man so was miterlebt hat – all‘ die kleinen täglichen Sorgen nachher sind dann furchtbar wenig dagegen, und man hat es nicht schwer, guten Muth zu behalten. Nu bin ich ganz von Lottchen abgekommen. Ja, Tormöhlens, die kriegten auch ’ne Freiwohnung vor’m Dammthor; das war ’n allerliebstes Häuschen mit einem Anbau, ganz von Holz und so recht sonnig und frei. ›Na, freuest Dich dazu, Lottchen?‹ ›Die alte Wohnung war mir lieber.‹ ›Das ist nicht Dein Ernst! Nu kommt der Sommer so recht, was kann man mehr verlangen? Lottchen, wann ist der junge Roosen hier gewesen?‹ ›Heute morgen,« und sie wurde roth. ›Heute schon? Es ist ja knapp zehn!‹ ›Ja, um sieben!‹ Mein Gott, der macht aber frühe Visiten!‹ ›O, er war nicht drinnen, er geht nur Morgens und Abends zum Milchtrinken beim Rothenbaum.‹ ›Sieh, sieh! Das ist wohl das nächste? Bloß ’n Stunde weit zu laufen. Kommt er denn nie herein?‹ ›N–ein.‹ ›So, dann gehst Du wohl hinaus?‹ ›N–ein.‹ ›Aber Ihr wart doch all‘ so schön im Gange? Hat er Dir denn nichts gesagt?‹ So ging das immer mit Lottchen, sie sprach nicht und brach nicht.

Sie sah auch blaß aus und bewegte sich so langsam, gar nicht wie ’n junges Mädchen. ›Guck mal, Lottchen, wie die Kastanienbäume blühn! Eine Lichterpracht.‹ ›Ja, das hab‘ ich noch nicht bemerkt.‹ ›Lottchen, ich bin bei Line Henner gewesen.‹ ›So?‹ ›Fragst nicht, wie es ihr geht nach dem Brand?‹ ›Ach ja, richtig, sie ist auch abgebrannt; ich hab‘ es ganz vergessen.‹ ›Du, sie verheirathet sich!‹ ›Wer?‹ ›Line Henner.‹ ›Warum nicht?‹ ›Mit Herrn Balske!‹ Jetzt lachte sie zum ersten Mal. ›Was Du auch schnacken kannst, Ulrike.‹ Aber wenn ich ihr die Geschichte auch hauptsächlich erzählte, um sie ein bißchen aufzumuntern – geflunkert hatte ich nicht. Ich hatte unsere ehemalige Schulmadam in großer Rührung getroffen. Sie hatte schrecklich viel durchmachen müssen bei dem Brand, auch ihr Haus war gesprengt worden. Als die Polizeisoldaten es ihr ansagten, war sie gerade ganz allein und wußte nicht, wo ihr der Kopf stand. Sie hatte ihre Schulbücher auf dem Bücherbort stehen, nahm sie da weg und packte sie wie den größten Schatz in einen großen Sack, in dem vorher Wäsche gelegen hatte, all die Wäsche warf sie hinaus. In ein paar Tagen sollte gerade ihr Geburtstag sein; ein neuer Sekretär, den ihr Schwager ihr schenkte, stand schon im Hause. Die Portugalöser, die jede abgehende Schülerin Ostern mitgebracht hatte, lagen im geheimen Schubfach. Auch eine neue Roßhaarmatratze hatte sie sich gerade angeschafft. Nun mußte sie also da heraus laufen. In eine Hand nahm sie einen blühenden Rosenstock vom Fenster, in die andere einen zerrissenen Flanellrock, so kam sie aus dem Hause. Herr Balske, der gerade die Treppe heraufkam, um zu sehen, wie es ihr ginge, nahm die neue Matratze auf den Rücken. Unten sagt ’n Mann zu ihm: ›Wenn Sie vielleicht noch mehr holen wollen – ich will Ihnen die Matratze so lange halten.‹ Als Balske wiederkam, war der Kerl weg samt Matratze. Von der Versicherung konnte sie natürlich so gut ’n Lied singen, wie wir alle. Biber konnt‘ das ja auch nicht halten, er machte Bankerott, wie ihr wißt, Line Henner hat einen einzigen preußischen Thaler rausgekriegt! Sie hatte aber noch fünfzehnhundert Mark auf der Sparkasse, und damit wollte sie nach Amerika gehen und Dienstmädchen werden. ›Die Leute werden wohl sehen, daß ich etwas mehr verstehe, und dann werd‘ ich mir vielleicht ’ne Stellung machen.