Hugo von Hofmannsthal: Augenblicke in Griechenland III – Die Statuen

Dionysos - Theophilos Hatzimihail
Dionysos – Theophilos Hatzimihail

Jener Wanderer war weit weg von mir, als ich am nächsten Abend zur Akropolis hinaufstieg. Auch von den Gestalten des eigenen Lebens hätte keine hier herantreten können. Es war als wäre ein Etwas zwischen mir und ihnen wieder dicht geworden, und die Erinnerung an die Magie, die uns umsponnen hatte, schien befremdlich. Sonderbar war es gewesen, im phokäischen Gebirge dem fieberkranken Manne aus Lauffen an der Salzach zu begegnen. Sonderbar unwirklich dies, wie er so mit Schweigen auf seinen Tod zuging und daß er um alles den Weg, den er gegangen war, nicht noch einmal machen wollte. Wenn man diesem Schweigen nachdachte und dem Blick, mit dem er uns hatte von sich wegscheuchen wollen, – fast war es, als ob wir ihn belästigten, da wir zwischen ihn und seinen Tod traten.
Aber mich verlangte nicht, noch weiter daran zu denken. »Gewesen«, sagte ich unwillkürlich und hob den Fuß über die Trümmer, die zu Hunderten hier umherlagen. Ich bemerkte jetzt erst, daß die Sonne hinter dem Parthenon untergegangen war und daß ich der einzige Mensch war, der sich hier oben aufhielt. Das Hervorströmen der Schatten hatte etwas Feierliches, es schien das Letzte vom Leben, das noch in ihnen war, in einem abendlichen Trankopfer sich hinzugießen auf diesen Hügel, auf dem selbst die Steine vom Alter verwesten. Ohne mein Zutun wählte mein Blick eine dieser Säulen aus. Sie schien sich irgendwie aus der Gemeinschaft der übrigen weggerückt zu haben. Es war eine unsägliche Strenge und Zartheit in ihrem Dastehen, zugleich mit meinem Atemzug schien auch ihr Kontur sich zu heben und zu senken. Aber auch um sie spielte in dem Abendlicht, das klarer war als aufgelöstes Gold, der verzehrende Hauch der Vergänglichkeit, und ihr Dastehen war nichts mehr als ein unaufhaltsam lautloser Dahinsturz. – Wunderbar dennoch in sich gesammelt stand sie da. Ich wollte hinübergehen zu ihr; es trieb mich, um sie herumzugehen. Ihr Schatten strömte zu ihren Füßen auf den Boden hin; die abgewandte Seite, dorthin, gegen den Untergang der Sonne, diese schien mir das eigentliche Leben zu enthalten.

Aber ehe ich den ersten Schritt tat, hielt ich schon inne. Ein Hauch der Verzagtheit hauchte mich an, ein Gefühl der Enttäuschung versehrte mich im voraus. Dieser Vormittag kam zurück, das endlose Umhergehen, von einem Ding zum anderen. Die Ermüdung des Wegs, Schritt um Schritt, zu Steinen hin und Trümmern von Steinen; da waren die Ausgrabungen auf der Agora, da war die Pnyx, da war der Rednerhügel, da die Tribüne; da die Spuren ihrer Häuser, ihre Weinpressen, da waren ihre Grabmäler an der eleusinischen Straße. Dies war Athen. Athens So war dies Griechenland, dies die Antike. Ein Gefühl der Enttäuschung fiel mich an. Ich setzte mich auf eines der Trümmer, die da an der Erde lagen und auf die ewige Nacht zu warten schienen; Stufe zu einem Heiligtum, unkenntliches Bruchstück von einem Altar, oder göttliche Gestalt, abgeschliffen zu einem rundlichen Stück Stein, ich setzte mich auf eins dieser Trümmer und kehrte der Säule den Rücken.

Diese Griechen, fragte ich in mir, wo sind sie? Ich versuchte mich zu erinnern, aber ich erinnerte mich nur an Erinnerungen, wie wenn Spiegel einander widerspiegeln, endlos. Namen schwebten herbei, Gestalten; sie gingen ineinander über ohne Schönheit; als löste ich sie auf in einem grünlichen Rauch, darin sie sich verzehrten. Was war das, was ich an ihnen trieb? Ich prüfte mich selber. Es war nichts anderes als der Fluch der Vergänglichkeit, mit dem ich sie behauchte; das kleine Wort »Gewesen« war stärker als diese ganze Welt. Ich warf die Zeit auf sie und ich sah, wie ihre Gesichter grünlich wurden, vergingen.

