Ilse Frapan • Ameise • Erzählung über einen Hamburger Ameisenmenschen

Ameise

In ganz Hamburg gab es nur einen einzigen Menschen mit so langen, so hageren, so abenteuerlich nach innen geknickten Beinen. An den Hüften gingen sie auseinander, um an den Knieen vollständig zusammenzustoßen und sich dann nach abwärts gewaltsam zu spreizen. Es waren die unbequemsten Beine, die man sehen konnte, um darauf zu gehen; dennoch waren sie ihres Besitzers werthvolles Eigenthum, ja sozusagen die Stützen und Ernährer seiner alten Tage. Ohne diese Beine hätte er wahrscheinlich nie das Amt erhalten, das er nun bekleidete, das Amt, die Straßenübergänge zu säubern und mit einem Besen den eilig Heranschreitenden zwischen die Füße zu fahren, um sie auf sich aufmerksam zu machen. Das gab dann manchmal ein kleines Trinkgeld, wenn man solch eine orthopädische Merkwürdigkeit war.
Es kam vor, daß Leute, besonders Aerzte, das Interesse so weit trieben, daß sie den Straßenfeger nach seinem Namen fragten. Dann erschien auf dem kreuz und quer durchfurchten grauen Gesicht ein geheimnisvolles Grinsen, gelbe Zahnstümpfe wurden entblößt, in den kleinen Angen glitzerte es, ein Klümpchen Tabak ward seitwärts über die Straße gespieen, und eine heisere Stimme murmelte: »Ida,« – »Ida? Sie können doch nicht Ida heißen?« verwunderte sich der antheilsvolle Frager. Aber das Grinsen wurde nur breiter, die Aeuglein glitzerten stärker, – er hieß Ida, hatte nie anders geheißen, konnte sich nicht erinnern, ob das ein Vor- oder Zuname sei, hatte übrigens auch ausreichend genug an einem Namen.
Es gab Leute, die nun recht antheilsvoll wurden, die wissen wollten, wo er wohne. Wohnen solche Geschöpfe überhaupt? das war die Frage. Ja, wenn der Straßenfeger seinen guten Tag hatte, bekamen sie beruhigende Antwort. »In ’n deepen Keller,« – »Ach so! na, hier haben Sie noch fünf Pfennig, Ida! hahaha, Ida! Das muß ich meiner Frau erzählen, daß Sie Ida heißen!«
Weiterhin konnte es dann vorkommen, daß ein Schutzmann mit höflich an den Helm gelegtem Handschuh auf den Frager zutrat: »Sie werr’n entschuldigen, Herr, sind Sie eben von die Ameise da angesprochen worden?« – »Ameise? was für ’ne Ameise?« – »Von den Kerl da drüben, der die X-Beine hat, das is ein‘ von unse Ameisen, aber ansprechen, das darf er nich.« – »Nein, nein. ich habe ihm freiwillig eine Kleinigkeit gegeben,. Aber warum nennen Sie den Ameise?« Dann lächelte der Schutzmann leutselig den unwissenden Herrn an. »Da sagen wir immer Ameisen zu, – diesen kenn‘ ich, das war mal ein Korrigend, sprach, die Leute auf die Straße an und bettelte auch woll mal mit in Häuser. Nu is er ’n büschen zugelernt, nu haben wir ihn als Ameise genommen; kriegt nu alle Woche seine fünf, sechs Mark auf die Baudeputation, aber ’n Auge, wissen Sie woll, das muß man immer noch auf ihn haben.« Der Schutzmann grüßte und trat zurück, der antheilsvolle Mann setzte seinen Weg fort, vielleicht nicht ohne noch einen Blick nach rückwärts zu werfen, wo die xbeinige menschliche Ameise sich bemühte, den klebrigen, zähen, von vielen Fußtritten in eine Art Gummi verwandelten Straßenschmutz von den runden Steinen abzukratzen und an dem Rinnstein entlang eine Reihe kleiner, länglicher Schlammbeete anzulegen.
Es war doch wie Hohn, daß dieses stolpernde,, verkrümmte, altersmüde Wesen mit dem torfkorbartigen, beuligen Hut im Nacken und der lumpigen, grüngrau schimmernden Jacke am dürren Leibe »Ameise« genannt wurde. Die flinke, saubere, kleine Kerfe hätte gewiß mit dem nicht getauscht. Wie gut ist sie daran! Rennt im warmen Sommersonnenschein über den harzduftenden, kiefernadelbestreuten Waldboden, wo nur Schmetterlinge und Liebespaare sich süße Dinge zusäuseln. Besitzt Sklaven, Milchkühe und Telegraphisten, erwirbt so mit Spazierengehen den Ruhm einer ungeheuren Geschäftigkeit und bekommt zu alledem in der Brautzeit Flügel, die sie bis zu den höchsten Wipfeln hinauftragen, – eine Verklärung des Erdenwallens, wie es sonst keinem Philister zu Theil wird.
Es ist eben manchmal kein Vorzug, mit zwei, statt mit sechs Beinen geboren zu werden.