‹ Aber der Kaufmann Büsching, dessen Kinder bei ihr zur Schule gegangen waren, bat sie, zu ihm nach dem Neuenwall zu kommen. ›Wir haben uns das überlegt, meine Frau und ich, Sie können bei uns unterrichten, wir geben Ihnen zwei Zimmer ab.‹ Das sprach sich ‚rum, und gleich bot ihr eine Dame in der Theaterstraße sogar drei Stuben an. Aber da sagte Herr Büsching: ›Gut, so geben wir Ihnen auch noch unser Wohnzimmer, wir haben uns nun so darauf gefreut, daß Sie hier bei uns Schule halten werden.‹ Und so sind Büschings in ihren Saal gezogen und haben ihre Zimmer hergegeben. Und die guten kleinen Gören haben ihren neuen schönen Glasschrank, den sie erst geschenkt bekommen hatten, ausgeräumt und ihrer Lehrerin geschenkt, weil die nun keinen Bücherschrank mehr hatte. Nun kam Herr Balske und sagte: »Sie können noch Unterstützung bekommen, es sind soviel Bücher von allerwegen her geschenkt worden, melden Sie sich doch.‹ Aber Line Henner wollte nicht: ›Die Kinder bezahlen ja, ich kann mir die Bücher je man selber kaufen.‹ Aber Herr Balske hat nicht geruht und ist selber darum gelaufen, und dabei hat sie denn so gehört, daß er acht Kinder hat und ’n Wittwer ist mit sechzehnhundert Mark Einkommen das Jahr. Da hat sie gedacht: ›Nu sind sie alle so großmüthig gegen mich gewesen, setzt muß ich das vergelten; wenn er mich fragt, denn sag‘ ich ja, er hat ja die Schwindsucht, und seine Kinder sind so wie so schon mutterlos.‹ Sie erzählte mir mit Thränen, wie sie die ganze Nacht die Verse im Ohr hätte klingen hören:

›Gott sollte rufen? Ich nicht hören?
Den Weg, den er mir zeigt, nicht gehn?‹

Also ging sie den Weg, unsere brave Line, und sie ist gerade recht gekommen, um dem Mann unendlich viel Leid tragen zu helfen. Denn die Kinder sind bis auf drei alle nach und nach an der Schwindsucht gestorben! Er selbst aber hat sich wieder erholt, und da zeigte sich denn auch, wieviel seine Grimmigkeit und Spottsucht von der Krankheit hergekommen war. Er wurde noch ’n ganzer netter Mann durch die gute geduldige Frau, und mein armes kleines Lottchen hätte nachher keine Ursache mehr gehabt, vor ihm ins Bockshorn zu kriechen. Aber wie das so weit mit Herrn Balske war, ach du lieber Gott, wo war mein Lottchen da!

Wie ich den schönen Junitag von ihr kam, sagt‘ ich zu Mutter: ›Hör‘ mal, so und so, Lottchen hat mir heute gar nicht gefallen; ich fürchte, ich fürchte, sie hat was auf ‚m Herzen.‹ – ›Der junge Roosen steckt ihr im Kopf, soviel ich weiß,‹ sagt Mutter. Da ist es mir, als wenn mir miteins ’n Licht aufginge. ›Der junge Roosen hat bei Vater Tormühlen ausgebacken!‹ ruf ich. ›Der hat ja bei ihm den allergrößten Stein im Brett, denk‘ ich, Ulrike.‹ ›Hilft all‘ nicht; Vater Tormöhlen ist heute so und morgen so, wie man die Hand umkehrt.‹ Und ich hatte wirklich den Nagel auf den Kopf getroffen. Zweimal, dreimal hatte er Roosens Besuch gern gesehen, dann schon ’n bißchen weniger gern, und eines Tages begrüßte er den armen jungen Menschen bei seinem Eintritt mit den Worten: ›Glauben Sie, daß ich ’n Wirthshaus habe?‹ Was das für ’n zartfühlenden Mann heißen will, wenn er so plötzlich, batsch, einen auf ’n Kopf kriegt, könnt ihr euch wohl leicht vorstellen. Was aber mein arm‘ Lottchen für Höllenqualen dabei ausstand, als ihr Vater ihrem heimlich Geliebten, für den sie eine an Anbetung grenzende Schwärmerei empfand, so kam, das kann mein Mund nicht beschreiben. Ich glaube aber, daß sich von diesem Augenblick an ein förmlicher Widerwillen gegen ihren Vater in ihr Herz schlich, der alles kindliche Pflichtgefühl auslöschte. Wär‘ sie damals mit Amandus schon einig gewesen, dann war‘ sie wohl noch leichter damit durchgekommen; dann hätt‘ sie ihm sagen können: ›Mein Vater hat es sich sauer werden lassen, und das ist ihm aufs Herz geschlagen, aber er meint das nicht halb so böse, wie sich das anhört.