Daß sie längst dahin waren, darum haßte ich sie, und daß sie so rasch dahingegangen waren. Ihre paar Jahrhunderte, die elende Spanne Zeit, jenseits des ungeheuren Abgrundes; ihre Geschichte, dieser Wust von Fabel, Unwahrheit, Gewäsch, Verräterei, Furcht, Neid, Worten; das ewige Prahlen darin, die ewige Angst darin, das rasche Vergehen. Schon war ja alles nicht, indem es zu sein glaubte! Und darüber schwebend die ewige Fata Morgana ihrer Poesie; und ihre Götter selber, welche unsicheren, vorüberhastenden Phantome: da standen Chronos und die Titanen, gräßlich und groß, schon waren sie dahin, von den eigenen Kindern gestürzt und vergessen; dann treten jene anderen heran, die Olympischen, wer glaubte sie? Schon waren auch sie vorüber, gelöst in einem farbigen Nebel, verklungen zum Echo ihrer selbst; Götter, ewige? Schon waren sie dahin, milesische Märchen, eine Dekoration an die Wand gemalt im Hause einer Buhlerin.

Wo ist diese Welt, und was weiß ich von ihr! rief ich aus. Wo fasse ich sie? Wo glaube ich sie? Wo gebe ich mich ganz an sie? Hier! oder nirgends. Hier ist die Luft und hier ist der Ort. Dringt nichts in mich hinein? Da ich hier liege, wirds hier auf ewig mir versagt? Nichts mir zuteil als dieses Gräuliche, diese ängstliche Schattenahnung?

Tiefer mußte die Sonne gesunken sein, länger zogen die Schatten sich hin, da traf mich – kam es von außen oder von innen? – ein Blick; tief und zweideutig, wie von einem Vorübergehenden. Er ging und war mir schon halb abgewandt, halb abgewandt verachtungsvoll auch dieser Stadt, seiner Vaterstadt. Sein Blick enthüllte mir mich selbst und ihn: es war Platon. Um die Lippen des Mythenerfinders, des Verächters der Götter spielten der Hochmut und geisterhafte Träume. In einem prunkvollen, unbefleckten Gewand, das lässig den Boden streifte, ging er hin, der Unbürger, der Königliche; er schwebte vorüber, wie Geister, die mit geschlossenen Füßen wehen. Verachtend streifte er die Zeit und den Ort, er schien von Osten herzukommen und nach dem Westen zu entschwinden.

