Ilse Frapan – Lütten – Eine Hamburger Erzählung

Lütten

Auf der wüsten Koppel, wo kein Mensch etwas davon hat, kommen drei Wege zusammen; zwei führen durch einen tiefen, feuchten Knick mit breit hineinhängenden Büschen, der dritte kommt über die kahle Höhe daher, durch den blanken Sand, wo nichts fortkann als graue Melde und fuchsrothe Wolfsmilch. Und wo die Wege sich treffen, da ist ein breites, tiefes, gelbes Loch. Einige sagen, der Blitz hat da hineingeschlagen; das Loch hat keinen Grund, sagen sie; andre nennen es »Jürs sein Sood,« obwohl kein Wasser darin steht; sie zeigen dann auch ein paar geschwärzte Mauersteine und sagen, das wär‘ das Haus zu dem Brunnen gewesen; wieder andre wissen, daß da nie ein Haus gestanden hat. »Der Boden trug das nicht; der letzte, der sich da anbauen wollte, war ein gewisser Jürs, aber er wurde nichts dabei,«
Wie es auch sein mag, gewiß ist, daß Jürs »nichts dabei geworden.« Die Krähen haben da oben frei Tanzen, die krächzen da herum im Sommer wie im Winter und gucken mit ihren scharfen gelben Augen über die breite Elbe und über den Fischerstrand, ob da nichts für sie abfällt.
Das ist da eine stille Gegend, wo die großen, flachen Wellen einförmig auf den Sand schlagen und das Gras auf den endlosen Wiesen den Kühen bis an den Bauch geht und auch Wellen macht – wenn der Südwind weht – wie das Korn. Im Frühling wachsen da die bunten Schachblumen, braune und weiße, wie Tulpenglocken an dünnen Stielen; dann kommen manchmal Leute aus der Stadt dorthin, mit langschößigen Röcken und grünen Blechtrommeln auf der Hüfte, die steigen dann im Gras herum, daß es lange Straßen hinter ihnen gibt, und machen sich da die Stiefel naß. Und der eine und der andre kriegt wohl auch Durst, und dann steigt er hinauf bis auf die wüste Koppel und sieht sich um, nach rechts und links, nach vor- und rückwärts, ob er kein rothes Ziegeldach finden kann.
Und kopfschüttelnd geht er wieder hinunter durch den Knick, denn da ist nichts, aber auch rein nichts von Häusern zu sehen, und die Krähen, wenn sie auch noch so dummdreist um den Blumensucher herumkrächzen – Antwort geben sie doch nicht, wenigstens keine, die ein ordentlicher Christenmensch verstehen kann. – –
Früher stand ein einzelnes altes Bauernhaus, kahl und mürrisch, mit schwarzgetünchtem Fachwerk und kleinen Fenstern, mitten zwischen den Wiesen, neben einem großen, flachen Tümpel. Es hatte weder Zaun noch Garten, nichts als ein paar Hollunderbüsche neben dem Tümpel, aus dem hohes Ried aufwuchs, das, im Sommer grün, im Winter braun, das ganze Jahr schwankte und rauschte.
Bei gutem Wetter sah das Haus nur aus wie ein dunkler Fleck im gelblichen Grasgrün; aber wenn der Himmel voll grauer, schwerer Wolken hing, von denen die spitzen Euter schon bis in die Elbe hinunterreichten, dann sagte das Haus viel, was es bis dahin verschwiegen hatte.
Einer, der zu solcher Zeit vorüberkam, wunderte sich dann nicht oder doch nicht so sehr, wenn er plötzlich Lütten erblickte, wie er auf der bloßen Erde saß und seinen kürbisartigen, blaßgelben Kopf mühsam zu balanciren versuchte. Mancher nickte sogar und murmelte: »Ja! na ja!« obgleich auch, er lieber schnell vorüberging.
Denn hübsch anzusehen war ja Lütten nicht.
Aber er sah doch noch schlimmer aus, wenn die Sonne auf den großen Schädel schien, wo die Haare so einzeln standen wie die Halme auf einem Geestacker; oder wenn sie in das kleine, breitgedrückte Gesicht mit der platten Nase und den bleichen Lippenwülsten fiel. Und wenn ihm ganz warm und wohlig wurde im trockenen Sand, in den er sich eingewühlt wie die Hühner rundum, dann warf er seinen blauen Kittel mit den nackten Beinen in die Höhe, die welk und runzelig, greisenhaft und kindlich zugleich waren und durch ihre unerwartete Enthüllung alles verscheuchten, was da etwa vorüberkam.
Auch seine Stimme war nicht angenehm zu hören, wenn er sie vor Behagen in lautem, winselndem Schreien erhob; ward er zu ungebärdig, dann kam oft mit eiligen Schritten eine schwere alte Frau gekeucht, aus dem Kartoffelland, dem Kuhstall oder dem Hause, die ihm von weitem schon beruhigende, zärtliche Worte zurief: »Lütten, wat hest Du! Wes still, min söten Jung! Moder kummt, Moder!« Dann streckte Lütten seine gespreizten Finger aus, lallte: »Moder!« und der schwache Anschein eines Lächelns erschien auf seinen blöden, verzerrten Zügen, Mutter Thies aber bückte sich, putzte Lüttens Plattnase, drückte seinen Wasserkopf an ihre Kniee und fragte: »Wat will min Jung hebben? Will he denn woll Speck hebben? will he ’n Pannkooken hebben? Vertell mal, Lütten, vertell all, wat Du hebben wullt.« –
Oft aber gab es auch böse Worte bei Mutter Thies. Da war im Hause ein langsamer Mensch mit schleppendem Gang und hölzernen Gesichtszügen, das war Jochen, Mutter Thies‘ zweiter Sohn. Der schlug auf Lütten los, wenn er laut schrie oder ein Wort fünfzigmal wiederholte, wie er das so gern mochte. Besonders solche Worte, die Jochen nicht gefielen, und ihm gefiel das wenigste, was aus einem menschlichen Munde kam. Vielleicht hätte er es gern gesehen, wenn Mutter Thies ihn auch einmal gefragt hätte, ob er Speck wolle oder Pfannkuchen, aber da sie das nicht that, mochte er lieber gar nichts hören. Mürrisch ging er seiner Arbeit nach, brummte vor sich hin und blickte mit schelen, eifersüchtigen Augen auf seinen Bruder Jürs, der doch so wenig wie er selbst von Mutter Thies Gutes erfuhr. Nein, Jürs war von früh auf der Sündenbock gewesen. Aber man konnte ihn trotzdem beneiden, denn er hatte eine Frau, die große Pauline; ins Haus durfte sie zwar nicht, das litt Mutter Thies unter keinen Umständen, aber Jürs konnte ja zu ihr gehen, so oft er wollte, in den Tanzsalon in St. Pauli, wo sie Kellnerin spielte.
