Henryk Sienkiewicz: Die Jagd nach dem Glück Φ An der Quelle

Henryk Sienkiewicz: Die Jagd nach dem Glück Φ An der Quelle

Noch gestern war ich Student und mein Diplom als Doktor der Philosophie ist noch ganz neu – sozusagen nicht trocken – das ist wahr. Ich bekleide weder eine Stellung noch bin ich ein reicher Mann. Mein ganzes Vermögen besteht in einem kleinen Hof mit Garten und ein paar hundert Rubel Einkommen – ich kann daher begreifen, daß man mir Tolka’s Hand versagte – aber ich verstehe nicht, weshalb man mich dabei so nichtachtend behandelte.

Warum eigentlich? Was habe ich ihnen denn gethan? Ich brachte ihnen ein ehrliches, offenes, von wahrhafter Liebe erfülltes Herz entgegen und bat: »Gebt sie mir; ich will euch der beste und bis zum Tode dankbarste Sohn sein – Tolka aber will ich mein Leben lang auf Händen tragen, sie lieben und behüten.«

Es mochte freilich wohl ziemlich albern geklungen haben, als ich mit heiserer, stockender und nach Luft ringender Stimme das alles sagte. Aber ihr mußtet doch wissen, daß meine ganze Seele in meinen Worten lag, daß ein Gefühl aus mir sprach, wie man es heutzutage in der Welt nicht wieder findet.

Wenn es schon beschlossene Sache bei euch war mich abzuweisen, warum thatet ihr es dann nicht, wie gute Menschen, die ein warmfühlendes dem Mitleid zugängliches Herz haben, warum mußtet ihr mich so schwer beleidigen?

Ihr, die ihr Christen seid, Idealisten sein wollt, konntet ihr denn wissen, was ich thun würde, nachdem ich euch verlassen nach solch‘ einer schmachvollen Absage.

Warum nur habt ihr mich nicht wenigstens eine Sekunde lang bedauert? Bin ich denn nicht auch ein Geschöpf Gottes, wert zu leben und würdig behandelt zu werden? Bin ich denn nicht zu gut, um mit Füßen getreten zu werden und ist es nicht unwürdig, so an einem Menschen zu handeln, wie ihr es gethan? Vielleicht wäre ich ohne euer Dazwischentreten noch ein Mensch von Bedeutung geworden. Einer, der in der Welt etwas vorstellt. Ich bin noch jung, das ist wahr, kaum sind meine Studien beendet, noch bin ich ohne Anstellung – das alles ist Thatsache – aber ich habe die Zukunft vor mir und wahrhaftig – ich begreife nicht, weshalb ihr sie mir vernichtet habt.

Ich sehe sie noch vor mir, euere eifrigen Mienen, euere sittliche Empörung und euer verächtliches Achselzucken bei meiner Bitte. Vor wenigen Tagen noch hätte ich nicht geglaubt, daß dieselben Menschen, die mir so liebevoll entgegen kamen, heute in dieser Weise mit mir umzugehen im stande sein könnten. – »Wir haben Sie für einen ehrlichen Menschen gehalten, mein Herr, Sie aber haben uns hintergangen, unser Vertrauen mißbraucht!« – das waren die Worte, welche mich trafen wie ein Peitschenhieb ins Gesicht. Einige Augenblicke vorher hatten sie mir so herzlich und sichtlich erfreut zu meinem Diplom gratuliert, als wäre ich ihr Sohn. Erst, als ich ihnen sagte, was mich angespornt hatte zu eifrigem Schaffen, was mir Freudigkeit zur Arbeit gegeben, da verschwand der Ausdruck der Herzlichkeit aus ihren Gesichtern, das wohlwollende Lächeln machte einem höhnischen Platz. Eiseskälte schien von ihnen auszugehen und nun erst erfuhr ich, daß ich ehrlos gehandelt, daß ich ihr Vertrauen getäuscht. Man hatte mir das in einer so überzeugenden Weise gesagt, mich dabei so heruntergerissen, daß ich eine Zeit lang selbst glaubte, eine ehrlose Handlung begangen, jemandes Vertrauen mißbraucht zu haben.

Aber, wie sollte das geschehen sein? Was war das? Wer hatte hier hintergangen, wer war der Hintergangene, wem fiel hier die Rolle des Elenden zu? Entweder bin ich vollständig verrückt geworden, oder es liegt etwas recht Schlechtes in dem Umstände, daß ich jemanden so wahrhaft liebe, ihm Leben, Gut und Blut und alle Arbeit weihen will. Doch nein! das ist nichts Schlechtes! Wenn Euere Empörung echt war, wer ist dann der Dumme in diesem Falle?

Ach! – und auch in Dir habe ich mich getäuscht. Du, auf die ich so fest vertraut habe!«

Die Eltern sagten mir: »Wir sind überzeugt, daß unsere Tochter Ihnen niemals Veranlassung gegeben hat einen solchen Schritt zu thun.«

Ich mußte zugeben, daß wir von unserer Liebe zu einander noch nicht gesprochen haben, ich aber weiß, daß ihre Tochter mich liebt. Als dann diese Tochter erschien, da leugnete sie mit der bodenlosen Gewandtheit eines wohlerzogenen Fräuleins, indem sie mit niedergeschlagenen Augen und leiser Stimme hervorstotterte: »Ich verstehe gar nicht, wie der Herr auf einen solchen Gedanken kommen konnte.«

»Du verstehst es nicht? Höre mein Fräulein Tolka: Du hast mir zwar nicht gesagt, daß Du mich liebst – das ist wahr! Ich habe keine Liebesversicherung mit Deiner Namensunterschrift, und wenn ich sie hätte, würde ich sie niemanden zeigen. So viel aber weiß ich: es gibt eine Gerechtigkeit, es gibt ein höheres Tribunal dort oben hoch über den Wolken und tief drinnen im menschlichen Gewissen, vor welchem Du einst wirst bekennen müssen – ich habe diesen Menschen hintergangen, ich habe ihn verleugnet, ihn der Demütigung und dem Unglück preisgegeben.

Hattest Du zu wenig Mut, Deine Liebe zu bekennen. oder bist Du eine herzlose Kokette, mich so fürchterlich zu täuschen? Ich zerbreche vergebens meinen Kopf über diesem Rätsel, ohne es lösen zu können.

Ich liebe Dich ja noch, will Dir nichts böses wünschen. Dir keinen Vorwurf machen, aber siehe – wo es sich um Tod oder Leben eines Menschen handelt, da muß man den Mut besitzen, für das Recht und seine Liebe einzutreten, dann muß der Mut größer sein als die Menschenfurcht. Im anderen Falle, wo die Furcht überwiegt, macht man sich schuldig, einem mühsam aufgerichteten Bau das Fundament zu untergraben, so daß das Gebäude zusammenstürzt und den Armen, der unter tausend Mühsalen die Bausteine zusammengetragen, unter seinen Trümmern begräbt. So geschah mir! Im blinden Glauben an Deine Liebe baute ich das Gebäude meiner Zukunft. Jetzt erkenne ich, daß es auf Sand gebaut war, denn Dir fehlte der Mut, es zu stützen und vor die Wahl gestellt zwischen die üble Laune Deiner Eltern und meiner Vernichtung, wähltest Du das letztere und begrubst mich unter dem Zusammensturze meiner Hoffnungen.

O, wärest doch Du mir geblieben, so wie ich Dich kannte, als mein Schifflein zerschellte am Willen Deiner Eltern, so wäre es mir leichter, mein Geschick zu tragen, mir wäre ein Trost, eine Hoffnung geblieben. Weißt Du denn nicht, daß alles was ich that, seit Jahren arbeitete, dachte und erstrebte, für Dich, durch Dich geschah? Ich arbeitete wie ein Lasttier, durchwachte lange, zahllose Nächte, errang etliche Preismedaillen und Diplome, und das alles mit dem Gedanken an Dich. In Dir lebte, atmete, mit Deinen Gedanken dachte ich. Und nun? Oede, Wüste umgibt mich; eine hohle Leere grinst mich an, voller Trauer und Betrübnis. Mir ist nichts, rein gar nichts geblieben.