Als das Phantom hinweg war, lag alles nüchtern, traurig. Doppelt entweiht schien der Hügel mit seinen Trümmern und meine Schuld lag am Tage. Es ist deine eigene Schwäche, rief ich mich an, du bist nicht fähig, dies zu beleben. Dies alles ist Anruf der Ewigkeit – wer ihn zu hören vermöchte! Wie kannst du ihn hören? Du selber zitterst vor Vergänglichkeit, alles um dich tauchst du ins fürchterliche Bad der Zeit. Wenn du um die Säule herumgehen wolltest, wolltest du nur dem eben entschwundenen Augenblick nach! – Unwillkürlich stand ich auf. Meine Gegenwart lastete auf diesem Ort. Durch mich starb das Gestorbene nochmals dahin. Ich will lesen, sagte ich zu mir und suchte mir eine Stelle im Schatten. Ich zog das Buch hervor, den »Philoktet« des Sophokles, und las. Ich wollte mir selbst entfliehen und folgte mir nach; wie ich las, von Zeile zu Zeile, so war es Zeichen um Zeichen, wie hier um mich diese Trümmer. Nicht, daß ich benommen gewesen wäre und nicht verstanden hätte, was ich las: klar und deutlich stand Vers um Vers vor mir, melodisch und furchtbar stiegen die Klagen des einsamen Mannes in die Luft. Ich fühlte das ganze Gewicht dieses Jammers und zugleich die unvergleichliche Zartheit und Reinheit der sophokleischen Zeile. Aber es schob sich zwischen mich und alles wieder jener grünliche Schleier, es ergriff mich jener verzehrende Verdacht, jene Auflehnung meines ganzen Innern. Diese Götter, ihre Sprüche, diese Menschen, ihr Handeln, alles schien mir fremd über die Maßen, trüglich, vergeblich. Diese Figuren, sie schienen, während sie vor mir redeten, ihr Gesicht zu wechseln. Sie handeln, betrügen – betrügen sie sich selber? Dieser Sohn des Achilleus, glaubt er, was er spricht? Bald schien es, als hätte Odysseus sein argloses Gemüt mit Ränken umsponnen, bald wieder scheint er sein williger, wissender Helfershelfer. Was bedeutet es, wenn er sich plötzlich gegen jenen auflehnt, und dem Philoktet die Heimkehr verspricht? Er hat kein Schiff, ihn heimzubringen. Was geht in ihm vor? Sie wollen dem kranken Mann seinen Bogen wegnehmen; aber sie wissen ja, sie müssen doch wissen, daß ohne Philoktet selber die Stadt nicht fallen kann. Wissen sie, daß es vergeblich ist, was sie tun, vergeblich diese listigen Reden, und gestehen sie es sich selber nicht ein? Dies alles war fremd über die Maßen und unbetretbar. Ich konnte nicht weiterlesen. Ich legte das Buch aus der Hand. Eine Luft erhob sich, strich über den Hügel hin und wandte die Blätter des Buches um, das neben mir auf der Erde lag. Es roch plötzlich zugleich nach Erdbeeren und Akazien, nach reifendem Korn, nach dem Staub der Straßen und nach dem offenen Meer. Ich fühlte die Bezauberung dieses Duftes, in dem die ganze Landschaft sich zusammenfaßte; dieser Landschaft, um die die Spur von Jahrtausenden hauchte, dieser Luft, worin das Gold der Ewigkeit aufgelöst schien. Aber ich wollte mich diesen nicht hingeben. Ich bückte mich, steckte mein Buch zu mir und wandte mich zum Gehen.

Unmögliche Antike, sagte ich mir, unmögliches Beginnen, vergebliches Suchen. – Die Härte dieses Wortes schien mich zu ergötzen. – Nichts ist von all diesem vorhanden. Hier, wo ich es mit Händen zu greifen dachte, hier ist es dahin, hier erst recht. Eine dämonische Ironie webt um diese Trümmer, die noch im Verwesen ihr Geheimnis festhalten. Sie gleichen allzusehr diesen Düften. Beide reizen zu vergeblichen Träumen, und was zurückbleibt ist der Geschmack der Lüge auf der Zunge.

Ich hob den Fuß, um die gespenstische Stätte des Nichtvorhandenen zu räumen und mich nach dem kleinen Museum zu begeben, das aus unscheinbarem Mauerwerk an den Abhang hingebaut ist. Dort sind, dachte ich, in Schränken Kostbarkeiten ausgelegt, die aus dem Schutt der Gräber kommen: kleine Spiegel aus Metall, Armbänder oder Gehänge aus gehämmertem Gold, Krüge und Urnen. Sie haben der Gewalt der Zeit widerstanden, für den Augenblick wenigstens, sie sprechen nur sich aus und sind von vollkommener Schönheit. Ein Becher gleicht der Rundung der Brüste oder der Schulter einer Göttin. Eine goldene Schlange, die einen Arm umwand, ruft diesen Arm herauf. Der Mäander, mit dem sie verziert sind, bringt das Motiv der Unendlichkeit vor die Seele, aber so unterjocht, daß es unser Inneres nicht gefährdet. In der Ergötzung des Auges geben sich die Sinne zufrieden und ihr Streben nach Unendlichkeit schläft ein. Ich will dorthin. Es ist vergeblich, ringen zu wollen um das Unerreichliche.