Nicht, daß »Ida« selbst jemals derartige Betrachtungen angestellt hätte! Er hielt sich offenbar als menschliches Wesen für hochbedeutend gegenüber dem kleinen Geziefer, von dem er sicher annahm, daß es nur dazu da sei, um von schweren Holzpantoffeln todtgetreten zu werden. Das Gefühl dieser Bedeutsamkeit ward in ihm schon früh erweckt und fortwährend genährt durch die Fürsorge der Polizei, die den elternlosen, hinterm Zaun geborenen Landstreicher immer unter Augen behalten wollte. Sein Leben war ein beständiger Kampf gewesen mit dieser tausend äugigen, tausendarmigen Macht, die ihn nicht seiner Wege gehen lassen wollte. Er mochte sich verkriechen, den Namen wechseln, nichts half ihm, er wurde ausgespürt, gepackt und in die verhaßten vier Wände eingesperrt, um zu arbeiten. Zwei Jahre, drei Jahre, die ihn arbeiten lehren sollten. Aber er war auch darin der Ameise ungleich, er wollte nicht arbeiten, und er konnte auch nicht. Die Natur hatte ihn zum Rentier bestimmt und ihm dann grausam und höhnisch den Bettelsack über die Schulter gehängt. Nicht daß er anspruchsvoll gewesen wäre. Seinetwegen hätte es Häuser überhaupt nicht zu geben brauchen, wenigstens im Sommer nicht. Wozu standen all die Bänke in den Anlagen umher? Er traute seinen Ohren nicht, als der Polizist, der ihn das erste Mal dabei abfaßte, daß er auf dem Stintfang schlief, ihm mittheilte, er dürfe hier nicht schlafen. Also nicht? Und nicht einmal eine Erklärung des Verbots. Ach, die Leute wissen eben nicht, was gut ist, sie könnten es so bequem haben und machen sich das Leben so schwer. Kostgänger der lieben Sonne sein, was ist denn natürlicher? Im Winter freilich, wenn es naßkalt wurde, die Sonne sich verkroch, da brauchte man ein Obdach. Thorgänge und Vordielen genügten, aber das war dann wieder nicht nach dem Geschmack der Hausbewohner und der herumstreifenden Schutzleute. »Halloh! Du dar baben in de böbelste Ecke, kumm mal ’n beten rut, ick will Di ’ne betere Slapstell anwiesen.« Und sobald dann der Schein der unterm Rocke verborgenen Laterne auf sein verschlafenes Gesicht fiel, erkannten sie ihn. »Süh so, Du büst dat! Gu’n Abend, Ida, na, nu kumm man mit, min föte Jung, heft en beten inbreken wullt, nich? na vertell‘ ook mal.« Und sie nahmen ihn in die Mitte. Ida freute sich seiner Berühmtheit, und um Vertrauen mit Vertrauen zu erwidern, erzählte er, daß er nur hier habe übernachten wollen, nichts als schlafen. Da setzte es Püffe. Was? der Kerl wollte sie dumm machen? alle miteinander? Ida nahm die Püffe für Neckerei von guten Bekannten und gab sie mit Zinsen zurück. Die Schutzleute mußten Ernst machen, »So? der Kerl will renitent werden? Faat an, Jungens, nu man düchtig, de Halunk will wat hebben.« Der Gang bis zur Wache wurde warm für alle vier. Und einmal, bei solch einer Gelegenheit, hatten die Konstabler ihren Arrestanten so kräftig durch die Thür des Wachlokals hinein befördert, daß Ida den kleinen eisernen Ofen im Purzeln mitnahm und beide, der Landstreicher und der Ofen, auf den Unteroffizier fielen, der mit seiner langen Pfeife am Tische saß und eingenickt war. Der Feldwebel schrie auf: »Alle guten Geister! wat kummt denn da for ’n grootmächtigen Spitzbow?« Denn der Ofen kam voran und zerprallte auf dem Rücken des unsanft Geweckten. Ida blieb ganz, ein paar Schrammen machten ihm nichts aus. Nur daß er wieder sitzen mußte, die Vorbestraften werden doch immer strenger genommen. Dann, da man ihm nichts vorwerfen konnte, als die Unwilligkeit, in der allgemein gültigen bürgerlichen Weise sich selbst zu ernähren, hielt man ihn zwar fest, aber nicht als Strafgefangenen; er wurde betraut mit kleinen Diensten, mußte die Zellen und Korridore fegen und scheuern, mußte im Detentionshaus mit einer großen Naßbürste an der Badewanne stehen, in der die frisch eingebrachten Landstreicher und Strolche den Wanderstaub ihrer Irrgänge zurücklassen mußten. »Nu man mit de Naßbürst‘ her!« Ida gewann eine Leidenschaft für grüne Seife und schrubbte mit Begeisterung. Es war eine jedesmal neue Verwunderung und Ueberraschung für ihn, daß nicht er der Geschrubbte, sondern der Schrubbende war. Aber diese Momente der Erhebung gingen rasch vorüber, und der Rest war Mühsal und Entbehrung. Zu essen freilich bekam er wohl, aber seine gute Freundin, die Flasche, hatten sie ihm schon im Arrestlokal abgenommen und hatten sich wahrscheinlich eingebildet, er würde sie nun vergessen. Aber er war treuer als das. Er betrauerte sie aufrichtig und sehnte sich nach ihr, täglich, ja stündlich. Es kam vor, daß er nicht schlafen konnte, weil ihre runde volle Gestalt ihm vor den Blicken gaukelte; und zuweilen hörte er ganz deutlich das leise Glucken, das vertraulich, wie heimliches Lachen, aus seiner Brusttasche hervordrang. Die liebste Musik war ihm dieser Ton gewesen nur seinetwegen hatte er die Flasche so nahe seinem Ohre getragen. Er hätte sich vielleicht sogar an die Gefangenschaft gewöhnt, wenn nur auch ein bißchen Branntwein darin vorgekommen wäre. Eines Nachts rief ihm die alte Freundin ganz deutlich zu, daß sie im tiefen Keller auf ihn warte, und in der nächsten Nacht hatte er sie aufgesucht, und lag nun, überwältigt von der Begegnung, zwischen den slowakischen Mausfallenkrämern unter der untersten Kellertreppe, Bis er wieder gepackt wurde, was schon am nächsten Tage geschah. Seine Unverbesserlichkeit stand nun fest, aber der Grad seiner Schuld, der Umfang seiner verbrecherischen Handlungen hatte leider nicht zugenommen. Nachdem er wieder eine Zeit abgesessen, versuchte man den drolligen Uebelthäter, der nie gestohlen, nie eine Gewaltthat begangen, durch Güte zu binden, Ida sollte als Ameise angestellt werden, sollte ein wöchentliches Einkommen besitzen für eine leicht zu leistende nützliche Arbeit, – dafür aber verpflichtet sein, zu wohnen wie andere Menschen, ein Logis, eine Schlafstelle zu suchen und die Benützung der Anlagen und der Thorgänge feierlich abschwören.
Ida wurde sehr nachdenklich, als ihm diese Klausel mitgeteilt ward. Es war sonnenklar, daß Wohnen Geld kostete, gutes Geld, runde große schmierige Nickelstücke, für die man so viel Besseres einhandeln konnte. Geld verdienen, dem Polizeiherrn zulieb, der ihm so aufmunternd zuredete. Wirklich nur zuredete, Ida konnte sich nicht erinnern, jemals einen Puff von dem Herrn bekommen zu haben, – nein, der war nicht wie die Konstabler! Na ja, dem Polizeiherrn zulieb wollt‘ er das Amt annehmen. Aber dasselbe Geld wieder ausgeben, auch um den Polizeiherrn und in der Art, wie der es verlangte, – das war doch ein bißchen viel. Das brauchte Bedenkzeit, und wer weiß, wie lange der Korrigend sich bedacht hätte, wäre ihm nicht plötzlich der tiefe Keller [Fußnote] eingefallen. Ja, das war eine Ausficht, vor der er sich nicht fürchtete, im Gegentheil. Dort gab es nicht nur ein Dach überm Kopf, sondern Lärm, tolle Lustigkeit, komische Duette und Fidele Prügeleien, – dort immer sein zu dürfen, so recht mitten drin, als zahlender Stammgast, das wäre etwas Großes gewesen, ein Zukunftsbild, vor dem Ida entzückt und geblendet die kleinen Augen zukniff. Mit freundlichem Grinsen brachte er dann sein Anliegen vor: Ständiges Logis im tiefen Keller. »Der tiefe Keller ist seit einem Jahr aufgehoben, wissen Sie denn das nicht?« antwortete ihm der Polizeiherr, Idas ausdrucksvolles Gesicht wurde dumm und blöde, er begriff nicht. Es war ihm ebenso ungeheuerlich, als wenn ihm gesagt worden, ganz Hamburg sei zusammengefallen, während er im Gefängniß Schuhe putzte und Kessel scheuerte. Nein, es war mehr für ihn als Hamburgs Einsturz, Von der ganzen großen Stadt mit ihren Häusern und Speichern war ihm kein Stein bekannter und vertrauter als der andere, hatte sich ihm nie eine Thür aufgethan, kein Gesicht aus irgend einem Fenster ihm nachgesehen. Der tiefe Keller dagegen, das war seine Freistatt und sein Klubhaus, sein Theater und seine Concerthalle, der einzige Ort, wo er sich gemüthlich unter seinesgleichen und sogar über die Sorgen des Tages hinausgehoben gefühlt hatte. Und nun – aufgehoben! Was heißt das?