Wie gern wüßte ich, ob Du wohl nur ein einziges Mal an eine solche Möglichkeit denken wirst, ob Dir nicht einst die Erkenntnis dessen kommt, was Du gesündigt.

Doch wie kann ich nur zweifeln. Deine so verständigen Eltern werden Dir begreiflich machen, daß ich nur ein Student, ein dummer exaltierter Mensch sei, frech genug, seine Augen zu Dir zu erheben.

Ja, wenn ich doch nur noch einmal ein Student wäre, so könnte ich mit Shylock antworten:

»Sind wir denn nicht auch Menschen wie Ihr?« Fließt denn nicht auch Blut, unser Blut, wenn Ihr uns mit Nadelstichen zu töten strebt und wenn Ihr Unrecht an uns übel, strömen dann nicht auch Thränen aus unseren Augen?

Doch das ist einerlei. Wer, oder was auch Einer sei; es ist nicht erlaubt ihn zu peinigen. Gleichviel, ob ich ein Dummkopf, ein Exaltierter bin, oder nicht, es hat niemand das Recht, sich über meine Albernheit zu amüsieren, sie zu verhöhnen.

Wie gut ist es doch, daß unsere jetzige Weltordnung, dieser große seelenlose Bau, der nur zusammengesetzt ist aus Dummheit, Lüge und Hypokratie, schon Sprünge hat und dem Zerfall naht; es wäre unmöglich mit ihr zu leben.

Ich habe jetzt viel Zeit, bin niemandem zu Lust und niemandem zu Leid, Doktor der Philosophie, stelle als solcher Betrachtungen an über menschliche Verhältnisse und allgemeine Zustände, welche sich während der letzten Tage frisch und mit seltener Gründlichkeit in meinen Gesichtskreis gedrängt haben. Euch Menschen, Euch, den sogenannten Vernünftigen möge es genügen, das dürre Wort, die einfache Benennung eines Gegenstandes, einer Handlung. Daß jemand, irgend einer, durch jenen oder diese zu Grunde geht, was kümmert es Euch?

Exaltation! Welchen Trost kann mir dieses Wort aus Euerem Munde gewähren, wenn es mir doch die heftigsten inneren Schmerzen verursacht? Was kann mir ein ganzes Wörterbuch voll Bemerkungen meiner guten oder schlechten Eigenschaften nützen, wenn sie nur ein Hindernis sind, das Ziel meiner Sehnsucht zu erreichen?

Ihr sprecht das Recht des Daseins Allem ab, was Euere abgestumpften Sinne nicht erfassen und begreifen können. Sobald Euere Zähne aus den zusammengeschrumpften Kinnladen ausgefallen sind, hört ihr auf, an das Dasein von Zahnschmerzen zu glauben. Rheumatismus dagegen ist bei Euch Etwas sehr faßbar, ernst hast Bestehendes, weil er euch im Alter Schmerzen macht, die ihr fühlt, die Liebe aber nennt ihr Exaltation! So oft ich an jene Scene denke, fühle ich einen Doppelmenschen in mir. Der eine, der gestrige Student, welcher im Namen einer herannahenden neuen Zeit, mit der Keule zwischen die Ausgeburten menschlicher Bornirtheit dreinschlagen möchte, der andere, ein Mensch, innerlich so geknickt von der Schmach, die man ihm angethan, daß er bald fluchen, bald laut aufschluchzen möchte.

Ist es denn möglich, so noch weiter zu leben? Der ewige Widerspruch zwischen Reden und Handeln, zwischen Idealismus und Nützlichkeitstheorie, widert mich an. Wir gehen einer Zeit entgegen, welche uns zwingen wird, entweder unsere Handlungen mit den ausgesprochenen Grundsätzen in Einklang zu bringen, oder Grundsätze zu predigen, welche dem Zynischen unserer Handlungen nicht zuwiderlaufen.

Gott weiß, wie oft ich die Eltern Tolka’s sagen hörte, daß der Reichtum allein nicht glücklich mache, daß Charakter wertvoller sei als Geld, daß ein reines Gewissen und reger Fleiß die höchsten Güter sind. Nun? Und ich habe, wie sie oft mir schmeichelten, Charakter, ich bin fleißig, habe ein ruhiges Gewissen, bin jung und liebe, dennoch haben sie mir die Thüre gewiesen, wie einem, der keine Achtung verdient.

Ich bin überzeugt, wenn ich heute eine halbe Million gewänne, würden sie mir morgen die Tochter mit Freuden geben. Der Vater selbst würde zu mir kommen und mich bereitwilligst in seine Arme nehmen, so wahr Gott lebt!

Wer ein Kaufmann werden will, muß wenigstens rechnen können. Ihr nüchternen, prosaischen Menschen könnt nicht einmal das. Euere Nüchternheit, euere Vernunft führt Euch aus einer Enttäuschung in die andere. Hört ihr es! Ihr versteht nicht zu rechnen. Ich spreche nicht im Paroxismus, wenn ich das sage, meine Auseinandersetzung ist keine Absonderlichkeit. Die Liebe existiert, sie ist da, folglich muß sie anerkannt und nach ihrem vollen Werte geschätzt werden. Wenn ein talentvoller Mathematiker sie euch in Geld umrechnen könnte, würdet ihr staunen über solchen Reichtum. Sie ist eine ebenso positive, reale und unentbehrliche Macht im Leben, wie das Geld. Die Berechnung ist sehr einfach. Das Leben ist so viel wert, als Glück in ihm enthalten ist, und Glück ist ein ungeheueres Kapital, welches die Liebe unerschöpflich gestalten kann, also ist die Liebe das Glück! Diesem Glück gleich stehen Gesundheit und Jugend. Euch aber leuchten solch‘ einfache Dinge nicht ein. Ich wiederhole noch einmal, ihr versteht nicht zu rechnen! Bei Euch heißt es nur immer, eine Million ist eine Million wert, außerdem aber überwiegt sie in Eueren Augen alle anderen höchsten Güter des Lebens. Von diesem Irrtum befangen irrt Ihr in einer Welt umher, die Ihr euch selbst künstlich zurecht stutzt, seht alle Dinge in einer anderen, als ihnen eigentümlichen Proportion und täuscht Euch über ihren Wert. Ihr seid Romantiker, jedoch Romantiker des Mammons, deshalb ist Euere Romantik eine versumpfte, schädliche, weil sie nicht nur das Glück anderer Menschen zerstört, sondern sogar dasjenige Eurer eigenen Kinder.

Tolka wäre glücklich mit mir gewesen; es wäre ihr gut ergangen! So aber, was wollt ihr mehr? Macht Euch selbst nur nicht glauben, daß sie selbst mich früher oder später verworfen hätte. Hättet Ihr durch die Erziehung, die Ihr ihr gabt, nicht jede Selbständigkeit, jede Willensäußerung, Aufrichtigkeit und Mut in ihr ertötet, so wäre ich jetzt nicht vereinsamt mit meinem wunden Herzen und dem peinigenden Kopfschmerz.

Es hat ihr niemand so tief in die Augen geschaut als ich, niemand kennt sie wie ich und niemand weiß bester als ich, was sie fühlt, was in ihr lebt und was sie wäre, wenn Ihr nicht ihre Seele vergiftet hättet.

Nun habe ich sie und mit ihr viele andere Dinge verloren, die zum Leben gehören wie das tägliche Brot, ohne welche man nicht leben, allerhöchstens vegetieren kann.