Ja, es war nicht so leicht, mit Mutter Thies auszukommen, wenn man keinen Wasserkopf hatte und einen eignen Willen!
»Ole Gnurrputt!« nannte sie Jochen, so oft er den Mund aufthat, um etwas zu verlangen; Jürs aber, der nicht umhin konnte, über Glück und Unglück zu lachen, weil ihm der Mund so gewachsen war, hieß bei ihr nur: »De dwalsche Grienaap,« mochte er auch noch so schlau zu Werke gehen, um Mutter Thies etwas abzuluchsen, Jochen und Jürs waren für sie wie fremde Leute, die sie eigentlich gar nichts angingen. Ihr Sohn, ihr Kind, ihre tägliche Sorge und Liebe, das war Lütten mit dem Wasserkopf.
Warum das eigentlich so war, wußte Mutter Thies wohl selbst nicht. Vielleicht, weil Lütten als Aeltester noch aus der guten Zeit stammte, wo Vater Thies selber, ein junger, forscher Kerl, mit krallen Augen, lebendig und thätig, immer mit Peitschenknallen und hallo! draußen und drinnen zu hören gewesen war. Und Lütten sein Ebenbild, der dicke, rothbäckige, fixe Wicht – an dem konnte man seine Freude haben! Aber das Gute währt nicht lang, das wird alles anders.
Auf einmal, unter ihren Augen, unter ihren Händen hatte sich der gesunde, stämmige Gast in den bleichen, welken, großköpfigen, lallenden Zwerg verwandelt, vor dem die Leute das Grausen ankam.
Von einem Fall sollte das hergekommen sein; Lütten war als dreijähriger Junge vom Heuboden gefallen. Mutter Thies mußte nur lachen, so sauer es ihr wurde, daß der Doktor solchen Unsinn sprechen konnte! Nee, dann war doch ihre alte Großmutter noch bedeutend klüger! Die sah das gleich: dem Jung‘ war was angethan, da war ’n »Glippauge« angekommen. Und Mutter Thies hatte das Glippauge selber aufgesucht, mit dem Kind an der Hand! »Wenn ick dat ahnen kunn! Gott vergew‘ mi all, wat Sünd‘ is, aber ick kenn‘ ehr good, de verdömte Hex, un dat is de ol‘ Wahrseggersch, de mi ook min fieden Platen wegbuxt hett! Harr‘ ick man nie ’n Foot in de ol‘ Kath‘ sett!«
Aber wenn ein Unglück kommen soll, dann macht man ihm selber die Thür auf! Thies konnte das nicht sehen, das mit Lütten, und so kriegte er denn sachte mehr und mehr mit dem Schnapsbuddel zu thun, bis nach Jahr und Tag auch die böse Prophezeihung der Wahrsagerin auskam und er im betrunkenen Zustande vom Stack in die Elbe fiel und ertrank. Jochen war damals ein Jahr alt, Jürs wurde nach seines Vaters Tode geboren. Schwächlich und häßlich waren sie zur Welt gekommen, und Mutter Thies hatte schon so viel mit Lütten zu thun! Und die ganze Wirtschaft lag auf ihr allein. Was wollten die beiden Jungens dazwischen? Ueberall waren sie unter den Füßen, überall steckten sie ihre dummen, gierigen kleinen Fäuste hinein. Mutter Thies prügelte nach rechts und links, aber immer wurden den Hennen die Eier noch warm unterm Leibe weg gestohlen, die sie für Lüttens Pfannkuchen so nothwendig hatte.
Wie sie heranwuchsen, wuchsen natürlich auch ihre Fangfinger. Speckseiten und Schinken verschwanden aus dem Schornstein, Mutter Thies fragte eben weder Jochen noch Jürs jemals, ob sie Speck haben wollten, und sie wollten doch so gern. Warum sollte Lütten alles allein haben, obgleich sein Kopf immer dicker wurde und er aus lauter Bequemlichkeit das Laufen ganz aufgab? Auf der Erde saß er und stützte sich auf die ausgespreizten Finger und schrie nur, wenn er etwas wollte.
Es kam die Zeit, wo Mutter Thies ihrer eignen jungen Ferkel im Koben nicht mehr sicher war. Der »dwalsche Grienaap«, der Jürs, hatte herausgefunden, daß mit Baargeld noch viel mehr anzufangen ist als mit Eiern und Speck. Jochen hatte sich niemals überführen lassen, aber er verschmähte nicht, des Bruders Gewinn zu theilen Doch war er Mutter Thies‘ bester Arbeiter, langsam, aber stetig, während mit Jürs, dem »Undöcht«, dem »Wippsteert«, auch in dieser Hinsicht nichts anzufangen war.