Er brachte es nicht zu der Frage, – er sagte überhaupt nichts weiter. Aber eine große Unruhe war über ihn gekommen zum ersten Mal in seinem Leben. Er konnte den Augenblick seines Freiwerdens nicht erwarten, und sobald er auf der Straße stand, lief er im Trott nach der Nikolaistraße, um zu sehn, was denn der Polizeiherr gemeint habe. Da sah er, was das Wort »aufgehoben« bedeutet hatte. Das alte, sonderbare, graue, spitzgiebelige Haus, zu dem man vierundzwanzig Stufen hinunterstieg, eine noch glitschiger, ausgetretener als die andere, – es war verschwunden, kein Haus mehr, keine Treppen, kein Schauer auf dem Hof, kein tiefer Keller mehr vorhanden. Und was das ärgste war, nicht einmal eine Lücke mehr in der Reihe, sondern zwei gleichgültige vierstückige neue Kasten, dicht herantretend bis zur Baulinie, noch mit Gerüsten davor, an deren Enden die vertrockneten Richtkränze hingen. Neben dem Rinnstein lag ein Haufen Ziegel. Ida setzte sich darauf, denn seine Beine trugen ihn nicht mehr; die alten schlotterigen 3-Beine hatten ja nie viel getaugt, aber so schwach waren sie noch nie gewesen. Wenn er nur irgend einen Schluck gehabt hätte! aber sie hatten ihm ja nicht einmal die leere Flasche wiedergegeben. Hilflos und durstig starrte er an den neuen Gebäuden empor. Die Maurer, die auf den Gerüsten herumstiegen, bemerkten ihn, riefen ihm zu, neckend und grob. Anfangs hörte er nicht, dann gab er die Angriffe zurück, aber ohne Vergnügen, grob und gröber, bis die Straße von ihrem Zungengefecht wiederhallte. Als Ida mit seinen noch immer scharfen Augen bemerkte, daß ein Konstabler den Venusberg heraufkam, erhob er sich vorsichtig, schlüpfte ohne langes Besinnen in den Bau, der bis auf Fenster und Thüren fertig war, Ueber ihm klopften und klapperten die Arbeiter, aber von abwärts herauf kam eine große Stille mit der halben Dunkelheit. Auf Leitern ging es hinunter – die Treppen waren noch nicht da –, ein Stockwerk, zwei Stockwerke unter dem Boden; es wurde völlig dunkel zuletzt, doch wagte er sich auf den schmalen Sprossen in den tiefsten Kellerschacht, wo er sich nur durch Tasten an den feuchten Mauern einigermaßen zurechtfinden konnte. Aber nichts erinnerte mehr an die Herberge von einst, nichts als dieses naßkalte Gefühl an den Fingern, wenn man die Wände anrührte. Das war im tiefen Keller ebenso gewesen. Sonst war es hier völlig anders. sauber, wenngleich noch Sandhaufen und Steine in den Ecken der regelmäßigen, rechteckigen Räume lagen, beinahe so nobel wie im Gefängniß, besonders in dem zweiten Stockwerk unterm Boden, zu dem er wieder aufgetaucht war. Ja, dieses zweite Gestock war nicht einmal ganz unter der Erde, die Hinterfenster ragten ein Stückchen über die Oberfläche hinaus; – plötzlich entdeckte Ida,, daß ein kleiner Zipfel des alten Hofes erhalten war, auf den diese Gucklöcher hinausgingen. Der Hof senkte sich steil abwärts zum Eichholz, in den er durch einen niederen schmalen Gang mündete. Der Mann erinnerte sich mancher lustigen aufregenden Nacht, da dieser Schleichweg den Verfolgten, von Offizianten in der Herberge Ueberfallenen, die Flucht ermöglicht hatte. Durchs Eichholz an die Vorsetzen in ein Schiff, und hinaus aufs freie Wasser, daß der Hafenpolizist mit dem Westwind um die Wette hinter dem Entflohenen herpfeifen konnte!