O Ihr, die Ihr meine Eltern nicht werden wolltet und Du, meine verlorene Braut! Zuweilen will ich mich selbst glauben machen, daß Ihr Euch keine Rechenschaft gebt von dem, was Ihr mir gethan, denn thätet Ihr das, so würdet Ihr noch nach mir schicken. Es ist nicht möglich, daß Ihr kein Mitleid mit mir haben solltet.

* * *

Was nützen mir auch Vorwürfe? Das Recht ist auf meiner Seite. Alles was ich hier niedergeschrieben, ist die reine Wahrheit, aber diese Wahrheit vermag mir mein verlorenes Glück nicht wiederzugeben. In dieser Thatsache öffnet sich mir ein Abgrund, denn ich kann es nicht fassen, daß Recht und Wahrheit dem Einzelnen nichts nützen sollen. Mir nützen sie nichts, gar nichts. Die Welt soll doch genau so organisiert sein, wie der Menschengeist; woher also der Widerspruch? Wenn es anders wäre, so müßte man vom eigenen Gedankenwirbel leben? ich kann nicht weiter schreiben.

* * *

Nach langer Zeit nehme ich wieder die Feder zur Hand. Möge die Thatsache für sich sprechen, – ich will nur in schlichten Worten erzählen, was geschehen. Aufklärung kam mir erst nach einer langen Reihe von Ereignissen; ich will sie niederschreiben, wie sie auf einander folgten, noch ehe ich im stande war, ihre Ursache und ihren Zusammenhang zu begreifen.

Am Morgen nach jenem unglückseligen Tage kam der Vater Tolka’s zu mir. Ich erstarrte bei seinem Anblick. Einen Augenblick lang verließ mich das Denkvermögen, mir scheint, daß ein solcher oder ein ähnlicher Zustand der Agonie vorhergehen muß. Er trat mir heiterem Gesicht in mein Zimmer und schon an der Schwelle streckte er mir beide Hände entgegen, während er sagte:

»Nun, wir haben eine schlechte Nacht gehabt – nicht wahr? Ich kann es mir denken, denn auch ich war einmal jung.«

Ich antwortete, ich begreife nichts! ich glaubte nur eine Vision zu haben, keineswegs einen lebenden Menschen, am wenigsten ihn vor mir zu sehen.

Er hatte inzwischen meine Hände ergriffen, sie geschüttelt, mich zum Sitzen gezwungen. Nachdem er sich mir gegenüber gesetzt hatte fuhr er fort:

»Kommen Sie zu sich, beruhigen Sie sich, wir wollen miteinander plaudern, wie gute Menschen. Glauben Sie denn, mein teuerer Herr, daß Sie allein die letzte Nacht durchwacht haben? Wir haben ebenfalls nicht geschlafen. Als wir nach Ihrem Fortgange etwas zum Nachdenken kamen, da wurde uns so unbehaglich zu Mute, daß wir nicht aus noch ein wußten. So ist es aber! Wenn einem etwas recht Unverhofftes kommt, da verliert man den Kopf und verliert man erst den Kopf, so versteht man nicht Maß zu halten.

Offen gestanden, war es nicht nur ein unbehagliches Gefühl, welches uns beschlichen, sondern wir schämten uns auch unseres Benehmens Ihnen gegenüber.

Unser Kind floh auf ihr Zimmer und wir Alten machten es, wie eben alte Leute es machen, wir schoben immer einer dem anderen die Schuld zu, daß es so gekommen! Das liegt wohl so in der Natur des Menschen, daß er das Gefühl eigenen Schuldbewußtseins gern los werden möchte, indem er seine Schuld auf die Schultern anderer zu wälzen versucht.

Dann kam bei uns die Ueberlegung und das Bedauern. Wir sagten uns: »der junge Mann ist brav, talentvoll, er liebt, wie es scheint, unser Kind von ganzem Herzen; was zum Kukuk hat uns denn eigentlich so erschreckt bei seiner Werbung? Eines nur will ich zu unserer Entschuldigung anführen: Wenn Sie dereinst selbst einmal Vater sein werden, so werden Sie verstehen lernen, daß den Eltern für ihr Kind nichts gut genug ist. Glücklicherweise kam uns der Gedanke, daß dasjenige, was uns zu gering erscheint, für Tolka möglicherweise sehr wertvoll sein könne, deshalb beschlossen wir, sie auszuforschen und dem nachzuspüren, was in dem Herzen des Mädchens für Sie vorhanden. Wir ließen sie also holen und siehe da, – es war gut so, das Mädchen wurde Ihr beredter Anwalt, das muß ich sagen. Als sie uns dann, ihr Köpfchen auf unsere Kniee legend, mit den Armen dieselben umfassend, bat und sich innig an uns schmiegte, da wurden unsere Herzen weich …«

Hier begann er selbst zu weinen; wir saßen eine Weile schweigend da. Was er gesagt hatte, hatte ich wie im Traume gehört. Es erschien mir märchenhaft, wunderbar – meine Qual begann einer leisen Hoffnung Platz zu machen. Dann, nachdem er seiner Rührung Herr geworden war, fuhr er fort:

»Gewiß haben Sie uns in Gedanken gesteinigt, nicht wahr? Und wir sind doch keine bösen Menschen, wenngleich heftig. Zum Beweise für unsere Gutmütigkeit sage ich Ihnen nun: »Wenn Sie der Liebe zu Tolka Ihren Groll gegen uns opfern wollen, so kommen Sie hierher.«

Bei diesen Worten breitete er seine Arme weit aus, ich aber sank an seine Brust wortlos, halb bewußtlos, glückbetäubt.

Meine Kehle war wie zugeschnürt, ich konnte keinen Ton hervorbringen, ja nicht einmal schluchzen konnte ich. Ich wollte sprechen, konnte aber nicht. Meine Seele hätte laut aufschreien mögen; in einem einzigen Schrei des Glückes, in einem Aufjauchzen innigster Dankbarkeit hätte sie sich Luft machen wollen, ich konnte es nicht. Plötzlich wie ein Donnerschlag war es gekommen, das Glück und so wie kurz vorher die Qual tiefster Trauer mich gepeinigt, so that das Uebermaß der Wonne, der Gedanke an den plötzlichen Wechsel meines Geschickes, meinem überreizten Gefühl fast wehe.

Der Vater Tolka’s löste sanft meine Arme aus den seinen und mich auf die Stirne küssend, sagte er:

»Laß‘ es genug sein, mein Sohn! Ich habe von Deiner Liebe zu ihr nichts anderes erwartet. Laß‘ vergessen sein, was Dich kränkte und beruhige Dich!«

Als er aber sah, daß ich mich noch immer nicht zu fassen vermochte, begann er mich gutmütig zu schelten:

»So nimm Dich doch zusammen, sei ein Mann! Du zitterst ja wie im Fieber. Na aber, der kleine Wicht hat sich Dir ordentlich im Herzen eingenistet.«

»O sehr fest!« lispelte ich mit Anstrengung.

Der Vater lächelte:

»Seht, seht! und ich habe nicht gedacht, daß sie zu den stillen Wassern mit unergründlicher Tiefe gehört …«

Meine unendliche Liebe zu Tolka schmeichelte ersichtlich seinem Vaterstolze: er freute sich und wiederholte lächelnd:

»O die Schlaue, die Schlaue!«

Mir wurde plötzlich zu Mute, als müsse in meinem Kopfe etwas zerspringen, wenn wir noch länger im Zimmer blieben. Ich mußte hinaus. In allen gewöhnlichen Fällen vermochte ich mich gut zu beherrschen. Der Sprung vom namenlosen Leid zur namenlosen Freude war aber zu gewaltig. Ich mußte, um vollständig mein Gleichgewicht der Seele wieder zu erlangen, durchaus hinaus in’s Freie, in das Gewühl der Menge, vor allem aber war es notwendig, daß ich Tolka zu sehen bekam, daß ich mich überzeugen konnte von ihrem Dasein auf Erden, dann erst konnte ich glauben, das Erlebte sei kein Traum, sie sollte wirklich die Meine werden.