Ich ging schnell querüber und trat in den Vorraum des kleinen Museums. Der Kustode war auf der Schwelle gestanden und hatte mein Kommen beobachtet. Als ich nahe war, trat er scheinbar achtlos zur Seite und dann, sobald ich eintrat, mit gespielter Überraschung, aus dem Dunkel auf mich zu. »Sie kommen leise«, sagte er, »und Sie kommen spät, mein Herr, aber Sie kommen nicht zu spät.« Es war ein kleiner Mann von unbestimmbarem Alter und der unangenehmen Gesichtsfarbe der Blonden, die zu einer dunklen Rasse gehören. »Sie kommen darum nicht zu spät, da Sie mich noch bereit finden, meinem Reglement zutrotz Sie einzulassen, obwohl die sinkende Sonne bereits den Rand des Hügels erreicht hat.« In einer maßlos eitlen Art waren seine Lippen und die häßlich blonden Haare seines langen Schnurrbartes an jedem Wort beteiligt, das er hervorbrachte, sein Ohr bewunderte seine Zunge im Gebrauche der fremden Sprache und seine unangenehm glänzenden Augen waren in einer ungemessenen Weise fasziniert von sich. »Ich werde Sie einlassen«, fuhr er fort, »weil ich es für gut finde, obwohl ein lächerliches Reglement mir hierüber Vorschriften zu machen sich herausnimmt. Aber Ihre Zeit ist gemessen, wählen Sie aus, was Sie zu sehen wünschen.«

Indem er sprach, wurde mir sein Gesicht abscheulich, obwohl es nicht eigentlich häßlich war. Aber der dreifache, mit unmäßiger Sorgfalt gepflegte Bart: ein starker Schnurrbart, ein gestutzter Vollbart ums ganze Gesicht herum, und aus diesem sich hervorhebend ein Knebelbart, gaben der ganzen kleinen Physiognomie etwas Aufreizendes, und ich wollte ohne weiteres an ihm vorüber und eintreten. »Bewundern Sie zuerst«, sagte er, und bewunderte sich selber sichtlich im Reden, »die Weisheit, mit der mein Museum so angelegt ist, daß es nirgends den Umriß des erhabenen Hügels stört.« Er ließ mir die Zeit, diesem Phänomen gerecht zu werden; dann trat er zurück und gab mir den Weg frei: »Nun öffne ich Ihnen und stelle die Schätze, welche die griechische Nation meiner Obhut anvertraut hat, zu ihrer Verfügung. Ich werde Sie nicht inkommodieren, berühren Sie, wenn Ihr Auge nicht genügt, mit den Händen des Kenners den ehrwürdigen Stein. Denn Sie sind, das sehe ich auf den ersten Blick, nicht Deutscher und Archäologe, sondern Franzose und Künstler.« Ich entzog mich seinem Geschwätz und trat in den ersten Raum. An der Wand, wo es nicht mehr recht hell war, war auf einem hölzernen Gestell etwas aufgestellt, das mir fremd und häßlich schien, und ich wollte schnell daran vorbei. Da stand der Mensch schon dicht mir im Rücken. »Ganz recht, mein Herr«, sagte er, »widmen Sie den besten Teil Ihrer Zeit diesem Kunstwerk: die Welt hat vielleicht kein erhabeneres, zweifellos kein merkwürdigeres: Sie stehen vor dem dreileibigen Dämon, dem vornehmsten Schmuck des alten ursprünglichen Athenatempels.« Die drei männlichen Leiber, die in einen plumpen geringelten Drachenschwanz ausliefen, schienen mir abscheulich; die drei bärtigen Köpfe hatten eine Art von gutmütigem Ausdruck; dumpf und tierhaft glotzten sie auf mich herüber. »Hier sehen Sie«, rief der Kleine, und drehte seinen Knebelbart zu einer Locke, »hier sehen Sie wahrhaft große, archaische Kunst. Welche Männlichkeit! Welcher Ernst, wogegen alles Spätere als Weichlichkeit und Dekadenz erscheint! Hier haben Sie den Zusammenbruch der Fabel von den bartlosen Griechen.« Er fixierte mich fast drohend und ich konnte erkennen, welche Bedeutung seine eigene Erscheinung mit den drei Bärten für ihn in diesem Lichte besaß. »Und nun denken Sie dies herrliche Gebilde, im Schmuck seiner Farben: die Gesichter und die Lippen braunrot – Sie sehen hier die Spuren –, die Augäpfel gelbweiß, die Augensterne grün, die Pupillen grauschwarz. Alle Bärte und Schnurrbärte haben Sie blau zu denken, wohlgemerkt! bei allen dreien, und ebenso das Haupthaar der beiden äußersten Köpfe, dagegen das des mittleren – welcher Geist, welche Bedeutung, über die ich viel nachdenke, und über die ich eine Publikation vorbereite – greisenhaft gelblichweiß!« Er zwang mich, nahe heranzutreten, und wollte mich anrühren, um mir ganz genau die Spuren der Farbe auf den plumpen Gesichtern zu zeigen, da wandte ich mich sehr jäh und kehrte ihm entschieden den Rücken. Im nächsten Saal, den ich schnell betreten hatte, und wo es stärker dämmerte, denn er hatte nur ein einziges schmales Fenster, blieb ich stehen und ich glaubte seinen Schritt im Rücken zu hören. Ich horchte, aber er war nicht hinter mir. Ich überschritt noch eine Schwelle und betrat den dritten Raum.