So eröffnete ihm denn Mutter Thies eines Tages – Jürs war inzwischen vierundzwanzig Jahr alt geworden –, daß er gehen und sich anderswo Arbeit und Unterkunft suchen solle.
Jürs grinste und nickte bereitwillig. »’n Deern heff ick all, Moder, dar denk‘ ick all länger an as Du.«
Mutter Thies erboste sich: »Wat wullt Du mit ’n Deern? ’n Steed schallst Di söken!«
Jürs kratzte sich hinterm Ohr. »Man schad – mit de Stedigkeit dar is dat nicks.«
»Dat magst noch seggen?« schrie die Mutter. »Gliek gahst hen und vermeedst Di!«
Jürs hielt sich die Hand ans Ohr: »Jewoll! verfreen ward ick mi.«
»Deenen schallst Du!«
»Jewoll! freen! freen!«
Mutter Thies starrte ihm in das dummschlaue Affengesicht. Wenn sie ihn nur erst einmal los wäre.
»Doh, wat Du wullt, de Döhr steiht apen«, sagte sie mit einer Handbewegung.
»Denn wölt wi ehr tomaaken,« sagte er lachend.
Aber vor Mutter Thies‘ hageldicht fallenden Schimpfworten duckte er sich doch und that begossen.
»Wenn ick freen – wull ick seggen deenen schall –, denn kann ick doch nich mit ’n witten Stock kamen.«
»Unnösel Du! Verwegne Utschott! kiek to, dat Du ’n gollenen kriegst!« schrie Mutter Thies.
Da lachte er wieder.
»Heft recht, Moder, ick will gau tosehn!« Damit verschwand er.
Eine Woche später erfuhr Mutter Thies, wie es gemeint gewesen; Jürs hatte ihr das Korn auf dem Halm und das Heu auf dem Diemen verkauft und sich mit dem Gelde davongemacht.
Später hörte sie, er sei irgendwo Stackarbeiter geworden.
Nach zwei Jahren erschien Jürs ganz unverfroren und kandidel bei Mutter Thies und bat um eine kleine Unterstützung: seine P’line hätte nun Zwillinge bekommen.
»Is dat Din Minsch, Du Grienaap? Heet dat Minsch P’line?« erkundigte sich Mutter Thies sorgfältig.
»Dat ’s ehr Nam‘, Moder, op P’line is se döfft,« erwiderte Jürs erwartungsvoll, händereibend.
Mutter Thies musterte ihn.
»Un mit de Snapsbuddel hest Du ock all Fründschop kreegen; dat Du Di wedder in min Stuw intruen deihst, Du Gaudeew!« sagte sie mit wuthzitternder Stimme. Jürs zuckte die Achseln.
»De Knüppel liggt bi’n Hund,« machte er kleinlaut.
»Büst Du de Hund?« grollte die Mutter, ihn scharf und widerwillig betrachtend; »Du slachtst Din Ohm Klaas na; wanneer kummt dat Tochthus?« Sie hob drohend die Faust auf »’n sittenden Steert mutt de Minsch hebben! ’n Minsch, de ’n sittenden Steert hett –«
Jürs wies höhnisch auf Lütten, der, unbekümmert um das Gezänk, an einer Wurst kaute.
»Wi könt nich all‘ sin, as Lütten is, Moder.«
»Laat Lütten in de Ruh!« schrie sie und legte schützend ihren Arm um seinen Wasserkopf.
Jürs stierte mit hungrigen Augen den schmatzenden Esser an.
»Du hest Eier un Fett, Moder, wi sitten mit drögen Mun’n! dat geiht uns klöterig! Dar is nich Füer nich Rook, nich Putt nich Pann. Machst uns nich to Hülp sin, Moder?«
Er grinste, was er konnte, indes in seinen rothunterlaufenen Augen das Wasser stand.
»Nee, mag ick nich!« Mutter Thies drehte ihm den Rücken zu. »Mit Pracherpack mutt man sick nich inlaaten.«
»Kummt dar nicks Beteres na?« fragte Jürs, nachdem er eine Weile vergeblich gewartet hatte; »ick heff dacht, hüt obend giwt se sick, hüt ward se sick geben.«
Als keine Antwort mehr kam, riß er blitzschnell Lütten die Wurst aus den Händen und steckte sie sich in die Tasche.
Lütten erhob ein Jammergeheul.
Da drehte sich Mutter Thies doch um und trieb Jürs mit erhobenen Fäusten aus der Thür.
»Gah hen, wo Du herkamen büst,« schrie sie in einem fort.
Jürs zog die Wurst hervor, biß gierig hinein vor ihren sichtlichen Augen und grinste: »Ick warr mi en Knütten in de Näs flahn, dat ick ‚t nich vergeeten doh! Adjüs so lang! un freet mi ock nich op, Moder, de Wust is good!«
Am andern Abend, zwischen Licht und Dunkel, kam Mutter Thies vom Viehfüttern in ihre Stube und dachte eben, daß es dieses Jahr früh anfinge, kalt zu werden – da hörte sie drinnen solch ein sonderbares, quiekendes Geschrei – nicht wie Lüttens Stimme! Hastig riß sie die Thür auf und prallte zurück: da saß die ganze Familie Jürs auf der Wandbank, und das junge Weib lachte sie mit unverschämter Freundlichkeit an: »Je, Mannsmoder, nu sünd wi dar.«
Und sie wies auf zwei bewegliche Bündel, als auf etwas Lobenswerthes und Gutes.