Ich bat den Vater, gleich mit mir zu ihr zu gehen.

Er erklärte sich sofort bereit, indem er sagte:

»Denselben Vorschlag wollte ich eben machen, denn bei uns daheim wird ein gewisser jemand sich auch schon das Näschen an der Fensterscheibe plattdrücken und die Augen ausgucken. Du wärest ohnehin nicht im stande, jetzt von geschäftlichen Dingen zu sprechen, davon später; gehen wir also!«

Wenige Augenblicke später befanden wir uns unterwegs. Anfangs blickte ich die Menschen, die Häuser und Fuhrwerke an wie einer, der nach einer langen Krankheit zum ersten Male wieder in die Stadt geht – mir ward schwindelig. Allmählich brachten mich die Bewegung und die frische Luft zu mir selbst. Ich konnte dann wieder denken, aber alle meine anderen Gedanken, die sich mir ausdrängen wollten, wurden von dem einen beherrscht: »Tolka liebt dich, gleich wirst du sie wiedersehen!« Das Blut hämmerte in meinen Schläfen: ich fühlte die einzelnen Schläge – wahrhaftig – es war nötig, einen Reifen um meinen Kopf zu legen, damit er nicht springe. Noch vor einer Stunde dachte ich ganz bestimmt, Tolka niemals wiedersehen zu dürfen, oder allenfalls einmal später irgendwo als das Weib eines Anderen. Nun ging ich zu ihr, um ihr zu sagen, daß sie die Meine werden dürfe; ich ging zu ihr, weil sie zuerst die Arme nach mir ausgestreckt, mich gerufen hatte. Gestern hatte ich sie eine gedankenlose Puppe genannt, während sie zu den Füßen der Eltern für uns beide gebeten hatte. Mein Herz war erfüllt von Reue und Rührung, von dem Gedanken, daß ich ihrer nicht wert sei. Ich schwor im Stillen, daß ich es ihr lohnen wollte, daß jede ihrer gestern vergossenen Thränen vergolten werden sollte durch innigste Zuneigung und Selbstverleugnung. Andere macht die Liebe blind; bei mir kann das nicht geschehen, denn für meine Tolka sprechen ihre Handlungen. Sie hat allein das Wunder vollbracht, welches mich so glücklich macht. Ich that ihr Unrecht – auch ihren Eltern. Wenn sie diejenigen wären, für die ich sie hielt, Hütten sie sich nicht erbitten lassen, nicht diese engelgleiche Schlichtheit an den Tag gelegt, mit welcher der Vater zu mir kam und sagte: »Wir haben gefehlt, nimm sie!« Weder Eigenliebe noch konventionelle Rücksichten vermochten ihn von diesem Schritte abzuhalten. Mir fielen jetzt seine Worte ein: »Du hast uns in Gedanken wohl gesteinigt und wir sind doch gute Menschen, wenn auch heftig.«

Dieses schlichte Bekenntnis verursacht mir jetzt große Pein, um so größere da ich gestern so schlecht von ihnen dachte. Kein Wort weiter, keine pathetische Phrase, nur ein scherzhaftes Lächeln, das war alles. Während ich jetzt darüber nachdachte, konnte ich nicht länger an mich halten; ich ergriff die Hand des Vaters und zog sie an meine Lippen.

Da lächelte er wieder mit gutmütiger Freundlichkeit und sagte: – Es war immer unser Wunsch, daß unser Schwiegersohn uns lieben muß: wir, meine Frau und ich, sprachen oft darüber.

Ihr Wunsch ist nun erfüllt, denn lange vorher, ehe ich ihr Schwiegersohn werde, liebte ich sie, wie ein eigener Sohn nur seine Eltern lieben kann.

Da ich sehr schnell ging, begann der Vater mich zu necken. Er pustete, gab vor, so atemlos zu sein, daß er mir nicht folgen könne und klagte über große Wärme.

In der That schien seit gestern der Winter sein Regiment abgegeben zu haben. Ein lauer Wind kräuselte das Wasser im Teich des Stadtgartens, die Natur erwachte zu neuem Leben, der Frühling hielt Einzug. Endlich standen wir vor der Wohnung Tolka’s. Es schlüpfte etwas vom Fenster hinweg in das Innere des Zimmers, ich konnte aber nicht erkennen, ob es Tolka war. Aus der Treppe bekam ich heftiges Herzklopfen. Mir bangte vor der Begegnung mit der Mutter. Wir durchschritten das Speisezimmer und fanden sie im Salon. Bei unserem Eintritt erhob sie sich, näherte sich mir schnell und streckte mir die Hand entgegen, welche ich ehrfurchtsvoll und dankbar küßte, dann flüsterte ich kaum hörbar:

»Womit habe ich soviel Güte verdient …«

»Verzeihen Sie uns unsere gestrige Absage« sagte sie. Wir haben uns nicht sogleich klar machen können, daß Tolka eine größere Liebe und Treue, wie die Ihre, in der ganzen Welt nicht finden könnte.« – »O, das ist wahr!« – rief ich begeistert aus.

»Und da uns vor allem das Glück unseres Kindes am Herzen liegt, so willigen wir ein, sie Ihnen zu geben … ich kann nur hinzufügen: »Gott segne Euch!«

Während sie das sagte, nahm sie meinen Kopf in ihre Hände und streichelte meine Stirne. Dann wandte sie sich der Thüre zum Nebenzimmer zu und rief:

»Tolka! Tolka!«

Und nun trat sie herein, sie, mein liebstes in der Welt, mit bleichen Wangen und vom Weinen geröteten Augen. Kleine Löckchen losgelösten Haares flatterten um ihre Stirne; sie war tiefbewegt und verlegen, wie ich.

Wie es kam, daß nichts von dem, was in ihr vorging und nichts von ihrem Aeußeren mir in jenem Augenblick entging, – davon kann ich mir keine Rechenschaft geben. Ich weiß nur, daß ihre thränengefüllten Augen, die Tropfen, die so schwer an den Wimpern hingen, die zuckenden Lippen, mich tief rührten. Als sie dann die Augen aufschlug, brach ein Freudenstrahl durch die Thränen, ein schwaches Lächeln flog um ihren Mund. Einen Augenblick stand sie unbeweglich mit schlaff herabhängenden Armen, ohne zu wissen, was sie thun sollte.

Jetzt wandte sich der Vater, welcher immer besser gelaunt wurde, ihr zu und sagte achselzuckend:

»Ha! Guter Rat ist nun teuer! Er ist einmal beleidigt, hat uns auf den Zahn genommen, kurz, er will Dich nicht mehr.«

Blitzschnell wandte sie sich um, maß mich mit einem langen Blick, dann warf sie sich dem Vater an die Brust.

»Nein, das kann nicht sein, das glaube ich nicht«, rief sie.