Standbilder waren da, weibliche, in langen Gewändern. Sie standen um mich im Halbkreis, unwillkürlich zog ich den Vorhang vor die Tür und war allein mit ihnen. In ihrer vollkommenen Ruhe, bis zum Rande gefüllt mit Leben, schienen sie an sich herabzublicken, vor sich hinzublicken, aber sie sahen mich nicht. Trotzdem – das war vielleicht das Letzte, wovon ich in der Sekunde des Eintretens mir Rechenschaft gab, ehe etwas anderes an mir geschah –, sie waren nicht blicklos: dies mochte an dem wunderbaren Leben liegen, mit dem das obere Lid beladen war, und das gegen die Nasenwurzel hinströmte und sich unter den Augen mit erhabenem Ernst verlor.

In diesem Augenblick geschah mir etwas: ein namenloses Erschrecken: es kam nicht von außen, sondern irgendwoher aus unmeßbaren Fernen eines inneren Abgrundes: es war wie ein Blitz: den Raum, wie er war, viereckig, mit den getünchten Wänden und den Statuen, die dastanden, erfüllte im Augenblick viel stärkeres Licht, als wirklich da war: die Augen der Statuen waren plötzlich auf mich gerichtet und in ihren Gesichtern vollzog sich ein völlig unsägliches Lächeln. Der eigentliche Inhalt dieses Augenblickes aber war in mir dies: ich verstand dieses Lächeln, weil ich wußte: ich sehe dies nicht zum erstenmal, auf irgendwelche Weise, in irgendwelcher Welt bin ich vor diesen gestanden, habe ich mit diesen irgendwelche Gemeinschaft gepflogen, und seitdem habe alles in mir auf einen solchen Schrecken gewartet, und so furchtbar mußte ich mich in mir berühren, um wieder zu werden, der ich war. – Ich sage »seitdem« und »damals«, aber nichts von den Bedingtheiten der Zeit konnte anklingen in der Hingenommenheit, an die ich mich verloren hatte; sie war dauerlos und das, wovon sie erfüllt war, trug sich außerhalb der Zeit zu. Es war ein Verwobensein mit diesen, ein gemeinsames Irgendwohinströmen, eine unhörbare rhythmische Bewegung, stärker und anders als Musik, auf ein Ziel zu; ein inneres Hingespanntsein, ein Sich-in-Marsch-Setzen; es glich einer Reise; unzählige tretende Füße, unzählige Reiter: der Morgen eines feierlichen Tages; jungfräuliche Luft, der frühe Morgen vor der Sonne – daher kam dieses fahle starke Licht, das den Raum und mein Herz durchzuckt hatte –, ein Tag der Hoffnung und der Entscheidung. Irgendwo geschah eine Feierlichkeit, eine Schlacht, eine glorreiche Opferung: das bedeutete dieser Tumult in der Luft, das Weiter- und Engerwerden des Raumes – das in mir dieser unsagbare Aufschwung, diese überschwellende Geselligkeit, wechselnd mit diesem schlaffen todbehauchten Verzagen: denn ich bin der Priester, der diese Zeremonie vollziehen wird – ich auch das Opfer, das dargebracht wird: das alles drängt zur Entscheidung, es endet mit dem Überschreiten einer Schwelle, mit einem Gelandetsein, einem Hier – mit diesem Dastehen hier, ich inmitten dieser: noch ist das Ganze Gegenwart, in ihren rieselnden Gewändern, in ihrem wissenden Lächeln: da verlischt schon dies in ihre versteinernden Gesichter hinein, es verlischt und ist fort; nichts bleibt zurück als eine todbehauchte Verzagtheit. Statuen sind um mich, fünf, jetzt erst wir mir ihre Zahl bewußt, fremd stehen sie vor mir, schwer und steinern, mit schiefgestellten Augen. Groß sind ihre Gestalten; aufgebaut – tierhaft oder göttlich – aus überstarken Formen; ihre Gesichter sind fremd; geschürzte Lippen, erhabene Augenbogen, mächtige Wangen, ein Kinn, um das das Leben fließt; sind es noch menschliche Mienen? Nichts an ihnen spielt auf die Welt an, in der ich atme und mich bewege. Ist nicht in diesen zweideutig lächelnden Larven ein lauerndes Herüberblicken von drüben? und zugleich eine ganz momentane und gegenwärtige Drohung, wie von einer Atmosphäre, die sich zusammenballt? Stehe ich nicht vor dem Fremdesten vom Fremden? Blickt hier nicht aus fünf jungfräulichen Mienen das ewige Grausen des Chaos?