‹ Und ihr Amandus hätte geantwortet: ›Wenn Du mir gut bist und gut bleibst, dann will ich wohl Mittel und Wege finden, daß ich auch Deinen Vater rumkriege.‹ Aber so, wo noch alles im weiten Felde war, wo Roosen nichts hatte als seine kleine Anstellung und seine Mutter, die er miternährte, wo sie bestenfalls auf eine jahrelange Verlobung gefaßt sein mußten, und wo sie jetzt nicht mal mehr die Aussicht haben sollten, sich zu sehen, da blieb wirklich nichts als Schämen und Grämen übrig, und Lottchen und Amandus waren schrecklich zu bedauern. Wenn ich kam, immer fand ich Lottchen in Thränen, sie bildete sich fest ein, Amandus müßte sie verachten, weil ihr Vater ihm das bißchen Kaffee vorgeworfen hatten. ›Zweimal nur, Ulrike, und einmal ist er zum Abendbrot geblieben, und o – kaum ein Häppchen hat er gegessen! Und Vater selbst hatte ihn gedrängt zu bleiben, und sie haben Sechsundsechzig gespielt, und ich habe dabei gestickt. Es war der schönste Abend in meinem Leben; ich will ja gar nichts! Nur mal sehen und die Hand geben. Und er ist ebenso« – – Und darin hatte sie nu vollkommen recht; wenn das Feuer nicht gewesen wäre, nie hätte Amandus den Muth gefunden, in Tormöhlens Haus zu gehen.

Ich hatte ’nen Einfall ›Mutter,‹ sag ich, ›nächsten Sonntag werd‘ ich zweiundzwanzig, ich möchte dazu wohl ’n paar Leute einladen, meine besten Bekannten.‹ ›Lottchen, und wen noch?‹ fragt Mutter, und ich sehe ihr an, sie ahnt sich was. ›Mutter, ich möcht auch ’n paar Herren dazu bitten.‹ ›Deern, das paßt sich ja nicht, wie könntest Du wohl Herren einladen.« ›Wofür hab‘ ich Brüder?‹ ›Dann laß Siegmund und Karl das thun.‹ ›Das kann angehen, Ulrike, aber meines Wissens kennen die Jungens Roosen kaum mal vom Ansehen.‹ Ich stellte das Karl vor, und der gute alte Jung‘ war ganz einverstanden. Ich hab mich später oft selber gefragt: war das recht von mir, die beiden Menschen, die sich vielleicht nie wieder sonst getroffen hätten, so ohne ihr Vorwissen zusammenzubringen? Vielleicht hätte sich das still todtgeblutet, die Menschen sind doch meist so, daß sie den Stein liegen lassen, den sie nicht heben können. Dann aber wieder hab‘ ich mir gesagt: einmal waren sie doch zusammen, einmal konnten sie sich verständigen, einen glücklichen Tag haben die beiden erlebt, und dazu hatte ich geholfen. Ich erwartete mehr, das muß ich sagen. Ich stellte mir die Männer damals vor wie Wesen, die Himmel und Erde in Bewegung setzen für ihre Liebe. Man wird klüger, wenn man älter wird! Nu weiß ich recht gut, daß wir Frauen diejenigen sind, die alles anfangen und alles in die Schanze schlagen, und daß die Männer in dieser Beziehung nur so viel Muth haben, wie wir ihnen einblasen. Ich will Euch damit nicht heruntermachen, guck mich man nich so groß an, mein guter Wilhelm, – Ihr habt ja auch nachher die Verantwortung zu tragen, – so ’n Mann, so ’n Hamburger Bürger, der will doch mit Ehren gedient sein; ’ne Frau, was ’ne Frau thut, da kommt es immer viel weniger auf an, sie kann ja keine Hamburger Bürgerin sein, sie ist nicht von Rücksichten gebunden, wenn sie auch den ärmsten Mann von der Straße nimmt. Na, das paßt nu all‘ nicht auf Amandus. Das war ’n Mensch, der hatte es tief in sich, der wär‘ für Lottchen durchs Feuer gegangen, war es ja auch