Aus alter Gewohnheit schlug auch Ida diesen Rückweg ein, nachdem er noch eine Treppe erstiegen, hatte, so daß er die Hofpforte benutzen konnte. Niemand beobachtete ihn, Niemand hatte seine Inspektionsreise in die Kellergeschosse bemerkt. Er wanderte nach dem Lokal der Bauverwaltung, das der Polizeiherr ihm bezeichnet hatte, und nahm, dort den ihm zuerkannten Besen und seine Arbeitsordnung in Empfang. Da er keinen Pfennig Geld besaß, erhielt er sogar einen Vorschuß für die erste Woche und die Weisung, alle acht Tage sein Geld abzuholen. Diese Wendung der Dinge bewirkte auch in seinem Kopfe eine Umwälzung. Er nickte den Leuten zu, die ihn ansahen, und als eine niedliche junge Dame an ihm vorbeikam, schulterte er in einer plötzlichen Eingebung den Besen und murmelte dabei: »Man jo nich stöten, Ida, man so nich stöten, denn kriegst Du to’m mind’sten ‚en por Johr [Fußnote].« Darauf ging er in den nächsten Käsehökerkeller und ließ sich ein Feinbrot geben, in der Mitte durchschneiden und mit Butter und Käse belegen. Auch dort fiel sein süßes Grinsen den Käufern auf, besonders die Dienstmädchen fingen an zu kichern und sich mit den Ellbogen zu stoßen. Als er dann auch noch eine Flasche Branntwein hinuntergegossen, die zweite gefüllt zu sich gesteckt hatte und wieder auf die Straße hinaustrat, fingen die Frauen und Mädchen an, ihm aus dem Wege zu gehen, so selig zwinkerten die rothunterlaufenen Aeuglein über den Runzeln. Treulich fegte und kratzte er auf dem Gänsemarkt, wohin er beordert worden; vom Fahrweg nach dem Rinnstein, von der Mitte nach den Seiten. Es war Oktober, hatte am Morgen geschneit, nun spiegelte sich der blaue Himmel in allen Pfützen zwischen den Steinen. Die Reihe der Droschken stand mit kothbespritzten Rädern, ein weißer Pudel, der vorüberlief, sah aus, als sei er mit seiner unteren Hälfte in einem Tintenfaß gewesen. Als der Straßenfeger sah, wie umfangreich und zugleich undankbar seine Arbeit war, wie der Schmutz unter den Fußtritten der Vorübergehenden gewissermaßen stets von Neuem nachwuchs, ließ er es sachte angehen und begaffte, auf seinen Besen gestützt, die eiligen Leute, um schnell einige Striche zu thun, wenn der in der Nähe aufgestellte Schutzmann den Blick zu ihm verwandte. Und als es Nacht geworden, verschwand er geräuschlos nach der Nikolaistraße und bezog, ohne einen Augenblick Besinnen, das oberste Kellergeschoß im Neubau, das den bequemen Ausgang nach dem Eichholz hatte. Natürlich nicht das ganze! Von den vier Räumen, die er vorfand, zwei nach der Straße gelegenen stockdunkeln und zwei nach hinten liegenden, in deren Fenster die trübe Hoflaterne hineinschien, wählte er eines der letzteren, das gleich neben der Hinterthüre lag. Hier waren schon Scheiben eingesetzt und Fußböden gelegt, es fehlte also nicht viel zur Gemüthlichkeit, wenn er sich nur nicht im Gefängniß das Imbettschlafen angewöhnt hätte! Der alte Sack voll »abgelegtem Zeug«, um das er in den Häusern so lange hatte betteln müssen, war ihm auch gleich von den Konstablern abgenommen worden, und an Wiedergeben dachten die Leute nicht. Jetzt hatte er nicht mal ein Kopfkissen, und platt auf dem Boden mochte er nicht mehr schlafen, das ging nicht mehr, seit er im Gefängnis das gute Leben der anderen Leute kennen gelernt hatte. Er zog zuletzt einen Stiefel aus, stopfte einen alten wollenen Shawl, den er statt der Weste auf der Brust trug, in den langen Schaft und schob die Rolle unter den Nacken. Dann that er einen langen Zug aus der Flasche und fühlte es warm und behaglich durch alle Glieder *rinnen. Jetzt wollte er schlafen. Wenn nur nicht gerade vor dem Fenster eine Katze so jämmerlich miaut hätte. Was wollte die? Wollte sie herein? Er humpelte ans Fenster, den Besen in der Hand. Aber sowie er den Flügel öffnete, sprang die Katze herein und in großem Bogen auf seinen Kopfpfühl, den langen Stiefel. Er duckte sich in der Ferne auf den Boden nieder, müde und verwundert über die Frechheit des Eindringlings. »Wullt Du mal gliek dar weg?« knurrte er. Aber die Katze öffnete gleichfalls den Mund, und ein kläglicher Zwischenton, eine Art von Entschuldigung kam zum Vorschein, während sie sich tiefer in sich zusammenkauerte. Der Straßenfeger sah die Katze an, »je denn mutt ick jewoll rein mit den Bessen (Besen) hauen«, und das wollte er nicht gern, denn Katzen sind manchmal Hexen und gehen einem zu Kopf, wenn man sie in die Enge treibt. Er fühlte in die Tasche, da waren noch ein paar Käserinden, die ihm nicht geschmeckt hatten, weil er satt gewesen war. »Komm, Mus! Mus!« lockte er und hielt diese Brocken ihr entgegen. Die Katze witterte, und dann stand sie auf und schlich näher und nahm die harten Stückchen ihm aus den Fingern mit ihrer warmen rauhen Zunge. Ida mußte lachen, wie die hungrig war. Sogar ein Stück trockenes Brot fraß sie auf und war dabei immer dichter an ihn herangekommen – eine große schöne, weiche, warme Katze –, plötzlich sprang sie ihm auf den Arm und schmiegte sich an seine Brust, es war wärmer als der Shawl, den er vorher abgebunden hatte. »Na, dat is ’n netten Besäuk! wullt Du denn hier blieben?« Er mußte fortwährend lachen, und die Katze war so angenehm an seiner Brust, sie ließ sich drücken und streckte keine Krallen aus, obgleich Ida seine harten kalten Finger in ihrem dichten Pelz vergrub. Als er sich mit dem Nacken auf den Stiefel niederlegte, kroch sie dicht an ihn hinan, zwischen Arm und Hals; das Zittern, das zuweilen über ihre Haut gelaufen war, hörte auf, und allmählich fing sie an, leise zu schnurren, halb im Traum, voll Zuversicht und Behaglichkeit. »Na, Du hest ’n gode Städ‘ (Stelle) fun’n« sagte Ida im Einschlafen und meinte damit sowohl sich wie die Katze, die ihm wie eine Wärmflasche auf den Magen gerutscht war. Dort blieb sie unbeweglich liegen bis gegen Morgen; kopfschüttelnd und ungern ließ sie der Straßenkehrer wieder zum Fenster hinaus, es schlug gerade Fünf auf dem nahen Michaelisthurm: »Dumm büst Du doch, kunnst dat hier so good hebben und geihst weg, dat is je noch stickendüster« (stockdunkel), sagte er.