Aber, mein Gott, wie wirklich sind sie. Sie haben eine atemberaubende sinnliche Gegenwart. Aufgebaut wie ein Tempel hebt sich ihr Leib auf den herrlichen starken Füßen. Ihre Feierlichkeit hat nichts von Masken: das Gesicht empfängt seinen Sinn durch den Körper. Es sind mannbare Frauen, Bräute, Priesterinnen. In ihren Mienen ist nichts als die Strenge der Erwartung, die erlesene Kraft und Hoheit ihrer Rasse, ein Wissen um den eigenen Rang. Was sie starr erscheinen macht, ist die Beklommenheit eines erhabenen Festes, sie nehmen an Dingen teil, die über jede gemeine Ahnung sind.

Wie schön sind sie! Ihre Körper sind mir überzeugender als mein eigener. Es ist in dieser geformten Materie eine tiefsinnigere Belehrung, als ich je von meinen Gliedern empfangen habe. Es ist eine Intention in ihr, so stark, daß sie auch mich spannt. Ich habe nie zuvor etwas gesehen wie diese Maße und diese Oberfläche. Schien nicht für ein Wimperzucken das Universum mir offen?

Aber auch jetzt wiederum – indes ich mir doch so ernüchtert dünke, so schnell ernüchtert und wieder bei mir selber – diese Materie da vor mir, sie ist nicht ernüchtert, so fest sie scheint, es ist etwas Liquides an ihr, etwas Sehnsüchtiges, sie kommt irgendwoher und sie verrät, daß sie irgendwohin will. Sie ist auf einer Reise, sie landet in diesem Augenblick, will sie mich mitnehmen? Woher sonst diese Ahnung einer Abreise auch in mir, dieses rhythmische Weiterwerden der Atmosphäre, dieses mit festem Fuß Wandeln an einem fremden breiten Fluß, Hinaufgleiten an einem niegesehenen gekrümmten Berg – woher diese ganze ahnungsvolle Unruhe, dieser lautlose Tumult – der mich bedroht oder dem ich gebiete? Es ist, antworte ich mir unfehlbar wie ein Träumender, es ist das Geheimnis der Unendlichkeit in diesen Gewändern. Nicht nur dies Gekräuselte, von den Schultern bis unters Knie Hinunterrieselnde, nein, die ganze Oberfläche ist Gewand und webender Schleier, offenbares Geheimnis. Ist denn nicht in der gleichen Weise auch der Vorhang dort, der leise weht, ein webender Teil von mir? Empfing ich nicht unsichtbare Glieder, die ich traumhaft unwissend bewege? Empfing ich sie nicht, um mit nichtirdischen Händen aufzuheben den Schleier, einzutreten in den ewigen lebenden Tempel? Wenn in mir ein Sinn erwachte, der über alle Sinne ist; wenn der das Auge bewältigen könnte, von innen heraus! – antwortete es in mir flüssig und bestimmt, wie das Anspringen eines quellenden Wassers, und ein neuer Gedanke drängte sich herzu: Wer diesen wahrhaftig gewachsen wäre, müßte sich anders ihnen nahen als durchs Auge, ehrfürchtiger zugleich und kühner. Und doch müßte ihm sein Auge dies gebieten, schauend, schauend, dann aber sinkend, brechend wie beim Überwältigten. – Und dieser Gedanke hob mich wie ein großes Wasser, das, ins Haus hineindringend, einen unter den Achselhöhlen ergreift. Er hob mich diesen entgegen, diese zugleich mir entgegen.