Hätte ich dem heftigen Drange nachgegeben, welcher mich trieb, so wäre ich ihr zu Füßen gefallen. Wenn ich es nicht that, so geschah es aus Mangel an Mut und weil ich fast ohne Besinnung war. So viel Fassung jedoch bewahrte ich mir, daß ich die Thränen, welche mir aus den Augen zu stürzen drohten, mit Gewalt zurückdrängte. Der gute Vater kam uns wieder zu Hilfe. Er befreite sich aus der Umarmung Tolka’s, schob sie scheinbar ärgerlich zurück und schalt: »Wenn Du mir nicht glauben willst, so frage ihn doch selber.«

Er drängte sie nach mir hin. Mir war, als öffne sich der Himmel vor mir. Ich faßte ihre Hände, küßte und küßte sie immer wieder. Wie oft hatte ich mir früher diesen Augenblick in Gedanken ausgemalt, wie wenig aber entsprachen die Gebilde meiner Phantasie der seligen Wirklichkeit! Meine Liebe glich bis daher einer im Dunkel eingeschlossenen Pflanze; sie war jetzt plötzlich in helles Licht versetzt, man gestattete ihr, sich zu entfalten in der Wärme und unter den Strahlen der Sonne des Glückes, sie durfte ungehindert genießen aus dem Quell der Güte und Freude. O, es ist etwas gewaltig Verschiedenes zwischen der Liebe, die sich schüchtern verschließen muß und derjenigen, welche das Recht hat öffentlich Besitz zu ergreifen von dem geliebten Gegenstande, Ich hätte das bisher nie zu fassen vermocht.

Nachdem die Eltern uns ihren Segen gegeben, verließen sie uns und überließen uns uns selbst, damit wir uns aussprechen konnten. Aber statt zu sprechen, blickte ich sie eine lange Weile ganz verzückt an und erfreute mich an dem Ausdruck ihres lieben Gesichtes, welcher unter meinem Blick wechselte. Dunkle Röte bedeckte ihre Wangen, die Mundwinkel zuckten, ein zaghaftes, verschämtes Lächeln verschönte ihre Züge, die Augen umflorten sich, das Köpfchen zog sich scheu zwischen die Schultern zurück, zuletzt senkten sich ihre Augenlider, als erwarte sie, daß ich zu sprechen ansauge.

Endlich saßen wir nebeneinander Hand in Hand am Fenster. Bis jetzt war sie für mich ein körperloses, von mir getrenntes, geliebtes Wesen gewesen, ein mir unendlich teuerer, wunderschöner Name ohne irdische Persönlichkeit.

Jetzt, wo wir einander so nahe saßen, daß ihre Schulter die meinige berührte, als ich ihren warmen Atem spürte, griff eine gewisse Verwunderung in mir Platz, daß sie eine so wirklich reale Persönlichkeit war. Eigentlich weiß man das doch, aber man fühlt es erst, wenn man in direkte Nähe und Berührung mit dem von uns geliebten Gegenstande kommt.

Ich sah so voll Bewunderung ihr Gesicht, ihre Augen, den Mund, das hellblonde Haar und die noch helleren Augenbrauen, als sähe ich das alles zum ersten Male heute und ich berauschte mich an ihrem Anblick. Niemals vorher hatte ein weibliches Antlitz so sehr meinen Vorstellungen und Träumen von weiblicher Schönheit entsprochen, niemals mich eines so mächtig angezogen wie dieses. Und wenn ich dann dachte, daß alle diese Schätze mir gehören sollten, ja schon mein waren, daß sie in Zukunft mein höchstes Gut sein würden, da schwindelte mir.

Endlich fing ich an zu sprechen. Mit fieberhafter Erregung erzählte ich, wie ich sie vom ersten Augenblicke an geliebt, wo ich ihr – vor anderthalb Jahren – in Wielitschka in Gesellschaft einer großen Menge mir völlig fremder Menschen begegnet war, wo ihr unwohl geworden in der tiefsten Tiefe der Salinen und ich zum See nach Wasser eilte. Ich erinnerte sie daran, daß ich am nächsten Morgen bei ihren Eltern einen Besuch machte, von welchem ich vollends, bis über die Ohren verliebt, heimkehrte.

Soviel ich annehmen konnte, wußte sie das alles noch ganz gut, trotzdem hörte sie mir lächelnd und mit gespannter Aufmerksamkeit zu, zuweilen warf sie mit leiser Stimme verschiedene Fragen und Bemerkungen dazwischen. Ich sprach noch lange! zuletzt sogar weniger albern, als ich je gehofft hatte, in solchem Falle es zu können. Wie sie mir nachher das einzig erstrebenswerte Ziel gewesen, der Wunsch sie zu erringen, die Triebfeder zum Weiterstreben geworden, wie unbeschreiblich unglücklich ich noch gestern gewesen, wo ich mir sagen mußte: »Alles ist vergebens, alles verloren, da ich sogar den Glauben an sie verloren hatte.«

»Auch ich war sehr unglücklich«, sagte sie dann. Ach, es ist wahr, im ersten Augenblick vermochte ich kein Wort hervorzubringen zu unseren Gunsten, später gab ich mir Mühe, alles wieder gut zu machen.«

Wieder schwiegen wir eine Weile. In mir begann wieder der Kampf zwischen meiner Schüchternheit und dem Wunsche sie zu küssen. Zuletzt raffte ich mich auf und frug auf die denkbar unbeholfenste Weise, lallend wie ein Idiot, ob sie mich auch ein wenig liebe.

Eine Weile mühte sie sich ab, eine Antwort hervor zu bringen, als sie das nicht zu Wege bringen konnte, stand sie auf und entfernte sich, um nach wenigen Augenblicken zurückzukehren. Sie setzte sich wieder neben mich und zeigte mir eine Zeichnung von ihrer Hand; es war mein Porträt.

»Ich habe das aus dem Gedächtnis gezeichnet,« sagte sie erklärend.

»Sie?« fragte ich.

»Aber es ist außer dem Porträt noch etwas auf dem Blatte,« fuhr sie fort »dort am Rande,« sie wies mit dem einen Zeigefinger auf die bezeichnete Stelle.

Jetzt erst sah ich an einer Seite, ganz dicht am Rande und ganz klein geschrieben die drei Buchstaben: J. v. a.

»Dies wird französisch gelesen,« flüsterte sie.

»Französisch?« frug ich erstaunt.

Meine grenzenlose Naivetät ließ mich noch immer nicht erraten, was die Buchstaben bedeuten sollten, bis sie selbst anfing: Je vous …

Plötzlich verbarg sie ihr Gesicht in den Händen und beugte sich so tief hernieder, daß ich die kurzen Härchen sehen konnte, welche ihr in das Genick herabfielen. Nun endlich erriet ich und klopfenden Herzens wiederholte ich:

» Je vous aime! Und jetzt ist es uns erlaubt zu lieben?«

»Jetzt ist es erlaubt,« rief auch sie lachend und freudestrahlend während sie aufstand …

»Und man muß,« setzte sie hinzu.

In diesem Augenblick wurden wir zum Frühstück gerufen. Ich aß ohne zu wissen, was ich genoß.

* * *

Der Mensch ist mit nichts so schnell vertraut, als mit dem Glück. Alle meine letzten Erlebnisse glichen auf ein Haar einer Reihe auf einander folgender Wunder, dennoch erschien es mir wie etwas ganz Selbstverständliches, daß Tolka meine Braut sei. Ich betrachtete die Thatsache als etwas mir Gebührendes und zwar gerade darum, weil niemand sie so liebte wie ich.

* * *

Allmählich sprach es sich in der Stadt herum, daß ich mich verlobt hätte, man begann mir zu gratulieren. Einige Tage darauf fuhr ich mit Tolka und ihren Eltern nach außerhalb der Stadt spazieren, es war nur natürlich, daß wir gesehen wurden. Die Ausfahrt ist mir noch lebhaft in Erinnerung. Tolka sah in ihrem Coutre-Paletot und einem ebensolchen Barett aus wie ein Märchen, denn ihr durchsichtiger Teint sah in der dunkelbraunen Umrahmung noch zarter aus. Die Menschen, denen wir begegneten; sahen sich alle nach uns um; ihre Schönheit fiel so auf, daß sie allgemeine Bewunderung hervorrief und einige meiner Bekannten wie angewurzelt stehen blieben.

Nachdem wir hinter dem Zollhause noch eine Reihe niedriger Häuser passiert hatten, fuhren wir in das offene Land hinaus. Zwischen den Beeten auf den Feldern glänzte in langen Streifen das Wasser, welches dort noch nicht von der Erde aufgesogen war.

Die Wiesen waren ganz überschwemmt, die jungen Fichten in den Schonungen sproßten noch nicht und die Laubwälder waren noch ohne ihren Blätterschmuck. Trotzdem spürte man überall das Weben und Schaffen des kommenden Frühlings. Allmählich rückte die Dämmerung heran, die Stunde in welcher auf die ganze Welt ein unendlicher Friede herniedersinkt, auch uns umfing ein süßer Friede. Ich fühlte nach den Aufregungen der vergangenen Tage eine wohlthuende Ruhe über mich kommen. Vor mir hatte ich das geliebte Gesicht meiner Braut, von der Frühjahrsluft rosig angehaucht und ebenfalls den Ausdruck des Friedens, den Widerschein der Ruhe in der Natur tragend. Wir waren beide still geworden, sahen einander an und lächelten nur von Zeit zu Zeit.

Zum ersten Male in meinem Leben begriff ich, wie beseligend ein reines, vollkommen ungetrübtes Glück ist.

Ich hatte bei meiner Jugend noch wenig erlebt, hatte also wohl keine schweren Sünden auf meinem Gewissen, aber wie jeder Mensch trug auch ich eine ganze Bürde Fehler, Eigenheiten und Schuld mit mir herum. In dieser Stunde fühlte ich die Bürde von mir genommen. Kein Gefühl der Verbitterung, keine Unzufriedenheit mit den Menschen fanden mehr Raum in meinem Herzen: ich war nur geneigt jedem zu verzeihen, jedem zu helfen, kurz, ich fühlte mich neu geboren, gerade als hätte die Liebe den alten Menschen in mir vernichtet und einen besseren an seine Stelle gezaubert.

Diese Wandlung war veranlaßt durch den Umstand, daß man meine Liebe duldete, mir das holde süße Geschöpf zu eigen gegeben, welches mir jetzt gegenüber saß. Der Wagen, in welchem wir saßen barg augenblicklich vier Menschen, welche nicht nur glücklich, sondern auch besser geworden, als sie es vor einigen Tagen waren. Alle Kleinlichkeiten des alltäglichen Lebens, den erbärmlichen Stolz und die Rücksichten, welche für gewöhnlich der Mensch höher gestellten, Reichen zollen zu müssen glaubt, kurz alles, was das Leben verflacht und es armselig macht, war von uns abgestreift, zugleich mit der Bitterkeit und der Sorge, die uns noch vor wenigen Tagen erfüllte. Mit dem Augenblick, wo die Eltern Tolka’s diesem gebenedeiten Gast, der Liebe, ihr Haus geöffnet, haben wir angefangen, großherziger und mit gehobener Stimmung zu leben.

Es ist unbegreiflich, warum die Menschen, so oft das von sich weisen, was doch das einzige, das höchste Gut des Lebens ist. Noch öfter aber wird es gewaltsam ruiniert und herabgezogen. Wie falsches Geld kursiert die Meinung unter den Menschen, daß die Liebe veraltet welkt, vergeht und daß später nur noch Gewohnheit das fesselnde Band ist, welches Eheleute mit einander verknüpft.

Ich will beweisen, daß diese Ansicht nur dumme Menschen zu nähren im stande sind, oder solche die im Elend leben. Es gibt Auserwählte, welche über diesem Niveau stehen; ich selbst bin etlichen solchen in der Welt begegnet und ich will mich ihnen zugesellen. Wenn die Flamme der Liebe mich so zu beglücken vermag, so ist es auch meine erste Pflicht, nein, eine Notwendigkeit, welche dem gewöhnlichsten Egoismus entspringt, daß ich sie nicht erlöschen, sie nicht einmal schwächer werden lasse, sondern sie stets nähre und gleich kräftig erhalte. Ich fordere die Zukunft in die Schranken! Sie repräsentiert die Zeit, ich die Liebe und den starken Willen. Mit Tolka leben dürfen und aufhören sie zu lieben? Nun, wir wollen sehen!

Plötzlich erfaßte mich das heftige Verlangen, dieses Leben zu Zweien sobald als möglich zu beginnen. Ich wußte zwar, daß die Sitte der Zeit verlangt, daß einer Verlobung die Hochzeit erst nach Ablauf vieler Wochen und Monate folgt, aber ich baute darauf, daß ich es mit Ausnahmemenschen zu thun hatte. Zudem war ich überzeugt, daß Tolka mir in dieser Angelegenheit beistehen würde.

Nachdem wir wieder zu Hause angelangt waren und wir uns eine Weile allein befanden, beichtete ich ihr meine Gedanken. Sie hörte mir mit unverhohlener Freude zu. Ich machte die Wahrnehmung, daß nicht nur das Projekt selbst, sondern auch die Beratung über dasselbe, welche den Zauber einer kleinen Verschwörung zwischen uns hatte, sie geradezu entzückte. Sie sah aus wie ein Kind, welchem man verspricht, daß irgend ein außergewöhnliches Vergnügen in kurzem stattfinden soll; sie konnte sich nicht enthalten im Zimmer umherzutanzen.

An diesem Tage sagten wir noch nichts. Dafür erzählte ich beim Thee von meinen Aussichten für die Zukunft, den Hoffnungen die ich daran knüpfte, und sie hörten mir zu, mit Gesichtern, als wären diese Hoffnungen schon erfüllt. Selbst wenn ich annehmen mußte, daß diese Menschen mit dem arglosen Sinn der Tauben etwas aus List thun könnten, so wäre das die beste List, die sie üben können, denn, da ich ihr Vertrauen, ihren Glauben an mich, sich in ihren Mienen wiederspiegeln sah, sagte ich mir: »Nein, ihr Guten, ich will Euch nie eine Täuschung bereiten und sollte ich meinen Kopf daran setzen!«

Spät erst verließ ich sie. Tolka kam mir noch in das Vorzimmer nach und flüsterte mir mit halblauter Stimme zu.

Es ist gut so, sehr gut! Wozu so lange damit warten? Gute Nacht, gute Nacht! Ich fürchte nur, Mama wird Einwendungen machen wegen der Aussteuer.

Es war mir thatsächlich wenig verständlich, wozu Aussteuern angeschafft werden, da doch junge Mädchen, schon in ihrer Eigenschaft als solche immer einen ganzen Vorrat schöner Kleider haben müssen. Aber das ist ja Nebensache; für mich waren alle Ausdrücke und Bezeichnungen der notwendigen Anhängsel bei einer Hochzeit etwas sehr Beglückendes, denn sie bestätigten nur, daß ich nicht träume, sondern wirklich und wahrhaftig Tolka als meine Frau heimführen werde. Auf meinem Nachhausewege wiederholte ich unwillkürlich die Worte: Aussteuer. Aussteuer! mehrere Male. Ich konnte aber noch immer nicht begreifen, daß sie die Ursache ernstlicher Störungen bei einer nahen Hochzeit sein konnten. Hatte ich doch Tolka mit eigenen Augen in einer Menge heller, bunter und dunkler Kleider nacheinander gesehen und meine Braut in jedem von ihnen entzückend gefunden.

Bei dieser Gelegenheit fiel mir aber auch ein, daß mir selbst die Pflicht zufalle, mein Häuschen zu ihrem Empfange einzurichten. Dieser Gedanke erfüllte mich mit neuer Wonne. Es fehlte mir zwar etwas Geld, trotzdem beschloß ich alles so schnell als möglich herzurichten. Ich verbrachte die Nacht schlaflos. In meinem Kopf wirbelte ein Chaos von Kleidern, Schränken, Tischen und Stühlen wirr durcheinander. Früher ließen mich die Sorgen keinen Schlaf finden, nun ließ mir das Glück keine Ruhe.

* * *

Am nächsten Tage war ich beim Tischler. Dieser verstand im Augenblick, um was es sich handelte. Er zeigte mir verschiedene Möbel, bei deren Anblick ich mir sofort mein ganzes Zusammenleben mit Tolka ausmalte.

Mir klopfte das Herz gewaltig. Der Tischler riet mir die Wände nicht tapezieren, sondern malen zu lassen, weil der Anstrich weniger Zeit zum Trocknen brauche, als die Tapete. Der gefällige Mann erbot sich, gegen eine angemessene Entschädigung alles auf das beste und schönste zu besorgen.

Von dort ging ich zu zweien meiner Kollegen, mit welchen ich näher bekannt war, um sie als Brautführer zu meiner Hochzeit zu laden. Ich hatte ja keinen einzigen Verwandten. Die Glückwünsche der Kollegen, ihre Umarmungen, vereint mit allen anderen Eindrücken machten mich ganz benommen, ein Chaos schwebte mir vor.

* * *

Ich traf Tolka im Salon. Kaum fand ich Zeit, ihr die Hände zu küssen, denn sich auf die Zehen erhebend, flüsterte sie mir drei Worte in’s Ohr, die mir mein Glück noch erhöhten. Sie erlauben es, sagte sie.

Der letzte Schatten war von meinem Glücke gewichen. Tolka strahlte vor Freude. Wir gingen Arm in Arm im Salon umher und unterhielten uns. Sie erzählte mir den Verlauf ihrer Unterhandlung mit den Eltern.

»Die Mama sagte anfangs,« plauderte sie, »es wäre ein Ding der Unmöglichkeit, schon so bald Hochzeit zu machen,« dann sagte sie: »Du verstehst nicht mein Kind wie unschicklich es für ein junges Mädchen ist, so schnell die Hochzeit herbeizuwünschen.« Ich entgegnete ihr, daß nicht ich allein, sondern wir beide sehr danach verlangten. Die Mama richtete den Blick nach oben und seufzte mit einem Achselzucken. Der Vater nahm mich lächelnd in die Arme, küßte mich auf die Stirne und die Mama meinte dazu: »Ja, ja. Du hast immer eine Schwäche für sie, hast sie verwöhnt, man muß doch aber auf die Welt Rücksicht nehmen.«

Da aber antwortete der Vater: »Die Welt! die Welt! die schafft ihnen kein Glück. Das können sie nur selbst sich schaffen. Haben wir es denn überhaupt mit der Verlobung der Welt recht gemacht? Bleiben wir also konsequent bis zum Ende. Jetzt ist Fastenzeit, aber nach den Feiertagen soll die Hochzeit sein, die Aussteuer kann nachträglich angefertigt werden.«

»Die Mama gab nach, denn der Vater setzt alles durch, was er haben will …« »Auch Sie werden das wohl thun,« warf sie schelmisch ein. »Ich fiel der Mama um den Hals und herzte und küßte sie so, daß sie nicht zu Worte kommen konnte. Endlich brachte sie mühsam die Worte hervor: »Ihr seid beide närrisch!« Aber ich blieb doch Siegerin. Sind Sie zufrieden, mein Herr?«

War ich zu verliebt, oder war ich zu schüchtern, daß ich bis daher sie noch niemals umarmt hatte. Jetzt zum ersten Male kam mir der Mut, das zu thun; ich wollte sie umfassen, sie aber entschlüpfte mir anmutig, während sie sagte: »Es ist so schön, Arm in Arm zu wandeln – wie artige Kinder,« setzte sie nach einer kurzen Pause hinzu.

Wir setzten unsere Wanderung also fort. Ich erzählte ihr, daß ich schon an die Ausschmückung unserer Wohnung gedacht, daß ich die Wände malen lassen wolle zwar nicht mit Oelfarbe, das käme zu teuer, aber mit einer, dieser ganz ähnlichen Farbe, welche schneller trocknet. Tolka sprach mir nach: »Schneller trocknet« … und ohne selbst zu wissen warum, fingen wir laut zu lachen an, wahrscheinlich, weil unsere gemeinsame Freude und unser Glück sonst die Brust zersprengt hätte; sie mußten sich ausjubeln.

Wir überlegten dann also: Der Salon sollte rot gemalt werden, obgleich das eine etwas gewöhnliche Farbe sei, aber sie würde einen schönen Rahmen für ihr blondes Köpfchen geben. Das Eßzimmer sollte in hellgrünem Kachelmuster ausgeschmückt sein, welches Fayance täuschend nachahmen müsse. Ueber die Malerei und Einrichtung der anderen Zimmer konnten wir uns nicht mehr verständigen, denn Tolka eilte plötzlich in das Nebenzimmer, um ein Schuhbändchen, welches aufgebunden war, in Ordnung zu bringen.

Nach einer Weile kehrte sie in der Begleitung des Vaters zurück, welcher mich einen Heißsporn und Tartaren schalt, dennoch aber versprach, daß unsere Hochzeit am Dienstag nach dem Osterfeste bestimmt stattfinden sollte.

* * *

Hatte unsere Liebe in den ersten Tagen einen schwermütigen, bis zu Thränen sentimentalen Charakter gehabt, so war sie allmählich fröhlich aufgeblüht, zu einer schönen Blume des Lenzes. Jetzt konnten wir oft den ganzen Tag lachen.

* * *

Da das Osterfest dieses Jahr sehr spät war, so hatte der Frühling bereits seinen Einzug gehalten. Die Bäume standen in üppigen Knospen. Noch vor Beginn der Charwoche machten wir mit den Eltern Tolka’s Besuche. Man betrachtete mich überall mit großer Neugier, die mir oft recht lästig wurde. Einige ältere Damen entblödeten sich nicht, mich sogar mit der Lorgnette zu mustern. Das mußte eben durchgemacht werden. Tolka, fein geschmückt und fröhlich wie ein Vogel, entschädigte mich hundertfach für diese verkümmerten Visitenstunden.

* * *

Ich beaufsichtigte das Malen der Zimmer selbst. Das Wetter war herrlich, darum trocknete es schnell. Das Schlafzimmer ließ ich rosa ausstatten. Die Wände, die Bezüge der Möbel, alles rosa; ich wollte ja Tolka glücklich machen und die rosige Farbe sollte andeuten, daß sie immer auf Rosen wandeln werde.

* * *

Mit jedem Tage liebte ich meine Braut mehr. Jetzt war ich sicher, daß ich nie aufhören würde sie zu lieben, selbst dann nicht, wenn sie grundhäßlich werden sollte. Ich würde mir dann sagen: »Es hat Dich ein Unglück getroffen,« lieben aber müßte ich sie in alle Ewigkeit. Ich befand mich in jenem Stadium, wo der Mann in dem geliebten Weibe in einer Weise aufgeht, daß er selbst nicht mehr weiß, wo sein Ich anfängt und wo es aufhört.