schon, aber er konnte es nicht von sich geben, besonders nicht in Worten, sogar nicht mal gegen das Mädchen, das ihm lieber war als sein Leben, und nu gar gegen Fremde – nich rühr‘ an! Mein Karl hatte ’n ordentlichen schweren Stand, bis der schüchterne Mensch die Einladung annahm. Er könnte gar nicht begreifen, wie er zu der Ehre käme, er könnte nicht einmal tanzen, das heißt, er könnte wohl, aber der Doktor hätte es ihm verboten, er könnte auch nicht spielen, nichts zur Unterhaltung beitragen. ›Je, dat helpt nu nich, meine Schwester hat mir gesagt, lebendig oder todt, bringen muß ich Sie.‹ ›Ihre Schwester? Nun, wenn es denn nicht anders sein kann –.‹ ›Hör‘ mal Du,‹ sagte mein Karl, ›so ’n Menschen, der da so wenig nach fragt, bei uns eingeladen zu werden, hab‘ ich auch noch nicht gesehen, beinah wär‘ ich eklig geworden. Na, ich nahm ihn denn in Empfang, so wie er kam und sagte: ›Lottchen ist hier, sehen Sie – da im Garten bei den Stockrosen; sie kennt hier Niemand, nehmen Sie sie ’n bißchen unter Ihre Flügel.‹ Kinder, das Gesicht, was er machte! Er wollte sich nichts merken lassen, und doch schlug ihm das wie rothe Flammen über die Backen, und dabei sah er so hülflos und unentschlossen aus – ich hätt‘ ihn am liebsten untern Arm genommen und zu den Stockrosen hingeführt. Na, das ging ja nicht gut; ich gab ihm aber das erste beste, was mir in die Hand fiel, ich glaube, es war ’ne Gießkanne, die er Lottchen bringen sollte. Der Garten war nicht groß, aber die Planke mit den Stockrosen lag ganz am Ende; nicht lange, so standen die Beiden da bei einander, ganz vertieft und mit dem Rücken zum Haus, und wie ich das sah, wurde mir so recht zufrieden zu Sinn, und ich dachte: na, das ist noch das allerbeste Geburtstagsgeschenk, und wenn sie sich heute verloben, dann soll über ’n Jahr die Hochzeit gefeiert sein, und Mutter und Vater thun mir das zu Gefallen, daß sie bei uns zu Hause gefeiert wird; willst mal gleich deinen Myrthenbaum darauf ansehen, ob er ’n schönen Brautkranz für Lottchen gibt. Ich guck‘ recht auf das Blumengestell an der Laube – mein Gott! Da liegt die krause runde Krone mit den vielen, vielen Knospen glatt abgeknickt auf der Erde, und wie so ’n Besenstiel steht der kahle Stamm. Kinder, ich bin nicht abergläubisch, auch nie gewesen, ich dachte nicht an ’n böses Vorzeichen, wie ich das sah, aber so ’n blühender Baum, und dann so abgebrochen, man weiß nicht wovon und wieso, es geht kein Wind, alle anderen Töpfe stehen unversehrt auf dem Brett – nein, es lag da doch was in; das war, als wenn mir das Jemand ins Ohr sagte: da wird nichts aus! Mir war die ganze Freude verdorben. Stillschweigend nahm ich das auf; die Blätter waren noch frisch, ’n paar Knospen schon halboffen, ’n Jammer. Ich pflückte die armen blühenden Zweige und hielt sie so in Gedanken gegen den blauen Himmel; da kamen ’n paar von den anderen Gästen und guckten mich groß an, ›Wollt Ihr Blumen anstecken? Hier!‹ ‹Nein, Du bist aber splendid, das sind ja Myrthen!‹ So ging Lottchens ungebundener Brautkranz Zweig bei Zweig in viele, viele Hände, die beiden bei den Stockrosen waren schließlich die einzigen, die nichts davon abgekriegt hatten. Ebenso wie nachher nichts von den Küssen. Wir spielten nämlich Pfand, vorher ›Lütt lewt noch‹; ja, das muß ’n altes Spiel sein, das kommt unter den ersten Gedichten von Goethe vor! ›Stirbt der Fuchs, so gilt der Balg‹ heißt es da, aber unser Hamburger ›Lütt lewt noch‹ find‘ ich viel niedlicher und thutiger [Fußnote], nicht? Lottchen sollte den Ofen anbeten: ›Aben, Aben, ick bed‘ di an: verschaffst du mi keen gooden Mann, denn bed‘ ick di nich wedder an,‹ sie sagte aber dafür: ›in ’n Winter büst du ’n gooden Mann, in ’n Sommer kiek ick di nich an.