Mein Auge sank nicht, doch sank eine Gestalt über die Knie der einen Priesterin hin, jemand ruhte mit der Stirn auf dem Fuß einer Statue. Ich wußte nicht, ob ich dies dachte, oder ob dies geschah. Es gibt einen Schlaf im Wachen, einen Schlaf von wenig Atemzügen, der größere Kraft der Verwandlung in sich hat und dem Tode verwandter ist als der lange tiefe Schlaf der Nächte.

*

Wiederum besann ich mich auf mich selber. Ohne jeden Zweifel, sagte ich mir, bin ich hier in der Gewalt der Gegenwart, stärker und in anderer Weise, als es sonst gegeben ist. Dies, was hier vor mir ist, mein Auge füllt, richtet mich irgendwohin, ins Unendliche. Mag sein, es sind diese Statuen, wovon meine Seele ihre Richtung empfängt, mag sein, es ist etwas anderes, als dessen Boten sie mich umstehen. Denn es ist sonderbar, daß ich sie wieder nicht eigentlich als Gegenwärtige umfasse, sondern daß ich sie mir mit beständigem Staunen irgendwoher rufe, mit einem bänglich süßen Gefühl, wie Erinnerung. In der Tat, ich erinnere mich ihrer, und in dem Maß, als ich mich dieser Erinnerung gebe, in dem Maß vermag ich meiner selbst zu vergessen. Dieses Selbstvergessen ist ein seltsames deutliches Geschehen: es ist ein grandioses Abwerfen, Teil um Teil, Hülle um Hülle, ins Dunkle. Es wäre wollüstig, wenn Wollust in so hohe Regionen reichte. Ungemessen mich abwerfend, auflösend, werde ich immer stärker: unzerstörbar bin ich im Kern. Unzerstörbar, so sind diese, mir gegenüber. Es wäre undenkbar, sich an ihre Oberfläche anschmiegen zu wollen. Diese Oberfläche ist ja gar nicht da – sie entsteht durch ein beständiges Kommen zu ihr, aus unerschöpflichen Tiefen. Sie sind da, und sind unerreichlich. So bin auch ich. Dadurch kommunizieren wir.

Eines ahne ich indessen blitzschnell: worin meine gegenwärtige Herrlichkeit begründet ist. Ich verachte die Zahl und alle Unterschiede. Dies ist unter dem, was ich abgeworfen habe. Ich fühle, daß die mehr als menschliche Größe dieser Wesen sich an mir auflöst, zu nichts wird. Dann, daß ihre Vielheit mir nichts anderes ist, als die Einheit. Dann dies zugleich – und ich fühle, daß es mit den anderen Phänomenen aus einer Ordnung ist: jene Fahrten, die vor wenig Augenblicken mir angeboten waren, ich bedarf ihrer nicht mehr; verharrend bin ich auch am Ufer jenes seltsam breiten, nie gesehenen Flusses, stehe auf dem Gipfel jenes Berges mit gekrümmtem Hang. Nur diese brauche ich, die Trägerinnen der Ewigkeit, mit denen ich mich selbst zur Gottheit mache. Von ihrem Dastehen, von ihren rieselnden Gewändern, von ihren Mienen, blicklos wissend blickenden, trieft dies eine Wort: »Ewig!« Indem ich die Hieroglyphe ihres Gesichtes – denn ihre Gesichter sind längst eines für mich, und vom Scheitel bis zur Sohle sind sie wahrhaft Figur und ich kenne kein Vor- und kein Nacheinander bei ihrer Betrachtung –, indem ich die verbundenen Zeichen darin in einem letzten Schwung völlig erkenne, weiß ich als Letztes: unbedürftig bin ich auch ihrer. Ich brauche sie nur, wie sie mich brauchen. Sie stünden nicht vor mir, wenn ich ihnen nicht von Ewigkeit zu Ewigkeit hülfe, sich aufbauen.

Und indem ich mich immer stärker werden fühle und unter diesem einen Wort: Ewig, ewig! immer mehr meiner selbst verliere, schwingend wie die Säule erhitzter Luft über einer Brandstätte, frage ich mich, ausgehend wie die Lampe im völligen Licht des Tages: Wenn das Unerreichliche sich speist aus meinem Innern und das Ewige aus mir seine Ewigkeit sich aufbaut, was ist dann noch zwischen der Gottheit und mir?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

error: Content is protected !!
%d Bloggern gefällt das: