Hier wird deutsch gespuckt – Karl Kraus – Ein Essay

Karl Kraus - Fotoquelle: wikipedia
Karl Kraus – Fotoquelle: wikipedia

Die Muttersprache zugleich reinigen und bereichern ist das Geschäft der besten Köpfe. Reinigung ohne Bereicherung erweist sich öfters geistlos. … Der geistreiche Mensch knetet seinen Wortstoff, ohne sich zu bekümmern, aus was für Elementen er bestehe; der geistlose hat gut rein sprechen, da er nichts zu sagen hat. Wie sollte er fühlen, welches künstliche Surrogat er an der Stelle eines bedeutenden Wortes gelten läßt, da ihm jenes Wort nie lebendig war, weil er nichts dabei dachte? Es gibt gar viele Arten von Reinigung und Bereicherung, die eigentlich alle zusammengreifen müssen, wenn die Sprache lebendig wachsen soll. Poesie und leidenschaftliche Rede sind die einzigen Quellen, aus denen dieses Leben hervordringt, und sollten sie in ihrer Heftigkeit auch etwas Bergschutt mitführen, er setzt sich zu Boden und die reine Welle fließt darüber her.
Goethe

Wenn die Herren die große Zeit, anstatt sie mit Sprachreinigung zu vertun, lieber darauf verwenden wollten, ihren Mund zu reinigen, so wären die Voraussetzungen für eine spätere internationale Verständigung vielleicht gegeben. Gewiß, man muß Fremdwörter nicht gerade dort gebrauchen, wo es nicht notwendig ist, und man muß nicht unbedingt von Kretins sprechen, wo man es mit Trotteln zu tun hat. Aber das eine sei ihnen doch gesagt: daß ein Fremdwort auch einen Geschmack hat und sich seinerseits auch nicht in jedem Mund wie zu Hause fühlt. Freilich bin ich ja nicht kompetent, weil ich mit der Sprache nur eine unerlaubte Beziehung unterhalte und sie mir nicht als Mädchen für alles dient. Aber ich habe auch bloß den Schutz jenes Sprachgebrauchs im Sinn, den die Leute für die Sprache halten. Mehr ihnen zu sagen, wäre vom Übel. Sie verstehen ihre eigene Sprache nicht, und so würden sie es auch nicht verstehen, wenn man ihnen verriete, daß das beste Deutsch aus lauter Fremdwörtern zusammengesetzt sein könnte, weil nämlich der Sprache nichts gleichgültiger sein kann als das »Material« aus dem sie schafft. Wenn’s ihnen Spaß macht, mögen die Leute, die sich selbst diese Zeit noch vertreiben müssen, da selbst diese Zeit versäumt hat, sie zu vertreiben, in ihren Journalen, Büros und Restaurants Abteil für Coupé, Schriftleitung für Redaktion oder Schlackwurst für Zervelat sagen – die Sprache wird, solange das Vorstellungsleben unvollkommene deutsche Termini sich in gute Fremdwörter zurückübersetzen muß, mit dem gewohnten Material arbeiten. Eine Zeitung hat einen Erlaß abgedruckt, in dem angeblich von Sachwaltern die Rede war. Da die Sache dadurch mißwaltet schien, besah ich das Original, in welchem tatsächlich von Funktionären die Rede war und einmal von hohen Funktionären. Weil aber der »Schriftleiter« nicht von »hohen Sachwaltern« sprechen konnte, indem er hier plötzlich den Unterschied zwischen einem Rangbegriff und einem Wertbegriff spürte, so ließ er einfach das Attribut weg und nahm der Darlegung den Verstand. Nein, Funktionären, und just den journalistischen, fehlt viel zu Sachwaltern, und die spezifische Farbe der Stupidität wird weder von der Dummheit noch von der Einfalt je ersetzt werden können. Gibt es auf Erden noch eine zweite Kultur, die sich fortwährend so neugeboren fühlt wie die deutsche und jeden Augenblick Komiteebeschlüsse über ihre Umgangssprache faßt? Vorschriften erläßt, wie man zu sprechen, welche Worte man zu vermeiden hat? Die zu den hunderterlei Verboten, mit denen hier das Leben bespickt wird, weil der summarische Anstand kein Gebot ist, auch noch eine Sprechordnung beschließt, wie sie eine Gehordnung beschlossen hat. Und die, weil die Sprache nur ein Kleid, eine Konfektionsware ist, den größten Wert darauf legt, daß sie vor dem Verlassen der Anstalt in Ordnung gebracht werde, während man nichts dagegen hat, daß jeder Ladenschwengel öffentlich in den Sprachquell spuckt. Aber das heutige Deutsch ist eben keine Sprache, sondern ein Betrieb, der erst wie das ganze Etablissement »in der Einrichtung begriffen« ist, dem Bedürfnisse der Kundschaft angepaßt werden muß und sich deshalb so wenig selbstverständlich vorkommt, daß jeder Tag eine Überraschung bringen kann. In Berlin spricht man rechts, und der Schutzmann blickt zufrieden: in Wien fleht der Wachmann: Bitte links! Es ist höchste Zeit, daß mit den Fremdwörtern auch noch die letzten deutschen Wörter abgeschafft werden und daß endlich, damit jede Schwierigkeit beseitigt sei, nicht nur die Iphigenie ins Esperanto übersetzt wird, sondern auch alle jene Gedanken, die sich die Leute so den Tag lang mitzuteilen haben.

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