Mutter Thies übermannte der Schreck. Sie ging wortlos rückwärts zur Thür hinaus; ihre Beine zitterten. Dann kam sie wieder herein und sah, wie Jürs die Tischlade offen hatte und ein Brot herauszog. Sie packte das Brotmesser mit einem Griff und hielt es ihm vor die Augen: »Du Gaudeew, wullt mal liggen laaten? Sall ick nu dat Spöök dar«, sie zeigte auf P’line – »op ’n Hals behollen?«
»So heff ick dacht!« erwiderte Jürs zurückzuckend. »Moder, Din Bleusterigkeit, da verjag‘ ick mi vör!« Und das Brot fest an sich drückend nahm er einen Anlauf und entwischte aus der Thür. Draußen verschnaufte er einen Augenblick unterm Fenster und hörte zwei Frauenstimmen sich laut und gellend erheben.
»Se sünd all bi de Verstännigung,« kopfnickte er; »dat was ick mi nich vermoden, dat de Saak so drad‘ afgahn däh!«
Darauf verdingte sich Jürs auf einem Baggerschiff, das bei Finkenwärder zur Arbeit lag.
Aber Lütten war doch der Stärkere. Vielleicht hatte Mutter Thies sich »dat Minsch und ehren Anhang,« wie sie sich ausdrückte, noch eine Weile gefallen lassen, jetzt zum Spätherbst, wo man nicht gern einen Hund vor die Thür jagte. Aber P’line wußte nicht mit Lütten umzugehen, neidete ihm die Nahrung und schlug ihn, wenn er nach ihren Röcken griff. Das konnte Mutter Thies nicht mit ansehen. Nach zwei Monaten war sie die Schwiegertochter sammt den Zwillingen los: P’line hatte einen unvermutheten Helfer gefunden. Der »Gnurrputt« Jochen war aufgewacht, hatte die Bruderkinder irgendwo in einem Dorf in Kost gethan und war mit der Schwägerin auf und davon gegangen, Mutter Thies wunderte sich gar zu sehr.
»So ’n schulsche Bürt! un de mutt so ’n Stückschen utäuwen! Weet de Düwel, bi mi geiht allens verkehrt! Mal sünd dar toveel in ‚t Huus un mal keen een!«
Sie tröstete sich mit Lütten. »Lütten, min Lütten, wenn Du man wörst, as Du nich büst, wo kunnen wi denn so woll lewen!«
Aber Jochens Abwesenheit dauerte nicht lange. Als die Elbe wieder offen war, fand er sich, mürrischer als je, eines Tages am Strande vor, unterhalb seiner Mutter Haus. Er pichte an einem alten Boot, das jahrelang unbenutzt gelegen, und ließ sich bitten und laden, ehe er wieder über die Schwelle kam. Immerhin, Mutter Thies gab gern ein paar Worte zu, sie hatte da einen Knecht statt Jochen gedungen, der alles verkehrt machte. Nun konnte er abgelohnt werden, Jochen hatte nie viel gesagt, aber jetzt knurrte er erst recht in sich hinein. Er hatte nämlich nichts weiter mit nach Hause gebracht als eine breite Zahnlücke vorn im Mund, die ihn sehr belästigte, wie es schien, denn er hielt, wenn er sprach, immer die Hand darauf gedrückt.
Allmählich kam er damit zu Platz, wie es hergegangen war. In einem Tanzsalon in Sankt Pauli, wo er sich mit der großen Pauline einen vergnügten Abend machen wollte, hatte er seinen Bruder Jürs wieder getroffen, und Pauline hatte sich den Spaß gemacht, die beiden so aufeinander zu hetzen, daß sie handgemein wurden. Dann war sie mit dem gegangen, der die älteren Rechte besaß. Auf dem Baggerschiff allerdings war kein Platz für sie, aber als Kellnerin in einer Hafenkneipe war sie gut versorgt und ganz an ihrem Platze. Jochen trauerte ihr nach, als ob sie die einzige Frauensperson am ganzen Elbstrand sei. Er besuchte sogar die Zwillinge ihretwegen.
Aber da fand es sich, daß die Kleinen sich aus dem naßkalten Winter und der schlechten Kost sachte fortgeschlichen hatten. Er kriegte auch zwei Nummern in die Hand gedrückt – wenn er wollte, konnte er sich beim Todtengräber befragen, wo sie begraben wären.
An dem Tag vergriff sich Jochen zum erstenmal wieder an Lütten, ganz ohne Ursache, es war ihm plötzlich in die Finger gefahren. – –
Der Frühling war gekommen, und die Schachblumen blühten auf den Elbwiesen wie alle Jahre. Es war ein schöner, warmer Apriltag. Lütten sonnte sich im Sand, und Mutter Thies hatte eine Leine gezogen und hängte Wäsche auf.
Da kam so ein Blumenpflücker mit langen Beinen vorübergestiegen; die Sonne spiegelte sich in seinen Brillengläsern, und die grüne Trommel klapperte bei jedem Schritt.
Als er das Haus sah, hielt er an und rief, die Hände an den Mund legend: »Heda, Frau!«
Langsam drehte Mutter Thies sich nach ihm um und ließ ihre geringschätzigen Blicke an dem Fremden auf und ab kriechen. Der kam arglos heran: »Haben Sie ’n Glas Milch, oder kann man ’n Schnaps bei Ihnen kriegen?«
»Nee,« sagte Mutter Thies und dehnte das Wort, so abwehrend sie konnte.
Aber der Fremde hatte erst in diesem Augenblick Lütten gesehen, der da unten saß und Schwefelhölzer auf einem Stein anrieb, eins nach dem andern; der Wind blies sie schnell wieder aus,
»Was ist denn das?« sagte der Fremde, neugierig nahertretend, wahrend er scharfe Blicke auf den haarlosen Riesenkopf und den verschrumpften Körper in dem blauen Kittel heftete.
Mutter Thies hielt in der Arbeit inne, der mißtrauische Zug um ihren eingesunkenen Mund vertiefte sich,
»Dat ’s Lütten, dat ’s min Oellst,« machte sie langsam.
»Kann es sich nicht brennen? Kann es nicht Feuer machen? Wie alt ist das?« fragte der Mann. Mutter Thies schüttelte gleichmüthig den Kopf. Sie kam von dem Grabenbord herunter – plötzlich erwachten ihre müden Augen, ihre bläuliche Unterlippe zitterte. »Na, sünd Se woll ’n Doktor? Tweeundörtig is he.«
Der Mann berührte den großen, haarlosen Kopf mit zwei Fingern und versuchte, das blöde, verzerrte Gesicht sich zuzudrehen.
»So geboren?«
Mutter Thies war ganz nah herangerückt: »Na, weeten Se da wat för? wat dar good for is? Hebbt Se vielleicht ’n Medezin?«
»Kann es geh’n?«
Eifrig faßte Mutter Thies das verkümmerte Wesen unter die Achseln und zog es empor: »Up! up! Lütten mutt upstahn!« rief sie ermunternd. Die kraftlosen Füße schlurrten über den Boden hin, aber die Hände machten rudernde Gleichgewichtsbewegungen, und endlich stand er, wenn auch mit wie abgeknickt hängendem Kopf.
»So groß wie ein etwa zehnjähriges Kind,« sagte der Mann, ihn aufmerksam betrachtend, »das ist interessant.«
»Wat seggen Se?« Mutter Thies freute sich an der Aufmerksamkeit, die ihr Lütten erregte; es war so gar nichts von Widerwillen in dem Gesicht des Fremden. Aber Lütten ward das Stehen zu sauer, und er ließ sich mit Hülfe der Mutter wieder auf die ausgespreizten Hände fallen,
»Na, könt Se mi nicht ’n Medizin geben?« drängte die Alte aufgeregt,
»Kann es sprechen« sagte der Mann,
»Versteiht sick! Allens un allens!«
Mutter Thies legte schmeichelnd Lüttens schweren Kopf gegen ihre zitternden Kniee, Ja, die Kniee zitterten ihr!
Der Mann da sah so klug aus, der wußte etwas, der konnte Lütten gesund machen, wenn er wollte.
»Weeten Se, dat is em andahn! De oll Wahrseggersch mit dat Glippoog, weeten Se woll –« sagte Mutter Thies und plinkte ihm vertrauensvoll zu.
»Aha!« Ja, Mutter Thies merkte, der Mann verstand alles, das war keiner von den neumodischen »neegenklooken« Doktoren, die über Bauersleute nur lachen können.
»Lassen Sie ihn sprechen,«
Bereitwillig streichelte sie Lütten. »Min söte Jung, hör mal to! Segg mal wat min Lütten! segg all, wat Du lehrt hest!«
Lütten versuchte, den Kopf aufzurichten, auf seinem formlosen Gesicht erschien ein Lächeln und machte es auf einmal menschlich.
»Moder,« lallte er, wie eben aus einem langen Schlaf erwacht. Die dicke Zunge schob sich zwischen die Lippen, als ob er sich einen Vorgeschmack von etwas Gutem gäbe.
Mutter Thies zupfte den Fremden. »Hebbt Se ‚t hört? jao, he is klook nog, min Lütten; he seggt nich veel, aber he hett dat in sin Kopp! De is klauker as mannicheen! Segg mehr, Lütten! segg noch wat!«
Lütten gerieth plötzlich in große Erregung. Die Nüstern der eingedrückten Nase weiteten sich, eine furchtbare Verzerrung des Gesichts folgte:
»Speck un Wurst!« schrie er; dann, als ob man eine Maschine in Bewegung gesetzt habe, erklang es wohl dreißig Mal hintereinander, immer im gleichen Ton: »Speck un Wurst! Speck un Wurst!« Es gab kein Anhalten, kein Athemschöpfen dazwischen.
»Aha!« sagte der Fremde, zurücktretend, als ob er setzt vollständig befriedigt wäre. Er nickte vor sich hin, ohne Mutter Thies weiter zu beachten.
Aber ihre Spannung war aufs höchste gestiegen; wieviel Geld der Mann wohl verlangen würde? Ob sie auch so viel hätte? »Kummt dat – kummt dat düer?« sagte sie ängstlich. »Ward he denn – ward Lütten denn ganz wedder good?« Sie schluckte, die Kehle war ihr zugedrückt.
Langsam schüttelte der Fremde den Kopf, während ein verwundertes Lächeln sein Gesicht überflog.
»Nein, Mutter, dabei ist nichts zu machen; der bleibt, wie er ist; aber –« Die Wirkung seiner Worte, das wirre Aufstöhnen der Alten überraschten ihn. »Lieber Gott,« sagte er, »das konnten Sie sich am Ende selber sagen; nein, aber, hören Sie, ’nen guten Rath kann ich Ihnen doch geben – so ’n armes Geschöpf – kosten thut es mehr als ein andres, verdienen kann es nichts. Hab‘ ich nicht recht?«
Mutter Thies nickte kummervoll, beide Hände auf den Mund gedrückt.
»Seh’n Sie,« fuhr der Mann fort, »da sollten Sie nu bei Zeiten aufpassen, daß Sie den Kopf an ’n Doktor verkaufen – das ist ’ne Rarität, wissen Sie, wenn er mal todt ist! Verstehen Sie?«
Nein, Mutter Thies verstand nicht; hülflos, mit weit offenem, zahnlosem Munde und zitterndem Unterkiefer starrte sie den Mann mit den großen Brillengläsern an, der mitleidig zu ihr herunterlächelte.
»Er versteht ja gewiß nichts davon,« sagte er mild beruhigend, »das wär‘ ja ’n Glück, se eher se lieber! Wenn Sie das mit ’nem Doktor abmachen, daß er Ihnen noch bei Lebzeiten etwas Gewisses für den Wasserkopf bezahlt. – Solche Mißgeburten sind immer gesucht, wissen Sie –«
Aber nun brach aus Mutter Thies‘ kleinen, altersgerötheten Augen ein irrer Wuthfunke.
»O du verdammte Swienegel!« schrie sie auf, und nach dem Escher langend, der an der Wand lehnte, drang sie wüthend auf den Verdutzten ein, der eilig, unter abwehrenden, erklärenden Worten, die Flucht ergriff. »Wullt Du? wullt Du rut?« brüllte Mutter Thies, unterstützt von Lütten, der in ein gellendes Gelächter ausgebrochen war und seinen blauen Kittel wie toll mit den nackten Beinen in die Höhe warf. Sie verfolgte den Mann, der sehr roth und gekränkt aussah, noch eine Strecke weit durch das lange Gras; er setzte über Gräben hinweg mit fliegenden Rockschößen, ängstlich den Hut festhaltend, den der scharfe Ostwind ihm entreißen wollte.
Als sie dann athemlos vom Laufen und fürchterlich keuchend zurückkam und, blauroth im Gesicht, ihren Hals von dem braunen Wollentuche zu befreien versuchte, das sie würgte, gewahrte sie auf einmal Jürs, der hinter Lütten stand und seinen Kopf mit den Fingern befühlte, wie es vorhin der Fremde gethan; ein ganz sonderbares Grinsen verzerrte dabei sein Gesicht. Mutter Thies fühlte ihre Beine schwach werden. Ein unbestimmtes, plötzliches Grausen kam sie an, das ihr kalt über den Leib lief, und ihr Kopf wurde schwer, so schwer, als müsse er sie auf die Erde hinunterziehen.
»Wat wullt Du hier? wonehm kummst Du her?« wollte sie sagen, aber die Worte kamen mit einem unverständlichen Gurgeln aus ihrem Mund, das sie noch mehr erschreckte.
Jürs trat von Lütten weg und stand in seiner ganzen Heruntergekommenheit, mit der blauen Nase und den weit abstehenden, blutlosen Henkelohren, mit der löcherigen Hose und dem schmutzigen Kittel, mitten in der hellen Sonne. Er kniff die Augen zusammen und nickte seiner Mutter frech und verschmitzt zu.
»Dag, Moder! De Mann is nich dumm. Lütten an ’n Doktor verkopen? Wat hett he seggt? Dat will ick dohn, Moder, de Mann hett recht! Djusti! djusti!« Er sprang mit klappernden Holzpantoffeln in die Höhe. Plötzlich dann umschlang sein Arm Lüttens unförmlichen Kopf.
»Baar Geld, Moder! De Kopp is baar Geld! djusti! djusti!«
Mutter Thies‘ Gesicht schwoll immer mehr an. Das Entsetzen machte sie sprachlos und lähmte ihr den Arm, den sie heben wollte, um Lütten zu befreien. Steif waren die Arme, gar nicht wie ihre eignen.
Jürs gerieth in einen Freudentaumel: »Is ’n Geschäft, dammi! Lütten verköpen! dammi! De Mann mutt wedder her! dammi! dammi!«
Lütten gab unter dem rauhen Druck unbehagliche Klagelaute von sich; mit gespreizten Fingern suchte er Jürs abzuwehren.
Da tauchte neben ihm auf der andern Seite Jochens hölzerne Gestalt auf.
»Laat na!« sagte er brummend und nahm Jürs‘ Arm von dem Kopf des Zwergs, »verköpen is good, aber ick frag‘ mi man, an wokeen?«
Mutter Thies strengte alle Kräfte an zum Schreien.
»Jochen! lied’t nich! Nich verköpen! min Fleesch un Blood!« lallte sie halb bewußtlos.
Jochen richtete sich auf, seine Augen blickten fragend und starr auf die Alte.
»Sünd wi nich ook Din Fleesch un Blood? Schult wi dorthungern? Wonehm sünd de Tweeschen bleewen? Wer hett dat starwen un verdarwen laten? Wonehm sünd de Tweeschen?«
»Wo – wo – wo – nehm sünd de Tweschen?« winselte Lütten, dann klatschte er in die kraftlosen Hände und kreischte wie ein Papagei: »De Tweeschen! de Tweeschen! de Tweeschen!«
Mutter Thies rührte sich nicht. Ihr Auge umfaßte noch einmal das verwahrloste Haus an dein trübgrauen Tümpel und das, was ihr ganzes Leben gewesen war: den kahlen, wasserköptfigen, gelben Zwerg, der sinnlos lachte und kreischte zu ihrer Angst, Jochen mit dem Anklageblick und der kalten Entschlossenheit in den eckigen Zügen, und den betrunkenen Jürs, der seine zerfetzte Mütze in die Luft warf und schrie:
»Baar Geld lacht, Moder! Djusti, bar Geld lacht!«
»Oach! oach! oach!« ächzte sie auf; ihre Augen verdrehten sich, ihr Kopf neigte sich vornüber, und schwer schlug sie der Länge nach auf den Boden. – –
Am zweiten Abend danach sah es in Mutter Thies‘ Stube ganz anders aus. Jochen und Jürs hatten die große Pauline in die Mitte genommen und viel Schnaps getrunken, schon den ganzen Tag, Mutter Thies konnte ihnen jetzt nichts mehr anhaben, Mutter Thies war todt. Sie hatte sich hinaus in die Scheune bequemen müssen, Jochen hatte den Sarg selber hergekarrt durch den tiefen Sand, Der Tischler in Wedel hatte ihn gerade vorräthig gehabt. Und nun lag sie da draußen, die Alte, schimpfte nicht mehr und regierte nicht mehr, und die Stube und das Haus und das Vieh und die Wiesen – alles gehörte Jochen und Jürs. Sie konnten es noch nicht begreifen; so lange sie nüchtern waren, wollte es ihnen nicht in ihre verwunderten Köpfe. Jürs ging auf den Zehen mehr als einmal an die Alte hinan und blickte ihr unruhig ins Gesicht, ob sie nicht wieder lebendig würde. Aber mit zufriedenem Kopfschütteln schlich er weg, nahm einen herzhaften Schluck aus den halben Schrecken, den er ausgestanden, und schlenderte, die Hände in den Hosentaschen, mit einer Hausbesitzermiene in den Wiesen herum.
Jochen that ganz allein, was nöthig war; er hatte auch den Doktor geholt, hatte das Begräbniß angesagt, hatte die schwere Leiche gewaschen und angekleidet. Als sie dann in den Sarg gelegt werden sollte, hatte er Jürs zum Anfassen gerufen, aber Jürs hatte nicht gemocht. Wie ein Unsinniger war er in hohen Sprüngen ausgerissen und hatte geschrieen: »Dat gräst mi! Dat gräst mi!« Und dann hatte er P’line geholt und zwei Flaschen Kümmel, denn es war ihm so schlecht geworden – das Gräsen wollte gar nicht weichen.
Seit P’line da war, ging alles besser, Jochen war auch aufgethaut. Wenn sie sich mit Jürs küßte, stieß er sie mit seinem harten Ellbogen in die Rippen und sagte: »Laat mi ook bibucken.« Und Jürs erwiderte zwar: »Maak Di nich too grün, Du!« Aber P’line blänkerte ihn mit ihren schwarzen Augen vertraulich an und spielte mit Jochens Hand hinter Jürs‘ Rücken. Unaufhörlich kreiste die Schnapsflasche zwischen den Dreien.
Draußen ging derselbe sägende, dörrende Ostwind, der schon seit Tagen wehte. Es knackte und knarrte in dem alten Haus, als ob die Balken Leben bekämen und auseinander wollten. Und in das Pfeifen und Mischen im dürren, winterbraunen Ried mischte sich oft eine schreiende Winselstimme: »Moder! Moder! Speck un Wust! Speck un Wust!«
»Is Lütten buten bi ehr?« fragte P’line, als sie das Gewimmer zum ersten Mal hörte.
Jochen blickte Jürs an: »Weet nich, wonehm dat he is; ick heff keen Tied halt.« Jürs pfiff gleichgültig.
»Hett he wat to eeten kreegen?« sagte das Weib kopfschüttelnd, »he will Speck un Wust hebben! Gah mal rut, Jürs, kiek mal to –«
Sie drückte verstohlen Jochens Hand, aber Jürs schien mit seinen zwinkernden Augen auch um die Ecke sehen zu können. »Mußt nich!« schrie er und hielt Jochen die schmutzige Faust unter die Nase.
»Kinners! Kinners!« lachte P’line geschmeichelt, »verdreegt si doch man.«
Draußen klapperte es am Thürgriff; war’s der Wind, oder war es der Wasserkopf, der seine Mutter suchte?
»P’line, ick gräs‘ mi! Achhott wat gräs‘ ick mi!« schrie Jürs und umfaßte das Weib, den struppigen Kopf an ihrem breiten Busen begrabend.
Pauline drängte ihn lachend von sich. »Wanneer kummt Lütten weg? Hett de Doktor em all köfft? Ward de Kopp affneden?« fragte sie neugierig.
»Moder! Moder! Speck un Wust!« jammerte es vor der Stubenthür.
»Nee, nu ward mi dat Gejaul öber!« knurrte Jochen, der vergebens versucht hatte, seinen Bruder wegzuschieben. »Täuw Du! Di will ick Speck un Wust opsnieden! täuw Du man.« Er langte, wackelig aufstehend, nach dem Rohrstock in der Ecke und riß die Thür auf. Ein gellendes Geschrei, halb Furcht, halb Gelächter, ertönte draußen. Dann ein hastiges Laufen, Katzenmiauen und plötzlich ein klirrendes, brechendes Gepolter, als ob eine ganze Küche in Scherben ginge.
»Jürs!« machte P’line und rüttelte den schnarchend an ihrem Halse Athmenden, »giw mi ’n Sluck, un denn will ick ook rut, dar is jewoll de Dübel los, dar buten.«
Jochen kam herein, ohne Stock, mit offenem Munde und wirrem Haar, von seiner Backe lief Blut. Stumm drückte er sich auf die starke Wandbank, die unter der halb scherzenden, halb ernstgemeinten Balgerei zwischen Jürs und seiner Frau ängstlich knarrte.
Er riß die Flasche an sich und trank einen tiefen Zug, dann fuhr er sich langsam über das blutende Gesicht, in der gleichen starren Verwunderung.
P’line stieß ihn an, »Uemmer fuchtig, Jochen! Bi’t Pegeln mutt dat anners hergahn! Büst Du ’n doofes Füer hüt obend?«
»He hett mi klei’t,« sagte Jochen verbast, als könne er’s noch immer nicht begreifen.
P’line lachte auf, aber gleich danach kreischte sie, denn Jürs war zwischen Schlafen und Wachen wieder eifersüchtig geworden und hatte nach Jochens Auge einen Faustschlag geführt.
»Uemschichtig, Kinners, umschichtig,« besänftigte sie den schwer Betrunkenen, »ick bün se groot nog, Jürs, ick warr‘ mi woll wehren, wenn Jochen too wehlig wurden deiht!« Sie stieß die Brüder mit den Köpfen zusammen: »Gewt ji ’n Säuten, Kinners! so ’n Jux belewt wi nich wedder wi vun ’n Obend!«
Aber Jochen hatte noch immer das hölzerne Gesicht und starrte die Thür an, wie heftig und zudringlich das Weib ihn schüttelte. Er schien zu horchen.
»Wat deiht he dar buten?« kicherte P’line, »woveel giwt de Doktor for em? verteil mi dat, Jochen? Slöppt he ümmer noch nich?«
»He hett mi klei’t,« murmelte Jochen wie abwesend.
Das Weib wischte ihm das blutende Gesicht mit der Schürze, als ob er ein kleiner Junge wäre.
»Si Du man still! De hett nu de längste Tied Speck un Wust freeten. Drink ’n Sluck, Jochen, dat Du warm wardst! Woveel kriegt wi? Woveel giwt de Doktor for em?«
Sie verstummte plötzlich und klammerte sich an Jochen, der wie sie von der Bank jäh in die Höhe gefahren war. Denn draußen war ein lautes, schrilles Gelächter erklungen, und nun schrie es in winselndem Ton:
»De Tweeschen! Och de Tweeschen! Och de Tweeschen! Lütten, kumm! Sallst wat hebben! Lütten – Tweeschen – kumm –« in thierischem Geheul erstarb die Stimme.
Die Beiden aber in der dunkeln, branntweindunstigen Stube flüsterten rauh, fast besinnungslos vor Angst:
»Wat is dat? Is dat de Ohlsch? scht‘, mal! is se nich dot? is se wedder opwakt? Wat heet dat? Wat schall dat sin? Wat seggt se?«
Pauline rüttelte Jürs an der Schulter, daß ihr ein Stück des Lumpenkittels in der Hand blieb. Sie war kaum ihrer Zunge mächtig, »Waak op, Du! Dar is wat los. Weet de Dübel! De Ohlsch –«
»Djusti, de Ohlsch!« lallte Jürs und fuhr mit dem Kopf in die Höhe, »de Ohlsch heff ick all lang nich sehn – wonehm is se woll vun‘ Obend?«
»Ick gah ut‘ Finster rut! ick gräs‘ mi!« heulte P’line, nun auch vor Jürs zurückschaudernd. Da ermannte sich Jochen gewaltsam. Er tastete sich auf.
»War dat heet? Dat heet gornichs,« sagte er mit klangloser Stimme, ging an die Thür und riß sie auf, um mit einem wilden Schrei zurückzutaumeln.
»Füer! Füer! Füer! de Schüer brennt! dat Hus öbern Kopp! Moder – Du? och lewst Du noch? – Füer –«
Pauline hatte die Flasche ergriffen, um Stärkung zu suchen. Als sie aber dicht vor sich das Sausen und Brausen vernahm und die offene Scheune in großen, gelben, hochaufschießenden Flackerflammen sah und mitten darin den schmalen Sarg und die zwei weißen Gestalten – den lachenden Wasserkopf im Hemde, der den starren Oberkörper seiner todten Mutter umklammert hielt, als ob er ihn emporreißen wollte –, da verging ihr der Rest von Besinnung, und wie die Motte ins Licht taumelte sie gerade hinein in die tödtliche Gluth, die ihr gierig entgegenzüngelte. – –
Als der Morgen kam, standen nur noch die nackten schwarzen Mauern. Die Hülfe aus Schulau war zu spät gekommen. Die Feuerspritze zog ab.
Die Dürre – der Wind – der baufällige Zustand des Hauses – man hätte doch wenig ausrichten können. Gerettet wurde nur einer – man überführte ihn sofort in eine Anstalt. Nicht sowohl seiner Brandwunden halber, als weil er einen unförmlichen Wasserkopf besaß und über sich selbst und seine Familie nichts zu sagen vermochte.
Später ist dann noch ein sonderbarer Mensch aufgetaucht, der in einer, Vollmondnacht vor Sanders‘ Wirthschaft in Blankenese auf dem Eckstein saß und mit dem Mond allerlei merkwürdige Gespräche führte. Er nannte ihn Lütten und wollte ihm den Kopf abschneiden, wie er sagte. Man holte ihn unter großem Freudengejauchze in die Wirthsstube, weil man sich einen rechten Jux von dem Kerl versprach, aber der Kerl weinte und wollte wieder hinaus zu dem Mond. Die Leute, die ihn früher gekannt hatten, behaupteten, er heiße Jochen Thies und sei Mutter Thies‘ Aeltester gewesen, aber er selber nannte sich Jürs und konnte sich auf keinen andern Namen besinnen, auf den Hausbrand anfangs auch nicht. Er ging aber doch auf die Brandstätte und nahm da Steine weg, die er oben auf der wüsten Koppel zusammenhäufte. Er wollte da ein Haus bauen, sagte er; er hätte nur immer noch nicht das Geld, »weeten Se woll, for den Kopp! for den affneeden Kopp – dat ’s de Hauptsaak.« Er »tüderte.«
Man wollte ihn irgendwie versorgen, aber es ging nicht – er wüßt‘ es vorher und verschwand aus der Gegend.
Solange Blankenese dänisch war, tauchte er immer wieder vor Sanders‘ Wirtschaft auf und wurde mit Schnaps und Brot versorgt; als es dann deutsch wurde, konnte er sich nicht mehr halten – die deutsche Polizei hatte einen Widerwillen gegen ihn. So ist er denn nach Jütland gewandert, sagen sie.
Als meine Mutter klein Kind war, hat sie ihn noch gesehen.

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