Aber so war sie nun, und jede Nacht wiederholte sie ihre Streiche. Sowie er in seinem »Logis« erschien, war auch die Katze vor dem Fenster und miaute um Einlaß. Traurig schnupperte sie nach seinen Händen, wenn er ihr nichts mitbrachte. Er setzte ihr dann auseinander, wieso heute nichts da war. »Je, min goode Seel, ick heff hüt ook nix hatt als en lütten Grannen (grünen Bittern) und ’n Stück Swattbrot; dat sünd suere Tieden, min lüttjes Aas, alle Dag wat to eeten, dat kann keen Minsch verlangt sin« (verlangen). Dann gab das Thier sich seufzend zufrieden und begnügte sich damit, von ihm gewärmt zu werden und ihn zu erwärmen. Ein gutes Stück im Hausstand war schon wieder angeschafft: ein Sack mit abgelegten Kleidern, der als Kopfkissen diente. Den Sack hatte er für zwanzig Pfennig in der Elbstraße gekauft, um die alten Kleider hatte er die Vorübergehenden gebeten, nachdem er sie mit seinem Besen auf sein Dasein aufmerksam gemacht hatte. Jetzt träumte er von einem zweiten Sacke als Zudecke, denn der Frost begann, und seine Füße waren Morgens ganz verklamt (erstarrt), trotz der Stiefel, die er nun anbehalten konnte. In der Haft war er zu empfindlich geworden, das hatte er früher nicht gekannt. Aber zunächst gab es noch eine schreckliche Enttäuschung. Als er eines Abends in seine »Freiwohnung« eindringen wollte, fand er die Thür verschlossen, nicht die Hausthür, sondern die Flurthür, die sein »Logis« von der Treppe absperrte. Rathlos, und zitternd vor nasser Kälte stand er wohl eine Stunde in dem leeren tiefen Hause, und neben ihm, rathlos wie er, miaute die Katze, während sie sich auffordernd an seinen Knickbeinen rieb. Dann stieg er einfach eine Treppe tiefer und versuchte dort die Thür. Sie war offen. Und – mehr als das, sein Fuß berührte etwas Großes, Nachgiebiges. Ida hatte Augen an den Zehenspitzen: noch ehe er sich bückte, wußte er, daß es sein Sack war, sein nothwendiges, halb schon verloren geglaubtes Eigenthum, Vielleicht hatten sie gemeint, er gehöre einem der Arbeiter, hatten ihn deshalb hier heruntergeworfen. Nach fünf Minuten war Ida in dem neuen Logis heimisch. Da er Alles im Dunkeln besorgte, gingen ihn die kleineren Unterschiede in den Räumen nicht viel an. Nur daß die Hand naß wurde, wenn sie mit den Mauern in Berührung kam, und daß nur ganz, oben in einem schmalen Streifen das Licht der Hoflaterne hereinsickerte durch die tief im Kellerloch steckenden Fenster. Doch war es wärmer hier, waämer als oben. Sogar die Katze, die erst mißtrauisch und ängstlich gezaudert hatte, ihren Platz auf seiner Brust einzunehmen, schien das allmählich zu bemerken. Es gab eine allseitig zufriedenstellende Nacht. Einige Tage später aber bemerkte der Straßenfeger beim Durchkreuzen des Hofes vom Eichholz her, warum damals die Thür abgeschlossen worden: hinter den zwei Fenstern war Licht, eine Frau mit einem eingewickelten Kinde im Arm wiegte sich im Stehen auf und ab, ein Mann, der einen Tisch auf dem Kopf trug, blickte die Frau an, um Auskunft, wohin er mit dem Möbel solle. Das erste Stockwerk unterm Boden war also schon bezogen worden. Auf diese Wahrnehmung hin besann sich Ida wieder einige Zeit, bis er seine Wohnung betrat, und dann stakte er mit möglichst gedämpftem Schritt nach seinem Sack, lockte leise die Katze und verzog sich um ein Stockwerk tiefer, um Niemand im Wege zu sein. Eine Verbesserung war es gerade nicht, das Wasser sickerte hier an den Wänden herunter, und kein Lichtstrahl fiel von irgendwo herein. Aber noch feuchtwärmer war die Luft hier, und der Sandhaufen in der Ecke gab eine weichere Unterlage für sein Kopfkissen als der steingepftasterte Boden. Hereinkucken wenigstens konnte Niemand; wenn er ein Streichholz gehabt hätte, – sogar Licht hätte er ohne Sorge anzünden können. Aber er hatte keins, und für überflüssige Dinge Geld auszugeben, das kam ihm nicht in den Sinn. Es gefiel ihm ganz gut in dem unterirdischen Aufenthalt. Die Katze aber gewöhnte sich nicht so schnell. Sie vermißte das Fenster, als es Morgen wurde, und miaute, zaghaft um ihn herumstreichend. Es half nichts, er mußte hinaufsteigen und sie aus der Hofthür lassen, Schnee und Regen flog ihm klatschend wie eine nasse Ohrfeige ins Gesicht, da war er froh, noch auf ein paar Stunden in seinen warmen Keller zurückkriechen zu können.
Aber es trat besseres Wetter ein, und der Bau wurde allmählich fertig. In allen vier oberirdischen Stockwerken’hingen schon Gardinen vor den Scheiben, und auch zwei Treppen unterm Boden wohnten jetzt Leute. Vor der zunehmenden Uebervölkerung verzog sich Ida ins unterste Geschoß. Er ging freiwillig, aber die Katze war Anfangs nicht zu überreden, obgleich sie auf dem Hof auf sein Kommen und seine Brotbrocken gewartet hatte. Sowie er an die letzte Kellertreppe kam, streckte sie auf seinem Arm die Krallen gegen ihn und sperrte sich. Und unten dann legte sie sich nicht zur Ruhe, sondern strich lange Zeit umher und machte zuweilen plötzliche planlose Sprünge ins Kohlschwarze hinein, über die ihr Ida Strafpredigten hielt, bis er eines Nachts an einem verzweifelten Quieken und Piepen und nachfolgenden lauten Knirschen und Schmatzen gewahr wurde, was für Gründe die haarige Freundin zu solchem Betragen veranlaßten. Sie kam dann gesprungen und steckte ihm einen kalten klebrigen Mäuseschwanz in die Hand, »Den Dübel ook!« sagte Ida und schüttelte seine Hand, »wenn Du de Mus opfreeten kannst, denn kannst Du den ollen Steert (Schwanz) ook man behollen; ick heff all allerlei belewt (erlebt), aber ’n Mussteert, dat is mi ook noch nich bad’n worrn (geboten worden).«
Eines Tages, als er wieder auf seinem Posten auf dem Gänsemarkt fegte, rund um das Lessingdenkmal seine Schlammbeete anlegte, erschrak er nicht wenig, als ein Schutzmann auf ihn lossegelte und ihm mittheilte, er solle mal seinen Besen über die Schulter nehmen und mit auf die Wache kommen. Seine Beine knickten mehr als je auf dem Gange. Aber es war nichts Schlimmes; er sollte nur angeben, wo er in Schlafstelle sei, man hatte das nicht herausfinden können, und die statistischen Angaben wären unvollständig und unrichtig gewesen, wenn die Ameise nicht darin verzeichnet gestanden hätte. »Ach, weeten Se, ick bin dar ünnen«, sagte Ida, sich die Backe streichend, denn er wußte noch nicht, was für eine genaue Philistersfrau Dame Statistik ist. Ganz allmählich erst rückte er heraus: »Dar ünnen, in ’n deeven Keller.