* * *

Oft spielten wir wie Kinder miteinander, zuweilen neckten wir uns. Wenn ich z. B. morgens kam und sie allein antraf, so gab ich vor, sie nicht zu sehen, während ich überall im Zimmer umherspähte, sie in allen Winkeln suchte und zuletzt laut frug: »Giebt es denn hier niemanden, der verliebt ist?«

Dann lief auch sie suchend und in alle Winkeln blickend im Zimmer umher, schüttelte das blonde Köpfchen und antwortete: »Es scheint, daß niemand hier ist, wirklich niemand …!«

»Und dieses Fräulein hier, wie steht es mit ihr?« frug ich sie, an der Hand fassend. »Und – die vielleicht ein klein Wenig‘,« war ihre Antwort. Nach einer Weile setzte sie dann flüsternd hinzu: »Oder vielleicht doch sehr!«

Ein ganz neues Gefühl hatte sich meiner Liebe zugesellt, denn ich liebte Tolka nicht nur, nein – ich hatte sie unbeschreiblich lieb gewonnen. Ihre Gesellschaft war mir die liebste – ich konnte ohne sie nicht mehr leben. Ganze Stunden konnte ich mit ihr über die nichtigsten Dinge plaudern, zuweilen führten wir auch sehr ernste Gespräche, im allgemeinen aber vermied ich Betrachtungen über die Ehe und unterließ absichtlich jede theoretische Erörterung über diesen Gegenstand, da ich der Ansicht bin, daß man nicht in formellen Gemeinplätzen über etwas verhandeln soll, was sich ganz aus sich selbst heraus entwickeln muß, durch die Liebe. Man hält doch auch den Blumen keine theoretischen Vorträge über die Art, wie sie aufblühen sollen.

* * *

Der Charfreitag verlief still und düster. Die Straßen waren in Nebel gehüllt, ein feiner Regen sprühte hernieder. Wir wanderten mit den Eltern in die Kirchen, zu den Gräbern und legten, ein jeder nach seinen Mitteln, unsere Gaben auf die Teller der Questionare. Tolka, in ihrem schwarzen Kleidchen, das Antlitz voll Milde und Ruhe, war mir noch nie so schön erschienen, wie heute. Beim Scheine der flackernden Kerzen, im Dämmerlicht der Gotteshäuser, sah sie aus wie ein Engel.

An diesem Tage hatte sie sich etwas erkältet. Ich eilte aus einer Weinhandlung in die andere, um den ältesten Malaga herbeizuschaffen, welcher aufzutreiben war, da man ihr geraten hatte, ihn zu trinken.

* * *

Die Feiertage verlebte ich bei Tolka’s Eltern. Ich hatte niemanden mehr von Verwandten am Leben, stand seit Jahren allein in der Welt. Nun empfand ich zum ersten Male, wie wohl es thut, jemanden zu wissen, der uns teuer ist und dem wir teuer sind. Am zweiten Feiertage hatten wir den ersten warmen, vollerwachten Frühlingstag.

Ich war mit der Einrichtung meines Häuschens schon vor den Feiertagen fast ganz fertig geworden. Mein Gärtchen stand im Schmucke des ersten Grüns, die alten Kirschbäume in voller Blüte. Gleichzeitig war auch meine Doktordissertation – eine Abhandlung über Neoplatoniker im Drucke erschienen.

Tolka schickte sich an, sie zu lesen; sie las kopfschüttelnd, blinzelte mit den Augen, that verwundert, las aber eifrig weiter, obgleich sie kein Wort davon verstand, aus purem Pflichtgefühl. Ein für mich rührender Anblick.

* * *

Die Erinnerungen drängen sich nun in meinem Kopfe – richtiger wohl die Bilder unserer Trauung und der Hochzeitsfeier in buntem, ungeordnetem Durcheinander. Einzelne Eindrücke traten etwas mehr in den Vordergrund, mich fieberhaft erregend. Ueberall sehe ich eine Fülle von Blumen in den Zimmern, auf der Treppe. Im Hause herrscht große Unruhe, Gäste kommen an, eine Menge fremder, mir unbekannter Gesichter umgibt uns bald.

Im Salon steht Tolka im weißen Brautkleide und Schleier, schön, wie eine himmlische Erscheinung, aber eine andere als bisher. Ein weihevoller Ernst liegt über ihrer ganzen Erscheinung; sie steht mir so, wie sie ist, näher als sonst.

Alles, was der Abfahrt nach der Kirche folgte, ist in meinem Gedächtnis ein Chaos. Die Kirche, die Bilder, der Altar, Kerzen, helle Toiletten, neugierige Augen, leises Flüstern, das alles drängt sich in ein wirres Durcheinander zusammen. Vor dem Altar knieend reichten wir uns die Hände wie zur Begrüßung; gleich darauf ertönten unsere Stimmen, sie klangen wie fremde, nicht uns gehörige: »Ich nehme dich …« u. s. w.

Das Brausen der Orgel, ein mächtiger Gesang, tönte mir noch in den Ohren. Wie ein tosender Wasserfall war es plötzlich erklungen, das » Veni creator …« Wie wir die Kirche verlassen, weiß ich nicht mehr und von der Hochzeit ist mir nur noch deutlich erinnerlich, daß die Eltern uns segneten und daß wir uns zu Tische setzten. Tolka saß neben mir und ich erinnere mich noch, daß sie zuweilen die eine Hand an ihre Wangen legte, weil dieselben sie so brannten. Zwischen den Blumensträußen auf dem Tische hindurch sah ich verschiedene fremde Gesichter, von denen ich nicht eines mehr wiedererkennen würde. Man trank unsere Gesundheit mit viel Geräusch und Gläserklirren. Gegen Mitternacht brachte ich meine Frau in mein Haus.

Noch immer fühle ich ihren Kopf an meine Schulter gelehnt; den weißen, veilchenduftenden Schleier hatte sie über das Gesicht gezogen.

* * *

Am nächsten Morgen wartete ich im Eßzimmer mit dem Thee auf sie. Inzwischen war sie, nachdem sie sich angekleidet, durch die andere Thüre in den Garten gegangen. Ich sah sie durch das Fenster an einen Kirschbaum gelehnt und ging ihr sogleich nach. Sie wandte sich ab, als sie mich kommen hörte und verbarg ihr Gesicht, indem sie es an den Stamm des Baumes drückte. Ich glaubte, sie treibe Scherz mit mir, schlich leise heran und sie umfassend sagte ich:

»Guten Morgen! Ei wer wird sich denn vor seinem Manne verstecken? Was thust Du hier. Lieb?«

Sie aber wich meinem Blick aus und wandte sich wieder ab.

»Was ist Dir Tolka?« frug ich besorgt.

»Ich sehe …,« antwortete sie leise, »daß der Wind die Blätter von den Bäumen schüttelt …«

»Laß ihn sie doch nehmen,« entgegnete ich, »wenn Du mir nur bleibst.«

Ich nahm ihren Kopf in beide Hände und wandte ihr Gesicht dem meinigen zu. Sie hatte die Augen geschlossen und flüsterte:

»Sieh mich nicht an, geh‘ fort!«

Statt zu antworten küßte ich sie fast andächtig. Der Wind strich durch den Baum und überschüttete uns mit einem Blütenregen.

* * *

Als ich erwachte, erblickte ich die kahlen Wände meines Zimmers. Ich hatte Typhus gehabt, hatte vierzehn Tage lang zwischen Tod und Leben geschwebt und vollständig besinnungslos dagelegen. Aber das Fieber ist häufig ein barmherziges Geschenk Gottes.

Als ich wieder hergestellt war, erfuhr ich, daß die Eltern Fräulein Antoniens mit ihr nach Venedig gereist waren. Ich aber, einsam wie früher, schließe meinen Bericht mit einem wohl seltsam scheinenden Bekenntnis. Ich war in den Gebilden meiner Fieberphantasieen so glücklich gewesen, daß ich, der ich nur darum sie wieder zu schreiben anfing, um mir eine Würze und einen Trost für das Leben – die Ironie – zu erhalten, meine Erzählung ohne Bedauern schließe. Während des Schreibens ist mir sogar der Glaube gekommen, daß von allen Quellen des Glückes, diejenige die reinste ist, aus welcher man während eines Fiebers schöpft. Ein Leben, welches von der Liebe nicht wenigstens im Traume aufgesucht wird, ist nicht des Lebens wert.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

error: Content is protected !!