‹ Die Herren schrieen: ›Das gilt nicht!‹ Aber so war sie nu, selbst im Spaß. ›Polnisch betteln gehen‹ wollt‘ sie auf keinen Fall, ›Erdbeeren unterm Schnee pflücken‹ erst recht nicht. Einmal, wie ich ein Theebrett mit Bischof heraus in den Garten holte, kam sie mir nach und beugte ihren heißen Mund zu meiner Backe: ›Meine gute Ulrike, daß Du das gethan hast!‹ ›Na, habt ihr Euch denn ausgesprochen, Lottchen?‹ Sie sah vor sich nieder und schüttelte langsam den Kopf. ›Er wird wohl von Hamburg weggehen müssen, sobald er etwas Besseres findet.‹ Ihre Stimme war beklommen; ich fühlte, ihr war das Herz groß zum Weinen, und sie hatte einen leidenden müden Zug im Gesicht. Ich machte, daß ich mein Getränk los wurde und setzte mich mit auf ihren Stuhl.

›Lottchen, er wird wohl wiederkommen! Glaubst nicht, daß er Dir treu bleibt?‹ Ja, das glaubte sie nun doch; und auch sie ihm? Darauf hatte sie nur ein ernstes Lächeln und einen Seitenblick gegen mich, als ob sie an meinem Verstände zweifelte. Der Abend war wunderschön gewesen, aber auf einmal wurde der Himmel schwarz, der Mond war wie übergeschluckt von Gewitterwolken, der Wind fuhr über die Elbe herüber, und aus der Linde, unter der wir saßen, regnete es gelbe Blätter. Lottchen fing eins auf und besah es. ›Ja, das ist so, um Johanni fallen die ersten!‹ Mutter strich ihr über das Haar. ›Bist recht vergnügt, mein Kind?‹ ›Ja, danke vielmal.‹ ›Wo ist denn der junge Roosen? Das ist mal ’n angenehmer Mensch, nur ’n bißchen tiefsinnig! Sieh Dich mal nach ihm um, mein Kind, Du bist hier ja zu Hause, und er ist fremd.‹ Ja, wir wollten ihnen alle helfen, das muß wahr sein, aber sie sollten doch immer selbst das Gute, Beste dazuthun, nicht? Was mußt ich mir Mühe geben, bis er sie mal zum Tanzen aufforderte. ›Herr Roosen, machen Sie sich nützlich, Fräulein Tormöhlen hat keinen Herrn.‹ ‹Wenn Sie wüßten, wie schlecht ich tanze! Einen solchen Tänzer kann ich wirklich Niemand zumuthen! Sie sind zu gütig –.‹ Als Antwort gab ich ihm einen Bonbonvers zu lesen, den ich gerade ausgewickelt hatte; ich weiß ihn noch: ›Wer war es, der aus Schilf die erste Flöt‘ erfand? Wer schnitt den ersten Vers in eines Baumes Rinde? Wer schuf das erste Bild aus Schatten an der Wand? Die Liebe! – Liebe wirkt geschwinde, und langsam der Verstand!‹ Er wurde natürlich feuerroth; aber er ließ es sich doch gesagt sein und machte Lottchen seinen verlegenen Diener. Sie sahen aber beide aus, als möchten sie sich lieber verkriechen, als so vor allen Leuten umfassen. Ich lootste sie denn auch glücklich in ’n kleines Kabuff [Fußnote], wo Hüte und Mäntel hingen, und flüsterte Lottchen noch so im Spaß zu: ›Verlobt euch, Kinder, ich gebe euch meinen Segen!‹ Na, das war nu ’n rechter dummer Görenstreich von mir, und ich erzähl‘ Euch das als Warnung, was man mit dem besten Willen für Malheur anrichten kann. Denn in demselbigen Augenblick steht Vater Tormühlen da mit ‚m nassen Regenschirm und sagt: ›Wo ist meine Tochter? Das wird nu wohl Zeit, daß sie mal wieder ans Haus kommt!‹ Den Schreck! Hätt‘ ich mir nu nichts merken lassen, wär‘ ja noch alles gut gegangen, aber man begrapst sich ja nicht so schnell, wenn man nicht gewohnt ist, mit Lügen umzugehen. Man is auch manchmal so verbiestert, ich ärger‘ mich noch heute über mich selbst, wenn ich daran denke. Stell‘ ich mich, Dummerjahn, noch recht mit ausgebreiteten Armen vor die Thür und schrei‘ wie unklug: ›Hier kommen Sie nicht hinein, Herr Tormöhlen, nur über meine Leiche!