« Die Entrüstung über diese falsche Angabe war um so großer, als der »tiefe Keller« seit länger als einem Jahr statistisch nicht mehr nachgewiesen werden konnte. Ein Konstabler wurde abgeordnet, den Straßenfeger, aus dem nichts weiter herauszubringen war, heim zu begleiten und an Ort und Stelle die nöthigen Erhebungen zu machen. Nun kam Alles heraus: Idas unbefugtes Uebernachten, der Sack mit den abgelegten Kleidern, eine volle Schnapsflasche und die Ueberreste eines früheren Besens; die Verwunderung der Leute in den verschiedenen Etagen über den stillen Mitbewohner, von dem Niemand gewußt hatte, war nicht klein, besonders da der Vizewirth, ein pensionirter Polizist, im Parterre wohnte. Ida wurde abermals vor den Polizeiherrn beschieden. Der theilte dem Unverbesserlichen nicht mehr väterlich, sondern strenge mit, seine Geduld sei erschöpft; sofern er nicht innerhalb vierundzwanzig Stunden eine gemiethete Schlafstelle nachweisen könne, werde er ver Schub über die Grenze befördert. »Dat is man, – ick bün dar nu all so bekannt – – in ’n deepen Keller« – sagte Ida kläglich. »Nun, das Haus ist ja umgebaut, viel Platz darin, sehen Sie zu, daß Sie dort unterkommen, der Vizewirth heißt – – « Der Gestrenge schlug seine großen Bücher nach, er hatte sogar die Freundlichkeit, dem alten Stromer einen Konstabler mitzugeben, damit er den Vize nicht verfehle, und die lange Angelegenheit endlich zum Abschluß komme. Und sie kam zum Abschluß. Der Vize, dem Ida während seiner Dienstzeit auch oft genug über den Weg gelaufen war, vermietete ihm einen der Räume aus dem vierten Stock unterm Boden, denselben Raum, den der Straßenfeger bis jetzt unentgeltlich »bewohnt« hatte, für vier Mark monatlich, worauf eine Mark sogleich vorauszuzahlen war. Dafür erbot er sich aber, ihm eine Bettstelle mit einem Strohsack und eine Herdbank zu liefern, die sowohl als Tisch wie als Stuhl dienen konnte, Ida entschloß sich nicht leicht: eine Mark die Woche zu bezahlen für etwas, das man umsonst gehabt hatte, Zeit seines Lebens; das war ja sündhaft. Als aber das Geld weg war und der Konstabler gleichfalls, als er sich Herr dieses dunkeln Loches fühlte, das übrigens für die Beratschlagung mittels eines Petroleumlämpchens beleuchtet worden, da erschien ihm die Sache sehr neu und angenehm, und er lockte die Katze herein, um ihr zu zeigen, daß sie hier jetzt in Zukunft thun könnten, was sie wollten. Noch größer war die Befriedigung, als er in der Nacht darauf den Strohsack unter sich fühlte, statt des kalten Sandhaufens, auch die Katze schnurrte teilnehmend und angenehm überrascht von der Besserung seiner Verhältnisse; vor Wohlgefühl trank er seine Flasche völlig leer, und so tief war sein Schlaf, daß ihn nicht einmal das frühe Miauen der Katze erweckte. Seit diesem Tage erwachte in dem Heimathlosen eine zähe Anhänglichkeit an seine Behausung, Wenn er in Schmutz und Nässe mit halb erstorbenen Füßen draußen stand und mühselig den Besen handhabte in den geschwollenen Händen, während ihm von der Alster her der Wind ins Gesicht pfiff und seine Augenbrauen und Bartstoppeln voll Schnee starrten, dachte er an sein warmes Loch, das sicher am Abend auf ihn wartete, auf sein Bett, dem jetzt der Sack als Zudecke diente, an die wärmenden Züge aus der Flasche und an die weiche warme Katze, die ihn jeden Abend mit demselben fröhlichen Klageton begrüßte.
Diese angenehmen Bilder spiegelten sich in dem vergnügten Glitzern seiner Augen, über das die Vorübergehenden lächeln mußten, und wenn er vor einer jungen Dame so galant den Besen schulterte und sie angrinste, geschah es nicht, um ein Trinkgeld zu erlangen, das ihm übrigens ziemlich oft zu Theil wurde, sondern aus reiner angeborener Munterkeit, die jetzt, wo es ihm so gut ging, unverhofft zu Tage trat. Wenn nur das Miethebezahlen nicht gewesen wäre! Erstlich hätte er dann eine ganze Mark die Woche mehr gehabt, und das wäre sehr angenehm gewesen. Jetzt hatte er den Tag siebzig Pfennig, und sein neuer Stand als Staatsangestellter brachte allerlei Verpflichtungen mit. Er mußte seine Stiefel flicken lassen, wenn sie zerrissen waren, und wenn sein einziges Hemd ihm in Fetzen vom Körper fiel, so gab es nur eine Möglichkeit, ein anderes zu bekommen, – er mußte es kaufen! Das Betteln war ihm strenge untersagt. Man konnte wirklich in kein Haus hineingehen, ohne daß ein Konstabler hinterhertrabte und nachfragte, ob da gebettelt worden sei. Als in der vierten Woche seiner bürgerlichen Etablirung der Vize den Miethzins holen wollte, war kein Geld da. Ida behauptete, der Schuster habe ihm nichts übrig gelassen. Darauf wollte der Stellvertreter des Hauswirths die Schnapsflasche konfisziren, da er sie aber leer fand, schleuderte er sie wüthend auf den Steinboden, daß die Splitter umherflogen, einer davon ritzte ihn sogar an der Hand, was der Straßenfeger mit Wohlgefallen bemerkte. Dann sagte Ida mit unerschütterlicher Ruhe: »Dat Du Di gliek an min Buddel vergriepen mußt, wenn ick keen Geld in die Tasch heff, dat gefallt mi gor nich an Di, dat mußt Di afwenn ’n (abgewöhnen), – so, nu heff ick Di dat seggt, – sünnst kannst ook mal een mit ’n Bessen (Besen) kriegen.« Und bedächtig hinkte er auf die Ecke zu, wo sein Handwerkszeug stand. Der kurzbeinige asthmatische Vize ging, sprachlos vor Verwunderung über solche Frechheit, aus der Thür, Den nächsten Sonnabend aber schickte er seine Frau in die Kellerwohnung, und die brachte denn auch richtig eine Mark herauf, zu weiterem hatte sich Ida nicht herbeigelassen. Und die Frau nahm ihn noch in Schutz: »Wenn he dat nu nich hett, he kann dat je nich ut sin Fell snieden, dat ol‘ Lock dar ünnen is je eegentlich min Steenkahlenkeller, – harst (hättest) Du em man nich rinnahmen (hereinnehmen), aber he is nu mal dar.« Die Frau war auch bestochen durch Idas Grinsen. »Wahr is das, er wird man so mechanisch von die Polizei aus über Wasser gehalten«, sagte der Vize nachdenklich, »mich soll man verlangen, ob er nu die andre Woche bezahlt.«
Da erlebte er nun allerdings noch manche Enttäuschung. Ida bezahlte immer unwilliger und brachte so viele vernünftige und stichhaltige Gründe vor, daß die Frau sich immer wieder überreden ließ und froh war, wenn sie mit zwanzig Pfennigen vor ihrem Mann erscheinen konnte. Bei dem freilich stand es fest: der schlimme Zahler mußte hinaus, aber obgleich er dem Straßenfeger schon mündlich wie schriftlich gekündigt hatte, – er ging nicht und nahm überhaupt die Sache nicht als Ernst auf, sondern nickte und lachte: »Is all good, is all good, hier hefft Se fief Penn‘, dat annere bat kriegt Se wohl sachts (leicht), dar stah ick woll noch good vor, wi hefft je Tied, ick bün je alle Dag dar.« Wenn er aber gar nichts hatte, oder in zu eifriger Unterhaltung mit der Flasche begriffen war, so schloß er einfach seine Thür ab, und der Vize hätte mit seinem Klopfen eher Todte aus dem Grabe erweckt, als den Straßenfeger zum Aufmachen der Thür veranlaßt, wenn der nicht wollte. Inzwischen aber kamen Klagen über Klagen aus den drei anstoßenden Kellerräumen, die als Lagerplätze vermiethet waren. Nicht etwa über den Nachbar mit der Katze, die Beiden störten Niemand, sondern über die täglich zunehmende Nässe des Bodens und der Wände. Ein Lederhändler strengte gegen den Hausbesitzer wegen verdorbener Waare einen Prozeß an, und als er ihn gewann, weil ihm der Keller als angeblich trockener Raum vermiethet worden, reichte auch der Käsehöker im Nachbarhaus eine Beschwerde ein: seine Käse verschimmelten wegen der gefährlichen Nähe.
»Weißt, was nu kommt?« sagte der Vize zu seiner Frau, »nu kommt das so weit, daß wir den untersten Keller zuschütten müssen! Es is en Schandewerth, denn das is en großer Verlust für uns, weil wir das nu erst all‘ gebaut haben, aber was hilft das? Das Grundwasser, sag ich ümmer, das ist das Grundübel von den ganzen Haus, der Zimmermann hat mir heute man gesagt, wenn wir nich den Swamm (Schwamm) hier kriegen wollen, denn müssen wir das ganze unterste Stock zuschütten! Nu denk mal bloß, was das für’n Schaden für uns is!« Die Frau schüttelte den Kopf: »Du deihst ümmer, as hör‘ Di dat Hus to! Freu‘ Di, denn hest je glick ’n por Partien weniger! Denn lat mi ook min Drücker wedder maken, de de besapene (betrunkene) Muerklattje (Maurer) mi utdreiht hett! Du sparst ünnner for den Huswerth, dat wurr ick nu ganz gewiß nich dohn.«
Der Vize strich sich geschmeichelt über das runde Bäuchlein. »Kiek, Mutter, davor bin ick ook Viz worrn, und Du nich! He weet woll, warum, Mutter!« Und dann nach einer Weile: »Aber was Gutes kommt da doch bei rausgesauert (zum Vorschein), – nu werd ich endlich den Kerl los, da laur‘ ich nu all lang genug auf.« – »Denn hett dat ol‘ Lopen alle Sündag for mi ook en En’n, dat is mi ook all bet übern Hals,« sagte die Frau bereitwillig. »Ich weiß man gor nich, wie und auf welche Art und Weise ich den Kerl das zu wissen thun soll! Wenn er man auch geklagt hätte!« – »De is mit allens tofreeden, ick weet gor nich, wat dat for’n Menschenkind is,« die Frau rümpfte die Nase. »Dat Water mutt je all’n por Toll hoch in sin Keller stahn, de hüppt (hüpft) jewoll in ’n Water as ’n Pogg‘ (Frosch) und kriegt keen natte Fäut,« sagte der Vizewirth, »hest Du dat nich sehn?« – »Nee, min Lamp‘ is gliek utgahn, und ick heff op de Trepp mit ein spraaken, – he harr wedder ’n lütten sitten« (einen Rausch).
Am Abend, als Ida nach Hause gekommen war, stieg das Ehepaar zu ihm hinunter. Sie brachten eine Lampe mit, aber auch im Keller brannte ein Talglicht, das in einen Flaschenhals gesteckt war, auf der Herdbank. Die Katze saß auf dem Strohsack und blinzelte die Eintretenden an, die sich vergeblich nach dem Straßenfeger umsahen. Da kam er herein, im Arm einen Haufen Ziegel, der ihm bis ans Kinn reichte, »Na, was machen Sie denn hier?« empfing ihn der Vize, noch vor der Schwelle, denn er scheute sich, auf dem naßglänzenden Boden seine Sohlen zu benetzen, Ida zeigte mit der freien Hand in die Ecke neben dem Bett, auf eine solide Ansammlung von Ziegelsteinen, die der Vize noch nicht bemerkt hatte, »Dach, ick will hier man ’n beten min Keller drög macken, dat is je eklig natt hier.« Der Vize mußte lachen: »Kick em an! – aber, min goode Jung, de Steen, de hört Di je gor nich to, und helpen deiht dat ook nichs, – dat Water kommt doch hendör (hindurch), nee. Du mußt rut, de Keller fall toschütt warrn,« Ida grinste so breit er konnte, »Wat Du seggen deist! Vor de Dör liggt je Steen ’nog – ick warr doch nich wegen dat beten Water rut gahn?« Der ehemalige Konstabler räusperte sich und warf sich in die Brust: »Also, kurz und gut, Sie müssen raus; übermorgen sünd die Leute bestellt, denn fangen wir hier mit ’s Zuschütten an, – nu weetst Du Bescheed,« Der Straßenfeger machte ein schlaues Gesicht: »Du glüwst nu woll, ick fall dat glöwen, – aber weetst, wat ick glüw? ick glöw, dat ick hier blieben doh.« – »Denn möt‘ wie Di rein rutsetten!« – »Joa, aber dor bün ick denn ook noch bi.« – »Morgen kriegt wi Hochwater, ‚t steiht all in de Nachricht, denn lüppt hier allens vull,« sagte die Frau aus dem Hintergrunde. »Lat‘ loopen,« lachte Ida. »Denn kannst Du hier versupen,« murmelte der Vize. »Dat wör‘ das erste Mal in min Leben,« war die bereite Antwort. »Kumm, Olsch, mit den Kerl is nich to reden, he is all wedder duhn« (betrunken), sagte der Wirth ärgerlich. »Dat bün ick,« Ida strahlte übers ganze Gesicht. »Wahr‘ Di (hüte Dich), Du büst de letzte Nacht in düt Hus,« damit ging das Ehepaar, »Dat wurr kürig (kurios) togahn,« schallte es hinter ihnen her.
In der Sonntagnacht kam das Hochwasser. Der Westwind und die Springfluth trafen zusammen, und bei unstetem Mondschein und jagenden Wolken drängten sich auf den Straßen die aus ihren Wohnkellern Vertriebenen, nachdem sie ihre Habseligkeiten schon vor den letzten Warnungsschüssen aufs Trottoir herausgeschafft hatten. Die Betten und Tische, die Schränke und Kommoden standen freilich auch dort mit den Füßen im dunkel daherrauschenden Wasser; in der Mitte der Straße fuhren die Kinder in Waschbaljen, und ein schlanker Junge, der in einer Wassertürme dahintrieb, aus der er wie ein Kobold bald fratzenschneidend emportauchte, um gleich nach einem schlechten Witz, den er hinausgerufen, wieder unsichtbar zu werden, erregte Jubel und Lachen mitten in der Zerstörung.
In den Häusern, die an der Stelle der ehemaligen Bettlerherberge erbaut waren, gab es viel zu thun. Während von der Hinterseite her das Wasser in die Kellerfenster strömte und sich wie eine Kaskade über die Stufen ergoß, wurden unten vom steigenden Grundwasser die Steine losgedrängt, und in das Plätschern und Rauschen hinein ertönte das durchdringende Pfeifen der Ratten, die mit angstvoll gesträubtem Pelz aus ihren überschwemmten Verstecken hervor und den geschäftigen Männern blindlings unter die Füße sprangen. Die Frauen hielten sich die Ohren zu, die Männer schlugen nach den Thieren mit allem, was ihnen gerade zur Hand war. Der Vizewirth kugelte geschäftig hin und her, kommandirte und gab Nachschlage, beruhigte schreiende Kinder und tröstete rathlose Frauen mit der Nachricht, daß seine Alte einen großen Topf voll Kaffee oben auf dem Feuer habe, und daß sie nur hinaufgehen und sich in ihrer Küche erwärmen sollten.
Als der Morgen kam – und im März kommt er ja doch erträglich bald – war ein Sinken des Wassers zu verzeichnen, und wer eine Lagerstätte fand, legte sich schlafen. Es war so gegen Mittag, als der Vize plötzlich auffuhr: »Mutter, der Kerl unten, die Ameis, die hab‘ ich nich gesehen, die is nu gewiß ersoffen!« Die Frau ermunterte sich schnell, zunächst um ihren Mann zu schelten, daß er den untersten Bewohner so ganz vergessen hatte. Ja, du lieber Gott, warum hatte denn der Kerl auf kein vernünftiges Zureden hören wollen? Es graute ihnen beiden vor dem Gang in den Keller, auch war der Zugang für die Frau unmöglich, da sie keine bis an den Magen reichende Wasserstiefel hatte, wie der Mann. Der klopfte endlich mit geheimer Angst an die verschlossene unterste Thür. Dann, da kein Laut antwortete, nahm er den Dietrich, den er gleich mitgebracht, und brach das Schloß auf. Mit der hocherhobenen Lampe leuchtete er vorwärts. Er konnte sich kaum zurechtfinden, denn in der Mitte des Raumes war von Ziegeln eine Art hoher Estrade errichtet, und auf dieser, dicht unter der Decke, stand das Bett. Das Wasser plätscherte um die Mauersteine, und der Vize getraute sich nicht, weiterzugehen.
Auf einmal sagte eine grobe lustige Stimme: »Na, go’n Tag, Du!« – »Herrjes, lewt he noch?« schrie der Besucher und platschte so ängstlich, daß das Wasser aufspritzte, die Frau hörte den Ruf und wiederholte ihn oben mit gellender Stimme. Thüren öffneten sich, das ganze Haus lief zusammen, alle wollten den Menschen sehen, der diese Nacht, wie er behauptete, so gut geschlafen habe wie alle Nächte, »Wat is, dar denn los? Dat Water? Ach so; je ’n beten käuhl is mi dat Hut ook vorkamen. Nattkolt is dat hier! Wer giwt een ut? En lütten Grännen! Nee, ick wurr doch nich so dumm sin und hier versupen as en Rott‘? Kiek, dor swemmt en por. Schad‘, dat se dodt sünd, dat war‘ wat for min Katt west.«
Dem verantwortlichen Stellvertreter des Hausbesitzers war ein Stein vom Herzen gefallen, aber dem Straßenfeger helfen konnte er dennoch nicht, morgen sollte mit dem Zuschütten des Kellers begonnen werden, Ida lachte nur und schnitt Grimassen als Antwort. Als die Arbeiter kamen, fanden sie den Raum verbarrikadirt. Der Vize spie aufmunternd in die Hände, dann lief er auf die Straße hinaus, wo ein Haufen Jungen Marmel spielten.
»Nu mal ran, Jungens, wi wölt mal ’n beten ümtrecken.«
Das ließen sie sich nicht zweimal sagen, sie stürmten mit Hallo die Treppen hinunter. Aber ein jämmerliches Katzengeschrei begrüßte sie, als sie die Thür offen hatten, und wie sie näher traten und auf die künstliche Anhöhe stiegen, wurde ihnen allen beklommen zu Muth. »Ida! mein goode Jung! Nachtmütz!« rief der Vize und rüttelte den Schläfer auf dem Bett, dann fuhr er zurück, denn die Katze zischte und prustete gegen ihn. »Is he duhn?« sagte er halb zu sich selbst. Einer der Jungen aber wollte den Straßenfeger, den sie alle kannten, am Bart zupfen. Dabei berührte er seine Nase, dann sah er erschrocken und verwundert dem dicken kleinen Mann, der sie gerufen hatte, ins Gesicht. »Is he dodt?« sagte der Vize. Die Kinder wichen auf die Seite. »He is dodt,« flüsterten sie und verloren sich mit zögernden Schritten.
Der Polizeiarzt gab als Ursache des plötzlichen Todes übermäßigen Alkoholgenuß an. Die Frau Vize aber blieb bei ihrem geheimnißvollen Kopfschütteln: »Dat is nich von ungefähr! Rut gähn doh ick nich, säd he, un so is ‚t ook kamen! Nu möt wi em rut dreegen. Wenn de Minsch keen Städ mehr hett op düsse Welt, denn geiht he woll geern. Dat is trurig inricht‘ in‘ Leben, dat dat. Minschen giwt, de keen Städ hebbt. Nu is dat datsülbige mit de ol‘ Katt! Ick wurr se woll nehmen, aber dat is man, ick mag de Katten nich lieden! Nee, denn is dat ook dat beste, dat se starwt, – kumm Mann, giw du ehr man Musgift!

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Ilse Frapan – Was der Alltag dichtet -1899
Verlag von Gebrüder Paetel, Berlin

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