‹ Ja, nu lacht Ihr, Kinder, und es ist ja auch lächerlich, genau genommen, aber mir war es in diesem Augenblick heiliger Ernst, und ich kam mir vor wie der Schutzengel von den Beiden, im vollen Recht und höherem Auftrag, Vater Tormühlen nimmt mich an den Arm, ob er was gesagt hat, was er gesagt hat, das ist mir alles dunkel; ich weiß nur, daß plötzlich die Thür hinter mir aufging, und daß der junge Roosen, blaß wie der Tod, mit einem gewissen stieren Lächeln auf der Schwelle stand und murmelte: ›Sie ist in Ohnmacht gefallen.‹ Und plötzlich bin ich drinnen, und Amandus ist draußen, und Vater Tormühlen faßt sich mit beiden Händen an den Kopf und schreit: ›Was ist das? Was ist das?‹ und Lottchen liegt ohne Besinnung auf dem Fußboden.

»Es war schrecklich! Sie kam zwar bald wieder zu sich, aber die ganze Nacht hatte sie Weinkrämpfe, und Vater Tormühlen marschirte vor dem Sopha, wo sie lag, – sie war natürlich bei uns geblieben – auf und nieder wie ’n Wachtposten, und einen Augenblick wollt‘ er sie aus seinem Hause jagen, den anderen Augenblick wollt‘ er sie einsperren, er kam immer von neuem in Wuth, bis zuletzt meine Mutter ihn so weit beruhigte, daß er mit seinen drohenden Reden aufhörte. Und draußen im Garten in der Laube saß der arme Junge mit dem Kopf auf ‚m Tisch und wußte sich keinen Rath, denn Vater Tormöhlen hatte ihn Spitzbube und Ehrenräuber geschimpft, daß alle Leute es gehört hatten. Auf keine Frage gab er Antwort, horchte nur auf Lottchens Weinen, hat wohl auch selber geweint in der dunkelen stillen Sommernacht. Als es anfing zu dämmern, nahm Vater Tormöhlen seine Tochter unter den Arm und schob mit ihr ab. Vom Bleiben bei uns wollte Lottchen selbst nichts wissen. ›Laß mich nur, Ulrike, es ist ja alles ganz gleich.‹ Ihr Ton ging mir durch und durch, ich mocht‘ sie gar nicht aus den Armen lassen. Wie ich in die Gartenlaube guckte, war Roosen weg, – ohne Hut – mein erster Gedanke war: er wird sich doch nicht von Tagen gethan haben? Aber nein, es lag nichts Gewaltsames in seiner Natur, der war zum Dulden geschaffen, ganz wie Lottchen, Wie ich mit dem Hut zu seiner Mutter kam, fand ich die Frau ganz ohne Ahnung. Ihr Sohn wäre auf dem Postbureau wie gewöhnlich; daß er den Hut bei uns vergessen, bat sie zu entschuldigen, ›Er ist oft zerstreut, so recht ’n Traumbuch. Jetzt geht ihm das im Kopf herum, ob er nach Gera soll oder nicht; ich bin ja sein Ein und Alles; daß er sich von mir trennen muß, ist ihm schrecklich.‹ Sie war gedrückt und ärmlich, eine einfache Frau mit ’ner Küchenschürze und verarbeiteten Händen, der Sohn sah ihr nicht ähnlich. ’n paar Tage nachher sitzt Mutter auf ihrem Tritt am Fenster und näht. ›Ulrike!‹ ruft sie, ›der junge Roosen ist hier schon zweimal vorbeigegangen, er mag gewiß nicht hereinkommen und will das nu ablauern, ob nicht einer von uns in ’n Garten kommt.‹ Ich schnell ’n Hut vom Nagel und stülp mir den auf. ›Nimm Dich in acht und laß Dich auf nichts ein, Ulrike, Du kannst da bös bei ankommen, und Lottchen muß das nachher ausbaden.‹ Er wollt‘ aber auch gar nicht mehr, als sagen, daß er nun übermorgen nach Gera ginge. ›Mutter will mir so bald wie möglich nachkommen, wenn sie hier für ihre paar Sachen einen Käufer gefunden hat. Vielleicht habe ich Glück in meiner Stellung – bitte, sagen Sie Lottchen‹ – – Er schluckte und brachte nichts weiter heraus. Ich drückte ihm die Hand und war so traurig. ›Wollen Sie ihr nicht schreiben?‹ fragte ich. ›Sie könnte Unangenehmes dadurch haben, sie hat schon so viel gelitten meinetwegen.‹ – Auf einmal trat er dicht an mich heran, beugte sich zu meinem Ohr und flüsterte: ›Sagen Sie ihr, wenn nicht in dieser, so in jener Welt!‹ – Damit drückte er mir noch einmal die Hand und ging mit wankenden Schritten die sonnige Straße hinunter. Seine Augen hatten sonderbar geleuchtet, seine Hände gezittert, als wenn er Fieber hätte. ›Ach, Mutter, ich will es gern lügen, aber ich fürchte, den sehen wir nicht wieder!‹Das war alles, was ich sagen konnte, wie ich hineinkam. Nu diese Hiobspost Lottchen hinbringen! Ich war wirklich nicht zu beneiden, Kinder. Wenn man selbst ’ne Art Natur hat, die tüchtig durchfährt, und dann auch noch Glück, daß einem die Hände nicht gebunden sind, dann ist das doppelt schwer, mitanzusehen, wenn liebe Menschen so hülflos ergeben sind, und man fühlt seine Ohnmacht so drückend, daß man gern aus der Haut springen möchte. Wie ich bei Lottchen saß und sie ohne Thräne meine Hände hielt und mir dankte, daß ich Amandus die Last vom Herzen genommen und seinen Abschiedsgruß überbracht, überkam mich das ’n paarmal, als müßte ich sie an die Hand nehmen und zu ihrem Vater führen: er war ja kein Unmensch, – aber dann dacht‘ ich wieder an die ärmliche Lage der Beiden, und daß ja auch platterdings hier und da nichts war, und die Arme sackten mir nur so am Leibe hinunter. Natürlich, wenn sie hätten warten wollen und warten können – ich hab‘ ein Paar gekannt, die sind zwanzig Jahre verlobt gewesen, und als sie sich verheirathen konnten, da war die Braut blind geworden; aber sie hielten noch immer gleich viel von’nander, und sie wurden ganz glücklich. Lottchen und Amandus waren nicht so deftig; [Fußnote] sie wollten nicht warten, oder sie konnten nicht, ihre Natur war zu zart und ihre Liebe zu brennend und ausschließlich – sie brannten zu Ende wie Lichter, die oben und unten zugleich angezündet sind. Das dauerte bis gegen Weihnachten, da kriegte ich ’n Brief von Gera. Die arme Mutter hatte ihn geschrieben, ihr Sohn wäre krank, ginge mit großer Mühe ins Bureau, der Urlaub, um den er gebeten, war‘ ihm nicht bewilligt worden. ›Wir haben eine kleine Wohnung, ein Fenster geht nach Norden, da steht mein Amandus wohl Tag für Tag und sagt: ›Könnte ich doch nach Hamburg.‹ Ich fühlte, daß die Angst um ihren Sohn die scheue Frau zu diesem Brief getrieben hatte; Mutter und ich machten ein kleines Weihnachtspacket für Gera; in meiner Antwort erzählte ich nichts von Lottchens langsamem Hinschwinden; die Frau hatte vielleicht keine Ahnung, woran ihr Sohn zu Grunde ging. Lottchen aber schien auf eine mir unerklärliche Weise genau zu wissen, wie es mit Amandus stand. ›Ulrike, sag mir einmal aufrichtig, glaubst Du, daß wir unsterblich sind, und daß wir uns in jener Welt wiedersehen dürfen?‹ fragte sie mich einmal in geheimnisvollem Ton. ›Wer denkt wohl an Sterben in unserem Alter?‹ sagte ich so leichthin, aber ihre Hand, mit der sie sich an mich klammerte, war so kalt, es lief mir ein Schauer über. ›Glaubst Du es? Glaubst Du es?‹ wiederholte sie aufgeregt und dringend. ›Glaubst Du nicht auch, daß wir uns seht entgegengehen, Amandus und ich? Er sitzt am Fenster und sagt: ›Dort liegt Hamburg, dort ist Lottchen!‹ Und wenn sie so etwas sprach, war sie so schön anzusehen, in ihrer Schwärmerei so selig, daß man die Gefahr vergaß.

Im Frühjahr dann, im März, ist Amandus gestorben. Seine Mutter schrieb, trotz aller Abmahnung des Arztes wollte er in dem nördlichen Kämmerchen gebettet sein. ›Sag Lottchen, wir sehen uns wieder!‹ damit verschied er. Als ich zu Lottchen kam, wußte sie es schon. In Thränen gebadet lag sie auf ihrem Bette. ›Ich weiß, was Du bringst. Das ist mein Tod! Und wir sind noch so jung! Einmal nur noch ihn küssen, Ulrike!‹ Dann faltete sie die Hände: ›Nein, es geht ja nicht, nein, es hat nicht sein sollen; aber dort oben, nicht wahr, Ulrike? Dort oben!‹

Je länger das dauerte, desto stärker wurde diese Zuversicht, und mit der festen Hoffnung auf das Wiederfinden ist sie aus dem Leben gegangen. Gegen ihre Umgebung war sie völlig gleichgültig geworden, ihren Vater fürchtete sie nur; den alten Großvater, der sie noch um fünf Jahre überlebte, vernachlässigte sie ganz. Als Amandus‘ Mutter nach Hamburg zurückkam, – sie war in Gera keine Stunde heimisch gewesen, – ging Lottchen eines Abends spät mit einem kleinen Bündel zu ihr und bat sie, sie zu behalten; sie wollte sticken und nähen für Geld, wenn sie nur bei ihr bleiben dürfte. Als Vater Tormöhlen dann kam und seine Tochter zurückforderte, erklärte ihm Frau Roosen, die das einsame Mädchen schnell ins Herz geschlossen hatte, Lottchen wäre zu leidend, sie brauchte weibliche Pflege; kurz, sie hielt ihn hin und wieder hin, bis er sich einigermaßen zufrieden gab. Fast ein Jahr hat Lottchen noch bei Amandus‘ Mutter gelebt, die pflegte sie, wie sie ihren Sohn gepflegt hatte, – ich war viel dort und suchte Lottchen zu zerstreuen; aber sie hatte nur einen Gedanken. Alle Einzelheiten aus Amandus‘ Kindheit, jeden kleinen Umstand aus seinem kurzen Leben hatte sie von seiner Mutter herausgefragt und sprach nur von ihm. Die arme Frau verlor an ihr eine hingebende Tochter, sie hat auch sehr viel Verständniß für Lottchen gehabt, mehr fast als ich in diesem letzten Lebensjahr. Als sie an ihrem Sarge stand, sagte sie in voller Ergebenheit: ›So hart es mir ankommt, Lottchen zu verlieren – jetzt sind sie zusammen! Auf Erden hat es nicht sein sollen.‹ Ich wollt‘ und mocht‘ ihr nicht Recht geben, ich dacht‘ an die vergeudete Kraft und Jugend und Liebenswürdigkeit von den beiden armen Menschen, und doch – ganz verkehrt war ihre Meinung nicht. Amandus und Lottchen als Ehepaar – nein, das kann ich mir ebensowenig vorstellen, dazu taugten sie nicht. Wie zwei blühende Bäume, Kinder, lauter Blüthen, aber nirgends ’n Fruchtansatz. Wie mein Myrthenbäumchen, abgeknickt in der Frühsommerzeit! Seht, hier sind sie, diese beiden Miniaturen, auf Porzellan, glaub‘ ich, das Bild von ihm ist eine feine Arbeit, weiß Gott, wer das gemacht hat. Aber haben sie nicht beide den gewissen Zug um die Augen? Den Zug von denen, die früh sterben müssen?

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